{"id":45,"date":"2007-03-20T17:38:26","date_gmt":"2007-03-20T15:38:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jan-bosschaart.de\/wordpress\/?p=45"},"modified":"2008-07-02T02:21:33","modified_gmt":"2008-07-02T00:21:33","slug":"der-winter-fiel-auf-einen-freitag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/?p=45","title":{"rendered":"Der Winter fiel auf einen Freitag"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Skifreunde Leid, der Bauern Freud: Bilanz einer ausgefallenen Jahreszeit <\/strong><\/p>\n<p>POTSDAM Ein bisschen wirkte es, als wollte das Wetter die internationale Politik kommentieren: Passend zum UN-Klimabericht, zum EU-Klimagipfel und zur Oscar-Verleihung \u2013 dort wurde Al Gores Umweltdokumentation \u201eEine unbequeme Wahrheit\u201c ausgezeichnet \u2013 erlebte Deutschland einen Winter, der keiner war: Mehr als vier Grad \u00fcber dem Durchschnitt lag die Temperatur, hat der Deutsche Wetterdienst (DWD) in Offenbach ermittelt: 4,3 Grad verzeichnet die Statistik f\u00fcr Dezember bis Februar, dabei hat der deutsche Standard-Winter eigentlich im Schnitt nur 0,2 Grad. Daran \u00e4ndert auch die aktuelle vor\u00fcbergehende Abk\u00fchlung nichts mehr.<br \/>\nEs ist vor allem dem Januar geschuldet, der alle bisherigen Rekorde schlug und zum w\u00e4rmsten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1901 geriet. Der Dezember war dagegen \u201enur\u201c der w\u00e4rmste seit 32 Jahren, der Februar schaffte es in die hei\u00dfen Top 10. Legt man die meteorologische Regel zugrunde, dass an einem klassischen Wintertag die Temperaturen nicht \u00fcber minus drei Grad steigen, so fiel der Winter in diesem Jahr auf einen Freitag \u2013 den 26. Januar.<br \/>\nBesonders hart traf es die Wintersportler. Sie mussten auf h\u00f6here Lagen ausweichen oder mit Kunstschnee aus der Kanone vorlieb nehmen. Den \u00f6rtlichen Tourismusverb\u00e4nden hat das allerdings nur wenig geschadet: Bayern etwa vermeldet kontinuierlich steigende Besucherzahlen. Neue Angebote im St\u00e4dte- und Kulturtourismus machen R\u00fcckg\u00e4nge bei den Skifahrern mehr als wett. Die gro\u00dfen Skigebiete gleichen ohnehin seit Jahren die Wetterrisiken mit Schneekanonen aus. \u201eF\u00fcr die n\u00e4chsten 15 Jahre wird\u2019s reichen\u201c, lie\u00df sich Richard Adam, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Bayern Tourismus GmbH, mit Blick auf den Klimawandel zitieren.<br \/>\nGanz \u00e4hnlich im Sauerland: Nach rekordverd\u00e4chtigen 120 Wintersporttagen im letzten Jahr kam die Region in diesem Winter nur auf magere 50 Tage. \u201eOhne Kunstschnee w\u00e4ren es wohl nur zwei gewesen\u201c, so Sprecherin Susanne Schulten. Nach einem Blick auf die Statistik sei das aber kein erschreckendes Ph\u00e4nomen: \u201eNat\u00fcrlich schmerzt es die Liftbetreiber, Gastwirte, Hoteliers und Einzelh\u00e4ndler, aber das Wintersportgewerbe war schon immer sehr wetterempfindlich\u201c, so Schulten, die sich \u201ein der Aufgeregtheit der Klimadebatte etwas mehr R\u00fccksicht\u201c w\u00fcnscht, damit \u201edie Skiregionen nicht schlechtgeredet werden\u201c.<br \/>\nAm Trend wird das nichts \u00e4ndern: Mit steigenden Wintertemperaturen ziehen sich auch die schneesicheren H\u00e4nge zur\u00fcck. \u201eIrgendwann steht der technische Aufwand von Kunstschnee und Pistenpr\u00e4paration in keinem sinnvollen Verh\u00e4ltnis mehr zu den Einnahmen\u201c, sagt ein Experte des Umweltbundesamtes.<br \/>\nAcht Milliarden<br \/>\nHeizkosten gespart<br \/>\nWenig begeistert vom Winter sind auch die W\u00e4rmeversorger. Um 15 bis 23 Prozent sei die Gasabnahme zur\u00fcckgegangen, berichtet Eon-Edis-Sprecher J\u00f6rg-Uwe Kuberski. Die Erdgas Mark Brandenburg vermerkte deutlich ebenfalls f\u00fcnfzehn Prozent R\u00fcckgang. Bedroht f\u00fchlen sich die Konzerne davon nicht: \u201eLetztes Jahr gab es einen besonders strengen Winter mit hohen Abnahmen, in diesem Jahr war es halt das Gegenteil. Das gleicht sich aus\u201c, sagt ein Sprecher der Arbeitsgemeinschaft f\u00fcr W\u00e4rme und Heizwirtschaft in Frankfurt\/Main. Die Verbraucher hat\u2019s gefreut. Nach Jahren steigender Energiepreise sind niedrige Rechnungen besonders gern gesehen. Die Hypo Vereinsbank rechnete aus, dass den Deutschen Haushalten etwa acht Milliarden mehr im Portmonee bleiben als im letzten Winter, das sind rund 200 Euro pro Haushalt. Der Heizbedarf fiel um 15 Prozent geringer aus.<br \/>\n\u00c4hnlich froh wie Verbraucher sind die Landwirte. Der milde Winter verschafft ihnen etwas Luft beim Einrichten der Felder. Das Wintergetreide habe sogar drei bis vier Wochen Vorsprung, sagt der Deutsche Wetterdienst. \u201eNur eine l\u00e4ngere Frostperiode k\u00f6nnte jetzt noch Sch\u00e4den anrichten\u201c, so Michael Lohse, Sprecher des Deutschen Bauernverbandes. An ein deutlich vorgezogenes Auss\u00e4en sei aber allein wegen der feuchten B\u00f6den nicht zu denken, die Traktoren kommen noch nicht auf die Felder. \u201eAu\u00dferdem wollen wir das Saatgut nicht in den Boden einschmieren\u201c, so Lohse. Zum Problem k\u00f6nnten Sch\u00e4dlinge werden, die aufgrund milder Temperaturen vielfach \u00fcberlebt haben. Einige Gerstenfelder in Niedersachsen sind bereits zur H\u00e4lfte gesch\u00e4digt, weil sich dort das \u201eGerstengelbverzwergungsvirus\u201c, ein bisher kaum bekannter Erreger, ausbreitet. Seine Wirtstiere, die Blattl\u00e4use, haben wegen der W\u00e4rme explosionsartig zugenommen.<br \/>\nSie sind nicht die einzigen Lebewesen, die vom milden Winter profitieren: Der Deutsche Jagdschutz-Verband warnt vor erh\u00f6htem Wildwechsel, auf den sich vor allem die Autofahrer einstellen sollen: Durch das sprie\u00dfende Gr\u00fcn sind die Wildtiere schon einen Monat vor der Zeit auf Futtersuche und \u00fcberqueren dabei die Stra\u00dfen. Vor allem in der D\u00e4mmerung sollten Autofahrer aufpassen.<br \/>\nM\u00fccken und Zecken<br \/>\nmachten durch<br \/>\nDas gilt auch f\u00fcr den Waldspaziergang, denn Zecken und M\u00fccken haben vielfach \u201edurchgemacht\u201c, wie aus dem Friedrich-L\u00f6ffler-Institut in Jena verlautet. Schon jetzt sollte auf die \u201eHolzb\u00f6cke\u201c genannten Spinnentiere geachtet werden, die schwere Krankheiten wie Hirnhautentz\u00fcndung und Borreliose \u00fcbertragen. Im Verlauf des Sommers ist gar mit einer regelrechten Insekten-Plage zu rechnen. Noch ist das aber nicht sicher: Ein pl\u00f6tzlicher, harter Frost kann vielen vorzeitig aktiven Krabblern den pl\u00f6tzlichen Garaus machen. M\u00fccken sind allerdings frosthart bis etwa minus 20 Grad. F\u00fcr die Blautsauger, die ihre Larven im Wasser ablegen, ist ein trockenes Fr\u00fchjahr wesentlich bedrohlicher als ein eiskalter Winter.<br \/>\nEgal, wie mild der Winter war: Auf Fr\u00fchlingsgef\u00fchle muss niemand verzichten. \u201eDie hormonellen \u00c4nderungen, die der Volksmund Fr\u00fchlingsgef\u00fchle nennt, kommen vor allem wegen des l\u00e4ngeren Tageslichts zustande\u201c, sagt Peter Walschburger, Professor f\u00fcr biologische Psychologie an der Freien Universit\u00e4t Berlin. Ein strenger und langer Winter steigere zwar das Kontrasterleben bei Fr\u00fchlingsausbruch, doch selbst wenn der Winter durch den Klimawandel ausst\u00fcrbe: die Fr\u00fchlingsgef\u00fchle bleiben. \u201eEs w\u00e4re evolution\u00e4r keine gute Strategie, sich an L\u00e4nge und Strenge des Winters anzupassen, die Schwankungen des Lichts sind zuverl\u00e4ssiger\u201c, so der Forscher. Und schlie\u00dflich, nicht zuletzt, war es auch eine gro\u00dfartige Zeit f\u00fcr Medienschaffende. Hier gilt: \u201eWetterthemen gehen immer\u201c, und so f\u00fcllte der Winter, der keiner war, unendlich viele Sendeminuten und Druckzeilen. Eine Jahreszeit, die durch ihre Abwesenheit die aktuelle Weltpolitik kommentiert, lie\u00df sich niemand entgehen.<\/p>\n<p><em>Erschienen am 20.03.2007 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Skifreunde Leid, der Bauern Freud: Bilanz einer ausgefallenen Jahreszeit POTSDAM Ein bisschen wirkte es, als wollte das Wetter die internationale Politik kommentieren: Passend zum UN-Klimabericht, zum EU-Klimagipfel und zur Oscar-Verleihung \u2013 dort wurde Al Gores Umweltdokumentation \u201eEine unbequeme Wahrheit\u201c ausgezeichnet \u2013 erlebte Deutschland einen Winter, der keiner war: Mehr als vier Grad \u00fcber dem [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":false,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","default_image_id":0,"font":"","enabled":false},"version":2},"jetpack_post_was_ever_published":false},"categories":[25,3,33,29,31,27,9],"tags":[],"class_list":["post-45","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-analyse","category-maz","category-stilform","category-toho","category-publishedin","category-rating","category-ur"],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p2HHro-J","jetpack_likes_enabled":false,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/45","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=45"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/45\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=45"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=45"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=45"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}