{"id":2930,"date":"2011-03-26T00:00:53","date_gmt":"2011-03-25T23:00:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/?p=2930"},"modified":"2011-04-04T17:23:31","modified_gmt":"2011-04-04T16:23:31","slug":"2930","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/?p=2930","title":{"rendered":"Vulkanausbruch in der Mundh\u00f6hle"},"content":{"rendered":"<p><strong>Nachschlag: Das Curry Culture hat leckere W\u00fcrste zu zivilen Preisen \u2013 und So\u00dfen f\u00fcr Jungs, die hart sein wollen<\/strong> <\/p>\n<p><em>Ob Spitzenrestaurant, Caf\u00e9, Kneipe, Ausflugslokal oder D\u00f6ner \u2013 Mitarbeiter des Potsdamer Stadt- und Landkuriers sind als anonyme Tester unterwegs.<\/em> <\/p>\n<p>Der Weg in die H\u00f6lle ist mit vier Stufen versehen, die da lauten: Feuriger Pfad, Krakatau, Montezumas Rache und das J\u00fcngste Gericht. Man kann diese Namen albern finden, aber wer die Curryso\u00dfen probiert, die sie bezeichnen, billigt ihnen augenblicklich einen gewissen Respekt zu. Auch sieht der Vorhof der H\u00f6lle vergleichsweise einladend aus: Das \u201eCurry Culture\u201c ist der j\u00fcngste Spross in der reichhaltigen Imbiss-Landschaft der Bahnhofspassagen und lockt mit einem satten Paprika-Orange vorbeihetzende Passanten an den Tresen. Dort haben sie die Wahl zwischen klassischer Currywurst, Kalbscurrywurst, Krakauer, Chiliwurst, Bratwurst, Schaschlikspie\u00df und Knusperschnitzel \u2013 am besten im Men\u00fc mit Pommes Frites und einem kleinen Getr\u00e4nk. Zwischen vier (Bratwurst) und sechs Euro (Schnitzel) werden daf\u00fcr f\u00e4llig.<br \/>\nDie Stars sind aber die So\u00dfen, nicht nur die Dips f\u00fcr die \u201ebesten Pommes weit und breit\u201c, wie ein Plakat k\u00fcndet \u2013 Schnittlauchcreme, Quark, Knoblauch, Honig-Senf, Mayo \u2013 sondern eben jene Feuerpasten. F\u00fcr den vorgebildeten Chilifreund stehen die Scoville-Werte der So\u00dfen an jedem Platz. Die Scoville-Skala gibt die Sch\u00e4rfe von Paprika an, in dem sie den Gehalt an Capsaicin, das f\u00fcr die Sch\u00e4rfeempfindung zust\u00e4ndig ist, angibt. Eine Gem\u00fcsepaprika hat null, reines Capsaicin hat 15 Millionen Punkte auf der Skala. Ein Tropfen davon auf der Zunge gen\u00fcgt, um in Ohnmacht zu fallen. Wir probieren alle vier So\u00dfen \u2013 mit einer Kalbscurrywurst, die wir zun\u00e4chst kosten, so lange noch ein Rest Geschmackssinn im Mundraum regiert. Sie ist hei\u00df, weich, au\u00dfen sch\u00f6n kross, zartes Fleisch \u2013 wie eine Curry sein soll.<br \/>\nLos geht\u2019s mit dem Feurigen Pfad (150 000), eine klassische So\u00dfe f\u00fcr Currywurstfans, die es gern etwas pikant m\u00f6gen. Hat eine gewisse Sch\u00e4rfe, tut aber niemandem wirklich weh. So ermutigt, ist der Krakatau (300 000) dran. Das war ein Vulkan, der 1883 sich in unbewohntes Gebiet ergoss. Die Mundh\u00f6hle des Testers ist hingegen h\u00f6chst lebendig. Noch. Sie bleibt es auch danach. Krakatau bei\u00dft zwar schon geh\u00f6rig in die Schleimh\u00e4ute, und eine gesamte Currywurst mit dieser So\u00dfe w\u00e4re schon irgendwo zwischen Genuss und Grenzwertigkeit anzusiedeln, aber um Frauen oder die Fu\u00dfballkumpels zu beeindrucken, tun M\u00e4nner ja so was. Immerhin: Der Tester zieht jetzt die Jacke aus. Ihm ist \u201eirgendwie warm\u201c geworden. Es folgt Montezumas Rache (600 000). Kein sch\u00f6ner Name f\u00fcr ein Lebensmittel, weil sofort Assoziationen an Reisekrankheit und Urlaubswochen auf der Toilette auftauchen. Aber sei\u2019s drum. Montezuma ist hinterlistig, denn die tastende Zunge erschmeckt zun\u00e4chst nur Fruchtigkeit. Auch der Gaumen. Verdutztes Innehalten. Dann z\u00fcndet der Nachbrenner. Es ist Zeit, den obersten Hemdknopf zu \u00f6ffnen und von Nasen- auf Mundatmung zu wechseln \u2013 in dem sinnlosen Versuch, die gebeutelten Geschmacksknospen zu k\u00fchlen. Der Cola-Verbrauch steigt und verschafft die Illusion von K\u00fchlung, obgleich wir vorab doch gelesen haben, dass nur Fett oder Alkohol das Capsaicin leidlich b\u00e4ndigen. F\u00fcr einen Schnaps im Dienst ist es aber zu fr\u00fch, und die sicherheitshalber mitgebrachte Schlagsahneflasche zu \u00f6ffnen kommt nicht in Frage, so lange der wirklich nette Herr hinter der Theke so d\u00e4mlich und erwartungsvoll grinst.<br \/>\nAlso zum Finale. Das J\u00fcngste Gericht bringt eine Million Punkte auf der Scoville-Skala und den Respekt der zwei Bauarbeiter, die am selben Tisch sitzen. \u201eAlle Achtung!\u201c sagen sie, das kommt nicht oft vor. Es bleibt nicht viel Zeit, sich daran zu erfreuen. Der Mundraum verwandelt sich in ein flammendes Inferno, der Tester liefe am liebsten los und wird nur noch vom Berufsethos an den Platz gefesselt. Das Zahnfleisch scheint sich zur\u00fcckziehen zu wollen, es spannt, es brennt und die Gesichtsfarbe nimmt das intensive Feuerwehrrot der So\u00dfe an. Die Serviette wird zum Abtupfen der Stirn ben\u00f6tigt, und eine \u00e4ltere Damen gegen\u00fcber tippt beunruhigt ihren Mann an und schaut, als f\u00fchre sie an einem Autounfall vorbei. Die Atemfrequenz liegt deutlich \u00fcber 100, nur bringt das sto\u00dfweise K\u00fchlen des Mundraums nichts. Das Capsaicin reizt zwar die selben Nerven, die auch Hitze melden. Jetzt hilft nur noch Geduld. In all das Leiden hinein sagt der Mann hinter der Theke, um Frauen zu beeindrucken, schaffen manche M\u00e4nner davon sogar eine ganze Currywurst. Wir halten das f\u00fcr missverstandene Liebe. <\/p>\n<p><em>Erschienen am 26.03.2011<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachschlag: Das Curry Culture hat leckere W\u00fcrste zu zivilen Preisen \u2013 und So\u00dfen f\u00fcr Jungs, die hart sein wollen Ob Spitzenrestaurant, Caf\u00e9, Kneipe, Ausflugslokal oder D\u00f6ner \u2013 Mitarbeiter des Potsdamer Stadt- und Landkuriers sind als anonyme Tester unterwegs. 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