{"id":223,"date":"2007-07-10T21:02:06","date_gmt":"2007-07-10T19:02:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jan-bosschaart.de\/wordpress\/?p=223"},"modified":"2008-06-24T21:03:46","modified_gmt":"2008-06-24T19:03:46","slug":"freundinnen-in-schwerer-zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/?p=223","title":{"rendered":"Freundinnen in schwerer Zeit"},"content":{"rendered":"<p><strong>Hannah Pick-Goslar berichtete an der Voltaire-Schule von Anne Frank<\/strong><\/p>\n<p>INNENSTADT Es muss schwer sein f\u00fcr Hannah Pick-Goslar, in Anne Franks Tagebuch zu lesen. Besonders jene Stelle, in der Anne mutma\u00dft, ihre Freundin Hannah sei vermutlich l\u00e4ngst tot. Seit Ende des Krieges ist es genau andersherum: Anne ist tot, Hannah lebt. Und sie wird nicht m\u00fcde, davon zu berichten \u2013 davon, wie sie Anne kennen lernte, und was f\u00fcr finstere Zeiten es waren. In Amsterdam, wohin die beiden j\u00fcdischen Familien geflohen waren, als Hitler 1933 an die Macht kam, trafen die beiden F\u00fcnfj\u00e4hrigen aufeinander: Eine Begegnung im Gem\u00fcseladen, der erste Tag im Kindergarten, und Hannah und Anne sollten Freundinnen werden f\u00fcr den Rest ihres Lebens. Sie ahnten noch nicht, dass das nur noch wenige Jahre waren. <\/p>\n<p>Soweit es ihre Kraft und Gesundheit zulassen, kommt Hannah Pick-Goslar aus Jerusalem oft nach Deutschland, um ihre und Annes Geschichte zu erz\u00e4hlen. Besonders oft kommt sie nach Brandenburg, und in die Landeshauptstadt am liebsten. Die Aula der Voltaire-Schule ist gut gef\u00fcllt an diesem Vormittag, fast 100 Sch\u00fcler, vorrangig aus der achten und neunten Klasse begr\u00fc\u00dfen die energiegeladene Israelin mit kr\u00e4ftigem Applaus. Sie wirkt nicht wie 79 \u2013 straffer Gang, pechschwarzes Haar, elegante Kleidung, selbstsicheres Auftreten. Die Entschuldigung f\u00fcr ihr schlechtes Deutsch darf getrost als Koketterie verbucht werden: In ihrem rund einst\u00fcndigen Vortrag, frei und ohne Pause gesprochen, unterl\u00e4uft ihr kein Fehler, keine Betonung weist darauf hin, dass sie seit vielen Jahren im Nahen Osten lebt, nicht mal ein Wort sucht sie. <\/p>\n<p>Hannah Pick-Goslar begeht auch nicht den Fehler, Anne Frank auf einen Sockel zu heben. Sie ist klug genug, zu wissen, dass ihr Tagebuch, das offenbar alle im Saal gelesen haben, f\u00fcr sich spricht. Die reale Anne mit ihren Schw\u00e4chen zu zeigen, l\u00e4sst die Sch\u00fcler viel n\u00e4her an das junge M\u00e4dchen heran, l\u00e4sst sie st\u00e4rker mitleiden, als es jeder Heroisierungs-Versuch k\u00f6nnte. Anne habe gern im Mittelpunkt gestanden, sagt Hannah Pick-Goslar, und ihre Mutter habe mit Recht gesagt: \u201eVielleicht wei\u00df Gott alles, aber sicher ist: Anne wei\u00df alles besser.\u201c Um so st\u00e4rker und nachhaltiger hat sich die vom Typhus geschw\u00e4chte, j\u00e4mmerliche Gestalt mit der d\u00fcnnen Stimme in Hannah Pick-Goslars Ged\u00e4chtnis eingebrannt, der sie Jahre sp\u00e4ter, von einem Stacheldrahtzaun getrennt, im KZ Bergen-Belsen begegnete: Wenige Wochen nach diesem Zufallstreffen war Anne tot. Sie w\u00fcrde wohl gl\u00fccklich sein, zu wissen, dass sie ihre Energie und Erz\u00e4hlkraft an ihre Freundin weitergegeben hat. <\/p>\n<p><em>Erschienen am 10.07.2007<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hannah Pick-Goslar berichtete an der Voltaire-Schule von Anne Frank INNENSTADT Es muss schwer sein f\u00fcr Hannah Pick-Goslar, in Anne Franks Tagebuch zu lesen. 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