{"id":308,"date":"2007-11-23T18:25:08","date_gmt":"2007-11-23T16:25:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jan-bosschaart.de\/wordpress\/?p=308"},"modified":"2008-07-08T18:28:34","modified_gmt":"2008-07-08T16:28:34","slug":"glassplitter-im-geburtstagskuchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/?p=308","title":{"rendered":"Glassplitter im Geburtstagskuchen"},"content":{"rendered":"<p><strong>84-J\u00e4hrige bei Bomben-Evakuierung von Erinnerungen heimgesucht \/ Alte Dame will im Luftschutzkeller bleiben <\/strong><\/p>\n<p>BABELSBERG Als Hilde Wandel gestern Morgen kurz nach acht ihre Wohnung in der Fritz-Zubeil-Stra\u00dfe r\u00e4umte, hatte sie das Schlimmste hinter sich: die Nacht. \u201eEs war schrecklich. Alles brach \u00fcber mir zusammen. Ich dachte: Jetzt ist es soweit. Jetzt sterbe ich wirklich. Doch dann bin ich wach geworden, und ich habe voller Erstaunen gesp\u00fcrt: Ich habe \u00fcberlebt.\u201c Diesen Alptraum, der ihr jahrelang schrecklich vertraut war, hat Hilde Wandel ein halbes Jahrhundert nicht mehr gehabt. Warum er gerade jetzt wiederkehrt, daran hat die 84-J\u00e4hrige keinen Zweifel.<br \/>\nW\u00e4hrend sie erz\u00e4hlt, dreht Sprengmeister Manuel Kunzendorf etwa einen Kilometer entfernt gerade den Z\u00fcnder aus der amerikanischen Sprengbombe. Als das 250 Kilogramm schwere Geschoss 1943 in den weichen Boden der Nuthewiesen an der Fritz-Zubeil-Stra\u00dfe fiel und ohne zu explodieren liegen blieb, hockte Hilde Wandel im Luftschutzkeller in der Gartenstra\u00dfe \u2013 wenige Meter Luftlinie entfernt.<br \/>\nEs ist die 101. Bombenbergung seit der Wende in Potsdam, doch das erste Mal, dass Hilde Wandel deswegen evakuiert wird. Ein Zettel vom Gesundheitsamt an der Haust\u00fcr hat sie darauf aufmerksam gemacht. Binnen Sekunden sei alles wieder da gewesen, sagt sie: Die Sirenen, die Todesangst, die Sorge um ihre rheumakranke Mutter, die immer von zwei M\u00e4nnern auf ihrem Stuhl in den Luftschutzkeller getragen werden musste, die Ger\u00e4usche von splitternden Fenstern, das Echo der Druckwellen unter der Haut, die sie mehr als einmal von einer Ecke des Kellers in die andere warfen. Nein, Hilde Wandel braucht keinen Psychologen, um sich ihren Alptraum zu deuten. \u201eVielleicht\u201c, sagt sie, \u201eist das eine der Bomben, die an meinem 20. Geburtstag fielen.\u201c Damals, am 6. M\u00e4rz 1943, seien sie besonders nahe gefallen und der Aufenthalt im Keller ein Alptraum gewesen. Hilde Wandel erinnert sich gut an den Erdbeerkuchen, den ihre Mutter der nun erwachsenen Tochter gebacken hatte. Er war von Glassplittern \u00fcbers\u00e4t.<br \/>\nDerweil sch\u00fcttelt Alina Weidemann gerade den letzten Tropfen Tee aus ihrer Thermoskanne in den Becher, den sie dann mit beiden H\u00e4nden umklammert, um die W\u00e4rme herauszusaugen. Das ist ein aussichtsloses Unterfangen: Der Tee ist l\u00e4ngst nur noch lauwarm. Seit 8 Uhr morgens bewacht die Auszubildende aus der st\u00e4dtischen Bu\u00dfgeldstelle mit ihrer Kollegin Janett Meier aus dem Sozialamt einen Trampelpfad s\u00fcdlich der Gro\u00dfbeerenstra\u00dfe, der direkt in den Sperrkreis f\u00fchrt. Bis auf einen Spazierg\u00e4nger mit Hund versuchte in den f\u00fcnf Stunden niemand, hier \u201edurchzubrechen\u201c, und selbst der verstand die Einw\u00e4nde sofort und machte kehrt. Alina Weidemann erz\u00e4hlt das mit Bedauern. Eine angeregte Debatte w\u00e4re zumindest eine kleine Abwechslung gewesen. Etwa 200 Verwaltungsmitarbeiter aus allen Abteilungen des Rathauses fr\u00f6steln f\u00fcr Bombe 101 in gelben Warnwesten rund um den Sperrkreis um die Wette. Leere Kaffeebecher, Pizzaschachteln, Handschuhe und Schals erz\u00e4hlen von ihren Warmhalteversuchen. Gegen Mittag sind alle Themen angesprochen, der Blick auf die Uhr wird h\u00e4ufiger.<br \/>\nUm 11.30 Uhr hellen sich die Mienen auf: Der Einsatzleiter gibt endlich den Sperrkreis frei. Alle Anwohner sind raus, der Sprengmeister r\u00fcckt nun dem Z\u00fcnder zu Leibe.<br \/>\nDie Potsdamer waren diszipliniert. Brunhilde Schulz aus der Gr\u00fcnstra\u00dfe verlie\u00df ihre vier W\u00e4nde aber nur unter Protest: \u201eWir haben doch einen Luftschutzkeller\u201c, sagte sie. Doch von besonderen Vorkommnissen wissen weder Verwaltung noch Polizei noch Feuerwehr. Ja, einige mussten nachdr\u00fccklich \u00fcberredet werden, die Wohnung zu verlassen; ja, in einem Fall r\u00fcckte der Schl\u00fcsseldienst an, um einen verbarrikadierten Anwohner von der Notwendigkeit der R\u00e4umung zu \u00fcberzeugen; ja, etwa 35 B\u00fcrger, die schlecht zu Fu\u00df sind, brachte die Feuerwehr mit dem Auto in die Ausweichquartiere am Schlaatz und in der Goethe-Schule. Aber sonst? Der Einsatzleiter sch\u00fcttelt den Kopf und gie\u00dft sich Kaffee nach. Die Stadt ist Bomben gewohnt.<br \/>\nHilde Wandel m\u00f6chte sich nicht dran gew\u00f6hnen. Nicht, dass es ihr in der Turnhalle der Goethe-Schule missfiele, die f\u00fcr f\u00fcnf Stunden ihre Unterkunft ist: 18 Bewohner aus dem Sperrkreis, \u00fcberwiegend Rentner, treffen hier zusammen, das Gesundheitsamt empf\u00e4ngt sie mit Kaffee und Spekulatius. In der Halle sitzen die Evakuierten in einer Reihe und tauschen angeregt Details \u00fcber Krankheit und Altersplagen aus. Nachdem alles gesagt ist, schauen sie stumm ins Leere. Hilde Wandel hingegen l\u00e4sst die Erinnerungen schweifen. Es hilft ihr, die Nacht zu verarbeiten, sagt sie.<br \/>\nIn Halina Kiriljug, die am Kartoffelhof arbeitet, aber heute wegen Sperrung frei hat, findet sie eine dankbare Zuh\u00f6rerin. Kiriljug stammt aus der Ukraine, lebt seit sechs Jahren in Deutschland. In ihrer Heimat ist sie zweimal wegen Erdbeben evakuiert worden. \u201eDas war aber nicht so lustig wie hier\u201c, sagt sie und deutet mit der Kaffeetasse in die Runde. \u201eHier ist alles so organisiert, so \u2013 wie sagt man? \u2013 routiniert!\u201c<br \/>\nDas wiederum ist ein Wort, das Manuel Kunzendorf meidet. Routine ist f\u00fcr Bombenentsch\u00e4rfer gef\u00e4hrlich. Dennoch war es ein normaler Arbeitstag, betont er, als er um 12.35 Uhr die Freigabe verk\u00fcndet. Der Z\u00fcnder ist raus, die Bombe transportbereit. Gefahr gebannt. Sozialdezernentin Elona M\u00fcller hat ihm eine Jumbopackung Dominosteine geschenkt, hoffend, man treffe vor Weihnachten dienstlich nicht mehr zusammen. Kunzendorf witzelt: \u201eSprengbombe entsch\u00e4rft, Kalorienbombe bekommen.\u201c<br \/>\nAuch Hilde Wandel ist erleichtert, als die Nachricht in die Turnhalle durchdringt. Als kurz darauf die Schulklingel durchdringend schrillt, zuckt sie dennoch zusammen. <\/p>\n<p><em>Erschienen am 23.11.2007<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>84-J\u00e4hrige bei Bomben-Evakuierung von Erinnerungen heimgesucht \/ Alte Dame will im Luftschutzkeller bleiben BABELSBERG Als Hilde Wandel gestern Morgen kurz nach acht ihre Wohnung in der Fritz-Zubeil-Stra\u00dfe r\u00e4umte, hatte sie das Schlimmste hinter sich: die Nacht. \u201eEs war schrecklich. Alles brach \u00fcber mir zusammen. Ich dachte: Jetzt ist es soweit. Jetzt sterbe ich wirklich. 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