{"id":4658,"date":"2014-06-21T00:00:57","date_gmt":"2014-06-20T23:00:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/?p=4658"},"modified":"2015-07-17T17:18:44","modified_gmt":"2015-07-17T16:18:44","slug":"eine-gespaltene-stadt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/?p=4658","title":{"rendered":"Eine gespaltene Stadt"},"content":{"rendered":"<p><strong>Potsdam vor der Wahl: Alles w\u00e4chst und gedeiht, aber die Menschen finden nicht so recht zueinander<\/strong><\/p>\n<p>Potsdam \u2014 Ein sch\u00f6ner Maitag in der Landeshauptstadt. Die Sonne scheint, der Bauminister ist da, Hunderte Kinder jubeln, kreischen, spielen, toben. Der Konrad-Wolf-Park im Stadtteil Drewitz wird eingeweiht. Einst eine vierspurige Durchfahrtsstra\u00dfe zwischen DDR-Platten, in einem Stadtteil, dem drohte, abgeh\u00e4ngt zu werden, w\u00e4hrend in der Mitte alles sch\u00f6n und barock wiederersteht. Doch die Stadt hat gegengesteuert, einen Bundeswettbewerb gewonnen \u2014 und damit EU-F\u00f6rdermittel \u2014, um Drewitz vor der Ghettobildung zu retten, und nach z\u00e4hen Debatten um Parkpl\u00e4tze und Verkehrsverlagerung mit den Anwohnern einen Kompromiss erzielt. Der Park ist schon vor der Er\u00f6ffnung bev\u00f6lkert. Kinder klettern auf Felsen, Paare knutschen auf der Liegewiese, \u00e4ltere Leute drehen ihre Runde nebst Dackel direkt vor der Haust\u00fcr. Idylle pur. Eigentlich.<\/p>\n<p>Doch das Einweihungskomitee aus Politikern, Baudezernent und Landesminister schafft keine Runde durch den Park, ohne kritisch angesprochen zu werden. \u201eNa, ist das nicht sch\u00f6n geworden?\u201d fragt der Minister leutselig, und jedesmal bekommt er ein \u201eJaja, aber . . .\u201d zu h\u00f6ren. Aber da hinten fehlt noch ein Stein, aber da vorne ist es gef\u00e4hrlich, aber die Mutter muss vor\u00fcbergehend umziehen, weil alle Platten energetisch saniert werden, ohne dass die Miete steigt. \u201eDas ist so typisch Potsdam\u201d, sagt Dana Stachura, Referentin im Rathaus. Sie ist neu in der Landeshauptstadt. Vorher war sie in Dresden. \u201eIn Dresden\u201d, sagt Stachura, \u201ewird vorher auch gemeckert, aber hinterher ist man stolz.\u201d<\/p>\n<p>Von diesem Status ist man in Potsdam weit entfernt. Obgleich sich nach der letzten Kommunalwahl s\u00e4mtliche b\u00fcrgerlichen Parteien \u2014 SPD, CDU, Gr\u00fcne und FDP \u2014 zu einer Rathauskooperation zusammenschlossen um der Linken als st\u00e4rkster Fraktion Paroli bieten zu k\u00f6nnen. Obwohl sie den Stadtschlosswiederaufbau und die ber\u00fchmten Palazzi an der Alten Fahrt durchsetzen konnten, sodass am Ende einer der sch\u00f6nsten Pl\u00e4tze Europas wiedererstehen wird. Obwohl die Stadt M\u00e4zene hat wie den SAP-Gr\u00fcnder Hasso Plattner (spendete mehr als 20 Millionen f\u00fcr Schlossfassade und Kupferdach) und den TV-Moderator G\u00fcnther Jauch (spendete Millionen f\u00fcr das Fortunaportal und f\u00fcr das Kinderhilfswerk \u201eDie Arche\u201d), bleibt sie tief gespalten.<\/p>\n<p>Die Kampflinien laufen entlang der Stadtteile. Die Innenstadt und alles rund ums Weltkulturerbe oder mit Blick aufs Wasser ist von reichen Zuz\u00fcglern in Besitz genommen worden, die Ur-Potsdamer sind in die Plattenbaugebiete verdr\u00e4ngt oder gleich nach Berlin gezogen. Potsdam hat Zuzug ohne Ende, um 2000 Menschen w\u00e4chst die Stadt j\u00e4hrlich, w\u00e4hrend der Rest Brandenburgs immer d\u00fcnner wird. Potsdam ist die kinderfreundlichste Stadt Deutschlands, hat die besten Taxis, das beste Parkhaus und demn\u00e4chst wohl auch die besten Radwege, aber das Klagen h\u00f6rt nicht auf. Statt sich des Zuzugs zu erfreuen, st\u00f6hnt der Potsdamer Politiker gern \u00fcber die immensen Kosten f\u00fcr Kitas, Schulen, Stra\u00dfen, neue Wohnungen, die nun entstehen m\u00fcssen. Er st\u00f6hnt \u00fcber immer verstopftere Stra\u00dfen und zu wenig \u00f6ffentlichen Nahverkehr in den Norden.<\/p>\n<p>Norden ist die einzige Richtung, in die sich die Insel Potsdam noch ausdehnen kann. Die Alternative, die sogenannte Nachverdichtung, also das F\u00fcllen von L\u00fccken in der Kernstadt, wo schon alles erschlossen ist, kommt in absehbarer Zeit an ihre Grenzen. Der Elmshorner Immobilienkonzern Semmelhaack hat rund um den Hauptbahnhof unglaublich viele kleine Wohnungen auf unglaublich engstem Raum gestapelt, doch sie werden ihm aus den H\u00e4nden gerissen. Und er baut jeden weiteren Fleck auf dem Areal zu, sodass die Potsdamer schon scherzen, es gebe neben der Nauener, Brandenburger, Templiner, Teltower und J\u00e4gervorstadt wohl bald auch eine Semmelhaack-Vorstadt. Gleichzeitig stampft das Unternehmen auch in den Nordgemeinden in den n\u00e4chsten Jahren 11 00 Wohnungen aus dem Boden.<\/p>\n<p>Mietwohnungen von unter zehn Euro je Quadratmeter sind kaum zu bekommen. Potsdam ist das M\u00fcnchen des Ostens geworden, und f\u00fcr Eigentumswohnungen sind Preise von 4000 Euro je Quadratmeter inzwischen normal \u2014 und das ohne gute Verkehrsanbindung oder Weltkulturerben\u00e4he. Kommt die oder gar ein Wasserblick hinzu, d\u00fcrfen es auch schon mal 5500 Euro f\u00fcr den Quadratmeter sein. Man g\u00f6nnt sich ja sonst nichts \u2014 und in Potsdam ist in der Regel jede Wohnung verkauft, bevor der erste Spatenstich erfolgt ist.<\/p>\n<p>Die Stadtentwicklung ist es dann auch, an der sich die Konflikte am st\u00e4rksten manifestieren: Zwischen jenen, die das alte Potsdam wiedererstehen lassen wollen und jenen, die mit jedem Abriss ihre DDR-Indentit\u00e4t verschwinden sehen. Und so wird auch gew\u00e4hlt in Potsdam. Jedenfalls bisher, eine Trendumkehr zeichnet sich nicht ab. Eigentlich h\u00e4tte Potsdam mit den vielen zugezogenen jungen, gutverdienenden Familien ein enormes Potenzial an Gr\u00fcnen-W\u00e4hlern, doch die Gr\u00fcnen bleiben klein, weil sie f\u00fcrs Pflaster und historische Bauten streiten und sich sonst f\u00fcr \u00d6kologie und andere gr\u00fcne Kernthemen nur am Rande interessieren. Eigentlich m\u00fcsste Potsdam mit den ganzen wohlbetuchten Villenbesitzern an den Seen eine starke CDU-Fraktion zusammenbekommen, doch deren Kreisverband ist, schlimmer noch als im Land, so zerstritten, dass sie den meisten als unw\u00e4hlbar gilt. Also wird regelm\u00e4\u00dfig die Linke st\u00e4rkste Kraft, dicht gefolgt von der SPD. Doch was auf Landesebene geht, ist in Potsdam unwahrscheinlich: F\u00fcr Rot-Rot sind die Wunden, die sich beide Fraktionen in den Jahren geschlagen haben, zu tief. Da m\u00fcsste schon viel geschehen, sollte sich das nach der Wahl \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Wahrscheinlicher ist, dass freie W\u00e4hlergruppen wie das B\u00fcrgerb\u00fcndnis mit gut gef\u00fcllter Kriegskasse \u2014 dank eines Immobilienunternehmers an der Spitze \u2014 deutlich zweistellige Wahlergebnisse erzielen werden. Spannend wird dann, wie das alles zusammenpasst im Sitzungssaal des sanierungsbed\u00fcrftigen Rathauses, auf den Fluren und in den Fraktionsr\u00e4umen .<\/p>\n<p>Eines aber ist sicher: Potsdam wird kein Dresden. Es wird nicht nur vorher gemeckert und nachher stolz gezeigt. Es wird immer gemeckert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Potsdam vor der Wahl: Alles w\u00e4chst und gedeiht, aber die Menschen finden nicht so recht zueinander Potsdam \u2014 Ein sch\u00f6ner Maitag in der Landeshauptstadt. Die Sonne scheint, der Bauminister ist da, Hunderte Kinder jubeln, kreischen, spielen, toben. Der Konrad-Wolf-Park im Stadtteil Drewitz wird eingeweiht. 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