{"id":4446,"date":"2015-07-10T18:31:28","date_gmt":"2015-07-10T17:31:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/?p=4446"},"modified":"2016-09-01T15:59:03","modified_gmt":"2016-09-01T14:59:03","slug":"ich-sag-der-tuerke-wars","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/?p=4446","title":{"rendered":"&#8222;Ich sag, der T\u00fcrke war&#8217;s&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Oder: Wie viele McDonalds-Mitarbeiter es braucht, eine Energiesparlampe zu wechseln<\/strong><\/p>\n<p>Samstag Abend, Berlin. Schwach besetzte McDonalds-Filiale. \u00dcber dem Eingang flackert eine Lampe. Hinter dem Tresen stehen zwei Mitarbeiter m\u00e4nnlichen Geschlechts, einer eindeutig mit Migrationshintergrund. Faszinierend beobachten sie mangels Kundschaft das An und Aus der Lampe. Der t\u00fcrkische Mitarbeiter, nach Uniform und Schild Schichtleiter, \u00fcbernimmt schlie\u00dflich Initiative und Verantwortung. Er fordert den Kollegen auf, einen Hocker zu holen. Das dauert nur wenige Minuten, dann stellt der Kollege f\u00fcr den Schichtleiter den Hocker (der sich, streng genommen, als eine kleine Trittleiter materialisiert) unter die Lampe, die sich trotz beharrlichen Anstarrens durch den Schichtleiter noch immer nicht zwischen An und Aus entschieden hat. Er steigt nun auf den Hocker, streckt sich und merkt, das sein Arm gerade so an die Abdeckung reicht. Da das jeder sieht, zwingt ihn sein Stolz zu einem waghalsigen Man\u00f6ver. Er bittet nicht etwa den deutlich gr\u00f6\u00dferen deutschen Kollegen auf den Hocker  \u2013 der steht offenen Mundes \u2013 sondern \u00fcberstreckt sich, und ber\u00fchrt so die Abdeckung gerade mit den Fingerspitzen. Diese quittiert den Eingriff mit schepperndem Herunterfallen. Beim \u00dcberstrecken legt der Schichtleiter ein weiteres waghalsiges Man\u00f6ver, diesmal rhetorischer Natur hin, den seine Lippen formen den unsterblichen Satz: \u201eIch w\u00fcrde mich ja l\u00e4nger machen, aber dann kannst Du Honk ja meine Waffe sehen\u201c. (F\u00fcr nicht Dabeigewesene: Er hatte offenbar Sorge, dass sein Bauch aus der Hose rutscht \u2013 das war bereits eingetreten \u2013, und zwar soweit, dass Teile des Genitaltrakts freigelegt w\u00fcrden.)<\/p>\n<p>Der Kollege lacht pflichtschuldig, aber nicht \u00fcberzeugen. Der Schichtleiter hat indes nun die perfekte Ausrede gefunden, den Hocker zu verlassen. Er ist nicht zu klein, sondern hat Sorgen, seinen Kollegen Minderwertigkeitskomplexe oder gar unerf\u00fcllbare Begierden aufzub\u00fcrden, falls sie seiner gewaltigen Fortpflanzungsausstattung ansichtig w\u00fcrden. Au\u00dferdem hat ihn das ewige Schauen in die nach wie vor unbeeindruckt an- und ausgehende Energiesparlampe, die zudem ihres mattierten Schutzes beraubt ist, geblendet. Also darf der gr\u00f6\u00dfere Kollege dran. Der klagt zun\u00e4chst auch \u00fcber Blendung, kommt aber gerade so an die Lampe, greift sie allerdings nicht am Sockel, sondern am Glas. Das hat zwei v\u00f6llig unvorhersehbare Auswirkungen: Er verbrennt sich und schreit auf. Der Schichtleiter gr\u00fcbelt einen Moment angestrengt und bringt dann eine unschlagbaren Idee ein: Ein Lappen muss her. Selbstverst\u00e4ndlich kann er als Schichtleiter den Posten unm\u00f6glich verlassen, also muss der Kollege von der Trittleiter herunter und den Lappen selbst holen. Die Zeit nutzt der Schichtleiter, ein gelbes \u201eVorsicht, rutschig\u201c-Warnschild vor die Trittleiter zu platzieren. Es ist zwar nicht rutschig, aber irgendwie sollten die nicht existenten Kunden ja gewarnt sein, dass hier eine Gefahrenstelle vorliegt, die schon einen Kollegen verletzt hat.<\/p>\n<p>Der Verletzte kommt derweil mit zweierlei zur\u00fcck: verpflasterten Fingern und dem Lappen. Er steigt nun auf die Trittleiter, und fasst die Lampe durch den Lappen an. Leider nicht am Sockel \u2013 der w\u00e4re ja kalt gewesen \u2013, sondern erneut am Glas, so dass er sie abbricht und ein bisschen Quecksilberdampf in die K\u00fcche weht. Dank des Lappens verbrennt er sich zumindest nicht. Aber er schneidet sich an den Scherben. \u201eWenigstens ist sie aus\u201c, sagt der Schichtleiter, sein mediterran-optimistisches Naturell unter Beweis stellend. Jetzt werden zwei Kolleginnen gerufen: Eine, um die Scherben aufzufegen, eine weitere, um mehr Pflaster zu bringen. Das dauert weitere f\u00fcnf Minuten, der Schichtleiter tauscht derweil den Tritthocker gegen eine Stehleiter aus, die so hoch ist, dass sie nicht unter die Decke passt. Mit leichtem Schr\u00e4gstellen gelingt es, er muss sie nun aber durch Besteigen der untersten Stufe austarieren. Die verpflasternde und die scherbenfegende Kollegin haben ihre Aufgaben erf\u00fcllt, bleiben aber sicherheitshalber \u2013 und weil\u2019s lustig zu sein scheint \u2013 noch am Ort des Geschehens.<\/p>\n<p>Der nun vierfach verpflasterte Kollege erklimmt unsicheren Schritts die schwankende Leiter, die sein Schichtleiter dank h\u00f6heren K\u00f6rpergewichts immerhin stabilisieren kann. \u201eWenn ditt ma nich schiefjeht und der noch runtasaust\u201c, sagt die Kollegin mit den Scherben auf der Kehrschaufel. \u201eIch sag dann einfach, der T\u00fcrke war\u2019s\u201c, witzelt der Kollege auf der Leiter, dem es mittlerweile tats\u00e4chlich gelang, den Sockel der Lampe ohne weitere Verbrennungen, Schnittwunden oder Quecksilberwolken herauszuziehen. \u201eJetzt die neue\u201c, sagt er, und sein Knie zittert etwas \u2013 ob der H\u00f6he oder mangels Vertrauens in das Gegengewicht des Schichtleiters, muss unklar bleiben. \u201eAch Du kacke, wo sind denn neue?\u201c fragt dieser. Die Pflasterkollegin mutma\u00dft, dass Katrin das wissen m\u00fcsse. Katrin ist im Moment die einzige noch arbeitende Kollegin und bedient gerade jemanden am McDrive-Fenster. Also warten. Sobald Katrin frei ist, wei\u00df sie es tats\u00e4chlich, kann aber gerade nicht ins Lager, weil ein neuer Kunde anrollt. Die Kollegin mit den Scherben bietet sich an, ins Lager zu gehen und diese dort auch  gleich zu entsorgen. \u201eEiner muss hierbleiben, falls Kunden kommen\u201c, entscheidet der Schichtleiter, \u201eich kann hier ja nicht weg und er\u201c \u2013 er meint den immer st\u00e4rker zitternden Kollegen am oberen Ende \u2013 \u201eauch nicht\u201c. \u201eIch bin ja noch da\u201c, bringt sich die Pflasterkollegin in Erinnerung. Der Schichtleiter denkt kurz nach. \u201eDas m\u00fcsste gehen\u201c, entscheidet er schlie\u00dflich, ganz Schichtleiter. So wird es gemacht. F\u00fcnf Minuten sp\u00e4ter kommt die Kollegin aus dem Lager mit einer herk\u00f6mmlichen Gl\u00fchbirne zur\u00fcck, die mit ihrem Gewinde nicht in den Stecksockel der Energiesparleuchte passt. Das merken die Herren aber erst nach einigen Versuchen, das runde Gewinde in den quadratischen Sockel zu drehen. Also muss die Kollegin erneut ins Lager.<\/p>\n<p>Inzwischen kommen Kunden, ein P\u00e4rchen. \u201eHabt ihr schon zu?\u201c fragt der Mann, weil das gelbe Anti-Rutsch-Schild, die wankende Aluleiter und der Tritthocker eine un\u00fcberwindliche Barriere bilden. \u201eNee, ist offen\u201c, sagt der Schichtleiter, \u201eihr m\u00fcsst nur au\u00dfen rum gehen, durchs ganze Lokal\u201c. \u201eHe\u201c, ruft der Kollege von oben zaghaft, denn der Schichtleiter hat sich zur Beantwortung der Frage etwas zu weit vorgelehnt und das Konstrukt ger\u00e4t bedrohlich ins Wanken. Erschrocken lehnt er sich zur\u00fcck. Die Kunden gehen brav durchs ganze Lokal \u2013 statt einfach \u00fcber den Hocker zu steigen \u2013 und die Kollegin kehrt aus dem Lager zur\u00fcck. Sie will an diesem Abend offensichtlich den Preis f\u00fcr den intelligentesten Mitarbeiter gewinnen, denn sie hat sicherheitshalber von jedem verf\u00fcgbaren Leuchtmittel im Lager ein Exemplar mitgebracht \u2013 auch wenn das bedeutet, dass sie einen Extraweg in Kauf nimmt, um die nicht passenden zur\u00fcckzubringen. Es sind dies: drei weitere Gl\u00fchlampen mit dem selben Sockel, nur in anderen Wattst\u00e4rken, zwei Gl\u00fchlampen mit kleinerem Sockel und zwei Energiesparlampen mit quadratischem Stecksockel. Sie werden genau in dieser Reihenfolge und unter zunehmender Resignation durchprobiert: Erst die drei mit dem Drehsockel gro\u00df, dann die beiden mit dem Drehsockel klein.<\/p>\n<p>Missmut macht sich breit. Erst bei der ersten Energiesparlampe hellt sich das Gesicht am oberen Ende der Leiter auf: \u201eHey, die sieht ja aus wie die, die wir rausgenommen haben!\u201c Der Schichtleiter vergisst vor Freude fast wieder die Balance, doch die Begeisterung ist nur von kurzer Dauer: Die Lampe ist zu klein, passt nicht in den Sockel. \u201eGib mal die letzte\u201c, sagt der Kollege oben, und es ist kaum noch Hoffnung in seiner Stimme. \u201eLass gut sein\u201c, sagt der Schichtleiter, \u201ewenn die anderen nicht passen, passt die auch nicht. Wir fragen Chef am Montag\u201c. Doch der Kollege oben riskiert nicht seit 20 Minuten sein Leben und hat vier Pflaster an den Fingern, um jetzt den letzten Strohhalm vorbeischwimmen zu lassen. \u201eGib schon her\u201c, beharrt er, steckt die Lampe in den Sockel, sie passt \u2013 und bleibt dunkel. \u201eDu muss sie tiefer reindr\u00fccken\u201c, sagt der Chef. Das tut der Kollege, fasst sie aber wieder am Glas an. Kurzes Leuchten, dann ein Schrei, Scherben, Quecksilberqualm. \u201eNa wenigstens war es die richtige\u201c, sagt die Kollegin mit der Vorliebe f\u00fcrs Lager, \u201eich hol noch eine und sag Katrin, sie soll Pflaster bringen.\u201c<\/p>\n<p>Geistesgegenw\u00e4rtig hat auch der Schichtleiter die Lage analysiert und fordert bei der f\u00fcnften Kollegin erneut den Lappen an. Auf die Idee, die Lampe am Plastikfu\u00df zu ber\u00fchren, kommt niemand. Muss auch niemand. Mit vereinten Kr\u00e4ften gelingt es im n\u00e4chsten Anlauf ganz zuf\u00e4llig. Nach nur einer halben Stunde, sieben Pflastern und mit Hilfe von f\u00fcnf Kollegen hat die Crew eine Energiesparleuchte gewechselt. \u201eWas f\u00fcr ein Tag\u201c, sagt der Schichtleiter, tief ausatmend. Dann verteilt er die Aufgaben zum Wegr\u00e4umen von Leiter, Tritthocker, nicht passenden Lampen, Scherben und Pflasterresten. Das gelbe Schild klappt er eigenh\u00e4ndig zusammen.<br \/>\nWas bleibt, ist ein Hauch Quecksilberduft \u00fcber der K\u00fcche.<\/p>\n<p><em>Ver\u00f6ffentlicht am 10. M\u00e4rz 2013<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oder: Wie viele McDonalds-Mitarbeiter es braucht, eine Energiesparlampe zu wechseln Samstag Abend, Berlin. Schwach besetzte McDonalds-Filiale. \u00dcber dem Eingang flackert eine Lampe. Hinter dem Tresen stehen zwei Mitarbeiter m\u00e4nnlichen Geschlechts, einer eindeutig mit Migrationshintergrund. Faszinierend beobachten sie mangels Kundschaft das An und Aus der Lampe. 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