{"id":4513,"date":"2012-09-15T00:01:16","date_gmt":"2012-09-14T22:01:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/?p=4513"},"modified":"2014-11-20T19:48:07","modified_gmt":"2014-11-20T17:48:07","slug":"schaulust-und-seitenhiebe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/?p=4513","title":{"rendered":"Schaulust und Seitenhiebe"},"content":{"rendered":"<p><strong>Fasziniert von Fu\u00dfballfotos, angeraunzt von Ortsvorstehern: Die Stadt lud zur 65. Stadtwanderung<\/strong><\/p>\n<p><em>Es ging um \u201eWohnen und Arbeiten\u201c in Potsdam, aber auch um alten \u00c4rger, neue Entdeckungen und das ganz normale Leben.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Es scheint ihn wirklich zu interessieren. Wer schon einmal B\u00fcrgermeister, Minister oder Abgeordnete auf Vor-Ort-Terminen erlebt hat, wei\u00df, wie aufgesetzt das wirken kann \u2013 das gedehnte \u201eLecker!\u201c beim zw\u00f6lften G\u00fcrkchen auf dem Messerundgang und das f\u00fcnfte gepresste \u201eSch\u00f6n haben Sie\u2019s hier\u201c im W\u00e4hler-Wohnzimmer beim Stadtteilrundgang l\u00e4sst selbst Berufspolitiker mit allumfassendem B\u00fcrger-Umarmungs-Drang nicht mehr sonderlich \u00fcberzeugend wirken. Jann Jakobs dagegen ist entweder sehr breit interessiert oder ein unglaublich begabter Schauspieler. Der Oberb\u00fcrgermeister steht beim Tischler G\u00e4nserich in Fahrland und interessiert sich f\u00fcr Schleifb\u00e4nke und Spanabsauganlagen, als hinge seine Leben davon ab. Er entdeckt den alten Ofen zum Veredeln von Spanplatten in der Ecke der Werkhalle, den selbst der Chef schon halb vergessen hatte.<br \/>\nDass selbst das noch steigerbar ist, lernen selbst seine zur Mitreise verpflichteten Beigeordneten im Dachgeschoss von Ralf Grengel. Grengel geh\u00f6rt die \u201ePowerplay Medienholding\u201c, er hat vor zehn Jahren sein Zehn-Mann-Unternehmen und den Familienwohnsitz in eine Villa mit Seeblick verlegt und steuert von dort ein Unternehmen, das die Herzen von Sportfans h\u00f6her schlagen l\u00e4sst: Er schreibt B\u00fccher mit, f\u00fcr und \u00fcber Athleten wie Katarina Witt, Claudia Pechstein und Graciano Rocchigiani, erstellt das Stadionmagazin f\u00fcr Hertha BSC und h\u00e4lt das gr\u00f6\u00dfte historische Sportfotoarchiv unter seiner \u00c4gide. Jakobs betritt das B\u00fcro und ist sofort verzaubert, als er an den W\u00e4nden ein gro\u00dfes Foto von der einzigen Saison Franz Beckenbauers beim Hamburger Sportverein entdeckt und eines, auf dem Fritz Walter das Bundesverdienstkreuz von einem seltsam jugendlichen Helmut Kohl bekommt. Auf einem extra St\u00e4nder steht die 50 mal 75 Zentimeter gro\u00dfe, in Holz und Leder gebundene Edelchronik des FC Bayern, 25 Kilo schwer, 3000 Euro teuer und f\u00fcr 1444 Euro Aufpreis mit einem Bild der \u201eJahrhundertelf des Vereins\u201c versehen: einer Fotomontage der besten Spieler der Vereinsgeschichte in einer Mannschaft. Jakobs erkennt sie alle, auf Anhieb, Ralf Grengel ist begeistert, die Kultur- und Sportdezernentin Iris Jana Magdowski applaudiert, der Rest des Trosses schweigt and\u00e4chtig. Als Jakobs dann noch erf\u00e4hrt, dass der Macher und Sportgeschichtsfanatiker Grengel alle Jahrg\u00e4nge der Fachzeitschrift \u201eKicker\u201c seit 1936 im Keller hat, ist es fast um seine Selbstbeherrschung geschehen. Mitarbeiter m\u00fcssen Jakobs zaghaft aber bestimmt daran erinnern, dass weitere Termine warten.<br \/>\nEs geht um \u201eWohnen und Arbeiten in Potsdam\u201c bei der vierten Stadtwanderung in diesem Jahr. Insgesamt ist es bereits die 65., und Jakobs ist der einzige, der bei allen dabei war. Alles beginnt in Gro\u00df Glienicke, wo Ortsvorsteher Franz Blaser Jakobs und den Beigeordneten die Pl\u00e4ne f\u00fcr ein Nahversorgungszentrum und Wohnungen am Kreisverkehr vorstellt. Ein Rewe-Markt, eine Drogeriefiliale, ein Bekleidungsgesch\u00e4ft und ein Tierfutteranbieter sollen dort den existierenden Discounter auf der anderen Stra\u00dfenseite erg\u00e4nzen und die Versorgung sichern, falls der kleine Laden im Seecenter 2014 die Pforten schlie\u00dft. Au\u00dferdem entstehen \u2013 haupts\u00e4chlich n\u00f6rdlich der Potsdamer Chaussee \u2013 70 bis 100 Wohnungen in Einzelh\u00e4usern und im Geschosswohnungsbau, die Stadt k\u00fcmmert sich um die Erschlie\u00dfung. Der n\u00f6tige Bebauungsplan ist noch im Werden, Erik Wolfram vom Bauamt zeigte sich aber optimistisch, dass schon im n\u00e4chsten Jahr die ersten Spaten in die Erde gestochen werden. F\u00fcr Franz Blaser ist das eine \u201edringend n\u00f6tige st\u00e4dtebauliche Abrundung\u201c des Ortes, nur Ortsbeiratsmitglied Andreas Menzel (Gr\u00fcne), erkl\u00e4rter Gegner des Projekts, murrt vernehmlich, wof\u00fcr ihn Blaser anraunzt. Die Kulturdezernentin hatte Menzel bereits mit \u201eWas will denn die Promenadenmischung hier?\u201c begr\u00fc\u00dft und dabei offen gelassen, ob sie Menzel oder dessen mitgebrachten Hund meinte. \u201eDas ist ein ungarischer Mudi\u201c, gab der unger\u00fchrt zur\u00fcck.<br \/>\nAngeraunzt wurde der Stadtwanderungs-Trupp auch von Fahrlands Ortsb\u00fcrgermeister Claus Wartenberg, der nicht nur wegen der oberb\u00fcrgermeisterlichen Fu\u00dfballfaszination wartengelassen wurde, sondern auch sauer ist, dass der Bauherr Semmelhaack in seinem Ort zwar Hunderte Wohnungen gebaut hat und weitere 450 ab dem n\u00e4chsten Jahr bauen will, \u201eaber die versprochene Infrastruktur nicht herstellt\u201c. Speziell beklagen die Fahrl\u00e4nder das Fehlen eines Arztes und einer Apotheke \u2013 erst recht, wenn der Ort demn\u00e4chst um weitere 1000 Anwohner anschwillt. Die Stadt und Semmelhaack-Vertreter Berko Dibowski betonen daraufhin erneut, dass man keinen Arzt und Apotheker zur Ansiedlung zwingen k\u00f6nne, was Wartenberg noch eine Spur w\u00fctender macht: \u201eDiese Ausreden h\u00f6re ich schon seit f\u00fcnf Jahren.\u201c Ihm entgleiten endg\u00fcltig die Gesichtsz\u00fcge, als der Trupp nach wenigen Minuten wieder aufbricht, um die beim Fu\u00dfballfachsimpeln verlorene Zeit aufzuholen.<br \/>\nIn Bornim wird am H\u00fcgelweg die letzte Freifl\u00e4che ab n\u00e4chstem Jahr mit 200 Wohnungen in 40 H\u00e4usern bebaut, die Erschlie\u00dfung hat schon begonnen. Erik Wolfram schafft es, das in drei Minuten zu erl\u00e4utern, exakt eine Oberb\u00fcrgermeisterzigarettenl\u00e4nge, dann geht\u2019s zum Schlusspunkt, der Semmelhaack-Siedlung am Krongut Bornstedt. 114 H\u00e4user habe man dort gebaut, sagt Berko Dibowski, seit 2007, nun sei alles so gut wie fertig. Der Bau zog sich, weil das Grundwasser Probleme machte, auch der Verkauf lief schleppend, nun vermietet Semmelhaack einen gro\u00dfen Teil der H\u00e4user. \u201eDas l\u00e4uft viel besser\u201c, sagt er. \u201eDie sehen alle gleich aus\u201c, bem\u00e4ngelt jemand aus der zweiten Reihe. \u201eDie haben verschiedene Farben\u201c, wendet Dibowski ein.<br \/>\nAnsonsten ist auch diese 65. Stadtwanderung die bew\u00e4hrte Mischung aus \u201eWir schauen uns auch mal vor Ort an, wor\u00fcber wir sonst in Sitzungen nur h\u00f6ren\u201c und Betriebsausflug. Der Baudezernent fehlt, was allgemeinen Unmut hervorruft, der Finanzdezernent sagt kein Wort und ist auf sein Handy konzentriert, die Kulturdezernentin stellt am Ortsschild von Gro\u00df Glienicke erschreckt fest, dass das ja \u201eam Arsch der Welt\u201c liege und die Sozialbeigeordnete Elona M\u00fcller-Preinesberger juchzt auf einer Fahrl\u00e4nder Brache, als ihr Handy ihr meldet, dass sie soeben zum f\u00fcnften Mal Oma geworden ist. Das ganz normale, pralle Leben halt. <\/p>\n<p><em>Erschienen am 15.09.2012<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fasziniert von Fu\u00dfballfotos, angeraunzt von Ortsvorstehern: Die Stadt lud zur 65. Stadtwanderung Es ging um \u201eWohnen und Arbeiten\u201c in Potsdam, aber auch um alten \u00c4rger, neue Entdeckungen und das ganz normale Leben. Es scheint ihn wirklich zu interessieren. 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