{"id":37,"date":"2007-04-14T17:25:10","date_gmt":"2007-04-14T15:25:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jan-bosschaart.de\/wordpress\/?p=37"},"modified":"2008-07-02T02:19:06","modified_gmt":"2008-07-02T00:19:06","slug":"letzte-ausfahrt-heiligendamm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/?p=37","title":{"rendered":"Letzte Ausfahrt Heiligendamm"},"content":{"rendered":"<p><strong>Attac: Im Jahr des G 8-Gipfels droht der Abstieg in die Bedeutungslosigkeit <\/strong><\/p>\n<p>POTSDAM In der \u201eGalerie\u201c finden sich Bilder aus besseren Tagen: Die Potsdamer Attacies beim G8-Gipfel in Evian (Sommer 2003) und beim Europ\u00e4ischen Sozialforum in Paris (November 2003). Unter Termine steht: \u201eN\u00e4chstes Treffen 2005, Montag\u201c. Die Rubrik \u201eAktuelles\u201c vermerkt eine Protestdemo am 16. Februar 2005. Kurzum: Auf der Internetseite von Attac Potsdam liegt eine sp\u00fcrbare Staubschicht. Auch auf Mails und Anrufe reagiert zun\u00e4chst niemand. Damit ist Potsdam kein Einzelfall, die Attac-Hauptseite beweist es \u2013 viele Ortsgruppen haben den Betrieb vor\u00fcbergehend oder dauerhaft eingesellt: Emden: \u201eDie Gruppe ruht im Moment, es soll aber bald weitergehen.\u201c Oder Greifswald: \u201eZurzeit finden keine Treffen statt.\u201c Was also ist los mit Attac, dem einstigen Medienliebling, der \u201eStimme der Globalisierungskritiker\u201c?<br \/>\n\u201eAttac ist in ein Loch gefallen, man macht eine formidable Orientierungskrise durch\u201c, sagt Ralf Baus, der f\u00fcr die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung mehrere Dossiers \u00fcber das Netzwerk verfasst hat. Ein Grund sei die abgenommene Aufmerksamkeit der Medien. Aber erkl\u00e4rt das das Ph\u00e4nomen nicht quasi von hinten nach vorn? \u201eDie Medien haben Attac gro\u00df gemacht\u201c, best\u00e4tigt Dieter Rucht, der am Wissenschaftszentrum Berlin \u00fcber soziale Bewegungen forscht: \u201eAttac war nie ein Vork\u00e4mpfer der Globalisierungskritik. Und es ist nicht gro\u00df: Im Vergleich mit den Gewerkschaften oder Greenpeace ist es sogar ein Zwerg. Aber sie sind im richtigen Moment von den Medien emporgesp\u00fclt worden.\u201c<br \/>\nGeboren wurde die Protestbewegung schon einige Jahre zuvor in Frankreich. In einem ber\u00fchmt gewordenen Leitartikel der franz\u00f6sischen links-intellektuellen \u201eLe Monde diplomatique\u201c forderte der Journalist Ignacio Ramonet die Einf\u00fchrung einer Steuer auf internationale Devisengesch\u00e4fte, die so genannte Tobin-Steuer, um die internationalen Finanzm\u00e4rkte zu demokratisieren. Der Aufruf erzeugte soviel Resonanz, dass es innerhalb weniger Monate Anfang 1998 zur Gr\u00fcndung von Attac kam. Der Name leitet sich aus der franz\u00f6sischen Abk\u00fcrzung f\u00fcr \u201eVerein f\u00fcr eine Besteuerung von Finanztransaktionen zum Wohle der B\u00fcrger\u201c ab. Der deutsche Ableger des Netzwerks erblickte im Jahr 2000 das Licht der \u00d6ffentlichkeit. Ein denkbar g\u00fcnstiger Moment: Die beiden linken Parteien im Bundestag waren an der Regierung und hatten ein Jahr zuvor Deutschland in den ersten Kriegseinsatz seit Gr\u00fcndung der Bundesrepublik gef\u00fchrt. Linker Protest fand im Parteiensystem keinen Ansprechpartner mehr.<br \/>\n\u201eGerade f\u00fcr viele junge Leute war Attac eine interessante Gruppe: Sie erhofften sich eine schnelle Ver\u00e4nderung in der Politik und wurden von den lockeren Netzwerkstrukturen angezogen\u201c, sagt Dieter Rucht. In wenigen Jahren explodierten die Mitgliedszahlen f\u00f6rmlich: von 2000 im Dezember 2000 auf 12 000 im Dezember 2003. Daran ist vor allem Genua schuld. Kein Ereignis hat soviel Aufmerksamkeit auf Attac gelenkt wie der G 8-Gipfel im Juni 2001 in Italien, bei dem es zu b\u00fcrgerkriegs\u00e4hnlichen Ausschreitungen zwischen teils militanten Globalisierungsgegnern und der Polizei kam. \u201eDas war das Format von Attac: Wo die Gro\u00dfen der Welt zusammenkommen, sind wir demonstrierend dabei, und wenn es Randale gibt, haben wir mediale Aufmerksamkeit\u201c, umschreibt Ralf Baus den Mechanismus. Die \u201enicht eindeutige Abgrenzung von Gewalt\u201c h\u00e4lt er f\u00fcr den schwierigsten Aspekt an Attac. Dass die Gruppe immer wieder mit dieser Frage ringt, zeigt sich auch vor dem G 8-Gipfel im Juni in Heiligendamm: Weil sich der Attac-Vorsitzende Peter Wahl im Vorfeld eindeutig vom gewaltsamen Protest distanzieren wollte, distanzierte sich pl\u00f6tzlich der G 8-kritische \u201eGipfelsoli\u201c von Attac.<br \/>\nMediale Aufmerksamkeit hat den Charakter einer Droge: Sie putscht und pusht, aber sie flacht schnell wieder ab. So schnell, dass Attac nicht immer nachlegen konnte. Im \u00dcberraschungserfolg von Attac 2001 lag bereits der Keim des Untergangs: Der Medienhype sp\u00fclte Tausende Mitglieder ins Netzwerk, das darauf gar nicht vorbereitet war. Auch war nicht jeder Neuzugang zum Besten der Organisation: Die Randale in Genua machte Attac vor allem f\u00fcr radikale Linke interessant, kirchliche Gruppen wie Pax Christi oder Umweltverb\u00e4nde wurden an den Rand gedr\u00e4ngt. Also ging man in die Breite, um jedem seine Spielwiese zu geben. Vielfach wurde das Thema Globalisierung dazu aufs Nationale oder gar Regionale heruntergebrochen. Pl\u00f6tzlich gab es Arbeitsgruppen zur Bahnprivatisierung und zu kommunaler Abwasserproblematik. Attac zerfaserte. Das Konsensprinzip, nach dem eine Mehrheit f\u00fcr Entschlie\u00dfungen nicht gen\u00fcgt, sondern stets allgemeine \u00dcbereinstimmung herrschen muss, machte die aus 170 Organisationen bestehende Gruppe zum zahnlosen Tiger.<br \/>\nNicht zuletzt ist Attac auch ein wenig das Opfer seines eigenen Erfolges geworden. Kernforderungen der Globalisierungskritiker sind l\u00e4ngst Allgemeingut: Als Franz M\u00fcntefering (SPD) im Fr\u00fchjahr 2005 Finanzinvestoren mit einer Heuschreckenplage verglich und Finanzminister Peer Steinbr\u00fcck (SPD) weltweite Finanzspekulationen auf die Tagesordnung der G 8 setzte, nahmen sie globalisierungskritische Kernthemen auf. \u201eWenn Themen einer Gruppe in die \u00d6ffentlichkeit einsickern, steht der urspr\u00fcngliche Impulsgeber nicht mehr lange im Zentrum\u201c, sagt Bewegungsforscher Rucht. Eine Erfahrung, die auch Greenpeace und die Gr\u00fcnen machen mussten. Erfolg kann f\u00fcr soziale Bewegungen t\u00f6dlich sein, wenn sie sich nicht rasch neu orientieren.<br \/>\nBewegungsforscher Dieter Rucht sieht die gr\u00f6\u00dfere Dynamik der Globalisierungskritik ohnehin bei christlichen Gruppen in Afrika und den sozialistischen Bewegungen Lateinamerikas. \u201eDie Dynamik geht nicht von den kapitalistischen Kernl\u00e4ndern aus. Die Kraft, die Energie und vor allem die Evidenz der Problematik sind in den S\u00fcdl\u00e4ndern viel st\u00e4rker sp\u00fcrbar\u201c, sagt er.<br \/>\nWas also passiert mit Attac? Geht es unter? Thomas Baus sieht keine Perspektive. Ein Gro\u00dfereignis wie Heiligendamm k\u00f6nne zwar die Orientierungskrise \u00fcberdecken, aber nicht l\u00f6sen, glaubt er. Dieter Rucht hingegen sieht Attac momentan nicht aktiv bedroht. Durch die G 8-Mobilisierung gebe es \u201eeinen Zufluss an Kr\u00e4ften\u201c. Exorbitantes Wachstum erwartet er aber nicht.<br \/>\nAm Ende gibt es doch noch R\u00fcckmeldung von der Potsdamer Attac-Website. Man sei derzeit dabei, die Gruppe neu zu formieren, hei\u00dft es. Was das genau bedeutet, ob die alte Gruppe tot und eine neue im Aufbau ist, verr\u00e4t der Sprecher auch auf R\u00fcckfrage nicht. Man sei mit den Vorbereitungen f\u00fcr den Gipfel voll ausgelastet. Das scheint auch drigend n\u00f6tig zu sein: Auf dem steilen Weg nach unten ist Heiligendamm die letzte Ausfahrt.<\/p>\n<p><em>Erschienen am 14.04.2007<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Attac: Im Jahr des G 8-Gipfels droht der Abstieg in die Bedeutungslosigkeit POTSDAM In der \u201eGalerie\u201c finden sich Bilder aus besseren Tagen: Die Potsdamer Attacies beim G8-Gipfel in Evian (Sommer 2003) und beim Europ\u00e4ischen Sozialforum in Paris (November 2003). Unter Termine steht: \u201eN\u00e4chstes Treffen 2005, Montag\u201c. Die Rubrik \u201eAktuelles\u201c vermerkt eine Protestdemo am 16. 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