{"id":36,"date":"2008-01-03T17:22:59","date_gmt":"2008-01-03T15:22:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jan-bosschaart.de\/wordpress\/?p=36"},"modified":"2014-04-02T17:53:54","modified_gmt":"2014-04-02T16:53:54","slug":"lauwarmer-entzug","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/?p=36","title":{"rendered":"Lauwarmer Entzug"},"content":{"rendered":"<p><strong>Nichtraucherschutz: Seit Neujahr gilt das Rauchverbot in Gastst\u00e4tten, aber nicht jeder h\u00e4lt sich daran <\/strong><\/p>\n<p><em>Seit drei Tagen ist die Zigarette im Lokal verboten. Die Gastwirte reagieren mit kaltem Entzug, langsamer Entw\u00f6hnung \u2013 und strikter Verweigerung.<\/em><\/p>\n<p>POTSDAM Richard Putters Welt ist in der Silvesternacht ein kleines St\u00fcck heller geworden. Der 33-J\u00e4hrige, der sich selbst als Gourmet, als Wein- und Kaffeekenner bezeichnet, geht seither mit weniger Vorbehalten in Restaurants und Caf\u00e9s. \u201eIch habe nie verstanden, wie man in nikotingetr\u00e4nkter, rauchverpesteter Luft Genuss erleben soll\u201c, sagt der Potsdamer und wedelt imagin\u00e4re Rauchschwaden weg. Die Geste ist \u00fcberfl\u00fcssig: Im Spezialit\u00e4tenkaffee in den Potsdamer Bahnhofspassagen, wo Putter seinen Latte Macchiato schl\u00fcrft, sind die Aschenbecher seit dem 1. Januar abgeschafft worden. Und Putter ist nicht der einzige, den das freut. \u201eEinige G\u00e4ste sind froh, jetzt \u00fcberall sitzen zu k\u00f6nnen, nicht nur in der Nichtraucherecke\u201c, sagt Filialleiterin Yvonne Sprenger. Einige, aber nicht alle: F\u00fcnf G\u00e4ste machten auf der Schwelle kehrt, als sie vom kategorischen Rauchverbot im Caf\u00e9 erfuhren, zwei weitere haben diskutiert, letztlich aber doch einen Kaffee bestellt.<br \/>\nSo rigoros wie dort verfuhr man nicht \u00fcberall: Die meisten Lokale lie\u00dfen ihre G\u00e4ste in der Silvesternacht auch nach 0 Uhr weiterrauchen. \u201eAschenbecher einsammeln w\u00e4re uns zu albern gewesen\u201c, sagt Bob Demtr\u00f6der vom Potsdamer Alex-Restaurant. Doch auch bei ihm gilt seit Dienstagmittag: Wer seine Zigarette braucht, muss vor die T\u00fcr. Dort stehen W\u00e4rmedecken und Heizpilze bereit. Weil einige Kunden ihrem Unmut lautstark Luft machten, wird das Alex k\u00fcnftig bis zum fr\u00fchen Abend auch das Rauchen zumindest an der Theke wieder erlauben \u2013 zu viele drohten, nicht wiederzukommen. Das aber kann nur eine \u00dcbergangsl\u00f6sung sein: Sp\u00e4testens zum 30. Juni ist auch damit Schluss, denn dann werden die im Nichtraucherschutzgesetz bislang nur angedrohten Bu\u00dfgelder auch erhoben: 100 Euro f\u00fcr rauchende G\u00e4ste und 1000 Euro f\u00fcr Wirte, die das nicht unterbinden. Bis dahin kocht jeder sein eigenes S\u00fcppchen: Vom rigorosen Entsorgen aller Aschenbecher \u00fcber die Auslagerung rauchender G\u00e4ste in den Raucherraum bis zur maximalen Ausnutzung der \u00dcbergangsphase \u2013 oder durch radikale Verweigerung. Dabei ist eine Zweiteilung zu beobachten: W\u00e4hrend die gehobenen Restaurants und Hotels seit dem Neujahrstag den Tabakqualm aus ihren R\u00e4umen verbannt haben, weigern sich die Eckkneipen und Bars noch.<br \/>\nSo wie Ulrich \u201eUli\u201c Kasiske. Kasiske ist Kneipier in Berlin-Friedrichshain und ein erbitterter Gegner des neuen Gesetzes. Gemeinsam mit zwei Stammg\u00e4sten hat er die \u201eInitiative f\u00fcr Genuss Berlin\u201c gegr\u00fcndet, die in der Hauptstadt flei\u00dfig Unterschriften gegen das Gesetz sammelt. 20 000 ben\u00f6tigt sie in einer ersten Stufe, rund 6000 hat Kasiske schon zusammen. \u201eBei mir rauchen 95 Prozent der G\u00e4ste\u201c, sagt er, \u201eich will ja nur, dass jeder Wirt selbst entscheiden darf.\u201c Mit seiner Initiative und mit der Ank\u00fcndigung, in ein noch einzurichtendes Raucherzimmer seiner Kneipe einen Tunnel einzubauen, damit Nichtraucher nikotinfrei zu den Toiletten gelangen, hat er es in diesen Tagen bereits zu einiger Presseber\u00fchmtheit gebracht.<br \/>\nAm Tag zwei der rauchfreien Gastst\u00e4tten formierte sich auch der Widerstand. Nicht jeder ging dabei so weit wie jener Gast eines Restaurants auf der Nordseeinsel Wangerooge, der aus Wut \u00fcber das Rauchverbot auf den Wirt mit einer Bierflasche einpr\u00fcgelte: Der Deutsche Hotel- und Gastst\u00e4ttenverband Dehoga etwa beschr\u00e4nkte sich darauf, seine Kritik an den Gesetzen zu erneuern. Bereits kurz vor Weihnachten strengte der Verband eine Klage vor dem Bundesverwaltungsgericht an, um vor allem die Eckkneipen zu sch\u00fctzen. Bayerische Wirte, die dem strengsten Gesetz ausgesetzt sind, erkl\u00e4rten gestern, sie planten zudem eine Verfassungsbeschwerde in Karlsruhe, und die Internetseite \u201eZigarrenplattform.de\u201c rief \u201ealle Tabakgenie\u00dfer und politisch wachen Nichtraucher\u201c auf, \u201edie Ausbreitung einer Verbotskultur in Deutschland zu bek\u00e4mpfen!\u201c. Aus einer anderen Richtung kam Kritik von der brandenburgischen Bundestagsabgeordneten Petra Bierwirth (SPD), die Chefin des Umweltausschusses ist: Sie forderte einen Verzicht auf Heizpilze, die Wirte vor ihren Lokalen aufstellen, um rauchende G\u00e4ste nicht in der K\u00e4lte stehen zu lassen. Die Ger\u00e4te f\u00fchrten zu einem enormen CO2-Aussto\u00df.<br \/>\nAuch in Frankreich und Portugal gelten seit dem 1. Januar Rauchverbote in Lokalen. Das fiel vor allem Antonio Nunes auf die F\u00fc\u00dfe: Der Chef der f\u00fcr das portugiesische Nichtraucherschutzgesetz zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rde wurde in der Silvesternacht von einer Tageszeitung rauchend in einem Lissabonner Kasino ertappt. Ihm sei nicht bewusst gewesen, dass das Gesetz auch Kasinos einschlie\u00dfe, gab er zu Protokoll und will nochmal nachlesen.<\/p>\n<p><em>Erschienen am 03.01.2008 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nichtraucherschutz: Seit Neujahr gilt das Rauchverbot in Gastst\u00e4tten, aber nicht jeder h\u00e4lt sich daran Seit drei Tagen ist die Zigarette im Lokal verboten. Die Gastwirte reagieren mit kaltem Entzug, langsamer Entw\u00f6hnung \u2013 und strikter Verweigerung. POTSDAM Richard Putters Welt ist in der Silvesternacht ein kleines St\u00fcck heller geworden. 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