{"id":291,"date":"2007-10-20T17:59:05","date_gmt":"2007-10-20T15:59:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jan-bosschaart.de\/wordpress\/?p=291"},"modified":"2008-07-08T18:13:31","modified_gmt":"2008-07-08T16:13:31","slug":"die-langzeiturlauber-am-trabbi-weg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/?p=291","title":{"rendered":"Die Langzeiturlauber am Trabbi-Weg"},"content":{"rendered":"<p><strong>Am Gaisberg campen manche schon seit 40 Jahren \u2013 verordnete fr\u00f6hliche Ostalgie ist ihre Sache aber nicht<\/strong><\/p>\n<p>PIRSCHHEIDE Die Zuwegung beginnt ganz harmlos als \u201eEichenallee\u201c. In ihrem Verlauf scheinen die Buchstaben ein wenig durcheinander zu geraten, denn pl\u00f6tzlich steht da: \u201eErich-Allee\u201c. Ein Versehen scheidet aus, denn neben dem Schriftzug prangt das gewohnt grimmige Konterfei des Staatsratsvorsitzenden.<br \/>\nEs ist nicht die einzige Reminiszenz an die DDR im Campingpark Sanssouci-Gaisberg in der Pirschheide. W\u00e4hrend in der Landeshaupstadt l\u00e4ngst die Wilhelm-Pieck-Stra\u00dfe zur Charlottenstra\u00dfe wurde, dr\u00e4ngen sich zwischen Elster- und Drosselweg, zwischen Wildschweinwiese und Storchenufer die \u201eDDR-Promenade\u201c, der \u201eTrabbi-Weg\u201c und der \u201eSandm\u00e4nnchen-Pfad\u201c. \u201eEs w\u00e4re doch albern, unsere Vergangenheit zu leugnen\u201c, sagt Dieter L\u00fcbberding, der zur Betreiberfamilie geh\u00f6rt. Die kommt aus Niedersachsen. Das gilt als kleiner Sch\u00f6nheitsfehler unter den Dauercampern, wie auch der Umstand, dass L\u00fcbberding demonstrativ mit einem gelben Trabi-K\u00fcbel durch Potsdam und Umgebung kurvt \u2013 mit einem, den ein CLP-Kennzeichen ziert. CLP wie Cloppenburg.<br \/>\nDieter L\u00fcbberding ist in dieser Hinsicht schmerzfrei: Er parkt den Gelben gut sichtbar am Eingangstor, auf einer extra gezimmerten Plattform. F\u00fcr ihn ist das eine Form des Marketings. Vielen G\u00e4sten sei die DDR-Geschichte doch gar nicht gegenw\u00e4rtig, oft werde er gefragt, ob Potsdam im Osten gelegen habe. \u201eWir m\u00fcssen uns hier mit unserer Ost-Vita doch nicht verstecken\u201c, sagt er.<br \/>\nSein Campingpark geh\u00f6rt zu den besten in Deutschland \u2013 von Branchenf\u00fchrern und vom ADAC wird er regelm\u00e4\u00dfig mit den h\u00f6chsten Auszeichnungen bedacht. Weil er wundersch\u00f6n gelegen ist, weil die Betreiberfamilie mehr als r\u00fchrig ist und weil auf jedes Detail geachtet wird. \u201eKlein aber fein\u201c und \u201eUrlaub ohne Sorgen\u201c sind die Firmenmantras, die Dieter L\u00fcbberding nicht nur unerm\u00fcdlich wiederholt, sondern seit \u00dcbernahme des Platzes 1991 auch ebenso unerm\u00fcdlich umsetzt. \u00dcber den Herrentoiletten, die es in drei Gr\u00f6\u00dfen S, M und L f\u00fcr verschiedene Wuchsh\u00f6hen gibt, wachen Friedrich der Gro\u00dfe und Kaiser Wilhelm I., die Damen m\u00fcssen unter Augusta von Sachsen oder Sophie-Luise von Mecklenburg-Schwerin hindurch, um sich zu erleichtern. Der Platz hei\u00dft nunmal k\u00f6niglicher Campingpark Sanssouci, und Adel verpflichtet.<br \/>\nTrotzdem ist es ein typischer Campingplatz, und ein typisch deutscher dazu. Von den ausl\u00e4ndischen G\u00e4sten \u2013 Holl\u00e4nder und D\u00e4nen kommen besonders gern \u2013 werden etwa die allgegenw\u00e4rtigen Verbotsschilder stets mit einer Mischung aus Am\u00fcsiertheit und Ver\u00e4rgerung quittiert: Surfbretter verboten. Eltern haften f\u00fcr ihre Kinder. Keine Tiere f\u00fcttern. Kinder unter 7 Jahren nicht allein aufs Klo. Kein L\u00e4rm vor 8 Uhr, kein L\u00e4rm nach 22 Uhr, kein L\u00e4rm zwischen 13 und 15 Uhr. Keine Besucher ohne Anmeldung. Keine Wasserentnahme aus dem Sanit\u00e4rtrakt.<br \/>\nDer Platz ist gepflegt. Sehr gepflegt. Der englische Rasen zwischen den Dauercampern erstrahlt in fast unnat\u00fcrlichem Gr\u00fcn, die Halme sind exakt gestutzt. Nur selten verunziert ein gelbes Blatt die reine Fl\u00e4che. Dieser Tage kommt selbst der emsigste Laubfeger nicht hinterher. Es ist eine idyllische und \u2013 doch, ja \u2013 streckenweise auch ziemlich spie\u00dfige Parallelwelt an den Toren der Landeshauptstadt.<br \/>\nChristel Herbst versucht es trotzdem. Die 67-J\u00e4hrige hat den Besen fest in der Hand und ficht entschlossen ihren Kampf gegen das Laub. \u201eWer einen Tag aussetzt, hat verloren\u201c, sagt sie und betont, dass daher wenig Zeit f\u00fcr weitere Fragen bliebe. Seit 1971 residiert die Dauercamperin auf einem der privilegierten Pl\u00e4tze ganz vorn am Ufer des Templiner Sees \u2013 mit dem vollen Programm: Wohnwagen, Vorzelt, Pavillon, umz\u00e4unte Fl\u00e4che, Blumenk\u00e4sten, Sat-Sch\u00fcssel. Der Wohnwagen ist l\u00e4ngst fest mit dem m\u00e4rkischen Boden verwachsen. Ihr Sohn nebst Frau hat den Platz rechts dahinter, die Enkelin nebst Urenkelin links daneben. Von Ende M\u00e4rz bis Anfang November lebt Christel Herbst dort, in der \u201e\u00dcbergangszeit dazwischen\u201c muss sie in ihre Stadtwohnung auf dem Kiewitt.<br \/>\n150 solcher Dauercamper gab es zu DDR-Zeiten auf dem Platz, nach der Wende hat sich die Schar der Alteingesessenen auf unter 50 reduziert, erz\u00e4hlt sie. Sie sagt es so nachdr\u00fccklich, dass es unm\u00f6glich ist, das Bedauern in ihrer Stimme zu \u00fcberh\u00f6ren. Ob ihr daher auch Erich-Allee und Trabbi-Weg gefallen? Christel Herbst h\u00e4lt mit dem Kehren inne. \u201eAch das\u201c, sagt sie und stellt den Besen weg, \u201edas hat sich der L\u00fcbberding letztes Jahr einfallen lassen.\u201c Sie tippt mit der nun freien Hand an die Stirn, sieht sich um und senkt die Stimme: \u201eDer hat von der DDR doch keine Ahnung. F\u00fcr den ist das Spa\u00df. Wir aber kennen den Unterschied noch \u2013 auch preislich.\u201c Drei Preiserh\u00f6hungen habe es seit der Wende schon gegeben, und dreimal Umziehen habe sie auch m\u00fcssen, als der Platz umstrukturiert wurde. Umziehen, das kommt f\u00fcr Dauercamper offenbar einer Vertreibung aus dem Paradies gleich.<br \/>\nDass sie f\u00fcr ihr Geld auf einem der besten Campingpl\u00e4tze residiert, ist Christel Herbst ziemlich gleich: \u201eIch brauche nur den See und die B\u00e4ume. Tolle Duschen, Toiletten, K\u00fcche und Restaurant nutze ich nicht. Wir sind Selbstversorger.\u201c Entsprechend kritisch sieht sie das Streben nach best\u00e4ndiger Verbesserung. \u201eWir hei\u00dfen nicht mehr Dauercamper, sondern Langzeiturlauber, haben die beschlossen \u2013 so\u2019n Quatsch!\u201c Mit den Urlaubern pflegt sie wenig Kontakt \u2013 \u201edie neiden uns meist unsere Pl\u00e4tze\u201c.<br \/>\nDass es am Ende doch noch ein bisschen wie DDR ist, merkt an diesem Tag allgemeiner Abreise ein Autofahrer, der hoffte, \u00fcber das Gel\u00e4nde des Campingparks den Weg zum Gaisberg abzuk\u00fcrzen: Gegen Besuchergeb\u00fchr kommt er zwar rein, wegen eines Eisengitters am anderen Ende aber nicht wieder heraus. <\/p>\n<p><em>Erschienen am 20.10.2007<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Gaisberg campen manche schon seit 40 Jahren \u2013 verordnete fr\u00f6hliche Ostalgie ist ihre Sache aber nicht PIRSCHHEIDE Die Zuwegung beginnt ganz harmlos als \u201eEichenallee\u201c. 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