{"id":38,"date":"2007-04-05T17:26:52","date_gmt":"2007-04-05T15:26:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jan-bosschaart.de\/wordpress\/?p=38"},"modified":"2008-07-02T02:19:22","modified_gmt":"2008-07-02T00:19:22","slug":"terroristen-beim-therapeuten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/?p=38","title":{"rendered":"Terroristen beim Therapeuten"},"content":{"rendered":"<p><strong>RAF-T\u00e4ter und ihr Leben \u201edanach\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Man muss sich den Psychoanalytiker als harten Hund vorstellen. Als einen, der es gewohnt ist, die tiefsten Tiefen menschlicher Abgr\u00fcnde weitgehend stumm zu ertragen; der standh\u00e4lt, wenn der andere seine schlimmsten Traumata in der Beziehung zum Analytiker wiederholt. Deshalb bekommt die Zahl besonderes Gewicht: Acht! Acht gestandene Therapeuten haben sie verschlissen, die 15 Mitglieder der RAF und des \u201e2. Juni\u201c, die sich \u00fcber Jahre mit Psychologen zu Gespr\u00e4chen trafen. Die Gruppe entstand 1996 nach einem Vortrag \u00fcber die Traumatisierung politischer Gefangener in Chile. Ohne Absprache fanden sich 15 ehemalige RAF-Terroristen im Publikum, viele frisch aus der Haft entlassen. Sie suchten das Gespr\u00e4ch, weil sie Parallelen sahen zwischen dem Bericht und ihrer Haftzeit. Der Redner, selbst Psychologe, war entsetzt: Wie konnten sich Terroristen, die in einem Rechtsstaat verurteilt und inhaftiert waren, mit Folteropfern in Chile gleichsetzen? Er lehnte ab, doch andere Kollegen lie\u00dfen sich ein.<br \/>\nZehn Psychologen waren es, die an Deformation schon einiges gesehen hatten. Einiges, aber nicht diese Gruppe, die zwar um Hilfe ersuchte, aber schon das Wort Therapie nicht ertrug. Nur zwei sind geblieben. Sie haben ein Buch herausgegeben, das reflektiert \u2013 ihre Sicht und die der Gruppenmitglieder Karl-Heinz Dellwo, Knut Folkerts, Roland Mayer und Ella Rollnik. Leicht ist auch den Therapeuten das Bleiben nicht gefallen. \u201eNie zuvor habe ich soviel Entwertung und so wenig empathisches Mitschwingen erlebt\u201c, schreibt Angelika Holderberg. Sie f\u00fcrchtete oft, \u201everloren zu gehen im Strudel von Spaltung und Verleugnung, der zu Paranoia, Selbstzerst\u00f6rung und Flucht in Allmachts-fantasien f\u00fchrte\u201c. Und Volker Friedrich erg\u00e4nzt: \u201eViele der Therapeuten sind gegangen, weil sie die Leere der Beziehungen in der Gruppe nicht ertragen konnten.\u201c Auch gro\u00dfe Teile der Gruppe verlie\u00dfen die Sitzungen bald. Weil sie nicht bereit waren, sich ihrer Vergangenheit zu stellen, weil sie sich in gegenseitigen Vorw\u00fcrfen verstrickten und weil sie es nicht ertrugen, dass die sie vermeintlich tragende RAF l\u00e4ngst zerbrochen war. \u201eEs glich einem Tigerk\u00e4fig. Das Kollektiv war kommunikationsunf\u00e4hig. Die unbesprochenen Widerspr\u00fcche aus 20 Jahren waren explodiert und lagen als Tr\u00fcmmer zwischen uns\u201c, schreibt Knut Folkerts.<br \/>\nAls das Buch verfasst wurde, war die Debatte um Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar nicht absehbar. Dennoch liest es sich wie ein Kommentar dazu. Gefangenschaft, Sonderhaftbedingungen und Isolation machen eine Selbstdistanzierung \u2013 die notwendige Voraussetzung f\u00fcr Reflektion und Reue \u2013 unm\u00f6glich. Der Glaube an die Sache, an die Gemeinschaft im Terror und das eitle, ja narzisstische sich f\u00fcr etwas Besseres halten waren in Stammheim, Celle und Bruchsal schlechterdings \u00fcberlebensnotwendig.<br \/>\nTrotz einiger Erfolge in dieser seltsamen Gruppe: Bis zur Frage der Reue ist niemand vorgedrungen. Zu einer kritischere Sicht auf sich selbst und die RAF hingegen schon. \u201eWir waren das lebende Dementi dessen, wof\u00fcr wir zu k\u00e4mpfen behaupteten: Identit\u00e4t, Souver\u00e4nit\u00e4t, Authentizit\u00e4t\u201c, schreibt Roland Mayer. Bis zu solcher Erkenntnis vergingen sieben Jahre z\u00e4hen Ringens mit sich und den anderen. Ein Therapeut, der nach drei Jahren ging, schreibt, es sei schwer gefallen, \u201edie alte, ungeschm\u00e4lerte Wut, die unersch\u00fctterliche Selbstgerechtigkeit\u201c zu ertragen. Bis zuletzt habe er auf ein Zeichen der \u00dcbernahme pers\u00f6nlicher Schuld oder Reue gewartet. Es kam nicht. \u201eDer eigene Mythos fuhr mit allen davon\u201c. Stattdessen dominierten Wut, das Gef\u00fchl, verraten worden zu sein, Opferrolle und Selbstmitleid. Man muss sich den Terroristen als schwer deformierte Pers\u00f6nlichkeit vorstellen.<\/p>\n<p>Angelika Holderberg (Hrsg.): Nach dem bewaffneten Kampf. Psychosozial-Verlag, Gie\u00dfen 2007. 224 Seiten, 19,90 Euro<\/p>\n<p><em>Erschienen am 05.04.2007 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>RAF-T\u00e4ter und ihr Leben \u201edanach\u201c Man muss sich den Psychoanalytiker als harten Hund vorstellen. Als einen, der es gewohnt ist, die tiefsten Tiefen menschlicher Abgr\u00fcnde weitgehend stumm zu ertragen; der standh\u00e4lt, wenn der andere seine schlimmsten Traumata in der Beziehung zum Analytiker wiederholt. Deshalb bekommt die Zahl besonderes Gewicht: Acht! 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