{"id":4507,"date":"2012-10-12T00:01:41","date_gmt":"2012-10-11T22:01:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/?p=4507"},"modified":"2014-11-20T19:27:19","modified_gmt":"2014-11-20T17:27:19","slug":"zwischen-alten-und-neuen-mauern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/?p=4507","title":{"rendered":"Zwischen alten und neuen Mauern"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u201eMercure\u201c-Statiker und Fotograf Herbert Posmyk hat einen Bilderschatz im Keller und einen Erinnerungsschatz im Kopf<\/strong><\/p>\n<p><em>Er war DDR-Stadtplaner und k\u00e4mpfte gegen die Sprengung des Stadt- Schlosses. Die Statik des Hotel Mercure ist sein Hauptwerk, dennoch pl\u00e4diert er f\u00fcr den Abriss. Posmyk passt in keine Schublade au\u00dfer einer: unersch\u00fctterlicher Potsdam-Freund.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Als die M\u00e4nner von der Kampfgruppe einmarschierten, wusste Herbert Posmyk, dass dies keine Fachdebatte werden w\u00fcrde. Immer abwechselnd einer mit Fahne, einer mit Kalaschnikow zogen die Uniformierten in den Saal im Rat des Bezirkes ein, wo eine Aussprache angesetzt war, die \u2013 so dachte Posmyk \u2013 nur eine baufachliche Frage kl\u00e4ren sollte. \u201eIch war halt jung und naiv, noch keine 30 Jahre alt\u201c, sagt der heute 83-J\u00e4hrige und l\u00e4chelt altersweise. Mit 14 weiteren Kollegen vom VEB Hochbauprojektierung Brandenburg hatte Posmyk sich 1959 daf\u00fcr in die Bresche geworfen, das kriegszerst\u00f6rte Stadtschloss nicht abzurei\u00dfen. \u201eF\u00fcr uns war das keine ideologische Frage, sondern eine st\u00e4dtebauliche\u201c, sagt er.<br \/>\nZwei Gutachten zum Erhalt hatten er und die Kollegen unaufgefordert erstellt und dem Rat der Stadt vorgelegt, doch blieb das ohne Reaktion. Nun sollte der Abriss beginnen, und Posmyk und seine Mitstreiter hatten einen letzten Rettungsversuch gewagt: Sie schickten sechs Telegramme und baten um Hilfe: drei aus Potsdam an DDR-Staatspr\u00e4sident Wilhelm Pieck, den Rat des Bezirks und die Bau-Akademie, drei \u00fcber Posmyks Bruder aus Westberlin an die Akademie der Wissenschaften Moskau, die Akademie der K\u00fcnste in Paris und den ehemaligen franz\u00f6sischen Au\u00dfenminister Georges Bidault, weil der beim Potsdamer Abkommen 1945 die Schlossruine besichtigt hatte und schwer beeindruckt war.<br \/>\nKurz darauf fanden sie sich zur Aussprache verdonnert, von Kampfgruppen flankiert. Drei Stunden sa\u00df man so zusammen, ein Gespr\u00e4ch war es eher nicht. \u201eIch untersage jegliche Diskussion \u00fcber das Stadtschloss\u201c, sagte der Vorsitzende, \u201esonst finde ich Mittel und Wege, Sie zum Schweigen zu bringen\u201c. Dieser Satz, sagt Posmyk, habe sich in sein Ged\u00e4chtnis eingebrannt. Verstehen konnte er es immer noch nicht. \u201eWir waren gar keine Rebellen, nur eine fachliche Opposition\u201c. Als Strafma\u00dfnahme sollten die 15 abtr\u00fcnnigen Baufachleute bei den Absperrungen zur Sprengung des Schlosses helfen und das Publikum fernhalten. \u201eVon uns ist aber niemand hingegangen\u201c, sagt Posmyk, \u201eobwohl das ein Affront ersten Ranges war.\u201c<br \/>\nIn die Stadtschlossruine verliebte sich der junge Bauingenieur, als er 1953 nach Maurerlehre, Arbeiter- und Bauernfakult\u00e4t in Halle und Ingenieursstudium in Cottbus nach Potsdam kam. Vor allem der Schlosshof erschien dem 24-J\u00e4hrigen wie eine andere Welt: Die S\u00e4ulen und Fragmente, Teile des Figurenschmucks, diese riesige Ruine, teils mit Brennnesseln \u00fcberwuchert, \u201edort konnte ich gut abschalten, f\u00fchlte mich manchentags wie auf einer Agora in Griechenland, es war traurig, es war romantisch, und erst hinter den Resten des Fortunaportals tobte wieder das Leben\u201c.<br \/>\nZugleich beunruhigten ihn Ger\u00fcchte, die Partei wolle die Ruine sprengen, weil sie einen Aufmarschplatz brauche. Im 300 Mann starken Hochbau-VEB blieben solche Pl\u00e4ne nicht lang geheim. Also sann Herbert Posmyk darauf, wenigstens die Stimmungen zu erhalten.<br \/>\nAls begeisterter Hobbyfotograf griff er zu seiner \u201eExakta Varex IIa\u201c, auf die er ein halbes Jahr gespart hatte \u2013 1200 Ostmark waren ein kleines Verm\u00f6gen \u2013 und seinem geliebten Zeiss-Objektiv und machte mehr als 500 Bilder von der Schlossruine. 300 in Schwarzwei\u00df, die er im Betrieb selbst entwickelte und abzog; 200 auf Farbdias, die er zum Entwickeln direkt zu Orwo nach Wolfen schicken musste \u2013 auch das ein teurer Spa\u00df: Zehn Mark kostete ein Film, f\u00fcnf Mark die Entwicklung, auf die man zwei Wochen wartete. Die Ergebnisse zeigen nicht nur Posmyks Talent f\u00fcr Fotografie, seinen Motivblick, die akribische Belichtungsmessung und seine unerm\u00fcdliche Suche nach der richtigen Perspektive, sondern auch, dass das Schloss bei weitem nicht so kaputt war, die viele heute annehmen: Zwar waren das Dach komplett eingest\u00fcrzt und die Innenr\u00e4ume komplett ausgebrannt, doch von den Au\u00dfenmauern standen mehr als 80 Prozent.<br \/>\nBesser noch als Posmyks Worte beschreiben seine Bilder den morbiden Charme der Ruine. Das haben auch der Stadtschlossverein und die Initiative \u201eMittesch\u00f6n\u201c erkannt, die aus Posmyks Fotoschatz einen Kalender sch\u00f6pften, aus dessen Erl\u00f6s sie die Reparatur des originalen Stadtschloss-Figurenschmucks finanzieren wollen. Das Interesse an seinen Bildern und die professionelle Aufarbeitung f\u00fcr den gro\u00dfformatigen Kalender machen Herbert Posmyk, der dem Fotohobby zeitlebens treu blieb und auch den Umstieg aufs Digitale sofort mitmachte, gl\u00fccklich. Dennoch ist er kein Wiederaufbau-Fetischist, wie er betont. Wie schon bei der Frage um den Stadtschloss-Abriss bem\u00fcht sich Posmyk um den Blick aufs Gesamte. Das Hotel Mercure etwa habe nach dem Schlossaufbau keinen Platz mehr in der Innenstadt, sagt er.<br \/>\nEin Satz, der ihn zugleich schmerzt, denn als Chefstatiker f\u00fcr den Bau hat er sechs Monate lang mit dem Rechenschieber die Stabilit\u00e4t des Hauses kalkulierte. \u201eEs war das statische Hauptwerk meines Lebens\u201c, sagt Posmyk, \u201eein komplexer Bau, auch wenn es nicht so aussieht.\u201c Obwohl er keinen Platz mehr f\u00fcr den Betonriesen sieht, verletzte es Posmyk doch, dass in der Debatte im Fr\u00fchjahr TV-Moderator G\u00fcnther Jauch es \u201eNotdurftarchitektur\u201c und Schauspielerin Nadja Uhl \u201everpupst\u201c nannte.<br \/>\nAls das Leitbautenkonzept f\u00fcr die Innenstadt 2011 diskutiert wurde, wollte Herbert Posmyk sich auch \u00e4u\u00dfern. Als Statiker des Mercure und Projektierer der Staudenhofplatte galt er aber von vornherein als Ewiggestriger, kam kaum zu Wort. Auch das tat ihm, dem Stadtschlossfreund, weh. \u201eDa war wieder keine fachliche Debatte m\u00f6glich\u201c, sagt er. \u201eImmerhin kamen keine Kampfgruppen.\u201c <\/p>\n<p><em>(Erschienen am 13.10.2012)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eMercure\u201c-Statiker und Fotograf Herbert Posmyk hat einen Bilderschatz im Keller und einen Erinnerungsschatz im Kopf Er war DDR-Stadtplaner und k\u00e4mpfte gegen die Sprengung des Stadt- Schlosses. Die Statik des Hotel Mercure ist sein Hauptwerk, dennoch pl\u00e4diert er f\u00fcr den Abriss. Posmyk passt in keine Schublade au\u00dfer einer: unersch\u00fctterlicher Potsdam-Freund. 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