{"id":16,"date":"2008-02-09T18:25:14","date_gmt":"2008-02-09T16:25:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jan-bosschaart.de\/wordpress\/?p=16"},"modified":"2008-07-02T02:08:55","modified_gmt":"2008-07-02T00:08:55","slug":"ein-bisschen-anachronistisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/?p=16","title":{"rendered":"Ein bisschen anachronistisch"},"content":{"rendered":"<p><strong>Nostalgie: Der ehemalige \u201eChor der Parteiveteranen\u201c hat die Wende \u00fcberlebt und so manchem Mitglied das Weltbild gerettet <\/strong><\/p>\n<p><em>Sie sind im Durchschnitt 72 Jahre alt, und sie proben im Sitzen \u2013 doch die Stimmen des einstigen Parteichors sind noch ungebrochen.<\/em><\/p>\n<p>BERLIN Beim 60. Jahrestag der Gr\u00fcndung der DDR-Grenztruppen haben sie auch gesungen. Die liebevoll gef\u00fchrte Chronik vermerkt es genau: Es war am 1. Dezember 2006 in Strausberg (M\u00e4rkisch-Oderland). Der ehemalige DDR-Verteidigungsminister Heinz Ke\u00dfler war dabei und andere ranghohe Ex-NVA-Leute. Der Ernst-Busch-Chor sang das \u201eEinheitsfrontlied\u201c von Brecht. \u201eBisschen anachronistisch\u201c findet Jochen Fischer das beim Durchbl\u00e4ttern der Chronik, und auch historisch nicht korrekt: 1946 gab es die DDR noch nicht. Aber Fischer ist ja auch nur hier, weil er jeden Dienstag seine Frau zur Chorprobe bringt, wie er betont.<br \/>\nDie probt mit etwa 50 anderen Mitgliedern des Ernst-Busch-Chors im Kulturhaus Berlin-Karlshorst gerade einen russischen Walzer. G\u00e4be es hier nicht modernes Mobiliar, man k\u00f6nnte glauben, es habe die Wende nie gegeben. Das ist den meisten Chormitgliedern durchaus willkommen. Schlie\u00dflich hie\u00df das Ensemble bis zur Wende \u201eChor der Parteiveteranen der SED\u201c und unterstand direkt der SED-Bezirksleitung. Um Mitglied zu werden, bedurfte es 25-j\u00e4hriger Parteimitgliedschaft, davon mindestens 15 Jahre als Funktion\u00e4r.<br \/>\nDass der Chor die Wende \u00fcberhaupt \u00fcberlebte, verdankt er vornehmlich Rolf St\u00f6ckigt. Der fr\u00fchere Professor f\u00fcr die Geschichte der Arbeiterbewegung kam 1987 mit seiner Pensionierung zum Ensemble und freute sich auf einen ruhigen Lebensabend. Der November 1989 machte einen Strich durch diese Rechnung: St\u00f6ckigt wurde Vorsitzender und musste die S\u00e4nger durch die Wendewirren dirigieren. \u201eDer alte Vorstand tat sich schwer, die waren ohne Anleitung durch die SED v\u00f6llig hilflos\u201c, erinnert er sich. Gegen einige Widerst\u00e4nde boxte St\u00f6ckigt, der noch heute im Vorstand wegen seiner liberalen Haltungen kritisiert wird, die neue Satzung durch: Die parteipolitische Unabh\u00e4ngigkeit sicherte das \u00dcberleben des Chores. Auch im Repertoire r\u00e4umte er auf: \u201e,Die Partei, die Partei, die hat immer recht\u2019, das haben wir ersatzlos gestrichen. Stattdessen singen wir jetzt ,Die Gedanken sind frei\u2019\u201c, sagt der 86-J\u00e4hrige. Seit dem Jahreswechsel ist Rolf St\u00f6ckigt kein aktiver S\u00e4nger mehr. Nicht, weil die Stimme nicht mehr mitspielt, sondern weil ihn seine Beine nicht mehr lange genug tragen. Er ist mit diesem Problem nicht allein: Der Chor probt im Sitzen, das \u00e4lteste Mitglied ist 99, das j\u00fcngste 60 Jahre alt, das Durchschnittsalter liegt bei 72. Chorleiter Klaus Hartke, der fr\u00fcher beim Ernst-Weinert-Ensemble, der \u201eMusiktruppe der NVA\u201c arbeitete, sagt, er m\u00fcsse neue Lieder abschleifen, ihnen die H\u00f6hen und Tiefen nehmen, weil die alternden Stimmen mit dem Neuen nicht so gut zurechtkommen. \u201eAn der Stimmgewalt mangelt es aber nicht, die muss ich eher bremsen.\u201c Das 250 Lieder starke Repertoire hat er behutsam erweitert. Neben die Kernkompetenz der Arbeiterlieder \u2013 am liebsten von Hanns Eisler \u2013 sind Volkslieder und klassische Ch\u00f6re getreten, sogar das eine oder andere Kirchenlied hat sich eingeschlichen. \u201eDas Publikum soll ja bedient werden\u201c, sagt Hartke, als wolle er sich entschuldigen. Die Parteilieder der SED probt er hingegen nicht mehr, \u201edas w\u00e4re irreal\u201c, auch nicht die Grenzerlieder aus seiner Zeit als Oberst der Nationalen Volksarmee,, \u201eobwohl einige davon sehr sch\u00f6n sind\u201c, wie er betont.<br \/>\nRolf St\u00f6ckigt mag keine Interviews. Die zahlreichen Journalisten, die immer noch anfragen, kommen meist nur, um sich lustig zu machen \u00fcber die ewig Gestrigen. \u201eDie wollen gar nicht wahrhaben, dass wir nur noch ein antifaschistischer Chor sind, der Wert legt auf seine Tradition aus der Arbeiterbewegung.\u201c Dass es je ein Arbeiterchor war, darf aber bezweifelt werden: Auf der Mitgliederliste stehen ein Ex-General beim Wachbataillon, Offiziere, Ex-Generaldirektoren von Kombinaten und Wissenschaftler.<br \/>\nSeiner Linie ist der Chor treu geblieben. Neben etwa 25 Konzerten pro Jahr vermerkt die Chronik, die stets ein bisschen an Wandzeitung erinnert, auch Spendensammlungen f\u00fcr Kuba, eine Gru\u00dfnote an T\u00e4ve Schur zum 75., das \u201eLob des Revolution\u00e4rs Ernst Th\u00e4lmann\u201c und die Forderung, das KPD-Verbot aufzuheben.<br \/>\nImmer h\u00e4ufiger sind auch Traueranzeigen ehemaliger Mitglieder eingeklebt und Fotos vom Singen an deren Gr\u00e4bern. W\u00e4hrend sie vorn \u201eConquest of paradise\u201c proben, erz\u00e4hlt Rolf St\u00f6ckigt, dass einige Mitglieder in Chorkleidung beerdigt werden m\u00f6chten. In einer Uniform, die sie mit den Genossen verbindet, die noch immer, wenn nicht gar st\u00e4rker als zu DDR-Zeiten, zusammenhalten. Genossen, die eine Welt pflegen, die nur noch in ihren kollektiven Erinnerungen und den Liedern besteht. Sie haben ihr Paradies nach der Wende nicht erobert \u2013 aber verteidigt.<\/p>\n<p><strong>Info-Box: ERNST-BUSCH-CHOR<\/strong><br \/>\nDer \u201eChor der Parteiveteranen der SED\u201c wurde 1972 gegr\u00fcndet. Er entstand im Rahmen der Singebewegung.<br \/>\nDie SED fand schnell Gefallen an dem Ensemble, unterst\u00fctzte es finanziell und unterstellte den Chor schlie\u00dflich der Bezirksleitung in Berlin.<br \/>\n1983 benannte sich der Chor nach dem Schauspieler, Regisseur und S\u00e4nger Ernst Busch, der unter anderem durch seine Interpretationen von Arbeiterliedern Ruhm erntete.<br \/>\nBusch zu Ehren gibt der Chor noch heute j\u00e4hrlich ein gro\u00dfes Konzert an oder um Buschs Geburtstag, dem 22. Januar.<br \/>\nRund 4000 Menschen h\u00f6ren den Chor j\u00e4hrlich \u2013 bei f\u00fcnf eigenen Konzerten und zahlreichen Gastauftritten, etwa dem Pressefest des \u201eNeuen Deutschland\u201c.<br \/>\n2008 erscheint die dritte CD des Chors.<\/p>\n<p><em>Erschienen am 09.02.2008<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nostalgie: Der ehemalige \u201eChor der Parteiveteranen\u201c hat die Wende \u00fcberlebt und so manchem Mitglied das Weltbild gerettet Sie sind im Durchschnitt 72 Jahre alt, und sie proben im Sitzen \u2013 doch die Stimmen des einstigen Parteichors sind noch ungebrochen. BERLIN Beim 60. Jahrestag der Gr\u00fcndung der DDR-Grenztruppen haben sie auch gesungen. 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