{"id":4632,"date":"2014-07-09T00:00:38","date_gmt":"2014-07-08T23:00:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/?p=4632"},"modified":"2015-07-15T15:54:21","modified_gmt":"2015-07-15T14:54:21","slug":"bewegende-momente-wenn-auch-verfrueht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/?p=4632","title":{"rendered":"Bewegende Momente, wenn auch verfr\u00fcht"},"content":{"rendered":"<p>Im Prinzip ist Selbstironie ein cleveres Kommunikationswerkzeug. Der Selbstironische nimmt sich nicht zu wichtig und er ist bef\u00e4higt, sein Handeln quasi von au\u00dfen zu \u00fcberpr\u00fcfen und zu bewerten. Au\u00dferdem kann der Selbstreflektierte \u00fcber seine Schw\u00e4chen lachen. Selbstironie ist grundsympathisch. Schwieriger liegt der Fall, wenn unklar bleibt, ob es sich um Selbstironie oder landl\u00e4ufige Bl\u00f6dheit handelt. Das ist manchmal n\u00e4mlich schwer unterscheidbar.<\/p>\n<p>Reden wir aber zun\u00e4chst \u00fcber das Motto der Stadt f\u00fcr 2015, das diese Woche vorgestellt wurde und da lautet: \u201ePotsdam bewegt\u201d. Ein sch\u00f6nes Motto, zweifellos, und dazu noch hinreichend vage, um alles, was ohnehin passiert w\u00e4re, darunter zu fassen. Der Schl\u00f6sserlauf etwa, der Stadtsportball sowie Film, Wissenschaft und die Auseinandersetzung mit der Geschichte h\u00e4tten \u2014 ja, wir lehnen uns jetzt bewusst sehr weit aus dem Fenster, aber manchmal muss man halt was riskieren, selbst als Journalist \u2014 sowieso stattgefunden. Bevor wir uns jetzt in der ketzerischen Frage verlieren, ob eine ohnedies erfolgende Bewegung unter dem Motto \u201ePotsdam bewegt\u201d noch mehr bewegt, erfreuen wir uns lieber der innewohnenden Ironie: Wie der Zufall es wollte, fiel die Verk\u00fcndung des Mottos in eine Zeit, in der sich in Potsdam, speziell in dessen Norden, sehr wenig bewegt. Genau genommen noch weniger, als ohnehin schon nicht, also quasi fast gar nichts \u2014 dank der hinreichend gew\u00fcrdigten zehn parallelen Sommerbaustellen. Andererseits hat der resultierende Stau die Potsdamer wirklich bewegt und sogar bewogen, ordentlich Dampf abzulassen, in Foren, auf Facebook, in Leserbriefen. Wir lernen: Gerade, wenn sich nichts bewegt, bewegt das viele.<\/p>\n<p>Ob es noch unter Selbstironie zu fassen ist, muss offen bleiben, aber sympathisch, reflektiert und Schw\u00e4chen eingestehend war das Folgende in jedem Fall: \u00c4ltere Leser m\u00f6gen sich erinnern, dass Potsdams Baudezernent 2009 auch mit dem wiederholt und laut vorgetragenen Versprechen antrat, unter seiner Herrschaft werde es ein Ende haben mit der Bevorzugung derer, die einen kennen, der einen kennt. Die Ordnungsbeigeordnete war damals schon im Amt \u2014 wenn auch noch unter einfachem Namen, sie lernte dann zwischenzeitlich jemanden kennen, der jemanden kannte und hat jetzt einen Doppelnamen \u2014 und agierte schon seinerzeit ohne Bevorzugung anderer, nur ohne dar\u00fcber gro\u00df zu sprechen. Wie diese Woche offenbar wurde, bevorzugt sie aber nicht mal sich selbst, jedenfalls nicht, wenn es ums Falschparken geht: Obgleich dienstlich unterwegs und zeitlich sehr eingelastet und daher ordnungswidrig parkend, freute sie sich laut, als ihre Politessen auch ihr ein Kn\u00f6llchen g\u00f6nnten. Das zu h\u00f6ren war wahrlich bewegend \u2014 und das, obwohl wir erst das Jahr 2014 schreiben!<\/p>\n<p>Nicht nur Sie, auch wir konnten sie nat\u00fcrlich kaum erwarten, die gewohnt hyperspannenden, hochinformativen Plakate zur Landtagswahl. Neben einigen Untoten (Wieland Niekisch, dereinst unter anderem wegen eines nicht angegebenen Beratervertrages geschasster Kreis-Chef der CDU, ringt um ein Mandat und nennt sich \u2014 Achtung, total witziges Wortspiel mit dem Landtagsgeb\u00e4ude! \u2014 den \u201eSchl\u00fcssel zum Schloss\u201d) machte vor allem die FDP Furore, der es gelang, erstmals in der Geschichte Deutschlands einen Slogan zu pr\u00e4sentieren, der komplett der Wahrheit entspricht: \u201eKeine Sau braucht die FDP\u201d. Der Applaus war noch nicht verhallt, da verkl\u00e4rten die Liberalen den Spruch zur Selbstironie. Jungs, ganz ehrlich: Ihr habt das Konzept irgendwie missverstanden.<\/p>\n<p>In Versprechern steckt eine tiefe Wahrheit, das wusste schon der olle Freud. Deshalb ist es besonders h\u00fcbsch, wenn einem Psychiater ein solcher unterl\u00e4uft: Bei der Einweihung einer Tagesst\u00e4tte f\u00fcr psychisch Kranke verga\u00df der Herr die Dezernentin in seiner Begr\u00fc\u00dfung \u2014 und, im Versuch, das zu gl\u00e4tten, bat er darum, sie m\u00f6ge es ihm \u201enicht verzeihen\u201d. Vermutlich sind ihm die Bitte ums \u201eVerzeihen\u201d und jene ums \u201enicht \u00dcbelnehmen\u201d sprachlich ineinandergeflossen. Selbstironisch war das zwar nicht, aber daf\u00fcr ein sch\u00f6nes Beispiel f\u00fcr das Konzept der Verschlimmbesserung. Dar\u00fcber schreiben wir dann ein andermal.<\/p>\n<p>Es bleibt daher als Fazit: Die sch\u00f6nste Ironie ist noch immer die unfreiwillige. Nicht so sympathisch \u2014 aber viel lustiger.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Prinzip ist Selbstironie ein cleveres Kommunikationswerkzeug. 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