{"id":4591,"date":"2011-08-24T00:01:32","date_gmt":"2011-08-23T23:01:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/?p=4591"},"modified":"2014-11-24T16:58:33","modified_gmt":"2014-11-24T15:58:33","slug":"europa-in-drei-stunden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/?p=4591","title":{"rendered":"Europa in drei Stunden"},"content":{"rendered":"<p><strong>Mit zwei schl\u00f6sserbegeisterten Amerikanern auf einem Kurztrip durch die Landeshauptstadt<\/strong><\/p>\n<p><em>\u00dcber die Bedeutung des Tourismus f\u00fcr Potsdam wird viel geredet, doch wie erleben eigentlich ausl\u00e4ndische G\u00e4ste die Stadt? Die MAZ machte die Probe und begleitete zwei Amerikanerinnen auf ihrem Tagestrip.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Der Tag in Potsdam beginnt f\u00fcr Leah und Marybeth Berger mit einem \u00dcberfall: Kaum haben sie die S-Bahn am Vormittag am Hauptbahnhof verlassen, st\u00fcrzen sich die M\u00e4nner mit den Stadtrundfahrts-Prospekten auf sie. Mit sicherem Blick haben die Werber die drei untr\u00fcglichen Touristenindikatoren entdeckt: Reisef\u00fchrer in der Hand, suchender Blick, ausl\u00e4ndischer Akzent. Doch Mutter und Tochter Berger kommen aus Dayton, Ohio, USA und sind aufdringliche Werbung gewohnt: Souver\u00e4n pfl\u00fccken sie jedem Werber eine Brosch\u00fcre aus der Hand und schreiten mit freundlich-k\u00fchlem L\u00e4cheln unger\u00fchrt weiter, direkt zur Touristinfo, wo sie die eben gewonnenen Zettel Berater Florian Sonnenschein zur Entscheidung vorlegen. Der tippt routiniert auf einen Anbieter und verkauft ihnen die Tickets, w\u00e4hrend er zugleich einem Spanier die Frage nach der n\u00e4chsten Toilette beantwortet und einem Franzosen erkl\u00e4rt, wie er ins Holl\u00e4ndische Viertel kommt \u2013 jeweils in deren Muttersprache nat\u00fcrlich.<br \/>\nDie Bergers schlendern indes zum Stadtrundfahrtsbus und wehren weitere Werber\u00fcberf\u00e4lle durch Vorzeigen ihrer Tickets ab. Kurz zuvor haben sie noch einen Blick auf den Vorplatz des Bahnhofs geworfen, sich dann schulterzuckend angesehen und irgendwas mit \u201eIndustriegebiet\u201c gemurmelt. Der Weg zum Bus gef\u00e4llt ihnen besser: Wasser, Gr\u00fcn und der Turm der Nikolaikirche.<br \/>\n24 Stunden zuvor hatten sie noch nie von Potsdam geh\u00f6rt. Die Bergers befinden sich auf einer Europa-in-drei-Wochen-Tour, haben in Frankreich begonnen, wo Leah, Mitte 20, demn\u00e4chst f\u00fcr ein bis drei Jahre Englisch unterrichten wird, sind dann nach Hamburg und schlie\u00dflich nach Berlin gekommen \u2013 jeweils f\u00fcr zwei Tage. Die Tour am Vortag mit dem Bus durch Berlin hat sie nicht erf\u00fcllt, doch an der Glienicker Br\u00fccke sahen sie Wasser und Schl\u00f6sser und entschieden spontan: Morgen muss es dieses Potsdam sein, das sie hartn\u00e4ckig f\u00fcr einen Teil von Berlin erkl\u00e4ren. In ihrem Reisef\u00fchrer stehts es ja schlie\u00dflich auch so.<br \/>\nDer Regen pausiert, weshalb Busfahrer Siggi das Dach ge\u00f6ffnet hat und sich Reiseleiterin Jutta Romanowski auf deutsch und englisch in die Herzen der G\u00e4ste zu scherzen versucht. Die Nikolaikirche nehmen Bergers mit anerkennendem Nicken zur Kenntnis, an den Hillerbrandtschen H\u00e4usern entf\u00e4hrt ihnen ein \u201ebeautiful\u201c, die Klickrate des Fotoapparates steigt. Das Brandenburger Tor erkl\u00e4ren sie f\u00fcr kleiner, aber sch\u00f6ner als dessen Berliner Version, die verfallenen und beschmierten H\u00e4user in der Zeppelinstra\u00dfe k\u00f6nnten ihrem Urteil nach auch irgendwo in Chicago stehen.<br \/>\nMit dem ersten Stopp am Neuen Palais kommt nicht nur der erste Schauer, sondern auch der erste Schock: Man kann diesen riesigen Park betreten, ohne Eintritt zu bezahlen. \u201eUnglaublich\u201c, findet Marybeth Berger, und ist dar\u00fcber so erstaunt, dass sie die Dame, die um freiwilligen Parkeintritt bittet, glatt ignoriert. Wer denn das alles bezahlt, will sie wissen. Der Staat, also der Steuerzahler, sagt Jutta Romanowski. \u201eDas ist Kommunismus\u201c, entf\u00e4hrt es einem anderen amerikanischen Tourteilnehmer. Die Bergers h\u00f6ren es nicht mehr, denn die Mopke gef\u00e4llt ihnen so gut, dass sie ins Schw\u00e4rmen geraten \u2013 vor allem \u00fcber ihre namensgebenden Pflastersteine. Als Jutta Romanowski erkl\u00e4rt, dass die Wege im Park 78 Kilometer lang sind und es allein bis zum Schloss Sanssouci 2,2 Kilometer sind, erleiden Bergers ihren n\u00e4chsten Schrecken: Und es gibt keine Autos im Park, die einen weiterbringen?<br \/>\nZum Gl\u00fcck f\u00e4hrt der Tourbus die Truppe weiter. N\u00e4chster Halt: Sanssouci. Den Begriff kannte Marybeth Berger bislang nur, weil ihr Lieblings-Wellness-Tempel in Dayton auch so hei\u00dft. Jetzt ergibt er Sinn, sagt sie. Direkt davor stehend, erscheint ihr die Sommerresidenz klein, doch von den unteren Terrassen aus werden die \u201eWows\u201c und \u201eGreats\u201c immer lauter. \u201eDas ist wirklich der sch\u00f6nste Teil von Berlin\u201c, entf\u00e4hrt es Leah Berger, die sich daraufhin erneut von einem mitreisenden Potsdamer belehren l\u00e4sst, dass man ja schlie\u00dflich \u201ekeen Stadtteil und och keen Vorort\u201c sei. Okay. An Friedrichs Grab staunen sie \u00fcber die Kartoffeln darauf und \u00fcber die Erkl\u00e4rung daf\u00fcr sowie \u00fcber den Umstand, dass des Alten Fritz\u2019 Frau in Sanssouci Hausverbot hatte. Schnell noch ein paar Postkarten gekauft, dann geht\u2019s nach Cecilienhof. Erste Erm\u00fcdung macht sich breit, die Alexandrowka rauscht an den Bergers eher vorbei, ebenso Jutta Romanowskis Erkl\u00e4rungen zum KGB-St\u00e4dtchen und der Mauer. Mutter und Tochter Berger sind wegen der Schl\u00f6sser und Parks hier, die j\u00fcngere deutsche und europ\u00e4ische Geschichte nehmen sie entfernt zur Kenntnis. Stattdessen begeistern sie sich f\u00fcr das Konzept der Kleing\u00e4rten, dass sie schlicht \u201eingenious\u201c \u2013 genial \u2013 finden und wundern sich, dass die Autos, Stra\u00dfen und \u00fcberhaupt alles in Europa so klein sei.<br \/>\nCecilienhof gef\u00e4llt den Bergers sofort. Das ab 1914 im englischen Stil errichtete Schloss k\u00f6nnte im Gegensatz zu den Barock- und Rokokobauten auch in den USA stehen und erweckt nach zwei Wochen in Europa daher fast heimatliche Gef\u00fchle.<br \/>\nIm Neuen Garten staunen sie \u00fcber die vielen Fahrr\u00e4der und dass die nicht nur diese komischen Klingeln haben, sondern sie auch benutzen, weil der amerikanische Teil der Reisegesellschaft regelm\u00e4\u00dfig den gesamten Weg blockiert.<br \/>\nIn der Brandenburger Stra\u00dfe endet die Tour. Den \u201eBroadway\u201c finden die Bergers ganz \u201eokay\u201c, das Holl\u00e4ndische Viertel hingegen au\u00dferordentlich \u201ecute\u201c \u2013 niedlich.<br \/>\nBei einer hei\u00dfen Schokolade res\u00fcmieren sie, dass ihr Tag von Potsdam ein wundersch\u00f6ner gewesen sei. Marybeth Berger sagt, eigentlich sei das statt Europa in drei Wochen Europa in drei Stunden gewesen, nach all den italienischen und franz\u00f6sischen Baueinfl\u00fcssen, der Alexandrowka und dem Holl\u00e4ndischen Viertel. Und Leah Berger erg\u00e4nzt, sollte sie zur\u00fcckkehren \u2013 was sie im gleichen Atemzug ausschlie\u00dft, schlie\u00dflich geht es morgen nach M\u00fcnchen, dann nach Venedig und Rom \u2013, so w\u00fcrde sie lieber hier als am Potsdamer Platz Quartier nehmen. Und all ihren Bekannten wolle sie\u2019s auch empfehlen, es sei, so ist Leah \u00fcberzeugt, nun einmal \u201eder sch\u00f6nste Teil von Berlin\u201c. <\/p>\n<p><em>Erschienen am 24.08.2011<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit zwei schl\u00f6sserbegeisterten Amerikanern auf einem Kurztrip durch die Landeshauptstadt \u00dcber die Bedeutung des Tourismus f\u00fcr Potsdam wird viel geredet, doch wie erleben eigentlich ausl\u00e4ndische G\u00e4ste die Stadt? 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