Archiv für die Kategorie „Potsd. Tageszeitung“

Beiläufig gefragt

Montag, 9. März 2009

Jan Bosschaart über das Ritual der politischen motivierten Blumengabe am Frauentag

Das Verschenken von Blumen am 8. März in Fußgängerzonen und Frauentreffs ist eine höchst dankbare Angelegenheit für alle Beteiligten: Für den schenkenden Politiker, weil er als wertschätzender, frauenverstehender und sozial engagierter Mensch in die Objektive von Presse und Fernsehen lächeln darf, und für die Beschenkten ohnehin. Dass all die Rosen dabei durchaus ein klein wenig vergiftet sind, mag den Beschenkten vor Überraschung und Freude dabei nur ganz dunkel am Rande des Bewusstseins dämmern. Andernfalls ließe sich die Entgegennahme der Rose nämlich auch ganz beiläufig mit der Frage kombinieren, was der Schenker denn seit dem letzten 8. März in seinen politischen Ämtern so alles unternommen habe, um die Lohn- und Chancengleichheit zu befördern; ob und wie er sich für bessere Kinderbetreuung einsetze und mit welchen Methoden und unter Zurücklassung welcher Frauen er eigentich in sein Amt gelangte. Das könnte natürlich dazu führen, dass der erstmal in sich ginge oder gar im kommenden Jahr beleidigt zuhause bliebe. Ein Schaden muss das nicht sein. So ein Röschen mag ja ganz nett sein, aber eher, wenn es als Sahnehäubchen zur Gleichstellung kommt. Nicht stattdessen.

Erschienen am 09.03.2009

„Manchmal fehlt der Mut zu etwas Neuem“

Mittwoch, 4. Februar 2009

Bauen: Stadt stellt neuen Bau-Fachbereichleiter vor

Mit Kulturstädten kennt er sich aus: Potsdams neuer Fachbereichleiter Oliver Graumann für Stadtentwicklung und Denkmalpflege hat in Weimar studiert und in Dresden gearbeitet. Mit ihm sprach Jan Bosschaart.

MAZ: Sie sind von Dresden nach Potsdam gewechselt. Gab es an der Elbe nichts mehr zu sanieren?
Oliver Graumann: Doch, aber Potsdam ist auch eine Kulturstadt von europäischem Niveau, eine Stadt mit unglaublichen Potenzialen. Außerdem hat mich die Herausforderung einer leitenden Funktion gereizt.

MAZ: Sie übernehmen keinen leichten Posten – ihr Vorgänger war umstritten. Gehörte das genaue Studium des Battis-Berichts zu den Stellenanforderungen?
Graumann: Ich habe den Bericht natürlich gelesen, wenn auch nicht in seiner Tiefe studiert. Ich komme da zum Glück unvorbelastet und damit etwas freier in die Stadt. Wichtiger als die alten Probleme ist es aber doch, die anstehenden Aufgaben zu lösen und alle mitzunehmen, die dazu beitragen können.

MAZ: Das heißt, sie hatten bislang noch keinen Kontakt mit Günther Jauch?
Graumann (lacht): Bislang hat er mich nicht angerufen.

MAZ: Sie werden unweigerlich auch zwischen die Fronten der Stadtschlossbefürworter und -gegner geraten. Sind sie dafür gewappnet?
Graumann: Es gibt – auch in Dresden – eine große Liebe zur Historie, weil das Bauen nach historischem Vorbild für solide gilt. Ich finde es schade, dass manchmal der Mut zu etwas Neuem fehlt und habe mich zum Beispiel gefragt, wie es wäre, wenn man im wunderschön sanierten holländischen Viertel ein Gebäude in seiner ursprünglichen Kubatur, aber aus Glas gebaut hätte.

MAZ: Diese Vorstellung dürfte einigen Potsdamern ein Graus sein.
Graumann: Mag sein, aber in der Diskussion um an der Historie orientiertes Bauen wird auch gern außer Acht gelassen, dass wir heute ganz andere Nutzungsanforderungen an Gebäude haben, etwa, was die Sicherheit, die Energie-Effizienz und die technischen Anlagen betrifft. Es kann ja auch keine Lösung sein, sich ein Museum zu bauen – es sollte eine Stadt sein, in der man leben kann, nicht etwas, das man sich in die Vitrine stellt. Das gilt auch fürs vieldiskutierte Havelufer an der Alten Fahrt.

MAZ: Das heißt, sie hätten einem modernen Landtag den Vorzug gegeben?
Graumann: Die Entscheidung fürs Stadtschloss ist völlig richtig. Was ich sagen will, ist, dass es leicht ist, als Behörde Vorschriften zu erlassen. Die Bauherren müssen aber auch mit den Vorgaben leben können, und manchmal sogar davon leben können.

MAZ: Wo sehen Sie Ihre Rolle in diesen Diskussionen?
Graumann: Die Stadterneuerung sollte eine starke Managementfunktion übernehmen. Wir sollten nicht nur eine Behörde sein, die über Anträge entscheidet. Wichtig ist es, die Interessen aufzunehmen und zu bündeln, Ziele zu formulieren und deren Umsetzung zu begleiten.

MAZ: Dresden hat seine Frauenkirche zurückbekommen. Was können die Potsdamer für das Projekt Garnisonkirche von der Elbestadt lernen?
Graumann: Wie wichtig bürgerliches Engagement für solche Projekte ist. Es ist unabdingbar, dass der Impuls aus der Bevölkerung kommt. Die Garnisonkirche wäre nicht nur für Stadtbild und Tourismus wichtig, sondern auch für die Potsdamer Identität: Sagen zu können, wir haben das aus eigener Kraft geschafft, denn das ist unsere Stadt, eine Stadt der Bürger, nicht die Stadt der Stadtverordneten oder der Verwaltung, ist höchst bedeutsam.

Infobox: Oliver Graumann
Der neue Fachbereichsleiter, Jahrgang 1962, ist studierter Bauingenieur.
Er arbeitet in der Dresdner Stadtverwaltung, zuletzt als Leiter der Stadterneuerung Süd, wo er unter anderem für den historischen Bereich Neumarkt zuständig war.

Erschienen am 04.02.2009

Der feine Unterschied

Montag, 2. Februar 2009

Namensstreit: Beirat diskutierte die Nuancen der Begriffe Ausländer, Immigrant, Zuwanderer und Migrant

Es bedarf keines Soziologie-Studiums, um zu wissen, dass Name und Identitätsgefühl zusammenhängen. Doch um zu erleben, wie tief eine Bezeichnung ins Selbstgefühl eines Menschen eingreifen kann – und wie unterschiedlich dabei die Wahrnehmungen sind – bot sich die jüngste Sitzung des Ausländerbeirats an. Ganz unscheinbar und nicht auf der Tagesordnung vermerkt, versteckte sich nach dem Punkt „Sonstiges“ dort die Umbenennung, eingebracht von der Ausschuss-Vorsitzenden Hala Kindelberger – eine Deutsche ägyptischer Herkunft. Sie eröffnete ihren Punkt kämpferisch: „Ausländer sagt man nicht mehr“, erklärte sie in einem Tonfall, der keinen Widerspruch zu dulden schien. Durch die NPD sei der Begriff gänzlich ins Abwertende verschoben worden. Drei Vorschläge gäbe es deshalb: Integrationsbeirat, Migrationsbeirat und Migrantenbeirat stünden zur Debatte, doch eigentlich liege der Fall klar: Integration sei viel umfassender, betreffe neben Ausländern auch Behinderte, Senioren, Delinquente und psychisch Kranke und falle daher weg, so Kindelberger, die als Soziologin zur Migration forscht, lehrt und darin promoviert. Migrationsbeirat sei auch unpassend, da man ja kein Beirat für die Durchführung von Migration sei, sondern einer für die Belange von Migranten – daher könne doch eigentlich nur Migrantenbeirat genommen werden, war Hala Kindelberger überzeugt.
Dem widersprach nun Olga Schummel, Deutsche weißrussischer Herkunft und Philologin, die betonte, Migration bedeute schlicht Wanderung, und Migranten seien auch Menschen, die von Bayern nach Potsdam zögen, so, dass es entweder Zuwanderer- oder Immigrationsbeirat heißen müsste. Als dann auch noch das Namensungetüm „Beirat für Migration und Integration“ auf der Vorschlagsliste auftauchte, fragten zwei beratende deutsche Ausschussmitglieder, was denn am Begriff „Ausländer“ eigentlich so verkehrt sei, sie empfänden sich im Ausland ja auch als Ausländer. Hier zeigte sich nun die Gespaltenheit: Hala Kindelberger betonte, mit diesem eindeutig negativen Begriff nicht mehr leben zu können, deshalb schlage sie ja die Umbenennung vor. Julia Böselt-Krupkina (hat die russische Staatsangehörigkeit) und Thi Minh Lien Ngo (vietnamesische Staatsangehörigkeit) stimmten ihr unter Vorbehalten zu, während Evgueni Kutikov (Deutscher, weißrussischer Herkunft) und zwei Gäste (ein Türke, ein Afrikaner) bekannten, sie empfänden sich als Ausländer und den Begriff neutral. Die Debatte uferte ins Leidenschaftliche aus, ohne aggressiv zu werden, und die deutschen Ausschussmitglieder und beratenden Teilnehmer nahmen sich respektvoll zurück. Alle spürten: Hier geht es um innerste Identitätsfragen, um das brüchige Zugehörigkeitsgefühl zwischen verlassenem Vaterland und neuer Heimat. Am Ende war es dann ganz knapp: Mit nur einer Stimme Mehrheit siegte der „Migrantenbeirat“ vor dem überkommenen „Ausländerbeirat“.
Wichtiger als das, war aber die Lehrstunde in Sachen Identitätsgefühl in Potsdam lebender Ausländer, das keine Fragebogenaktion oder Podiumsdiskussion so lebendig vermittelt hätte. Das spürte auch Hala Kindelberger. „Wir haben heute sehr viel von uns preisgegeben“, sagte sie zum Abschied.

Erschienen am 02.02.2009

Wollestraße: Parkplätze oder Bäume

Donnerstag, 29. Januar 2009

Sanierung: Anwohnerwünsche gehen in Babelsberg weit auseinander

Wenn wir nicht übers Pflaster streiten, streiten wir über die Einbahnstraße: Im Stadtkontor ist dieser Tage Nervenstärke gefragt.

POTSDAM-BABELSBERG| „Manchmal“, sagte einer der Anwohner beim Hinausgehen, „manchmal wäre eine Diktatur doch ganz praktisch.“ Es waren fast zwei Stunden vergangen, als sich der mit 60 Anwohnern hoffnungslos überfüllte Raum leerte. Das Stadtkontor hatte seine Pläne zur Sanierung der Wollestraße vorgestellt, die vermutlich im Frühjahr 2010 beginnt.
Dass die Sanierung dringend nötig ist, dürfte dabei der einzige Konsens an diesem Abend gewesen sein: Das alte Pflaster ist vielfach kaputt, der Lärm und die Schäden an den Häusern sind immens, die fehlende Regenentwässerung lässt zuweilen Keller volllaufen und die das Straßenbild prägenden Rotdorn-Bäume sind laut Grünflächenamt und Naturschutzbehörde zum überwiegenden Teil dank rücksichtslosen Parkens dem Tode geweiht.
Weil er die häufig auseinanderklaffenden Wünsche der Anlieger im Sanierungsgebiet bereits gewohnt ist, hatte Dietrich Wiemer vom Stadtkontor diesmal gleich zwei Varianten projektieren lassen und erhoffte sich von der Anwohnerversammlung ein erstes Meinungsbild, das durch eine Umfrage unter allen Anwohnern demnächst geschärft werden soll. Die erste Variante sieht vor, den Straßenquerschnitt bei 6,10 Metern zu belassen, die kranken Rotdornbäume zu ersetzen und das Parken künftig auf eine Straßenseite einzuschränken. Dabei fielen zum Schutze der Bäume aber 64 bis 72 Parkplätze weg. Version zwei sieht eine Verbreiterung der Straße auf 8,10 Meter vor, zu deren Ungunsten die Gehwege auf 1,30 Meter Breite gestutzt würden und der traditionelle Rotdorn dem nicht so mächtige Kronen bildenden Weißdorn weichen müsste. Im Gegenzug könnte auf beiden Straßenseiten geparkt werden, es fielen kaum Stellplätze weg. Gemeinsam ist beiden Varianten der Austausch der Trink- und Schmutzwasser, Gas- und Elektroleitungen sowie der Einbau der bislang fehlenden Regenentwässerung in die Straße. Außerdem soll laut Verkehrsbehörde in jedem Fall die Einbahnstraßenregelung aufgehoben werden, um Umweg-Verkehre zu vermeiden.
Der Plan, den Anwohnern die Meinungsfindung durch Alternativen zu erleichtern, darf nach der munteren Debatte im Anschluss dennoch als grandios gescheitert gelten: Statt über die Auswahl zwischen historischem Baumbestand oder Parkplätzen entzündeten sich nicht nur Debatten um die beliebte, leidige Frage „Asphalt oder Pflaster“, die das Stadtkontor trotz Hinweises auf einen nach den Streitigkeiten der letzten Jahre von den Stadtverordneten gefassten Grundsatzbeschluss für das alte Pflaster nicht unterbinden konnte: Man diskutierte auch und vor allem darüber, ob man die Einbahnstraßenregelung nicht beibehalten könne. Warum das nötig sei, konnte zwar niemand schlüssig begründen – sieht man einmal vom Argument ab, dass das schon immer so gewesen sei –, aber das minderte die Leidenschaft des Streits nicht. Kurios dabei war, dass viele Anwohner bekannten, sich ohnehin nicht an die Regelung zu halten, denn die Wollestraße sei nun einmal lang sonst oft ein Umweg nötig. Wäre es nach dem Meinungsbild im Saal gegangen, es müsste wohl eine breite Einbahnstraße mit doppelt Parkplätzen, zum Teil mit Pflaster, zum Teil mit Asphalt, unter Beibehaltung des Rotdorns und breiten Gehwegen sein. Das ist aber nicht nur technisch, sondern rechtlich unmöglich.
Dem Stadtkontor stehen turbulente Zeiten ins Haus.

Infobox: Pflasterstreit
Die Straßensanierung in Babelsberg leidet seit Ende 2007 an verschiedenen Meinungen zur Frage: Pflaster oder n Asphalt?
In der Jahnstraße setzten Anwohner das Pflaster durch.
Die Meinungen in der Neuen Straße und der Wollestraße sind geteilt – ein Großteil der Bürger ist für Asphalt.
Ein zwischenzeitlich gefasster Grundsatzbeschluss der Stadtverordneten erzwingt im Sanierungsgebiet aber den Erhalt des Pflasters.

Erschienen am 29.01.2009

Vernunft statt Egoismus

Donnerstag, 29. Januar 2009

Jan Bosschaart über das kakophonische Meinungsgewirr im Sanierungsgebiet Babelsberg

Wenn mitten in der schönsten Debatte, nachdem der Sanierer zum dritten Mal erklärte, warum politische, rechtliche oder technische Vorgaben bestimmte Bürgerwünsche unmöglich machen, wenn da jemand einen Satz mit „Aber trotzdem“ beginnt, kann schon mal die Frage aufkommen, wer eigentlich für die Sanierung der Nerven von Stadtkontor-Mitarbeitern zuständig wäre. Das ist natürlich ungerecht: Das Babelsberger Sanierungskonzept legt Hauseignern harte Bandagen an, und wer sich als Bauherr monatelang um einen
Türgriff oder eine Gaube streiten musste, ist schnell empört, wenn er das Gefühl hat, das Stadtkontor dürfe leichtfüßig Straßenzuschnitt oder Baumbestand ändern. Der Bürgereinsatz für die Sanierungsziele ist hoch zu achten. Im kakophonischen Meinungsgewirr aber, dass sich derzeit unter- und innerhalb zu sanierender Straßen erhebt, ist dieses Interesse kaum noch auszumachen. Dazu sind die Forderungen oft zu egoistisch: Keine Parkplätze auf der Straße, weil ich welche auf dem Hof habe; keine Mieterbefragung, weil es mich Eigner mehr betrifft und, als Krönung, weiterhin eine Einbahnstraßenregelung, die für mich Anlieger aber aus Gewohnheitsrecht sowieso nicht gilt. In solchen Debatten setzen sich bestenfalls die Lautesten, aber nicht die Vernünftigsten durch. Doch gerade die werden jetzt gebraucht.

Erschienen am 29.01.2009

Verpflastert

Samstag, 24. Januar 2009

Jan Bosschaart über unklare Fronten, entnervte Sanierer und lustige Workshops

Potsdam ist nicht nur ein schwieriges Pflaster, es hat auch welches. Während Radler in den Natursteinen ein gebisszerrüttendes Hindernis sehen, die Stadt angesichts des Pflegeaufwands am liebsten eine geschlossene Asphaltdecke über Babelsberg legte und Rettungswagenfahrer von einem potenziell lebensverkürzenden Faktor sprechen, überraschten Anlieger der Jahn-, Watt- und Siemensstraße in den letzten Jahren mit einem vehementen Kampf für die alten Steine. Die Stadt beugte sich dem Protest, doch wer glaubte, die Fronten seien damit definiert, irrte: In der Neuen Straße scheint niemand vom Pflaster begeistert. Das Stadtkontor als zuständiger Sanierer hat die Prognose des Bürgerwillens daher eingestellt und wartet mittlerweile einfach ab, welche Initiativen sich so bilden. Der Bauausschuss hingegen geht in die Offensive und veranstaltet für 14 000 Euro einen lustigen Pflasterworkshop, in dem alle Argumente nochmal ausgebuddelt, geprüft und danach wohl wieder vergraben werden. Auf der Tagesordnung steht etwa „Natursteinpflaster im Konflikt zwischen Geschichtszeugnis und Gebrauchsgegenstand“, und als Vorablektüre ward den Abgeordneten das Standardwerk „Die Kunst des Pflasterns“ anempfohlen. Dass dabei ein Trostpflaster für Pflasterskeptiker herausspringt, ist unwahrscheinlich.

Erschienen am 24.01.2009

Die Klinge wird stumpf

Donnerstag, 15. Januar 2009

Jan Bosschaart über reale und vermeintliche Baufrevel und die Rolle der Verwaltung dabei

Bauen wir, wie es die alten Meister taten oder geben wir moderner Architektur eine Chance – das ist zur Gretchenfrage der öffentlichen Baudiskussion der letzten Jahre geworden, nicht nur, aber besonders in Potsdam. Die Debatten werden erbittert geführt, und sie beschränken sich keineswegs auf öffentliche Gebäude. Erinnert sei an die Lennéstraße 44 oder die aktuelle Diskussion um die Seestraße 7. Von Kritikern wird dann gern das Battis-Schwert geschwungen und impliziert, alle Schuld liege bei der Bauverwaltung, deren Schwächen der Bericht des gleichnamigen Baurechtlers 2007 aufdeckte. Doch jede zu oft geschwungene Klinge wird stumpf, und nicht jeder Fehler der Vergangenheit taugt zur Erklärung aktueller Entscheidungen. Im Falle der Seestraße7 konnte die Verwaltung überzeugend erklären, warum sie den Bauherren mit seiner anspruchsvollen Architektur von einigen Bestimmungen befreit. Das war im Fall Lennéstraße44 noch ganz anders, wo der Chef-Stadtplaner jede Begründung verweigerte. Die Gegner des Neubaus sollten daher die Battis-Klinge ruhen zu lassen. Die Stadt hat sich nicht ins Schema „alt oder modern“ zwingen lassen, sondern am Einzelfall entschieden – für einen dritten Weg: Einen modernen Bau, der die alten Meister interpretiert.

Erschienen am 15.01.2009

Manchmal ist Montagnacht mehr los

Mittwoch, 2. Januar 2008

Polizeireport_ Die Landeshauptstadt blieb weitgehend ruhig / Eine Silvesternacht im Streifenwagen

Tausende auf den Straßen, reichlich Alkohol im Spiel und jeder Zweite hat ordentlich Feuerkraft im Gepäck – Silvester kann ein Albtraum für Polizisten sein. Kann es, muss es aber nicht.

Um 23.50 Uhr senkt sich eine seltsame Ruhe über die Polizei-Wache Potsdam-Mitte. Während ringsum alles aus den Häusern und Restaurants strömt, während vor der gegenüberliegenden Spielbank die Zocker ihre Raketen in Position bringen und der Lärmpegel, der durchs Wachenfenster dringt, stetig anschwillt, herrscht drinnen Stille. Drei Funkwagen sind gerade mit Geheul davongebraust, Richtung Luisenplatz, wo jemand eine Zusammenrottung meldete, die sich als Irrtum herausstellen wird. Im Hinterzimmer koordiniert jemand per Funk die Wagen, vorn, am Thresen, tippt ein Beamter konzentriert Berichte in den Computer. Die Minuten rinnen dahin. Punkt 0 Uhr erhebt sich ein Heidenlärm vorm Fenster – vor der Spielbank detoniert der Parkplatz. Der Tippende hebt kurz den Kopf zur Uhr. „Oh,“ sagt er, „is schon soweit.“ Es ist eine Mischung aus Frage und Feststellung, gefolgt von einem zu sich selbst gemurmelten „Nadann: Frohesneues!“.
Dienstgruppenleiter Jens Kneip und seine Stellvertreterin Peggy Wölk haben in dieser Nacht Dienst – von 6 Uhr abends bis 6 Uhr morgens. Kurz nach 0 Uhr sitzen sie wieder im Funkwagen. Zwischen der Nichtzusammenrottung am Luisenplatz und der Routinerunde durch die Stadt lag ein kurzer Halt in der Wache, kurze Neujahrsgrüße an die Kollegen, dann zurück in den Wagen.
Im Slalom geht es zunächst die Zeppelinstraße entlang. Dicke Nebelschwaden von detonierten Böllern und aufgestiegenen Raketen erschweren die Sicht auf die Fahrbahn – was angesichts vieler auf der Straße stehender Potsdamer und allgegenwärtiger Flaschen, die als Raketenabschussrampen dienten, durchaus ein Sicherheitsrisiko ist. „Wir wollen ja nicht, das einer als Kühlerfigur endet“, sagt Jens Kneip trocken, während Peggy Wölk die Funkgeräte überwacht. Der erste Wunsch der beiden ans neue Jahr lautet: Es möge wenig passieren in dieser Silvesternacht. Bislang ging das in Erfüllung, aber vorerst garantiert nichts, dass es dabei bleibt. Kritisch sind die Zeiten direkt nach Mitternacht und noch einmal kurz vor Dienstschluss gegen morgen, wenn der Kehraus der Übriggebliebenen aus den Lokalen und Diskotheken stattfindet. Doch jeder Dienst ist anders: „Wir hatten schon Montagnächte, da war mehr los als an manchem Silvester“, sagt Peggy Wölk. Es scheint, als sollte diese Nacht ein solche werden. Nur das nie ruhende Funkgerät kündet von kleineren Einsätzen: Brennende Balkone, auf denen eine Rakete landete, ein mitternächtlicher Wohnungsbrand in Babelsberg nahe dem Lutherplatz, gesprengte Briefkästen, deren wütende Besitzer einen Nachweis für die Versicherung benötigen und ein Linienbus, der von einer Flasche getroffen wurde und wegen der durchschlagenen Frontscheibe aus dem Verkehr gezogen werden muss. An der Orangerie liegt eine Laterne auf der Fahrbahn, doch wer auch immer sie umstieß, ist längst verschwunden. In Fahrland haben Gastgeber einen betrunkenen Gast vor die Tür gesetzt, der damit gar nicht einverstanden war, die Haustür eintrat und den Gastgeber schlug. Das alles erfahren die Dienstgruppenleiter nur per Funk: Meist ist ein anderer Wagen schneller. So pendeln Kneip und Wölk in dieser Nacht 250 Kilometer zwischen Bornstedt und Zeppelinstraße, lauschen dem Funk, kommentieren die Kollegen und amüsieren sich verhalten, wenn die Leitstelle zwischendurch kurzzeitig den Überblick verliert und Funkwagennummern verwechselt. Gegen drei Uhr machen sie wieder in der Wache Station. Durchs Fenster ist der noch immer tippende Kollege zu erkennen. Außer einer Feier mit seiner Familie hat er nichts verpasst.

Erschienen am 02.01.2008

Rolle rückwärts

Samstag, 29. Dezember 2007

Jan Bosschaart über den erfolgreichen Start des Babybegrüßungs-Dienstes

Der Name des Babybegrüßungs-Dienstes ist irgendwie lustig. „Dienst“ kommt (auch) vom griechischen „diakonia“, was soviel wie „eine praktische Handreichung geben“ bedeutet. Demnach wäre das Angebot der Stadt eine Handreichung zum Begrüßen von Neugeborenen… Doch die Sache ist ernst, wie nicht erst die mit verstärkter Medienaufmerksamkeit bedachten Fälle von Kindesmisshandlung, -vernachlässigung und -tötung beweisen: Das enge Netz der Kontrolle über die Entwicklungsbedingungen von Babys, wie es DDR-Bürger gewohnt waren, musste in einem weniger überwachenden, die Privatsphäre stärker respektierenden politischen System zwangsläufig weiter werden. Dass nun auch hier eine Rolle rückwärts vollzogen wird, dass eine der beiden hauptberuflichen Babybegrüßerinnen in der DDR-Mütterberatung tätig war, mag manchem Ostalgiker wie geschickt umgegossener alter Wein in neuen Schläuchen erscheinen, zumal der Dienst mit viel Rummel gestartet wurde. Den Nutznießern des Ganzen, die noch nicht für sich allein sorgen können, kann das herzlich egal sein. Mit 1480 Babys hatte Potsdam schon Mitte Dezember einen Nachwende-Rekord. Und wenn auch nur eine Vernachlässigung verhindert wird, hat das lustige Begrüßen seinen Zweck erfüllt.

Erschienen am 29.12.2007

Heirat macht glücklich

Freitag, 28. Dezember 2007

Jan Bosschaart über die Vorteile der Ehe – vor allem, wenn andere sie schließen

Heiraten lohnt sich, behauptet die Wissenschaft. Ökonomisch gesehen leuchtet das ein – aber sonst? Jede Hochzeitszeitung weiß doch von den Schrecknissen der Ehe zu berichten, vom Mann, der als Raubtier startet und als Bettvorleger landet, von der Frau, die wahlweise als Schmusekätzchen oder scharfe Mieze in die Ehe geht und als waffenscheinpflichtiger Kampfdrache der Einsatzklasse wieder herauskommt – wenn überhaupt. Glaubt man den Sozialwissenschaftlern, ist das Mumpitz: Wer heiratet, wird reicher als ein Single, er trinkt weniger Alkohol (weil der Partner es verbietet), bleibt gesünder (wegen des Alkoholverbots), ist glücklicher (weil der Partner befahl, auf dem Fragebogen „ glücklich“ anzukreuzen), hat mehr Sex (ja, aber was für welchen?) und er lebt länger (ist aber viel eher bereit, zu sterben). Zudem würden verheiratete Männer mehr arbeiten und Frauen mehr lachen (darüber, dass er sich krumm macht, aber kein Bier dafür bekommt?). Ob diese „Vorteile“ außer der wissenschaftlichen Signifikanz auch Alltagssignifikanz erlangen, sei dahingestellt. Unstrittig hingegen ist, dass die Heiratsfreude der Potsdamer und ihrer „Hochzeitsgäste“ der Stadt nur Vorteile bringt: ökonomische, moralische und touristische – und die, die machen wirklich glücklich. Jeden. Auch Unverheiratete.

Erschienen am 28.12.2007


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