{"id":134,"date":"2008-06-03T19:34:17","date_gmt":"2008-06-03T17:34:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jan-bosschaart.de\/wordpress\/?p=134"},"modified":"2008-06-23T19:35:58","modified_gmt":"2008-06-23T17:35:58","slug":"wortlos-verstehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/?p=134","title":{"rendered":"Wortlos verstehen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Soziales: Wege aus der akustischen Isolation \/ In Falkensee belegen H\u00f6rende einen Geb\u00e4rdenkurs<\/strong><\/p>\n<p><em>Sie h\u00f6ren gut. Sie k\u00f6nnen auch sprechen. Dennoch erlernen jetzt in Falkensee 14 M\u00e4nner und Frauen die Geb\u00e4rdensprache, mit der sich Taube und Stumme verst\u00e4ndigen.<\/em> <\/p>\n<p>FALKENSEE Es wird geschnattert an diesem Nachmittag, dass es eine wahre Freude ist. Mehr als ein Dutzend Leute unterhalten sich paarweise: Sie verabreden sich zum Kino, zum Schwimmen, zum Grillen. Trotzdem f\u00e4llt kein einziger Ton im Raum. Es ist so still, dass der L\u00e4rm Fu\u00dfball spielender Kinder, der durchs angeklappte Fenster f\u00e4llt, deutlich h\u00f6rbar wird. Denn die, die sich hier verabreden, tun das mit Gesten statt mit Worten: <\/p>\n<p>Die 14 Teilnehmer eines Geb\u00e4rdensprachkurses sind an diesem Nachmittag ins ASB-Kulturhaus Falkensee gekommen. Keiner von ihnen w\u00e4re auf die Handzeichen und das stumme, \u00fcberdeutliche Worteformen mit den Lippen angewiesen, denn alle k\u00f6nnen h\u00f6ren und sprechen \u2013 bis auf den Kursleiter. Doch sie zahlen daf\u00fcr, in zehn Sitzungen die Grundlagen der Geb\u00e4rdensprache von Thomas Zander zu erlernen. <\/p>\n<p>Die Motive sind unterschiedlich: Da ist ein Ehepaar \u2013 sie lebenslustig und laut, er verhalten und manchmal etwas irritiert: Das H\u00f6rverm\u00f6gen des Mannes l\u00e4sst stetig nach. Sollte er ertauben, soll die Kommunikation in der Familie weitergehen. \u201eDa ist es leichter, ich lerne die Gesten, solange ich noch h\u00f6ren kann\u201c, sagt der Mann. <\/p>\n<p>Eileen ist gekommen, weil sie eine Ausbildung zur Heilp\u00e4dagogin macht und m\u00f6glicherweise mit Tauben oder Taubstummen arbeiten wird. Einige nehmen aus purem Interesse teil, eine Frau will einfach nur \u201eeine ungew\u00f6hnliche neue Sprache lernen\u201c, eine andere hat ein geh\u00f6rloses Kind, mit dem sie sich besser verst\u00e4ndigen m\u00f6chte. <\/p>\n<p>Tina ist hochgradig schwerh\u00f6rig und zugleich Physiotherapeutin: Sie will sich selbst gegen das Schlimmste wappnen und zugleich auf taube oder schwerh\u00f6rige Patienten besser eingehen k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>Und dann ist da Carola Szymanowicz, engagierte Streiterin f\u00fcr die Belange aller Schwerh\u00f6rigen im Havelland, Leiterin der Selbsthilfegruppe \u201eKommunikation ohne Barrieren\u201c, selbst fast ohne Geh\u00f6r. Carola Szymanowicz beherrscht die hohe Kunst, Leid in Aktivit\u00e4t zu wandeln: Sie hat diesen ersten Kurs in Geb\u00e4rdensprache f\u00fcr H\u00f6rende angeregt, beim ASB kostenlos einen Raum daf\u00fcr bekommen, Teilnehmer aufgetrieben, den Dozenten engagiert, die Selbsthilfegruppe gegr\u00fcndet. Und sie plant weiter: einen Geb\u00e4rdenklatsch, ein Sommerfest, einen Grillabend und eine Anlaufstelle f\u00fcr Geh\u00f6rlose im Kreis. \u201eWir m\u00fcssen Geh\u00f6rlose aus der Isolation herausholen, der Machtlosigkeit entkommen\u201c, sagt sie, \u201edenn die zwischenmenschlichen Beziehungen gehen sonst verloren.\u201c <\/p>\n<p>Das ist schwer vorstellbar an diesem Nachmittag, wo sich alle ohne gesprochene Worte blendend verstehen, Spa\u00df haben, lachen, Verabredungen treffen. Aber genau das ist es, was Carola Szymanowicz meint: Man braucht keine Rede, um eingebunden zu sein, Geb\u00e4rden gen\u00fcgen. Nur ohne Kommunikation droht die Vereinzelung. <\/p>\n<p>Dass es so munter zugeht im Kurs ist vor allem Thomas Zander zu verdanken. Der selbstst\u00e4ndige Geb\u00e4rdensprachdozent ist zugleich Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Berliner Geb\u00e4rdensprachschule \u201eVisual Hands\u201c und seit 17 Jahren als Dozent unterwegs. Im Nebenjob arbeitet er als Pantomime-Clown \u2013 eine Aufgabe, die er von der des Sprachlehrers kaum trennen muss: Egal, was Zander tut, er tut es unglaublich beredt, spricht mit jeder Geste und mit jedem Zucken seines Gesichts, Humor kommt nie zu kurz. <\/p>\n<p>In dieser Woche steht das Thema \u201eVerabreden\u201c auf dem Stundenplan. Lektion 1: Die zeitliche Dimension. Zukunft sind Gesten, die vom Sprecher nach vorn wegweisen, Vergangenheit weist nach hinten. Zander muss nicht viel erkl\u00e4ren: Das Prinzip verstehen alle sofort. Gegenwart zeigt nach unten: Hier stehe ich. Jetzt! Wochentage haben definierte Zeichen, die es zu lernen gilt. Uhrzeiten werden mit Fingern gezeigt, die nach vorn gekippte Hand bedeutet nachmittags, die nach hinten gekippte: vormittags. <\/p>\n<p>Lektion 2: Der Ort. Geb\u00e4ude werden mit zwei H\u00e4nden als Dach geformt, andere Orte langsam ausgesprochen, schlimmstenfalls buchstabiert. Orte sind eben abstrakt. <\/p>\n<p>Leichter wird es in Lektion 3: Was tun wir? Schwimmen, Grillen, Wandern l\u00e4sst sich gut gestikulieren, Kino durch eine angedeutete Leinwand auch noch. Sp\u00e4testens beim Einigen auf einen Filmtitel muss dann aber doch zum Buchstabieren \u00fcbergegangen werden. \u201eKeinohrhasen\u201c l\u00e4sst sich zwar mit zugehaltenen Ohren und m\u00fcmmelndem Mund verdeutlichen, aber das ist eher ein guter Gag f\u00fcr die Runde als eine pragmatische L\u00f6sung. <\/p>\n<p>So verstreicht der Kurs im Nu, und nach einem enthusiastischen Winken ist Thomas Zander verschwunden. Nun wieder ihre M\u00fcnder benutzend, verl\u00e4sst die Gruppe fr\u00f6hlich schnatternd den Raum. Carola Szymanowicz ist es zufrieden. Sie ist ihrem gro\u00dfen Ziel an diesem Tag etwas n\u00e4her gekommen: Geh\u00f6rlose in die Gesellschaft zu inkludieren, statt sie nur zu integrieren. Inklusion hei\u00dft f\u00fcr sie: keinen Unterschied machen. \u201eBei Integration entscheiden andere \u00fcber uns. Das haben wir satt\u201c, sagt sie. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Soziales: Wege aus der akustischen Isolation \/ In Falkensee belegen H\u00f6rende einen Geb\u00e4rdenkurs Sie h\u00f6ren gut. Sie k\u00f6nnen auch sprechen. Dennoch erlernen jetzt in Falkensee 14 M\u00e4nner und Frauen die Geb\u00e4rdensprache, mit der sich Taube und Stumme verst\u00e4ndigen. FALKENSEE Es wird geschnattert an diesem Nachmittag, dass es eine wahre Freude ist. 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