{"id":40,"date":"2007-03-29T17:29:12","date_gmt":"2007-03-29T15:29:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jan-bosschaart.de\/wordpress\/?p=40"},"modified":"2008-07-02T02:19:59","modified_gmt":"2008-07-02T00:19:59","slug":"keine-anleitung-zur-interpretation-der-ddr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/?p=40","title":{"rendered":"Keine Anleitung zur Interpretation der DDR"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ein Buch zur Debatte: Wie weit darf Politik das kollektive Ged\u00e4chtnis normieren?<\/strong><\/p>\n<p>Den Begriff \u201eGeschichtspolitik\u201c h\u00f6rt Martin Sabrow nicht gern. Er verliert dann f\u00fcr einen Augenblick sein entspannt-distanziertes L\u00e4cheln. Der Historiker war Vorsitzender einer Kommission, die im Auftrag der Bundesregierung zwischen 2005 und 2006 Vorschl\u00e4ge zur \u201eNeuordnung der DDR-Erinnerungslandschaft\u201c erarbeitete. An der Arbeit und am Bericht entz\u00fcndete sich eine aufgeregte Debatte, die in der medialen Wahrnehmung zeitweise zum \u201eneuen Historikerstreit\u201c aufgebauscht wurde. Widerspruch entspann sich vor allem an der Forderung, dem DDR-Alltag im kollektiven Ged\u00e4chtnis breiteren Raum zu gew\u00e4hren. Damit \u00f6ffne die Kommission einer \u201eweichsp\u00fclenden Diktaturverharmlosung\u201c T\u00fcr und Tor, so der Vorwurf. Ein Buch, das die Debatte dokumentiert, ist dieser Tage erschienen.<br \/>\nEs ist hei\u00df und hoffnungslos \u00fcberf\u00fcllt im Seminarraum des Zentrums f\u00fcr Zeithistorische Forschung (ZZF) am Neuen Markt in Potsdam, als ZZF-Direktor Sabrow das Werk vorstellt. Und es wird schnell deutlich, dass sich die Kampflinien seit der Pr\u00e4sentation des Berichts im Sommer 2006, die knapp an einem Eklat vorbeischrammte, nicht wesentlich ver\u00e4ndert haben. \u201eEine Expertenkommission, die \u00fcber die Zukunft der Erinnerung bestimmt, das hatten wir doch schon\u201c, ruft ein \u00e4lterer Herr erregt, \u201eich hatte gehofft, diese leidvolle Erfahrung nicht erneut machen zu m\u00fcssen.\u201c Martin Sabrow r\u00e4umt ein, die DDR sei eine \u201eKonsensdiktatur\u201c gewesen, verwahrt sich aber gegen den Kern des Vorwurfs. Erinnerungen entst\u00fcnden unabh\u00e4ngig von Kommissionen, sagt er, und weil das zugleich den Zweck seines Gremiums in Frage stellt, f\u00fcgt er hinzu: \u201eWir wollten nur die Richtung beeinflussen.\u201c So recht \u00fcberzeugen mag das die wenigsten. Der Journalist und Historiker Peter Bender betont, das immer Geschichtspolitik herauskomme, wenn Politik sich mit Geschichte befasse. Das m\u00fcsse nicht per se schlecht sein. Die Kommission habe weder die Diktatur noch den Widerstand relativiert und der Versuchung widerstanden, ein Schwarz-Wei\u00df-Bild der DDR zu zeichnen. Bender bem\u00e4ngelt allerdings das v\u00f6llige Fehlen der Au\u00dfenpolitik im Bericht. \u201eDas ist ein gro\u00dfes Manko. Vieles, was in der DDR geschah, wurde nicht im Politb\u00fcro, sondern in Moskau und Washington entschieden.\u201c Zudem sei die DDR nicht immer gleich gewesen: \u201eEs ist ein verdammter Unterschied, ob wir \u00fcber Ulbrichts Rasereien der 50er oder die autorit\u00e4re Langeweile der 80er Jahre reden.\u201c<br \/>\nAls auch noch Reinhard R\u00fcrup, ehemals Direktor der Berliner \u201eTopografie des Terrors\u201c, anf\u00fcgt, zeitgeschichtliche Forschung sei immer Geschichtspolitik, und wer das verleugne, sitze einer Illusion auf, springt Rainer Eckert auf. Der Leipziger Historiker war Kommissionsmitglied. Die gesamte Debatte gr\u00fcnde vom ersten Tag an auf einem f\u00fcr Deutschland symptomatischen Missverst\u00e4ndnis, schimpft er: \u201eWir wollten keine Geschichte der DDR schreiben, keine Interpretationsanleitung.\u201c Vielmehr lautete der Auftrag, Empfehlungen an die Politik zu formulieren, wie Gedenkst\u00e4tten und Gedenkpolitik zu organisieren seien. \u201eWir haben nie politisch argumentiert\u201c, f\u00fcgt er hinzu. \u201eAls ob das einen gro\u00dfen Unterschied machte\u201c, murmelt jemand im Plenum.<br \/>\nIndirekt hat Martin Sabrow die Schwierigkeiten da l\u00e4ngst einger\u00e4umt. Auf die Frage, ob in und mit Hilfe seiner Kommission Stellvertreter-Kriege der wichtigsten politischen Richtungen in Deutschland ausgefochten wurden, verstummt er kurz: \u201eNach langem Nachdenken muss ich sagen: ja!\u201c<\/p>\n<p><em>Erschienen am 29.03.2007 (Kultur)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Buch zur Debatte: Wie weit darf Politik das kollektive Ged\u00e4chtnis normieren? Den Begriff \u201eGeschichtspolitik\u201c h\u00f6rt Martin Sabrow nicht gern. Er verliert dann f\u00fcr einen Augenblick sein entspannt-distanziertes L\u00e4cheln. Der Historiker war Vorsitzender einer Kommission, die im Auftrag der Bundesregierung zwischen 2005 und 2006 Vorschl\u00e4ge zur \u201eNeuordnung der DDR-Erinnerungslandschaft\u201c erarbeitete. 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