{"id":4586,"date":"2011-10-11T00:01:35","date_gmt":"2011-10-10T23:01:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/?p=4586"},"modified":"2014-11-24T16:39:51","modified_gmt":"2014-11-24T15:39:51","slug":"die-alten-fehler-bauen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/?p=4586","title":{"rendered":"Die alten Fehler bauen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Mit dem Architekten Martin Reichert auf Rundgang in Semmelhaacks j\u00fcngstem Viertel: \u201ePotsdam lernt nicht dazu\u201c<\/strong><\/p>\n<p><em>Die architektonische Qualit\u00e4t des neuen Wohngebietes am Bahnhof wird gern gescholten \u2013 wir baten Chipperfield-Direktor Martin Reichert um eine Expertise.<\/em> <\/p>\n<p>Der gro\u00dfe Mann \u2013 Martin Reichert misst knapp zwei Meter \u2013 kommt ganz unpr\u00e4tenti\u00f6s mit der S-Bahn in Potsdam an. Keine Limousine, kein Chauffeur. Zwar pendelt Reichert derzeit best\u00e4ndig zwischen S\u00fcdkorea, Berlin und Russland, den Dauer-Jetlag sieht man ihm aber nicht an: Der Architekt wirkt, als habe er zuvor noch einen Termin beim Herrenausstatter gehabt. \u201eWir wollen doch heute sozialen Wohnungsbau besichtigen, da hielt ich die S-Bahn f\u00fcr angemessen\u201c, kommentiert er die Wahl seines Verkehrsmittels mit feinem L\u00e4cheln.<br \/>\nSozialer Wohnungsbau \u2013 das stimmt nicht ganz. Reichert, Direktor des Berliner B\u00fcros des Star-Architekten David Chipperfield, will an diesem Tag das \u201eCity-Quartier\u201c der Firma Semmelhaack am Bahnhof einer kritischen W\u00fcrdigung unterziehen. Im Gestaltungsrat der Stadt f\u00e4llt der Architekt, der f\u00fcr Chipperfield das \u201eNeue Museum\u201c in Berlin behutsam restaurierte und daf\u00fcr seither mit nationalen und internationalen Preisen geradezu \u00fcbersch\u00fcttet wird, stets durch seine glasklaren, schneidend scharfen Analysen auf. Diesmal hat er sich bereit erkl\u00e4rt, mit der MAZ ein umstrittenes Projekt zu besichtigen. An Stigmen mangelt es dem \u201eCity-Quartier\u201c auf dem Gel\u00e4nde des ehemaligen Reichsbahnausbesserungswerkes nicht: Von \u201egesichtsloser B\u00fcroarchitektur\u201c bis zu \u201emaximaler Verwertung\u201c lauteten die Anw\u00fcrfe, etwa im Bauausschuss.<br \/>\nMit dem Architekten kommen auch die Tropfen. Kaum verl\u00e4sst Reichert den Bahnhof, geht ein Regenguss nieder. Mit den Worten \u201eIch bin ziemlich wetterfest\u201c lehnt er einen angebotenen Schirm ab. Dann ist es wohl auch nur Regen und keine Tr\u00e4ne der Verzweiflung, was ihm mitten im 85 000 Quadratmeter gro\u00dfen Areal \u00fcber das Gesicht rinnt. Die erste Runde absolviert Reichert weitgehend schweigend, nur einmal entf\u00e4hrt ihm ein \u201eDiese Dichte ist wirklich grenzwertig!\u201c 639 Wohnungen hat Semmelhaack in f\u00fcnf Geschossen auf die Fl\u00e4che gequetscht.<br \/>\nVom Balkon eines Penthouses l\u00e4sst Martin Reichert den Blick \u00fcber das gesamte Areal schweifen: \u00fcber den L-Riegel, dessen langer Schenkel parallel zur Bahn verl\u00e4uft, \u00fcber die mit drei U-f\u00f6rmigen Bl\u00f6cken vollgestellte Mitte, schlie\u00dflich das halbrunde Seniorenheim, das den massiven Block an der Friedrich-Engels-Stra\u00dfe zum Bahnhofsvorplatz hin \u00f6ffnet. Der Blick geht ausschlie\u00dflich \u00fcber betongraue Flachd\u00e4cher. \u201eDie Dachlandschaft ist speziell\u201c, sagt Martin Reichert, w\u00e4hrend er sich den Regen aus der Stirn wischt. Er betont \u201espeziell\u201c in einer Art, dass es wie \u201ekatastrophal\u201c, \u201emonstr\u00f6s\u201c oder \u201eschauerlich\u201c klingt, doch der 43-J\u00e4hrige mit dem hanseatisch wirkenden Charme n\u00e4hme solche Worte nicht in den Mund. Immerhin inspiriert ihn der Anblick zu einem Zwischenfazit: Alles sei sehr \u00f6konomisch und effizient gebaut und daher lobenswert, befindet Reichert, andererseits k\u00f6nne man nicht verkennen, dass der Bauherr die Gewinnmaximierung \u00fcber alles gestellt habe. Es fehle allerorten an Raffinesse, beim Material und den Oberfl\u00e4chen, alles sei g\u00fcnstig und ohne Liebe zu den Details entstanden. Das k\u00f6nne man allerdings nicht dem Architekten anlasten, sondern dem Kostendruck, den der Bauherr verordne. Das Viertel sei architektonisch vom Funktionalismus der 1920er und 1970er Jahre inspiriert, stehe in der Tradition des n\u00fcchternen sozialen Wohnungsbaus. Dem st\u00fcnden allerdings die hohen Kaltmieten zwischen neun und zehn Euro entgegen: \u201eF\u00fcr 5,50 Euro w\u00fcrde man es loben k\u00f6nnen.\u201c<br \/>\nReichert findet noch mehr Lobenswertes: Die rigide Abwendung von der Bahn \u2013 nach hinten haben die Wohnungen nur Bad und Abstellr\u00e4ume sowie eine gute L\u00e4rmd\u00e4mmung \u2013 findet seinen Beifall, auch die Laubeng\u00e4nge, die zu den Wohnungen f\u00fchren, h\u00e4lt er f\u00fcr eine gute Idee. Die minimalen Freifl\u00e4chen im City-Quartier seien \u201eimmerhin gestaltet\u201c, wenn auch wenig nutzbar. Da es ohnehin Tiefgaragenpl\u00e4tze in gro\u00dfer Anzahl gibt, h\u00e4tte Reichert das Parken auf den wenigen Freifl\u00e4chen nicht gestattet. Auf einer dieser \u201eFreifl\u00e4chen\u201c stehend, dreht er sich einmal im Kreis: \u201eDiese Dichte ist trotzdem an der Grenze des Ertr\u00e4glichen. Wer das genehmigt hat\u201c, murmelt er kopfsch\u00fcttelnd.<br \/>\nWer eine Erdgeschosswohnung gemietet hat, bekommt von Martin Reichert das Bedauern obendrauf. Deren Mieter schauen nicht nur auf grauen Beton, wohin sie auch blicken, sondern auch noch auf die wenig einladenden Tiefgaragenfenster. V\u00f6llig unverst\u00e4ndlich bleibt dem Architekten, warum die Terrassen im Erdgeschoss mit Dachgr\u00fcn \u201everunstaltet\u201c wurden, statt sie mit Rasen einladend zu gestalten. Au\u00dferdem kann dank eines Metallgel\u00e4nders den Bewohnern jeder auf die Strandliege oder den Grill schauen. Sichtsch\u00fctzende Mauern gibt es sinnloserweise nur zwischen den einzelnen Terrassen. Den eigentlich Schuldigen benennt Martin Reichert erst etwas sp\u00e4ter beim Tee. Vorher hat er den unvermeidlichen Architektenschal ausgewrungen. Von der Stuhllehne tropft die Jacke. \u201eDas ist alles typisch Potsdam\u201c, res\u00fcmiert der Architekt, der nicht nur ein Jahr Gestaltungsratserfahrung in die Waagschale werfen kann, sondern sich auch schon zuvor bestens in den Bauten der Stadt auskannte. \u201eEin so gro\u00dfes Gebiet w\u00e4re anderswo nie ohne Bebauungsplan gelaufen. Dort w\u00e4re auch die m\u00f6gliche Dichte festgelegt worden, und zwar eine deutlich geringere\u201c, sagt er. W\u00e4hrend Potsdam im historischen Bestand seit der Wende alles richtig gemacht habe, umsichtig, sensibel und mit hohem materiellen Aufwand vorgegangen sei, gebe es bei Neubauten stets eine nachlaufende Debatte, weil vorher nicht reguliert werde, sondern schlicht \u201evollgestellt\u201c \u2013 ein Fehler, der der Bauverwaltung anzulasten sei. Er sieht auch durch den Gestaltungsrat kein Umdenken dort, obwohl er dem Baudezernenten gro\u00dfes Engagement bescheinigt. \u201eDas Traurige ist doch, dass die schlechten Erfahrungen, etwa mit dem Bahnhof, nicht dazu f\u00fchren, dass es k\u00fcnftig besser wird. Potsdam wiederholt die alten Fehler, verkauft ohne Auflagen, ohne kleinteilige Parzellierung\u201c, so Reichert. Er erregt sich nicht, sagt es ganz k\u00fchl. Und was h\u00e4tte er zum City-Quartier gesagt, wenn es ihm im Gestaltungsrat vorgestellt worden w\u00e4re? \u201eDass es in diesem Umfeld nicht so problematisch ist, wie es in der Innenstadt w\u00e4re, dass die lieblose Gestaltung akzeptabel w\u00e4re, wenn die Mieten gering w\u00e4ren, dass das Farbkonzept h\u00f6chst fragw\u00fcrdig ist. Es sei denn, man mag betongrau\u201c. Dann geht Reichert zur\u00fcck zur S-Bahn. Korea wartet. Wo seine Jacke hing, ist eine kleine Pf\u00fctze. <\/p>\n<p><em>Erschienen am 11.10.2011<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit dem Architekten Martin Reichert auf Rundgang in Semmelhaacks j\u00fcngstem Viertel: \u201ePotsdam lernt nicht dazu\u201c Die architektonische Qualit\u00e4t des neuen Wohngebietes am Bahnhof wird gern gescholten \u2013 wir baten Chipperfield-Direktor Martin Reichert um eine Expertise. Der gro\u00dfe Mann \u2013 Martin Reichert misst knapp zwei Meter \u2013 kommt ganz unpr\u00e4tenti\u00f6s mit der S-Bahn in Potsdam an. [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":true,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","default_image_id":0,"font":"","enabled":false},"version":2},"jetpack_post_was_ever_published":false},"categories":[20,15,3,21,11,14,33,29,31,27],"tags":[],"class_list":["post-4586","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bericht","category-feature","category-maz","category-portrait","category-pdm","category-reportage","category-stilform","category-toho","category-publishedin","category-rating"],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p2HHro-1bY","jetpack_likes_enabled":false,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4586","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4586"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4586\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4587,"href":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4586\/revisions\/4587"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4586"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4586"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4586"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}