Archiv für die Kategorie „Glosse“

WAS BLEIBT: Hotz Potz!

Donnerstag, 23. Februar 2012

Dass Verkehrsplaner zu den sympathischsten Exegeten einer verständlichen, klaren deutschen Sprache gehören, ist spätestens seit dem Moment bekannt, als der erste unter ihnen auf die ruhmreiche Idee kam, die schlichte, unmissverständliche und jedermann bekannte Ampel als „farblich differenzierte Lichtsignalanlage“ zu betiteln. Schwups hatte er aus zwei handlichen Silben und einer klaren Ansage 13 den Selbstwert und den Expertenstatus vermeintlich enorm hebende Silben gemacht, die außerhalb seines Büros kein Aas mehr verstand. Da aber auch Verkehrsplaner sprechfaul sind, wurde daraus flugs die „FDLSA“, die nun wiederum nur noch über fünf Silben verfügt, dafür aber selbst den größten Ratefuchs unter den freiwilligen wie unfreiwilligen Verkehrsplanerzuhörern (vulgo: Bauausschussmitglieder und Journalisten) vor unüberwindliche Rätsel stellt. Darüber, dass unter Verkehrsplanern jede Wiese eine Grünfläche, jede Baumreihe ein Grünzug und jeder Feldweg eine Zuwegung ist, reden wir ja schon gar nicht mehr. Auch nicht über den Unsinn des Begriffes – Verzeihung: der Begrifflichkeit – „Ortsverbindungsstraße“ – als ob eine Straße je etwas anderes getan hätte, als Orte zu verbinden. Aber auch die Straße heißt ja nicht Straße, sondern Verkehrsraum – immerhin eine Silbe gewonnen, und ein Abstraktionsniveau erklommen. Soweit, so gut. Nun ist aber bekanntlich das Bessere der natürliche Feind des Guten, und so kam ein optimierungswütiger Verkehrsplaner auf die Idee, man könne ja mit der Zeit gehen und auch noch ein paar Anglizismen in die Verkehrsplanersprachsoße rühren, auf dass jedes Restrisiko gemildert werde, dass doch jemand unter den Zuhörern noch folgen kann. Im als Berufsgeheimnis behandelten und daher öffentlich kaum bekannten Verkehrsplanersprachverhunzungshandbuch steht unter dem Stichpunkt „Ausführungsbestimmungen“ dann noch, dass ebenjene Anglizismen möglichst deutsch ausgesprochen werden sollen, dschast in käs, dass jemand sonst verstünde. Und so ward dann am Dienstagabend bekannt, dass, wer bei rasch Aua an einem der Hotz Potz im Schdobbäntgoh steht, keine guten Karten hat. Alles klar? Nein? Also: In der Rush-Hour (Feierabendverkehr) an den Hot Spots (Brennpunkten) kann’s schon mal nur ruckweise vorangehen (Stop-and-go). Das hätte leider jeder verstanden. So aber war’s perfekt. Warum das so sein muss, hat ja der Baubeigeordnete erst letzte Woche eindrücklich belegt, als er auf einer Pressekonferenz Klartext sprach: Bums, Disziplinarverfahren. Hätte er das Minuswachstum in der Zuwendungsausstattung für die Instandhaltung des kommunalen Verkehrsraumvermögens thematisiert, es hätte niemand „Skandal!“ geschrien. Denn für Skandale muss man wach sein.

Erschienen am 23.02.2012

Überschaubar

Freitag, 17. Februar 2012

über das Risiko überraschender Hinterlassen- schaften von Fluggästen

Es bedurfte nicht dieses stinkenden Eisblocks aus einer Flugzeugtoilette, um zu wissen, dass das Sprichwort, demzufolge alles Gute von oben komme, seine besten Tage auch hinter sich hat. Doch selbst ohne den Glauben daran setzen in Quaderform gefrorene Fluggasthinterlassenschaften im Dachstuhl die Sorge frei, dass man nicht nur ein geruchstechnisches Problem erlitte, wenn sie statt der Schindeln oder Scheiben die eigene Schädeldecke durchschlügen. Das einschlägige Risiko ist aber, gelinde gesagt, überschaubar: Rund zehn versehentliche Eisbrocken aus Bordtoiletten errechnete ein Gutachten 2005 pro Jahr für Deutschland, fast alle davon schlugen in Gebäuden oder der freien Landschaft ein und setzten dort langsam ihren Zauber frei. Bislang ist weltweit kein Mensch zu Tode gekommen. Das Risiko des Ablebens ist damit deutlich geringer, als im Laufe eines 80-jährigen Lebens von einem Blitz (1:12 500), einem Meteoritensplitter (1:3,7 Milliarden) oder einem Lotto-Jackpot (1:163) erwischt zu werden. Der Griff zur Zigarette, das Einsteigen ins Auto oder zuviel Vertrauen auf den Satz „Der will doch nur spielen“ sind wesentlich riskanter. Tröstlich auch: Von tiefgekühltem Flugpipi erschlagen zu werden, würde im Gegensatz zu den Alltagsrisiken zumindest einen Platz in den Abendnachrichten sichern.

Erschienen am 17.02.2012

Goldene Nasen und die Zauberkröte

Samstag, 31. Dezember 2011

Ausblick: Ein Blick in die redaktionelle Glaskugel zeigt die Potsdamer Höhepunkte des Jahres 2012

Unter dem Titel „Was bleibt“ glossiert die MAZ die Themen der Woche. Zum Jahreswechsel wagen wir einen nicht wirklich ernsten Blick voraus: Was kommt?

Im Januar verleiht die Bundesvereinigung der Rechtsanwälte und Gutachter der Stadt den Ehrenpreis „Goldene Nase“ für die überdurchschnittliche Förderung des Berufsstandes. „Mit teuren Rechtsgutachten, um die sich am Ende keiner schert, hat sich die Stadt in ungewöhnlicher Weise um das Gutachterwesen verdient gemacht“, heißt es zur Begründung. Herausgehoben werden der Blanko-Auftrag an einen Berliner Rechtsanwalt in der Transparenzkommission, der zur Überraschung aller sechsstellige Kosten verursacht hat, sowie Gutachten zu Straßenreinigung, Bäderstandorten, der Renitenz von Stadtverordneten und zur Verwendung von Gutachten im Stadthaus.
Im März rutscht Baudezernent Matthias Klipp mit dem Fahrrad auf nassem Pflaster in der Zimmerstraße aus und stürzt so unglücklich, dass ein alter Bandscheibenvorfall wieder akut wird. Beim Versuch, ihn in die Notaufnahme des Josephs-Krankenhauses zu fahren, wird der Rettungswagen so durchgeschüttelt, dass Klipps Schmerzensschrei bis zur nahe gelegenen Schlösserstiftung dringt, wo Kustodin und Grünen-Parteikollegin Saskia Hüneke am Schreibtisch zusammenzuckt. Sie erklärt sich sofort bereit, Klipp während der fünfeinhalbjährigen Krankschreibung zu vertreten. Als erste Amtshandlung lässt sie die Nutheschnellstraße pflastern.
Im Mai stellt ein Gericht fest, dass die Streichung der Abfindung für Ex-Stadtwerke-Chef Peter Paffhausen rechtswidrig war. Die Stadt muss 1,4 Millionen Euro zahlen. Damit bleibt Paffhausens angedrohte Öffnung seines Giftschrankes aus. Durch den kollektiven Erleichterungsseufzer an der Spitze kommunaler Unternehmen und des Rathauses kommt es zu einem kleinen Frühjahrssturm, der aber nur ein paar Dachziegel vom Stadthaus fegt. Tags darauf erklären Mitglieder des Stadtwerke-Aufsichtsrates anonym in der Bild-Zeitung, sie hätten das schon immer so gesehen, sich aber nicht getraut, etwas zu sagen, weil Bürgermeister Exner so böse geguckt und gedroht habe, sie nicht mehr zu grüßen.
Im Juli vertäut die Stadtfraktion der Grünen am Ufer der Schiffbauergasse eine zwei mal drei Meter große Seebühne für eine umweltverträgliche Version der „Zauberkröte“. Die künstlerische Leitung übernimmt Saskia Hüneke. Sie lässt zunächst die Bühne pflastern. Sämtliche Hauptrollen bekommt der Stadtverordnete Andreas Menzel, bis auf jene der leicht nörgeligen Witzfigur Papageno. Das bekomme er einfach nicht hin, sagt Menzel.
Im August ermöglicht es eine Sozialgesetznovelle, dass die Teilnahme am städtischen Bauausschuss Ansprüche auf Schmerzensgeld begründet. Eine Art Goldgräberstimmung bricht aus. Mangels Training gelingt es den Bürgern aber nicht, länger als zwei Stunden auszuharren – letzte Standhafte verlassen schreiend den Saal, als nach dreistündiger Debatte zum ersten der 18 Tagesordnungspunkte ein sachkundiger Einwohner seine Rede mit den Worten „Das ist jetzt nicht unmittelbar zum Thema, aber ich möchte noch anfügen, dass…“ einleitet.
Im November entspringt eine neue Debatte um das fast fertige Stadtschloss. Jemandem von „Mitteschön“ ist aufgefallen, dass an den historisch korrekten Holztüren mit den historisch korrekten Türbeschlägen der kleine Schieber, der das Schlüsselloch verdeckt, vom Schlossarchitekten Peter Kulka heimlich ausgetauscht wurde: Statt eines barock ziselierten Blättchens aus getriebenem Eisen ist ein silbrig glänzendes Aluminiumstück verarbeitet. Die mediale Empörung erreicht binnen weniger Tage vorrevolutionäre Ausmaße. Kulka will sich vom historisch korrekten Kupferdach stürzen, dass jedoch wegen der historisch korrekten Dachneigung nicht genug Schwung gibt, so dass er unverletzt auf dem ersten Fensterbrett zu liegen kommt – da es in den historischen Maßen gefertigt wurde, ist es breit genug, den Architekten aufzufangen. Weinend gibt Kulka ein letztes Mal nach und murmelt: „Ich hätte so gern wenigstens ein Detail selbst entschieden.“

Erschienen am 31.12.2011

WAS BLEIBT: Äußerst stille Nacht

Freitag, 23. Dezember 2011

Der Geist der Weihnacht ist in diesen Jahr von Reaktanz getragen – jener erstaunlichen Fähigkeit, das gefühlt Richtige zu tun, obwohl es doch ganz offenbar unsinnig ist. In die adventliche Bildersprache übersetzt hieße das: Der Weihnachtsmann (regional korrekt: Weihnaxmann) und seine vier Rentiere sitzen gemeinsam im Schlitten, mit verschränkten Armen und zum Schmollen verzogenen Mündern. An sich ein amüsantes Bild, wären da nicht die Geschenke, die hinten auf dem Schlitten ihrer Zustellung harren. Dieses Bild, gefunden auf einer Weihnachtskarte, ist in diesen nur meteorologisch frostfreien Tagen so treffend wie selten – sei es nun beim Weltklimagipfel, in Fragen der Eurorettung oder in der Stadtverordnetenversammlung: Lasst doch den Planeten absaufen, lasst uns die Währung um die Ohren fliegen und die Straßenreinigungsgebühren ausbleiben – Hauptsache, wir haben nicht nachgegeben. Da wird dann auch im Stadtparlament gern zweimal dieselbe Straßenreinigungssatzung beschlossen, obwohl sie offenkundig rechtswidrig ist, weshalb die Stadt sie dann zweimal beanstandet. Gerade im Advent ist ja Repetition die Mutter der Herzenswärme, es sind die immer gleichen Traditionen, Lieder und Rituale, die es lauschig machen. An dieser Lauschigkeit mangelt es offenbar außerhalb des Plenarsaals, weshalb sich die wilden 54 dann auch in der Woche vor Weihnachten und in der Woche danach nochmal zum Schrott-Wichteln ausgedienter Meinungen mit Abstimmungskarte und angeschlossenem Glühwein treffen. Nur der Adventskranz (regional korrekt: Adsventskranz) fehlt. Ob die Stadt, die diese Termine einberuft, auf Weihnachtsmilde hofft, ist nicht überliefert, bisher ging die Rechnung jedenfalls nicht auf. Aber begraben unter Geschenkebergen, zermürbt von einer angejazzten Stille-Nacht-Version und träge vom dritten Gänsebraten in Folge sowie des Glühweins wegen friedfertig gestimmt, mag das am 28. Dezember ja anders sein. Doch nein, das hieße wohl, dem Weihnachtsfest noch mehr aufzubürden, als ihm an sozialer Erwartung ohnehin schon aufgeladen wird. Selbst wenn es gelänge, einen Kompromiss über die Frage zu finden, ob manche Straßen denn nun günstiger zu reinigen wären, so drohte mit der Frage, welche Straßen das denn betreffen soll, der nächste Konflikt zwischen Nord, Süd, Ost und West – vermutlich müsste man die Streckenabschnitte erst wahlkreisscharf aufteilen. All das zöge allerdings auch noch Sondersitzungen am Silvesterabend und Neujahrsmorgen nach sich. Das wäre wiederum eine der wenigen Gelegenheiten, von denen sich sagen ließe, die Stadtverordnetenversammlung wäre mal ein Kracher gewesen. Mit Clownsnasen, Partyhüten und Konfetti im Haar würde bei einigen Abgeordneten auch endlich mal Deckung zwischen Form und Inhalt erreicht. Doch es wird ein Wunschtraum bleiben. Der Weihnachtsschlitten ist blockiert, die Geschenke bleiben aus. Äußerst stille Nacht. Kein Kehrfahrzeug zu hören.

Erschienen am 23.12.2011

WAS BLEIBT: Spatenstiche

Donnerstag, 20. Oktober 2011

Um lange aufgehäuftelten Frust abzulassen, empfiehlt nicht nur der MAZ-Ratgeber regelmäßig Gartenarbeit. Sollte der von Potsdams Affären geplagte Oberbürgermeister also seinen geballten Unmut über die miese Medienmeute, die doch dauernd über eigentlich ganz passabel gelaufene Grundstücksgeschäfte hechelt, mal verscharren wollen, empfiehlt sich der beherzte Griff zum Spaten. Das oberbürgermeisterliche Anwesen in der Alexandrowka böte ja noch hinreichend Raum für neue Obstbäume, und Herbstzeit ist Pflanzzeit. Zudem wäre das doch mal etwas Produktives, statt ewig alten Geschäften, Spitzeleien und Sponsorings nachgraben zu müssen. Den Nadelstichen der Opposition und – schlimmer! – der Kooperation ließen sich also beherzte Spatenstiche entgegensetzen. An Werkzeug dürfte es nicht mangeln, denn zu den wenigen Freuden des Oberbürgermeisterdaseins gehört es, im Laufe der Amtsjahre eine unüberschaubare Zahl an Spaten anzuhäufen, die bei jedem ersten Spatenstich abfallen – steuerfrei, mit Namensgravur und nur einmal benutzt. Selbst das gestrenge Beamtenrecht und alle Transparenzkommissionen dieser Welt verlangen bislang noch nicht, dass ein Stadtoberhaupt diese Werkzeuge wegen der Gefahr der Vorteilsnahme etwa dem Bauhof übereignet, auf dass dieser damit in der Hauptverkehrszeit die Zeppelinstraße mal lustig punktiere, um sich über den hübschen Stau zu freuen. Nun ist nicht überliefert, ob der Spatenmillionär Jakobs die edlen Werkzeuge in einem Extraraum des labyrinthischen Stadthauses oder einem eigens dafür eingerichteten Schuppen in der Alexandrowka verwahrt, wir stellen uns das aber so vor: An einem trüben Samstagmorgen im Spätherbst schreitet der Oberbürgermeister vergrämten Blickes in eben jenen Raum, ein Druck auf den Schalter lässt die Beleuchtung aufflackern, und da hängen sie, liebevoll poliert, in gläsernen Vitrinen: Spaten um Spaten, vom Landtagsschloss über die Garnisonkirche bis zum Hans-Otto-Theater, SAP, Klinikums-Erweiterung, hunderte Kitas, Schulen, Turnhallen, aber auch City-Quartier am Bahnhof (autsch!) – ein Panoptikum oberbürgermeisterlichen Schaffens, eine sicht- und greifbare Lebensleistungsschau, etwas, was bleibt. Liebevoll streicht die vom nervösen Trommeln auf hunderten Sitzungstischen verkrampfte Hand über die Schäfte – und langsam hellt sich das oberbürgermeisterliche Antlitz auf: Heute ist doch ein Feiertag. Jakobs erwählt, nach kurzem Zögern, ob das nicht etwas übertrieben wäre, den Stadtschloss-Spaten. Zwanzig Minuten später ist der gesamte Frust von 50 Zentimetern Erde bedeckt.

Erschienen am 20.10.2011

SAMSTAGMORGEN: Heikle Fragen

Samstag, 15. Oktober 2011

Jauch und Jakobs wollen sich aussprechen. Jan Bosschaart weiß bereits, wie es ausgeht.

Im Chefbüro des Rathauses, irgendwann in den nächsten drei Wochen: Deutschlands allermeister Quizmaster und Potsdams transparentester Oberbürgermeister treffen aufeinander. Der Quizmaster hat Sandkastenförmchen in der Form ehemals städtischer Wohnbauten mitgebracht, die er dem Oberbürgermeister direkt nach der Begrüßung vor die Füße wirft. Er spiele jetzt nicht mehr mit, wenn er künftig nicht mehr gefragt werde, ob er auch mitspielen will im städtischen Immobiliengeschäft, sagt er, verschränkt die Arme vor der Brust und zieht seinen berühmten Flunsch. Schließlich sei er auch ein ganz großer unter Potsdams Immobilienbesitzern – mit 1,93 Metern. Der Oberbürgermeister lehnt sich ganz weit im Stuhl zurück, rettet sich in ein süffisantes Lächeln und trommelt mit den Fingerspitzen auf den Tisch, wie immer, wenn er sich angegriffen fühlt. Als das Schweigen unangenehm wird, sagt er: „Dann nehme ich Antwort C: ,Sie hätten die Ausschreibung lesen müssen.’“ Der Quizmaster versucht noch, ihn umzustimmen, dann loggt er die Antwort widerwillig ein. „Sie fallen auf 16 000 Wählerstimmen zurück“, sagt er – und geht.

Erschienen am 15.10.2011

WAS BLEIBT: Ultrakarmingrellbunt

Freitag, 12. August 2011

In der aktuellen Schulflurfarbberatung haben sich Trends etabliert, die ohne jeden Zweifel auf Netzhautzersetzung abzielen. Wo immer in Potsdam derzeit eine Schule oder Kita saniert wird, erstrahlen Flure und – schlimmer noch – Toiletten in Farbtönen, die mit dem Begriff Ultrakarmingrellbunt noch milde umschrieben wären. Eher fühlt man sich an den Otto-Waalkes-Klassiker „schreiende Farbe sind out, brüllende Farben sind in“ erinnert. Flure in einem Bonbon-Neongrün, das farblich irgendwo zwischen atomar verstrahltem Laubfrosch und der Gesichtsfarbe nach zwei Wochen Seekrankheit rangiert. Mädchentoiletten in einem Pink, das selbst fortgeschrittenen Prinzessin-Lillifee-Jüngern Tränen in die Augen treibt und sich schmerzhaft ins Sehzentrum brennt. Das mag für Sehbehinderte an einem trüben Wintertag bei Stromausfall eine existenzielle Orientierungshilfe sein, für alle anderen unter allen anderen Umständen ist es schlicht unerträglich. Fragt man die Bauleute nach dem Sinn, erntet man kollektives Schulterzucken und den Hinweis, dass es so im Auftrag gestanden habe. Fragt man die Architekten, wird auf die Ausschreibung verwiesen, und fragt man den Auslober, so spielt er den Ball an die Schulplaner weiter. Die wiederum antworten gar nicht erst. Möglicherweise, weil ihre Sehkraft nicht mehr ausreicht, um Mails zu entziffern, die in schlichten schwarzen Lettern auf weißem Grund gehalten sind. Möglicherweise ist es eine Generationsfrage. Möglicherweise müssen wir beherzt in die Klischeekiste greifen und behaupten, die heutige Jugend sei dank medialen Dauerbeschusses, dank MP3-Player, PC und TV so reizabgestumpft, dass nur noch mit Farben jenseits der optischen Lärmgrenze überhaupt Wirkung erzielt wird. Ein Architekt behauptete allen Ernstes in der neuen Musikschulfiliale am Stern, das unangenehm verdauungsfördernde Grün der Jungstoiletten sei „erfrischend“ und „belebend“ für die Schüler. Dieser mutige Erklärungsansatz, bezeichnenderweise mit zusammengekniffenen Augen vorgetragen, wirft dann aber die Frage auf, wie solch ein Musikschüler nach dem belebenden Toilettenbesuch mit farblichem Terroranschlag in der Lage sein soll, die Nuancierung in Liszts Liebesträumen am Klavier wiederzufinden. Mag sein, dass es hilft, für Thrash Metal in die richtige innere Stimmung zu kommen. Oder für Grindcore Punk. Oder für Hardcore Techno. Dass das Hauptgeschäftsfelder der Musikschule wären, hat sich bislang aber nicht herumgesprochen. Und es erklärt auch nicht, warum Grundschulflure in der selben Farbe leuchten. Sollten Sie zum Ferienende jedenfalls eine renovierte Schule betreten müssen, nehmen Sie sich bitte eine Sonnenbrille mit. Sie machen ihrem Augenarzt eine echte Freude.

Erschienen am 12.08.2011

Synergien

Mittwoch, 10. August 2011

Über kurze Wege im Rathaus für fast jedes Anliegen

Jetzt, wo der städtische Wirtschaftsservice aus den Elendsvierteln des Stadthauses in dessen Alte Mitte gerückt ist, ergeben sich neue Synergien. Er residiert nun Tür an Tür mit dem Kitaservice, was etwa Neupotsdamern die hübsche Möglichkeit eröffnet, Unternehmens- und Familiengründung quasi in einem … nun ja … Rutsch abzuhandeln. Zumindest den administrativen Teil dieser Verrichtungen. Wenn’s noch ein bisschen mehr sein darf: Das Standesamt liegt nur um die Ecke. Da das Unternehmen dank des Wirtschaftsservice bald floriert und der Kitaservice sofort einen Betreuungsplatz im Angebot hat, könnte bald weiterer Nachwuchs anstehen – kein Problem: Der Babybegrüßungsdienst kommt sogar nach Hause. Die Dienstwege im Stadthaus mögen lang sein, jene der Bürger hingegen werden immer kürzer. Wer sich nun aber, vor lauter Begeisterung, der Marketingabteilung als Werbeträger andienen möchte, der muss leider noch immer ins Elendsviertel: Bis zum großen Gemälde, dann rechts, am Ende des Ganges links, am Ende dieses Ganges einfach nochmal neu fragen. Und falls Ehe und Firma wider Erwarten scheitern: Die Suppenküche der Volkssolidarität liegt auch in Spuckweite und ist mit wenigen Schritten erreicht. Deren Garten hat aber zu.

Erschienen am 10.08.2011

WAS BLEIBT: Betriebsunfälle

Donnerstag, 30. Juni 2011

Es nützt ja nichts, drumherum zu reden: Auch wo wirklich gründlich, akribisch gar, gearbeitet wird, passieren Fehler. Die jüngste Abstimmung im Bauausschuss etwa wird als ein solch bedauerlicher Betriebsunfall in die jüngere Politikgeschichte Potsdams eingehen. Trotz besten Willens zweier Fraktionen der Regierungskooperation und trotz einer Leihstimme aus der Opposition wollte es partout nicht gelingen, ein Vorhaben – in diesem Fall die Matrosenstation Kongsnæs in der Schwanenallee, aber das Sujet ist austauschbar – zu kippen oder wenigstens um Jahre zu verzögern. Das nimmt ein wenig Wunder, denn solche Nachlässigkeiten beim Kippen von Projekten, die eigentlich schon auf den Weg gebracht waren, sind selten geworden: Bevor die Damen und Herren Abgeordneten in die Sommerferien entschwinden, vergruben sie noch mal eben ein paar Projekte, damit die über den Sommer kein Eigenleben entwickeln und Ende August plötzlich vorangeschritten sind. Die Seeoper auf Hermannswerder hatte man ja schon vorab vertrieben, so dass sichergestellt ist, dass keine Arien die lauen Sommernächte stören. Vom Badneubau im Bornstedter Feld sind deutliche Absetzbewegungen zu erkennen, ebenso von der Bebauung des Brauhausberges in der noch vor zwei Jahren hochgejubelten Form. Vom Tierheim reden wir gar nicht erst, da hat’s ja nur wenige Jahre, gefühlte 72 Planungen und sechsstellige Planungssummen für ein Heim auf dem Stadtgebiet gekostet, bevor irgend jemandem auffiel, dass es doch viel bequemer und billiger ist, die Tiere weiterhin extern abzuliefen. Doch das zur politischen Folklore der Landeshauptstadt gehörende Blocken von Projekten – alternativ ist jederzeit auch Totreden möglich – strengt an, und dann passiert’s halt: Die mittlere Speicherstadt etwa ist schon verkauft und beschlossen. Hier hätte man gern noch umgeplant oder neu ausgeschrieben oder wenigstens die Architektur diktiert. Aber vielleicht lässt sich der Bauherr ja noch dazu zwingen, einen Uferweg einzuziehen – wen kümmern schon die paar Millionen Schadenersatz? Gut, uns bleibt die Hoffnung, dass die Abgeordneten frischer und konzentrierter aus den Ferien zurückkehren und dann nicht mehr versehentlich wirklich noch gebaut wird in dieser Stadt. Einziges Problem dabei ist: Die Verwaltung entwickelt ein Eigenleben und trickst immer häufiger an den Gremien vorbei, indem sie Fakten schafft, wo so mancher Ausschuss noch bis Mitternacht über die Frage schwadroniert, ob man vor einer Bar eigentlich Parkplätze bauen muss, weil, wer da reingeht, danach ja ohnehin nicht mehr fahren kann. Oder der Gestaltungsrat, den man gründete, um nicht über Geschmacksfragen zu entscheiden, am Ende wirklich über Geschmacksfragen entscheidet. Wenn solche Skandale endlich aufhörten, das wäre doch eine Wohltat. Und endlich bliebe alles, wie es ist: Schön zäh.

Erschienen am 30.06.2011

WAS BLEIBT: Aufrechter Gang

Mittwoch, 1. Juni 2011

Moralisch betrachtet mag der aufrechte Gang ja wünschenswert sein, orthopädisch ist er hingegen eine Katastrophe, das kann Ihnen jeder Evolutionsbiologie bestätigen und jeder Physiotherapeut sie spüren lassen. Und da Kommunalpolitik auf die Knochen geht, ist der aufrechte Gang dort zuweilen zu anstrengend. Stattdessen wird gebuckelt, gerobbt, ausgesessen, auch gekrochen oder sich in Höhlen zusammengekauert. Haben Sie zum Beispiel in den letzten Wochen diesen … wie hieß er gleich? … Oberbürgermeister irgendwo gesehen? Wir nicht. Aber er ist ja nicht allein mit diesem Phänomen: Sobald sich in dieser Stadt irgendwo Widerstand gegen ein Vorhaben regt – und er regt sich ja derzeit allerorten – gelangen die Stadtveordneten in ein Dilemma: Bleiben sie ihren Ansichten und Beschlüssen treu oder hören sie auf das Volk, das sie ja wieder wählen soll? In der ersten Phase der Verarbeitung dieses Konflikts sinkt meist der Kopf des Abgeordneten aus der aufrechten Haltung nach vorne, wo er nicht nur unentschlossen pendelt, sondern auch ein wenig die Blutzufuhr zum Gehirn drosselt. Das sorgt für Erinnerungslücken, wie man sich noch kürzlich zu diesem Projekt positioniert hatte. In hartnäckigen Fällen wird sogar vergessen, dass ja nicht die böse Stadtverwaltung da ein in der Bevölkerung ungeliebtes Projekt vorantreibt, sondern auf Weisung eines Stadtverordnetenbeschlusses handelt, den man selbst mit unterstützt hatte.
Später, nach Versammlungen mit aufgebrachten Bürgern, kommt dann eine gebeugte Haltung hinzu: Der Druck der Verantwortung lastet schwer auf den Schultern, die sich in einer Art Kompensationsbewegung daraufhin hochziehen: „Ich weiß auch nicht, ich war ja dafür, traue mich aber nicht, Ihnen das zu sagen, vielleicht können wir ja noch Änderungen im Detail fordern, ich muss da mal mit der Fraktion drüber reden“, soll das heißen. Wird der Gegendruck noch ärger, bieten sich die Klassiker an: Aussitzen (bis der Beschluss gefallen ist, und Beschluss ist Weisheit der vielen, da kann man nichts machen), Einknicken (wir haben zwar recht, können aber nicht gegen die Bevölkerung regieren) oder – für sehr Fortgeschrittene – kompletter Richtungswechsel bei gleichzeitiger Beibehaltung des aufrechten Ganges (verlangt viel Übung, ist nur besonderen Talenten zugänglich). Nur die ganz Dummen drücken den Rücken durch und halten die Nase in den Orkan, wenn sie einen Beschluss für richtig halten. Gewinnen können sie damit nichts außer ein bisschen Respekt und warmen Reden beim Abschied dereinst. Aber deren Bandscheiben, die möchten Sie nicht sehen!

Erschienen am 01.06.2011


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