{"id":29,"date":"2008-01-14T17:14:11","date_gmt":"2008-01-14T15:14:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jan-bosschaart.de\/wordpress\/?p=29"},"modified":"2008-07-02T02:15:48","modified_gmt":"2008-07-02T00:15:48","slug":"%e2%80%9ewie-fruher%e2%80%9c","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/?p=29","title":{"rendered":"\u201eWie fr\u00fcher!\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Jahrestag: Zehntausende gedachten in Berlin Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs <\/strong><\/p>\n<p>BERLIN Hilde Ketter ist vorbereitet. Dick angezogen und zus\u00e4tzlich von einer Decke gew\u00e4rmt, sitzt die 72-J\u00e4hrige kurz nach 9 Uhr am Sonntagmorgen auf dem Balkon ihrer Wohnung in der Frankfurter Allee, auf dem Schemel neben sich ein kleines Fernglas und eine Thermoskanne mit frischem Kaffee. Unter ihr, ein St\u00fcck die Allee hinab, sammeln sich etwa 50 linke Gruppen zum allj\u00e4hrlichen Gedenkmarsch anl\u00e4sslich des Jahrestages der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Mit Trommeln, Trillerpfeifen und Parolen vertreiben sie die K\u00e4lte, allgegenw\u00e4rtige Polizisten kontrollieren jeden Neuank\u00f6mmling auf Waffen und Wurfgegenst\u00e4nde, und die Demonstrationsleitung erinnert per Megaphon an die Regeln: Keine Stahlkappenschuhe, sch\u00f6n zusammenbleiben und Transparente stets in Laufrichtung halten, nicht zur Seite. \u201eVon mir aus kann&#8217;s losgehen\u201c, sagt Frau Ketter, die bereits bei der zweiten Tasse Kaffee angekommen ist und langsam ungeduldig wird. Die K\u00e4lte kriecht selbst unter die Decke.<br \/>\nDoch unten schert man sich nicht um die W\u00fcnsche der \u00e4lteren Dame, die \u201eaus Nostalgie\u201c jedes Jahr den Gedenkmarsch zu Ehren der 1919 von rechten Freikorps ermordeten Arbeiterf\u00fchrern beobachtet. Mit \u201eden Sozen\u201c habe sie zwar \u201enichts am Hut\u201c, sagt sie, doch \u201eden Aufmarsch\u201c schaue sie gern an. \u201eAuch wenn fr\u00fcher viel mehr los war\u201c, f\u00fcgt sie entt\u00e4uscht hinzu. Zu DDR-Zeiten organisierte Politb\u00fcro das Gedenken an \u201eKarl und Rosa\u201c, Hunderttausende zogen damals zur \u201eGedenkst\u00e4tte der Sozialisten\u201c auf dem Friedhof Friedrichsfelde. An diesem Sonntag sind es immerhin 3400 Demonstranten, die sich in den Zug einreihen, der \u201emit kommunistischer P\u00fcnktlichkeit\u201c, wie der Sprecher betont, um exakt 10 Uhr startet.<br \/>\nZwei Punkte sind es, die den Umzug in diesem Jahr herausheben: Zum einen haben rechte Gruppen Krawall angedroht, weshalb die Demonstrationsleitung ein wenig nerv\u00f6s wirkt, zum anderen ist es 20 Jahre her, dass eine kleine Gruppe Dissidenten 1988 auf der Demonstration mit einem Rosa-Luxemburg-Plakat f\u00fcr Meinungsfreiheit warb: \u201eFreiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden\u201c stand darauf, es war nur kurz zu sehen, bevor Sicherheitskr\u00e4fte das unterbanden, sorgte aber f\u00fcr Wirbel in westdeutschen Medien. Beide Punkte spielen an diesem Sonntag jedoch keine gro\u00dfe Rolle: Von Rechten ist weit und breit nichts zu sehen, wohl auch wegen der massiven Polizeipr\u00e4senz, und weil eine NPD\u2013Gegendemonstration verboten wurde. Und an die Dissidenten erinnert niemand \u00f6ffentlich. Die Linkspartei nimmt ohnehin nicht am Umzug der tendenziell sehr linken Gruppen teil, sondern beschr\u00e4nkt sich auf stilles Gedenken und eine Kranzniederlegung, an der unter anderem Parteivorsitzender Lothar Bisky, Fraktions chef Gregor Gysi und Bundestagsvizepr\u00e4sidentin Petra Pau teilnahmen. Auch viele Nichtparteig\u00e4nger kommen an diesem Tag zum Ehrenmal, die meisten mit einer roten Nelke in der Hand. Die Veranstaltungsleitung spricht von etwa 70 000 Besuchern.<br \/>\nAls der Demonstrationszug endlich unter ihrem Balkon vorbeikommt, hellt sich auch Hilde Ketters vor K\u00e4lte ger\u00f6tetes Gesicht auf: Sie hat eine DDR- und eine FDJ-Fahne in der Menge ausgemacht. Als der Zug auch noch die \u201eInternationale\u201c anstimmt, huscht ein L\u00e4cheln \u00fcber ihr Gesicht: \u201eWie fr\u00fcher!\u201c sagt sie.<\/p>\n<p><em>Erschienen am 14.01.2008<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jahrestag: Zehntausende gedachten in Berlin Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs BERLIN Hilde Ketter ist vorbereitet. Dick angezogen und zus\u00e4tzlich von einer Decke gew\u00e4rmt, sitzt die 72-J\u00e4hrige kurz nach 9 Uhr am Sonntagmorgen auf dem Balkon ihrer Wohnung in der Frankfurter Allee, auf dem Schemel neben sich ein kleines Fernglas und eine Thermoskanne mit frischem Kaffee. 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