{"id":431,"date":"2007-01-22T23:03:45","date_gmt":"2007-01-22T21:03:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jan-bosschaart.de\/wp\/?p=431"},"modified":"2014-04-07T16:54:39","modified_gmt":"2014-04-07T14:54:39","slug":"michas-rotierende-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/?p=431","title":{"rendered":"Michas rotierende Welt"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ein Abend im &#8222;Waschomat&#8220;<\/strong><\/p>\n<p><em>Vorw\u00e4sche<\/em><\/p>\n<p>Mit einem Klick rastet die Waschmaschinent\u00fcr ein, der Finger verharrt \u00fcber dem Startknopf.  &#8222;Das w\u00fcrde ich nicht tun&#8220;, sagt Michael. &#8222;Wieso nicht? Ist beides schwarz, beides 30 Grad!&#8220; Das muss ein furchtbar dummer Satz gewesen sein, denn Michael verdreht genervt die Augen. &#8222;Das fusselt&#8220;, sagt er schlie\u00dflich, &#8222;Baumwolle und Kunstfaser zusammen, das fusselt.&#8220;<\/p>\n<p>Es ist leer im Waschomat am Rande der Altstadt. Nur wenige der 18 Waschmaschinen m\u00fcmmeln, von Neonlicht beschienen, die Unterw\u00e4sche, Gardinen, Handt\u00fccher ihrer Mieter durch. Au\u00dfer Michael, 38, graue Hose, grauer Karo-Pulli mit wei\u00dfem Hemd darunter, sitzt nur einer im Gesch\u00e4ft, vor drei riesigen Reisetaschen, und liest. &#8222;Das ist Sven, aber den brauchst du gar nicht ansprechen, der ist stumm wie ein Fisch&#8220;, sagt Michael. Aus seiner Verachtung macht er keinen Hehl. Sven, unrasiert und mit filzigen Haaren, hat offenbar den Inhalt der Taschen in drei gro\u00dfe Maschinen gepresst und \u00fcberbr\u00fcckt die Zeit, indem er &#8222;Die Bedeutung des sozialen Abstiegs f\u00fcr die Identit\u00e4t&#8220; liest. Nachdem die Erw\u00e4hnung seines Namens ihn ohnehin unterbrochen hat, geht er zum Kaffeeautomaten und zieht sich einen Plastikkaffee.<\/p>\n<p><em>Hauptwaschgang<\/em><\/p>\n<p>Zwei quirlige Teenager betreten den Waschomaten mit einer Reisetasche, die sie gemeinsam tragen. Sie wirken uniform: Lange schwarze Haare, dick aufgetragene Schminke, enge Jeans. Und sie sind bester Laune. Kichernd und giggelnd r\u00e4umen sie eine Maschine ein, zeigen sich ihre Kleidung. Michaels Stirn liegt in Dauerfalten. Er ist von dem Gespr\u00e4ch ausgeschlossen, da sie t\u00fcrkisch reden, und ihr Umgang mit der W\u00e4sche behagt ihm auch nicht. Sven, vom pl\u00f6tzlichen L\u00e4rm aufgeschreckt, zieht sich noch einen Kaffee.<\/p>\n<p>Die T\u00fcr spuckt einen \u00e4lteren Herrn in den Waschsalon. Unsicher schaut er sich um, hinkt in die hinterste Ecke zu einer gro\u00dfen Maschine. Aus seinem abgewetzten, l\u00f6chrigen Koffer stopft er unwillig, fast w\u00fctend die Trommel voll. Dann ist die Leibw\u00e4sche an der Reihe: Die Jacke mit dem fleckigen Kragen, die schmuddelige Cordhose, die statt eines G\u00fcrtels von einer Paketschnur gehalten wird, das Polohemd, dem die Kn\u00f6pfe fehlen. Nur in einer Unterhose, die mal wei\u00df gewesen sein muss, und in Str\u00fcmpfen setzt er sich auf die Bank und schaut in eine Zeitung von letzter Woche. Die Teenager kichern etwas lauter und blicken den Alten ungeniert an. &#8222;Arme Sau!&#8220; sagt Michael.<\/p>\n<p>Als es dunkel wird, kommt Herr Yildeniz. Herr Yildeniz ist klein und st\u00e4ndig in Bewegung. An seiner viel zu dicken, goldenen Armbanduhr h\u00e4ngt ein Schl\u00fcsselbund. Herr Yildeniz sieht hier nach dem Rechten, hebt Taschent\u00fccher auf, wischt Waschmittelreste weg, f\u00fcllt Automaten nach. Er hat einen schw\u00e4bisch-bayrisch-t\u00fcrkischen Akzent, das klingt putzig. &#8222;Hallo Yildrim!&#8220;, sagt Michael, als Herr Yildeniz unter seinen erhobenen F\u00fc\u00dfen die Flusen unter der Bank hervorfegt. &#8222;Du schon wieder!&#8220;, knurrt Herr Yildeniz auf schw\u00e4bisch-bayrisch-t\u00fcrkisch und fegt weiter.<br \/>\nDas Surren des Kaffeeautomaten verr\u00e4t, dasss Sven nicht an seinem Platz ist.<\/p>\n<p>Als Herr Yildeniz geht, macht sich Langeweile breit. Die Abendkundschaft ist durch. Der Alte schl\u00e4ft, die M\u00e4dchen rauchen vor der T\u00fcr. Sven liest, umringt von leeren Kaffeebechern. Michael starrt auf &#8222;Jumbo, die Waschmaschine mit dem gro\u00dfen Hunger (14 kg)&#8220;. Dar\u00fcber steht ein Schild: &#8222;Bitte keine Pferdedecken in die Maschine!&#8220; Was macht Michael eigentlich hier? Seine W\u00e4sche &#8211; zwei Pullunder, drei Hemden &#8211; ist l\u00e4ngst gewaschen, geschleudert, gemangelt und getrocknet sowie nach Farben, Funktionen und Schrankf\u00e4chern sortiert. &#8222;Ich lerne hier, mich zu emanzipieren!&#8220;, sagt er. &#8222;Ein Mann muss irgendwann selbstst\u00e4ndig werden. Schlie\u00dflich bin ich bald 40. Zeit f\u00fcr eine Freundin.&#8220; Sein Gesicht l\u00e4sst nicht erkennen, ob das Ironie ist. Etwas verlegen streicht er seine akkurat sitzende Ewiger-Junggeselle-Frisur zurecht.<\/p>\n<p><em>Schleudergang<\/em><\/p>\n<p>Das ist der Moment, in dem Julia auftritt. Julia kommt nicht einfach herein, Julia erscheint. Trotz drei Grad K\u00e4lte tr\u00e4gt sie einen kurzen Rock und Lederstiefel mit Metallabs\u00e4tzen, die auf den Fliesen laut klacken. Hinter der T\u00fcr h\u00e4lt sie kurz inne und mustert die Runde. Ihr Gesichtsausdruck wird ver\u00e4chtlich. Erhobenen Hauptes schreitet sie klappernd durch den Raum und hinterl\u00e4sst dabei eine bet\u00e4ubende Duftspur. &#8222;Das ist wirklich mal ein kurzer Rock&#8220;, sagt Michael, der sich vorgebeut hat, um hinterherzuschauen. &#8222;Widerlich&#8220;, f\u00fcgt er nach einer kurzen Pause hinzu.<br \/>\nSelbstverst\u00e4ndlich w\u00fcrde Julia hier niemandem ihren Namen verraten. Doch Julia telefoniert, w\u00e4hrend die Baby-Waschmaschine den Inhalt ihres blauen Jeans-Handt\u00e4schchens w\u00e4scht. &#8222;Hallo, Maja-Schatz, hier ist Julia&#8220;, sagt sie. Julias Welt scheint noch aus mehreren Sch\u00e4tzen zu bestehen, doch die Babymaschine l\u00e4uft schnell durch. Julia stopft die nassen Sachen in ihre Handtasche und entschwebt, ohne jemanden eines weiteren Blickes zu w\u00fcrdigen. Vor der T\u00fcr wartet ein Sportwagen, dessen gegelter Fahrer sie mit quietschenden Reifen davontr\u00e4gt. &#8222;Ekelhaft!&#8220;, sagt Michael. Er sagt es so laut, dass der Neid deutlich h\u00f6rbar wird.<\/p>\n<p><em>Trocknen<\/em><\/p>\n<p>Baumwolle und Kunstfaser sind im Trockner, die Stimmung sinkt auf den Tiefpunkt. Die M\u00e4dchen haben ihre W\u00e4sche abgeholt, der Alte schnarcht. Sven ist sauer, denn der Kaffeeautomat zeigt &#8222;Fehler&#8220;. Schweigendes Starren auf rotierende W\u00e4schest\u00fccke. Ein neuer Kunde kommt mit zwei Teppichen, deren urspr\u00fcngliche Farbe unter Katzenhaaren nicht mehr zu erkennen ist, und m\u00fcht sich redlich, sie in Jumbo zu stopfen. Michael springt entr\u00fcstet auf: &#8222;Hey, kannst Du nicht lesen?!&#8220; &#8222;Halt einmal&#8217;s Maul, Micha, einmal! Und geh zu Mama!&#8220;, lautet die Antwort. Jetzt schaut sogar Sven auf &#8211; er grinst. Michael stapft wutentbrannt und ohne Gru\u00df hinaus. Die Niederlage auf eigenem Boden nimmt er \u00fcbel.<br \/>\nDer Trockner meldet, Kunstfaser und Baumwolle seien fertig. Sie haben gefusselt.<\/p>\n<p><em>(Ver\u00f6ffentlicht am 22. Januar 2007)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Abend im &#8222;Waschomat&#8220; Vorw\u00e4sche Mit einem Klick rastet die Waschmaschinent\u00fcr ein, der Finger verharrt \u00fcber dem Startknopf. &#8222;Das w\u00fcrde ich nicht tun&#8220;, sagt Michael. &#8222;Wieso nicht? 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