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Im StadtNet können Frauen kostenlos chatten

Sonntag, 17. März 1996

Ob via Internet oder in der Lieblingsmailbox: Wer chattet, liegt im Trend. Den Boom des elektronischen Smalltalk machen sich die Betreiber des Berliner „StadtNet“ zunutze: Sie werben mit dem Chat als „ganz neue Kommunikationsform“, eine Kreuzung aus Telefonieren und Briefeschreiben.
Dabei stehen im StadtNet im Gegensatz zu herkömmlichen Mailboxen mit Chat-Option keinesfalls Computerthemen im Vordergrund. Die werden nur erwähnt, wenn User kleinere technische Probleme haben.
Das Konzept war von vornherein vor allen in Richtung eines virtuellen Treffpunktes für Surfer ausgelegt. Und der Erfolg scheint den Betreibern recht zu geben: Bereits wenige Monate nach seiner offiziellen Eröffnung am 1. September 1995 avancierte das StadtNet zu einer der beliebtesten Mailboxen in Berlin, und derer sind es immerhin gut 200.
Ein weiterer Vorteil dieser Form des Chat ist die regionale Begrenzung. Anders als beim Chat im Internet haben die Benutzer hier praktisch jederzeit die Möglichkeit, sich mit anderen Chattern zu treffen und sich somit persönlich kennezulernen. Mittlerweile ist auf diese Weise eine regelrechte Online-Community entstanden.
Wer sich zum ersten Mal einloggt, steht vor der schwierigen Entscheidung, ein Pseudonym zu wählen, mit dem man zukünftig angeredet wird. Das Spektrum der bisher vergebenen „Pseudos“ reicht von der einfachen Angabe des Vornamens über Namen allseits bekannter Personen bis hin zu absoluten Phantasie-Kreationen.
Wenn danach der Account mittels Passwort gesichert wurde, findet sich das frisch gewonnene StadtNet-Mitglied wenige Tastendrücke später bereits im öffentlichen Kanal („Main“ im StadtNet-Slang) wieder. In den meisten Fällen verhält es sich nun erst einmal ruhig und versucht, ein wenig Ordnung in das sich vor seinen Augen entfaltende Wirrwarr an Farben und Aussagen zu bringen.
In der Regel dauert es jedoch nicht lange, bis der „NeuUser“ von einem erfahrenen Chatter mit einem vertrauenerweckenden „Kann ich Dir helfen?“ angeflüstet wird, und die erste Barriere auf dem Weg zum „Friend“, wie die Chatter sich selbst nennen, ist genommen.
Neben der für alle lesbaren Nachricht besteht auch die Möglichkeit, bestimmte User gezielt anzusprechen oder ihnen eine nur für sie lesbare Flüsternachricht zukommen zu lassen.
Auch sonst bietet die Mailbox genug Betätigungsfelder: Von Foren, deren Inhalt naezu alle Lebensbereiche abdeckt (von „Ufos“ bis „StadtNet“) über die allseits beliebte Galerie gescannter Userfotos bis hin zu so genannten „Homepages“ bleibt auch fernab von Actions und Pages genug Stoff, um sich stundenlang zu beschäftigen.
Wer Gefallen am StadtNet findet, meldet sich für 60 Mark pro Jahr an und erhält so vollen Zugriff auf alle Funktionen. Frauen werden im übrigen kostenlos freigeschaltet, was dazu führt, dass die Geschlechterverteilung im Gegensatz zu herkömmlichen Mailboxen, die immer noch als Männerdomäne gelten, nahezu ausgeglichen ist. Um sich einzuloggen, braucht man nichts weiter als ein Terminalprogramm und ein Modem, mit dem folgende Rufnummer anzuwählen ist: 030/8730541.


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