{"id":1259,"date":"2009-07-25T00:00:41","date_gmt":"2009-07-24T23:00:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jan-bosschaart.de\/wp\/?p=1259"},"modified":"2014-04-03T18:11:54","modified_gmt":"2014-04-03T17:11:54","slug":"warner-vor-einem-beschlossenen-krieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/?p=1259","title":{"rendered":"Warner vor einem beschlossenen Krieg"},"content":{"rendered":"<p><strong>Alan Chochiev floh aus Ossetien, als der Feldzug begann<\/strong><\/p>\n<p><em>Den Kontakt zur Familie und zu Gleichgesinnten h\u00e4lt der Historiker und Oppositionelle heute nur noch per Mail.<\/em><\/p>\n<p>Sie kamen bei Nacht: Zwei maskierte M\u00e4nner, schwer bewaffnet, st\u00fcrmten Alan Chochievs Haus in Nordossetien. Der damals 62-J\u00e4hrige hatte Gl\u00fcck, er war nicht zu Hause \u2013 daf\u00fcr seine Mutter und zwei Enkel. Nachdem die M\u00e4nner Chochiev nicht fanden und die Wohnung hinreichend verw\u00fcstet hatten, bedrohten sie seinen 13-j\u00e4hrigen Enkel mit der Pistole: \u201eWo ist Dein Gro\u00dfvater?\u201c<br \/>\nEr kann noch heute nicht ruhig dar\u00fcber sprechen. Chochievs ganze Gestalt, die sonst eher an einen B\u00e4ren erinnert \u2013 gedrungen, massig, aber stets wachsam, die grauen Haare milit\u00e4risch kurz geschoren \u2013 diese Gestalt, die sonst nahezu reglos auf dem viel zu kleinen Stuhl thront, ger\u00e4t in Bewegung, wenn er sich an jene Szenen erinnert. Auch wenn er sie nur erz\u00e4hlt bekam. Er fuchtelt dann mit den H\u00e4nden, der Stuhl unter seinem K\u00f6rper \u00e4chzt bedrohlich, und seine Stimme wird laut. Die Nachbarn im Potsdamer Asylbewerberheim irritiert das zuweilen.<br \/>\nChochiev war damals vorsichtig genug, selbst seiner Mutter nicht zu verraten, wohin er gegangen war. Der promovierte Historiker galt schon lange als persona non grata in seinem Heimatland S\u00fcdossetien. Sp\u00e4testens, seit er anl\u00e4sslich einer Ordensverleihung in einem Zeitungsinterview sagte, Russlands Pr\u00e4sident Putin und der ossetische Premier Eduard Kokoity lassen es zum Krieg kommen. Die Botschaft war nicht neu: Immer wieder hatte Chochiev, der als Kulturanthropologe und ehemaliger Vorsitzender des s\u00fcdossetischen Parlaments einigen Ruhm und Einblick genoss, vor dem Krieg gewarnt, der \u201el\u00e4ngst beschlossen war, um die Republik aus Georgien zu l\u00f6sen und heim nach Russland zu holen\u201c. F\u00fcr solche \u00c4u\u00dferungen war er nicht gut gelitten, und das Interview war eines zuviel: Die Journalistin, die es f\u00fchrte, verlor ihren Job, und nur die rechtzeitigen Warnungen wohlmeinender Nachbarn verhinderten, dass Chochiev inhaftiert und in ein russisches Gef\u00e4ngnis deportiert wurde. Er versteckte sich, kehrte aber einige Monate sp\u00e4ter zur\u00fcck. Ein Fehler: Zuhause empfing ihn die Polizei mit einem Haftbefehl. Mit Hilfe eines Anwalts zog Chochiev noch einmal den Kopf aus der Schlinge. \u201eDoch nun war mir klar: Wenn ich bleibe, gibt es zwei M\u00f6glichkeiten. Sie t\u00f6ten mich, oder sie sperren mich sehr lange ein.\u201c<br \/>\nAls der Krieg im Sp\u00e4tsommer 2008 wirklich kam, ging er. Auf abenteuerlichen Pfaden floh Chochiev \u00fcber Bratislava und Wien, wo er sich trotz der Flucht den Jugendtraum erf\u00fcllte, einmal in die Wiener Oper zu gehen. Er gelangte nach Potsdam. Deutschland war von vornherein sein Wunschziel, weil er wissenschaftliche Kontakte zur Heidelberger Universit\u00e4t hat. Doch die M\u00fchen waren damit nicht zu Ende, sie \u00e4nderten sich nur. Statt Ruhe zu finden und publizieren zu k\u00f6nnen, geriet er in den Umzugswirbel des Potsdamer Asylheims aus einer ruhigen, abseitigen Lage ins quirlige Plattenbauquartier. Aus dem \u00c4rger dar\u00fcber floh er in die Arbeit \u2013 ein druckfrisches Buch \u00fcber Protosprachen und Religion auf seinem Nachttisch legt davon Zeugnis ab. Und er analysiert weiter die Zust\u00e4nde in Ossetien und den Krieg \u2013 unter anderem f\u00fcr die Moskauer Nowaja Gaseta, f\u00fcr die auch die ermordeten Journalistinnen Anna Politkowskaja und Natalja Estemirowa arbeiteten.<br \/>\nDen Kontakt zur Heimat h\u00e4lt Alan Chochiev \u00fcber einen Laptop, den ihm ein Freund vor der Flucht schenkte \u2013 \u201edas gr\u00f6\u00dfte Geschenk meines Lebens\u201c, wie er sagt. P\u00fcnktlich um 18 Uhr zieht seine Schwester in Nordossetien jeden Tag einen Schemel vor ihren Laptop, auf dem dann Chochievs 87-j\u00e4hrige Mutter Platz nimmt. Sie reden \u00fcber das Wetter, die Politik und das Leben im \u201eGhetto Asylheim\u201c, denn treffen k\u00f6nnen sie sich nicht: M\u00fctterchen ist nicht mehr reisef\u00e4hig, und Chochiev darf als Asylbewerber Potsdam nicht verlassen. Das schmerzt ihn am meisten, denn auch die so wichtige Teilnahme an Konferenzen ist dem Wissenschaftler damit versagt. Er kompensiert es, so gut es eben geht, \u00fcber das Internet: liest russische Zeitungen, bloggt, videofoniert. Neben mehr Demokratie in Russland sind Reisefreiheit und etwas mehr Ruhe im Heim seine gr\u00f6\u00dften W\u00fcnsche.<\/p>\n<p><em>Erschienen am 25.07.2009<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alan Chochiev floh aus Ossetien, als der Feldzug begann Den Kontakt zur Familie und zu Gleichgesinnten h\u00e4lt der Historiker und Oppositionelle heute nur noch per Mail. Sie kamen bei Nacht: Zwei maskierte M\u00e4nner, schwer bewaffnet, st\u00fcrmten Alan Chochievs Haus in Nordossetien. 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