Archiv für die Kategorie „Glosse“

Praktizierende Jungfrauen

Samstag, 16. August 2014

Delegiertes Saufen: Dass Chefs gern unangenehme Aufgaben delegieren ist ebenso menschlich wie bei Angestellten unwillkommen. Einen Bruch dieser Regel leistete sich gestern der Geschäftsführer einer Baufirma bei einem Richtfest: Statt den Richtspruch dem Polier zu überlassen, wie es guter Brauch und Sitte, drängte es den Chef selbst aufs Gerüst. Das dabei zum Wohle des Bauherrn, der Bauleute, des Architekten, der künftigen Bewohner, Gottes und noch weiterer unmittelbar Beteiligter zu leerende Glas, welches am Ende rituell zerschmettert wird, denn Scherben bringen auch auf dem Bau Glück (jedenfalls bevor der Glaser da war), überließ er hingegen einem Angestellten, der auf Befehl fünfmal kräftig schlucken musste. Der Maurer dürfte schon härtere Aufträge gehabt haben, es sei denn, im Glas war nicht der angekündigte „edle Rebensaft”, sondern irgendwas aus dem Tetrapack vom gegenüberliegenden Aldi à la „Rüdesheimer Nierentritt”. Der Mann stand für Auskünfte darob leider nicht zur Verfügung.

Erzwungene Publizität: In einer Glosse vereiert werden ja nur die wenigsten gern, und manches böse Wort ward schon gegen Glossenautoren gerichtet. Es gibt aber auch von dieser Regel eine Ausnahme: die Wahlkampfzeit. Da ist manchem selbst eine Erwähnung in Hohn und Spott noch lieber als gar keine. Dennoch muss es als — wenn auch charmante — Beleidigung der journalistischen Würde, die bekanntlich viel auf ihre Unabhängigkeit hält, gelten, wenn Menschen Fehlleistungen produzieren und sich danach dezent an den Journalisten heranwanzen, um lächelnd zu erwähnen, dass das doch jetzt ein ganz tolles Futter für eine Glosse hergäbe. Deshalb nochmal in aller Deutlichkeit: Nein, es genügt nicht, sein Portemonnaie bei einer Abendveranstaltung am Thresen zu vergessen und sich dann mit Namen ausrufen zu lassen, um hier aufzutauchen. Auch Verwechslungen von Namen, wie erheiternd sie für alle Umstehenden auch sein mögen, qualifizieren nicht. Tut uns ganz doll leid. Echt. Dickes Indianerehrenwort.

Praktizierende Jungfrauen: Der Puff im Plattenbau, über den wir berichteten, zerrt sehr an den Nerven der Nachbarn. Die Lust der Anderen ist der Frust der Einsamen. Sie erhofften sich von der Veröffentlichung Druck auf den Betreiber, dem Treiben Einhalt zu gebieten. Stattdessen scheint ein unbeabsichtigter Werbeeffekt noch mehr — natürlich nur vor Neugier! — Lüsterne in die Platte zu treiben. Die Damen dort versicherten gerüchtehalber mit künstlichem Augenaufschlag, sie seien samt und sonders Jungfrauen. Vom Sternzeichen. Da stehen dann bald viele laute Geburtstagspartys an.

Das unterschätzte Wartezimmer

Donnerstag, 14. August 2014

Wartezimmer gehören zweifelsohne zu den am meisten unterschätzten Orten dieses Universums. Der gewöhnliche Patient hält den Aufenthalt dort für vergeudete Zeit. Das ist ein grober Irrtum. Erstens ermöglicht so ein Wartezimmer dem hypochondrisch begabten Patienten, sämtliche möglichen Diagnosen für seinen — sagen wir: juckenden Zeh — im Kopfe schon einmal durchzuspielen und sich schließlich für die Schlimmstversion zu rüsten: Dass der Arzt ihn ernst anschaut und ihm eröffnet, wie lange er noch zu leben habe. Andere begnügen sich mit dem Studium der Zeitschriften, was in der Regel auch neue Einblicke gewährt, denn da liegen Titel, die man zuhause nicht hält: Klatschfreunde müssen plötzlich zum „Spiegel” oder zur „Zeit” greifen, und politisch Interessierte erfahren gegen ihren Willen, was frau diesen Sommer so an den Füßen trägt und welches Adelspaar wie viele Nachfolger aus welcher außerehelichen Beziehung erwarten darf. Die richtig hohe Kunst verlangt indes etwas Beobachtungsgabe, doch wer hinreichend oft zum Arzt muss, bildet die ganz schnell en passant aus. Dann werden sogar Paardynamiken im Nu transparent. Etwa gestern, als Sie erst einen Fachartikel las, um dann Ihm zu sagen: „Siehste, hier steht, Alkohol ist nicht nur schlecht für die Gesundheit, er macht auch gleichgültig.” Worauf er trocken replizierte: „Mir doch egal.”

Aufgestautes & Angestautes

Samstag, 2. August 2014

Für gewöhnlich beginnt diese Kolumne für den hochbegeisterten und hochmotivierten, weil zwangsverpflichteten Autor mit der Frage, ob es denn in der sich dem Ende neigenden Woche ein Thema gegeben habe, das dieselbe bestimmte. Notfalls zählen dazu auch Themen, die man ein wenig vergewaltigen muss, um sie als Klammer zu benutzen. Das ist in gewöhnlichen Wochen oft recht schwer und in den zwei großen Löchern des journalistischen Jahreslaufs — dem Sommerloch, wo alle Politik ruht und dem Neujahrsloch, wo alle vollgefuttert und ermattet unterm längst nadelnden Weihnachtsbaum liegen — nahezu unmöglich. Nun haben wir ja gerade eines dieser Löcher, doch selten bis nie war es allem Vorgenannten zum Trotz einfacher als in dieser Woche, ein alles umgreifendes Thema zu finden. Es hat nur vier Buchstaben und lautet: Stau.

Erster Dank gilt daher der Stadt, die es gut mit der Presse meinte und Zeitungsspalten und Sendeminuten mit dem unglaublich genialen Einfall füllte, zehn Baustellen gleichzeitig zu beginnen. Das ist in den Ferien zwar so ungewöhnlich nicht, doch in Potsdam scheiden sich die Könner von den Dilettanten, die etwa in Berlin zu Werke gehen, und zwar dadurch, dass sie die Baustellen so verteilen, dass auch jede mögliche Ausweichroute zugebaut wird. Die zwangsläufig einsetzende kollektive Empörung traf die Stadt vollkommen unvorbereitet. Ganz im Ernst: Konnte ja keiner ahnen. Schließlich wähnte das Verkehrsamt alle Potsdamer im Urlaub, und Touristen beamen sich bekanntlich in die Stadt oder kommen mit dem Rad oder auf der Schiene.

So war es dann auch völlig plausibel, dass es aus dem Rathaus hieß, just an dem Montag, an dem die Baustellen begannen, habe es plötzlich deutlich mehr Verkehr gegeben als in den Ferienwochen davor. So ist er halt, der fiese Potsdamer, besonders der aus dem Norden: Das ganze Jahr fährt er Rad und Bahn, aber sobald die Sommerbaustellen beginnen, zeigt er dem Baubeigeordneten, was eine Harke ist, holt das eingestaubte Auto aus der Garage und reiht sich ein, zu schwitzen und zu fluchen.

Tragischerweise kam dann hinzu, dass die Stadt schriftlich eine Umfahrung über, wir zitieren wörtlich: „Golm/Grube/Bornim” empfahl, was die dortigen Ortsvorsteher nur in überschaubarem Maße begeisterte. Als sich diese dann bei der Stadt beschwerten, hieß es, die böse Presse habe sich das ganz allein ausgedacht. Wir lernen: Wenn die Stadt mal Mist baut, was verzeihlich ist, will sie dafür ungern geradestehen. Da kommen die Medien mit ihrem schändlichen Ruf gerade recht.

Ergießt sich auch noch ein Sommergewitter über die Wartenden, zeitigt das hübsche Nebeneffekte wie ein heillos verstopftes Leipziger Dreieck, auf dem der neue Superblitzer (löst bei hoher Geschwindigkeit oder Rotlicht aus) mit dem Gewitter um die Wette blitzt. Die Stadt, schon dünnhäutig geworden, lässt mit etwas Verzögerung dann aber zumindest mitteilen, dass die Bußgeldbescheide für Rotlicht nicht verschickt werden, sondern nur jene für Geschwindigkeitsüberschreitungen. Wir fragen uns indes besorgt: Wie überschreitet man im Stau die Geschwindigkeit?

Richtig aufgestaut hat sich in dieser Stadt auch der Frust über die alles spaltende Frage nach Abrissen von DDR-Architektur und dem Wiederaufbau von Barockem, aber in der DDR Gesprengtem. Nachzulesen diese Woche hundertfach am Beispiel des Entscheids über die Garnisonkirche. Der Aufschrei danach war riesig. Wie groß er wohl ausgefallen sein würde, wenn alle zu Wort gekommen wären, die stattdessen irgendwo zwischen „Golm/Grube/Bornim” und der Innenstadt im Stau steckten, darüber könnten wir indes nur spekulieren. Aber das heben wir uns für ein anderes Themenloch auf. Man soll ja sein Pulver nie ganz verschießen.

Aufgestautes & Angestautes

Samstag, 2. August 2014

Für gewöhnlich beginnt diese Kolumne für den hochbegeisterten und hochmotivierten, weil zwangsverpflichteten Autor mit der Frage, ob es denn in der sich dem Ende neigenden Woche ein Thema gegeben habe, das dieselbe bestimmte. Notfalls zählen dazu auch Themen, die man ein wenig vergewaltigen muss, um sie als Klammer zu benutzen. Das ist in gewöhnlichen Wochen oft recht schwer und in den zwei großen Löchern des journalistischen Jahreslaufs — dem Sommerloch, wo alle Politik ruht und dem Neujahrsloch, wo alle vollgefuttert und ermattet unterm längst nadelnden Weihnachtsbaum liegen — nahezu unmöglich. Nun haben wir ja gerade eines dieser Löcher, doch selten bis nie war es allem Vorgenannten zum Trotz einfacher als in dieser Woche, ein alles umgreifendes Thema zu finden. Es hat nur vier Buchstaben und lautet: Stau.

Erster Dank gilt daher der Stadt, die es gut mit der Presse meinte und Zeitungsspalten und Sendeminuten mit dem unglaublich genialen Einfall füllte, zehn Baustellen gleichzeitig zu beginnen. Das ist in den Ferien zwar so ungewöhnlich nicht, doch in Potsdam scheiden sich die Könner von den Dilettanten, die etwa in Berlin zu Werke gehen, und zwar dadurch, dass sie die Baustellen so verteilen, dass auch jede mögliche Ausweichroute zugebaut wird. Die zwangsläufig einsetzende kollektive Empörung traf die Stadt vollkommen unvorbereitet. Ganz im Ernst: Konnte ja keiner ahnen. Schließlich wähnte das Verkehrsamt alle Potsdamer im Urlaub, und Touristen beamen sich bekanntlich in die Stadt oder kommen mit dem Rad oder auf der Schiene.

So war es dann auch völlig plausibel, dass es aus dem Rathaus hieß, just an dem Montag, an dem die Baustellen begannen, habe es plötzlich deutlich mehr Verkehr gegeben als in den Ferienwochen davor. So ist er halt, der fiese Potsdamer, besonders der aus dem Norden: Das ganze Jahr fährt er Rad und Bahn, aber sobald die Sommerbaustellen beginnen, zeigt er dem Baubeigeordneten, was eine Harke ist, holt das eingestaubte Auto aus der Garage und reiht sich ein, zu schwitzen und zu fluchen.

Tragischerweise kam dann hinzu, dass die Stadt schriftlich eine Umfahrung über, wir zitieren wörtlich: „Golm/Grube/Bornim” empfahl, was die dortigen Ortsvorsteher nur in überschaubarem Maße begeisterte. Als sich diese dann bei der Stadt beschwerten, hieß es, die böse Presse habe sich das ganz allein ausgedacht. Wir lernen: Wenn die Stadt mal Mist baut, was verzeihlich ist, will sie dafür ungern geradestehen. Da kommen die Medien mit ihrem schändlichen Ruf gerade recht.

Ergießt sich auch noch ein Sommergewitter über die Wartenden, zeitigt das hübsche Nebeneffekte wie ein heillos verstopftes Leipziger Dreieck, auf dem der neue Superblitzer (löst bei hoher Geschwindigkeit oder Rotlicht aus) mit dem Gewitter um die Wette blitzt. Die Stadt, schon dünnhäutig geworden, lässt mit etwas Verzögerung dann aber zumindest mitteilen, dass die Bußgeldbescheide für Rotlicht nicht verschickt werden, sondern nur jene für Geschwindigkeitsüberschreitungen. Wir fragen uns indes besorgt: Wie überschreitet man im Stau die Geschwindigkeit?

Richtig aufgestaut hat sich in dieser Stadt auch der Frust über die alles spaltende Frage nach Abrissen von DDR-Architektur und dem Wiederaufbau von Barockem, aber in der DDR Gesprengtem. Nachzulesen diese Woche hundertfach am Beispiel des Entscheids über die Garnisonkirche. Der Aufschrei danach war riesig. Wie groß er wohl ausgefallen sein würde, wenn alle zu Wort gekommen wären, die stattdessen irgendwo zwischen „Golm/Grube/Bornim” und der Innenstadt im Stau steckten, darüber könnten wir indes nur spekulieren. Aber das heben wir uns für ein anderes Themenloch auf. Man soll ja sein Pulver nie ganz verschießen.

Tricks, Finten und eine ehrliche Linke

Freitag, 1. August 2014

Die Entscheidung der Stadtverordneten zum Garnisonkirchen-Bürgerbegehren wirft viele Fragen auf — hier einige Antworten

Bürgerbegehren, Bürgerentscheid, Stadtverordnetenbeschluss — ich sehe nicht mehr durch. Was hat das zu bedeuten?

Die Initiative gegen den Wiederaufbau der Garnisonkirche hat ein Bürgerbegehren angestrengt, in dem sie Unterschriften gesammelt hat. Sobald eine gesetzlich geregelte Zahl von Potsdamern unterschrieben hatte — zehn Prozent oder knapp 14 000 Einwohner —, musste sich die Stadtverordnetenversammlung mit dem Thema befassen. Das hat sie am Mittwoch getan. Ihr blieben genau zwei Optionen: Sie konnte das Bürgerbegehren annehmen — was sie getan hat, und damit ist der Bürgerwille politisch umgesetzt —, oder sie konnte es ablehnen. Dann wäre es zu einem Bürgerentscheid gekommen: Alle wahlberechtigten Potsdamer wären an die Urnen gerufen worden, um ihre Meinung zum Wiederaufbau der Garnisonkirche kund zu tun.

Die Rathauskooperation aus SPD, CDU, Grünen, Potsdamer Demokraten und Freien Wählern unter Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) ist doch für den Wiederaufbau. Warum hat sie dann mit ihrer Stimmenthaltung dem Bürgerbegehren der Wiederaufbaugegner den Weg frei gemacht?

Wäre es zum Bürgerentscheid gekommen und hätten alle Potsdamer abgestimmt, wären die Befürworter des Wiederaufbaus — also auch die Rathauskooperation — ein hohes Risiko eingegangen. Im Falle einer Mehrheit gegen die Kirche hätte die Stiftung, die das Projekt vorantreibt, ein großes Problem: Ihr Anliegen würde von den Bürgern der Stadt nicht mitgetragen. Das würde nicht nur einen Ansehensverlust bedeuten, sondern auch Spender vergraulen.

Das ist doch unlogisch. Durch die Annahme des Bürgerbegehrens wurden doch schon Tatsachen gegen den Bau geschaffen. Ein Bürgerentscheid indes hätte ja auch pro Wiederaufbau ausgehen können.

Das hätte er, aber er wäre, siehe oben, zu riskant. Durch die Annahme wurde dem Bürgerbegehren der Wind aus den Segeln genommen. Zum einen kann Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) beruhigt dem Auftrag folgen und im Kuratorium der Stiftung den Antrag auf Auflösung der Stiftung stellen. Da die Stadt dort nur eine Stimme hat, besteht keine Gefahr für die Fortexistenz der Stiftung. Jakobs ist zwar erklärter Befürworter des Wiederaufbaus, kann sich dann aber auf die Entscheidung im Stadtparlament berufen. Er müsste also quasi gegen die eigene Überzeugung, aber mit dem Mehrheitswillen im Rücken einen Antrag stellen, von dem er sicher sein kann, dass er in dem elfköpfigen Gremium abgelehnt wird. Für die Auflösung der Stiftung bräuchte es eine Zwei-Drittel-Mehrheit. Mit der einen Stimme von der Stadt wäre nichts erreicht.

Demnach war es pure Taktik, dass die Rathauskooperation das Bürgerbegehren durchgewinkt hat?

Das darf man getrost unterstellen. Streng genommen hat sie es aber mit ihrer Stimmenthaltung sehr clever angestellt. Eine Zustimmung zum Bürgerbegehren wäre zwar taktisch klug gewesen, aber politisch peinlich, denn offiziell steht die Rathauskooperation ja zum Wiederaufbau. Die taktische Finte wäre dann sehr offensichtlich gewesen. So aber enthielten sich SPD, CDU, Grüne und Potsdamer Demokraten mit dem Hinweis darauf, dass es rechtliche Bedenken gibt, ob der Oberbürgermeister den Beschluss überhaupt umsetzen kann.

Wie ist nun aber das Stimmverhalten der Linken und der Fraktion Die Andere zu bewerten?

Ironischerweise waren es ausgerechnet die acht Stimmen der Linken, die den Bürgerentscheid verhindert haben. Die Linken wollten offenbar nicht taktieren und positionierten sich — wie zuvor schon oft — gegen den Wiederaufbau. Damit haben sie am Ende den Bürgerentscheid verhindert. Die Andere indes stimmte taktisch ab und votierte gegen ihr eigenes Bürgerbegehren, um einen Bürgerentscheid zu erzwingen. Sie hofften darauf, dass eine Mehrzahl der Potsdamer an den Wahlurnen im September gegen die Kirche gestimmt hätte und die Stiftung dann in arge Not geraten wäre.

Was wäre denn passiert, wenn die Linken auch taktisch wie Die Andere gegen das Bürgerbegehren gestimmt hätten?

Dann wäre es tatsächlich zum Bürgerentscheid gekommen. Die gesamte Sondersitzung der Stadtverordneten war deshalb aufgrund der Gemengelage ziemlich bizarr: Um die Kirche zu verhindern, musste man gegen das Ziel des Bürgerbegehrens stimmen, wie es Die Andere tat, in der Hoffnung auf den Bürgerentscheid. Um den Wiederaufbau zu befördern, musste man indes für das Ziel des Bürgerbegehrens votieren — oder sich enthalten —, weil damit der Entscheid obsolet wurde und Jann Jakobs die Stiftung ohnehin nicht auflösen kann. Zumal Verwaltungsrechtler noch prüfen, ob dieser Beschluss überhaupt umsetzbar ist und Jakobs den ihm ungelegenen, aber wirkungslosen Antrag überhaupt stellen muss.

Das heißt, es war eine Menge Taktik und Trickserei im Spiel?

Ja, aber auf allen Seiten. Auch die Initiatoren des Bürgerbegehrens stimmten ja taktisch gegen ihr eigenes Papier, um den Bürgerentscheid zu ermöglichen. Die Kooperation enthielt sich, obwohl sie das Papier eigentlich hätte ablehnen müssen, was sie inhaltlich auch nach wie vor tut. Nur die Linke stimmte so, wie sie immer argumentiert hatte, nämlich gegen den Wiederaufbau. Ironischerweise könnte sie ihn damit aber erst ermöglicht haben.

Hatten die Linken das nicht verstanden?

Das ist höchst unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist, dass ihnen Offenheit wichtiger war als Taktik und sie überzeugt sind, dass die Kirche aus anderen Gründen — etwa fehlenden Spendern — ohnehin nicht kommt.

Das klingt, als hatte das Bürgerbegehren von vorherein keine Chance.

Streng genommen ist das auch so. Die Unterschriftensammlung hat ein wichtiges Signal ausgesandt, nämlich das, dass es sehr viele Potsdamer gibt, die gegen den Wiederaufbau sind — diesen psychologischen Effekt und dieses öffentliche Signal darf man nicht unterschätzen. Politisch und rechtlich war es aber von Beginn an fragwürdig. Die Stadt hat der Stiftung das Grundstück für die Kirche nicht freiwillig überlassen, sondern weil sie vertraglich dazu verpflichtet war — das hätte auch kein Bürgerentscheid zurückdrehen können. Und ebenso wenig kann eine Entscheidung des Stadtparlaments Einfluss auf eine politisch unabhängige Stiftung nehmen. Das Bürgerbegehren der Wiederaufbaugegner stand also von Beginn an auf sehr wackligen Füßen. Streng genommen hätten die Unterschriftensammler jedem Unterzeichner fairerweise erklären müssen, dass es mehr um ein öffentliches Signal gehe als um ein rechtlich wirksames Mittel zur Verhinderung des Wiederaufbaus.

Mit dem Hintern zur Wand

Donnerstag, 31. Juli 2014

Dass wir uns für eine gute Zeitung den Hintern aufreißen, steht außer Frage. Bisher galt das aber als Synonym für „alles geben”. Gestern nun galt es wörtlich, und es war ein klein wenig peinlich: Mit einem unangenehmen „Krzzzzt” kündete die Jeans des Autors von ihrem vorzeitigen Ableben — genau an jener Hosenstelle, wo Journalisten im ständigen Wechsel zwischen Vor-Ort-Recherche und Schreiben am PC dieselbe am stärksten belasten: über dem Gesäß. Ein unfreiwilliger Gang in die Stadt zwecks Ersatzbeschaffung war die Folge, um nicht Opfer innerredaktionellen Gespötts zu werden. Nun ließe sich das als statistische Wahrscheinlichkeit abtun — wer die meiste Zeit des Tages auf der Arbeit verbringt, dem reißt auch dort die Hose — doch handelte es sich bereits um den zweiten Vorfall dieser Art. Der erste war schlimmer. Damals erscholl das „Krzzzt” auf einem piekfeinen Termin mit lauter Anzugträgern. Einzig der Umstand, dass es Winter war, rettete vor größerer Peinlichkeit, denn nach dem Aufstehen galt es nur, bis zur Garderobe zu gelangen, wo der kaschierende Mantel hing. Dass die Strecke mit dem Hintern zur Wand überwunden werden musste, ließ sich seelisch aber schwer verwinden. Mit dem Rücken zur Wand, das ist nun wirklich nicht unsere Haltung.

Mein Beitrag zur Geburtenrate

Donnerstag, 17. Juli 2014

Meine Anziehungskraft auf das weibliche Geschlecht entspricht für gewöhnlich in etwa der momentanen Beliebtheit ostukrainischer Separatisten beim Führungsstab von Malaysia Airlines. Dass sich das ein einziges Mal und ausgerechnet beim Friseur änderte, überraschte mich dann doch ein wenig. Schon beim Betreten der Filiale einer großen Kette – nennen wir sie behutsam anatolisiert „Süper Cüt“ – war der kugelrunde Mutterbauch meines „Personal Hair-Artist“ (so stands auf ihrem Schilde) unübersehbar. „Mensch Helena“, sagte ich – in dieser Kette wird jeder Kunde geduzt, ganz gleich, ob er 7 oder 77 ist, ob Hauptschüler oder Professor, und Helena hatte ihren Namen mit einem Textmarker neben dem veranschlagten Preis an den Spiegel gekritzelt, sodass ich mich berechtigt fühlte, sie so intim anzusprechen – „Helena“, sagte ich also, „Du siehst ja aus, als stünde die Geburt unmittelbar bevor.“ Nö, sagte Helena, die routiniert Gebärende, drei Wochen seien es noch, bis Lena, die lange erwartete Tochter nach zwei Jungs, die Familienplanung abschließe. Schließlich sei sie, Helena, schon 24 Jahre alt. Kinder danach ruinierten bekanntermaßen die Figur. Kaum gesagt, hielt sie im Rasieren inne und legte einen Blick auf, der ein wenig an Mesut Özil gemahnte: ihre Augen traten etwas aus den Höhlen. Auf meine bange Frage, was denn los sei – ich hatte einen fiesen Wirbel im Verdacht, an dem schon mancher Friseur scheiterte – entgegnete sie trocken: „Sch**ße, da ist gerade die Fruchtblase geplatzt“. Sprachs und verzog sich direkt ins Mitarbeiterkabuff. Sowohl die ebenfalls anwesende Azubine als auch eine weitere Kundin und ich durften keineswegs helfen, denn Helena, die Haarschaumgeborene (danke an alle Oberstudienräte, der Leserbrief ist überflüssig, wir kennen uns in griechischer Mythologie aus, aber es wäre zu schade gewesen, den Gag liegenzulassen) war sichtbar ruhiger als der Rest des Salons. In Seelenruhe rief sie erst ihren Mann zwecks Abholung und dann das Geburtshaus zwecks Einleitung des Nötigsten an. Als Erstgenannter eintraf, sie zu chauffieren, rief Helena noch: „Du hast offenbar eine anziehende Wirkung auf junge Frauen“. Dann bat sie ihre Azubine, mich zu Ende zu frisieren. „Ick bin aba erst zweete Woche“, warnte dieselbe. Seither habe ich einen etwas, nun ja: eklektizistischen Haarschnitt. Aber für den traurigen Fall, dass es das einzige bleiben sollte, was ich zur Geburtenrate in Deutschland beitragen kann, so ist das Opfer wohlgetan.

Bewegende Momente, wenn auch verfrüht

Mittwoch, 9. Juli 2014

Im Prinzip ist Selbstironie ein cleveres Kommunikationswerkzeug. Der Selbstironische nimmt sich nicht zu wichtig und er ist befähigt, sein Handeln quasi von außen zu überprüfen und zu bewerten. Außerdem kann der Selbstreflektierte über seine Schwächen lachen. Selbstironie ist grundsympathisch. Schwieriger liegt der Fall, wenn unklar bleibt, ob es sich um Selbstironie oder landläufige Blödheit handelt. Das ist manchmal nämlich schwer unterscheidbar.

Reden wir aber zunächst über das Motto der Stadt für 2015, das diese Woche vorgestellt wurde und da lautet: „Potsdam bewegt”. Ein schönes Motto, zweifellos, und dazu noch hinreichend vage, um alles, was ohnehin passiert wäre, darunter zu fassen. Der Schlösserlauf etwa, der Stadtsportball sowie Film, Wissenschaft und die Auseinandersetzung mit der Geschichte hätten — ja, wir lehnen uns jetzt bewusst sehr weit aus dem Fenster, aber manchmal muss man halt was riskieren, selbst als Journalist — sowieso stattgefunden. Bevor wir uns jetzt in der ketzerischen Frage verlieren, ob eine ohnedies erfolgende Bewegung unter dem Motto „Potsdam bewegt” noch mehr bewegt, erfreuen wir uns lieber der innewohnenden Ironie: Wie der Zufall es wollte, fiel die Verkündung des Mottos in eine Zeit, in der sich in Potsdam, speziell in dessen Norden, sehr wenig bewegt. Genau genommen noch weniger, als ohnehin schon nicht, also quasi fast gar nichts — dank der hinreichend gewürdigten zehn parallelen Sommerbaustellen. Andererseits hat der resultierende Stau die Potsdamer wirklich bewegt und sogar bewogen, ordentlich Dampf abzulassen, in Foren, auf Facebook, in Leserbriefen. Wir lernen: Gerade, wenn sich nichts bewegt, bewegt das viele.

Ob es noch unter Selbstironie zu fassen ist, muss offen bleiben, aber sympathisch, reflektiert und Schwächen eingestehend war das Folgende in jedem Fall: Ältere Leser mögen sich erinnern, dass Potsdams Baudezernent 2009 auch mit dem wiederholt und laut vorgetragenen Versprechen antrat, unter seiner Herrschaft werde es ein Ende haben mit der Bevorzugung derer, die einen kennen, der einen kennt. Die Ordnungsbeigeordnete war damals schon im Amt — wenn auch noch unter einfachem Namen, sie lernte dann zwischenzeitlich jemanden kennen, der jemanden kannte und hat jetzt einen Doppelnamen — und agierte schon seinerzeit ohne Bevorzugung anderer, nur ohne darüber groß zu sprechen. Wie diese Woche offenbar wurde, bevorzugt sie aber nicht mal sich selbst, jedenfalls nicht, wenn es ums Falschparken geht: Obgleich dienstlich unterwegs und zeitlich sehr eingelastet und daher ordnungswidrig parkend, freute sie sich laut, als ihre Politessen auch ihr ein Knöllchen gönnten. Das zu hören war wahrlich bewegend — und das, obwohl wir erst das Jahr 2014 schreiben!

Nicht nur Sie, auch wir konnten sie natürlich kaum erwarten, die gewohnt hyperspannenden, hochinformativen Plakate zur Landtagswahl. Neben einigen Untoten (Wieland Niekisch, dereinst unter anderem wegen eines nicht angegebenen Beratervertrages geschasster Kreis-Chef der CDU, ringt um ein Mandat und nennt sich — Achtung, total witziges Wortspiel mit dem Landtagsgebäude! — den „Schlüssel zum Schloss”) machte vor allem die FDP Furore, der es gelang, erstmals in der Geschichte Deutschlands einen Slogan zu präsentieren, der komplett der Wahrheit entspricht: „Keine Sau braucht die FDP”. Der Applaus war noch nicht verhallt, da verklärten die Liberalen den Spruch zur Selbstironie. Jungs, ganz ehrlich: Ihr habt das Konzept irgendwie missverstanden.

In Versprechern steckt eine tiefe Wahrheit, das wusste schon der olle Freud. Deshalb ist es besonders hübsch, wenn einem Psychiater ein solcher unterläuft: Bei der Einweihung einer Tagesstätte für psychisch Kranke vergaß der Herr die Dezernentin in seiner Begrüßung — und, im Versuch, das zu glätten, bat er darum, sie möge es ihm „nicht verzeihen”. Vermutlich sind ihm die Bitte ums „Verzeihen” und jene ums „nicht Übelnehmen” sprachlich ineinandergeflossen. Selbstironisch war das zwar nicht, aber dafür ein schönes Beispiel für das Konzept der Verschlimmbesserung. Darüber schreiben wir dann ein andermal.

Es bleibt daher als Fazit: Die schönste Ironie ist noch immer die unfreiwillige. Nicht so sympathisch — aber viel lustiger.

Wär’ doch schade um ihn

Dienstag, 1. Juli 2014

Dass man unter Kollegen mal verschiedener Meinung ist, ist nicht nur normal, sondern speziell im Journalismus auch sehr gewollt. Selten wirkt eine Zeitung ausgewogen, wenn alle dem selben politischen Lager angehören oder in strittigen Fragen die selbe Meinung haben. Insofern ist ein mit konventionellen Mitteln ausgetragener Streit unter Kollegen eher qualitätsfördernd. Die Fußball-WM indes bringt uns an unsere Grenzen. Nicht, weil etwa alle patriotisch wären und nur Deutschland das Däumchen drückten — immerhin hat die MAZ selbst den Autor dieser Zeilen trotz holländischen Namens ein-, bzw. aufgestellt. Doch nun haben wir einen französischen Praktikanten, den wir sehr schätzen. Gewönne heute Abend erst Frankreich und dann Deutschland, käme es zu einem direkten Vergleich. Und da beginnt unser Problem: Könnten wir ihn noch mögen, den Guten, sollte uns die Grande Nation im Viertelfinale (gegen jede Wahrscheinlichkeit, versteht sich) bezwingen? Er säße als lebender Beweis unserer Schmach unter Geschlagenen. Und ob wir das aushalten? Einfacher wäre es daher, Frankreich verlöre gleich. Es wäre einfach zu schade um den Kollegen. Er ist wirklich, wirklich nett.

Verbissen und kannibalisiert

Samstag, 28. Juni 2014

Kein Wortspiel gibt es vermutlich, das über die Beißattacke von Uruguays Stürmer bei der Fußball-WM gegen einen italienischen Abwehrspieler noch nicht gemacht wurde: Von „Biss ins Achtelfinale” über „Uruguay beißt sich durch” bis „Italien wurden Punkte kannibalisiert” ist alles durchgekalauert. Auf sportlicher Ebene. Auf lokaler noch nicht.

Architekten der Biosphäre klagten am Montag, der ehemalige Oberbürgermeister Platzeck hätte sich dereinst so in das Gebäude verbissen, dass er jeden verfrühstückte, der auch nur einen Abriss prüfen ließe. Platzecks Nachfolger Jakobs, der genau das gerade tut, schnappte zurück, auch ein OB Platzeck müsste, säße er noch am Tisch, mit dem Geld haushalten, damit in der Stadtkasse was zum Beißen bleibt für künftige Generationen.

Und Beißen und Küssen, das liegt manchmal nicht weit auseinander, auch außerhalb von Vampirfilmen. Wie Piranha-Schwärme versuchten die Verkehrsunternehmen Havelbus (Umland) und ViP (Stadt) in den letzten Jahren, gegenseitig ein „Bisschen” an den Routen zu knabbern — bis Potsdam sagte, man könne doch auch eine Fusion anstreben und dann gemeinsam die Ticketeinnahmen und Fördermittel verzehren, auf dass mehr für alle bliebe. Im Land wollte man diesen Vorschlag nicht ohne Weiteres schlucken, aber zwei Busfahrer haben die Melange diese Woche mal im Kleinen durchgespielt: Ein Havelbus „knutschte” einen ViP-Bus. Angesichts eines Sachschadens von 1500 Euro ist es dennoch keine Werbung für eine kostensparende Fusion.

England, Spanien, Italien und Portugal wurden auf der WM sehr herbe überrascht. Von derselben kalt erwischt zeigte sich indes der städtische Entsorgungsbetrieb. An dessen öffentlichen Glascontainern stapeln sich nämlich komischerweise seit dem 13. Juni leere Sekt-, Bier- und Alkopopflaschen. Die Kapazität genügt nicht, und der ordnungsliebende Potsdamer stellt die Behältnisse seines verflüssigten Patriotismusschubs immerhin ordnungsgemäß davor ab. „Bisher haben die Entleerungsintervalle immer völlig ausgereicht”, wunderte sich der Betrieb. Gut, ist auch schwer, zu merken, dass WM ist. Spricht ja niemand drüber, gibt keine Werbung damit und die Medien ignorieren sie auch.

Nicht unclever hat sich unser Tester diese Woche beim Klausberg-Wein begrifflich aus der Affäre gezogen: „Fruchtig” sei der Wein, „trocken” und „spritzig”. Auch ohne ihn selbst am Gaumen gehabt zu haben, darf man aufgrund der Lage des Berges und des hiesigen Klimas indes davon ausgehen, dass dies nur beschönigende Worte waren für das, was auch eine Glosse ausmacht: Er ist bissig. Also der Wein, nicht der Tester.


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