{"id":4660,"date":"2014-05-03T00:00:54","date_gmt":"2014-05-02T23:00:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/?p=4660"},"modified":"2015-07-17T17:27:43","modified_gmt":"2015-07-17T16:27:43","slug":"eine-luecke-in-rolfs-revier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/?p=4660","title":{"rendered":"Eine L\u00fccke in Rolfs Revier"},"content":{"rendered":"<p><strong>Er w\u00e4re um ein Haar PDS-Oberb\u00fcrgermeister geworden, sa\u00df im Bundestag, leitete den Bauausschuss \u2014 nun geht Rolf Kutzmutz<\/strong><\/p>\n<p>Potsdam \u2014 Es war vor Jahren, einer jener zweiw\u00f6chentlichen Abende im Raum 405, einem flachen Konferenzraum mit dem Charme eines zu gro\u00df geratenen Baucontainers der 1960er Jahre. Die Luft war schlecht, die Stimmung schlechter. Man hatte sich mal wieder vier Stunden lang \u00fcber Pflaster und Mercure gezofft, es war l\u00e4ngst alles gesagt, nur noch nicht von jedem. Da beugte sich eine Besucherin, die erstmals dem zweifelhaften Vergn\u00fcgen erlag, einer Sitzung des gef\u00fcrchteten Potsdamer Bauausschusses beiwohnen zu d\u00fcrfen, zu einem neben ihr sitzenden Journalisten und stellte genau zwei Fragen: \u201eZu welcher Partei geh\u00f6rt eigentlich der Vorsitzende, und wie h\u00e4lt er das aus?\u201d<\/p>\n<p>Dreizehn Worte, ein Ritterschlag f\u00fcr und eine Charakterisierung von Rolf Kutzmutz zugleich. Die erste Frage ist leicht beantwortet: Kutzmutz ist Linker, mit ganzem Herzen, wie er sagt. Die zweite Frage gibt selbst ihm R\u00e4tsel auf. \u201eVermutlich habe ich einfach Erfahrung und ein ausgeglichenes Naturell\u201d, sagt er l\u00e4chelnd. Das darf durchaus als Understatement gelten. Kutzmutz f\u00fchrte den Bauausschuss, der eigentlich nur mit paramilit\u00e4rischen Mitteln zu leiten ist, \u00fcber Jahre mit einer pr\u00e4sidialen \u00dcberparteilichkeit und Sachorientierung, die ihm nicht nur fraktions\u00fcbergreifenden Respekt sicherte, sondern dem chronisch zerstrittenen Haufen doch zuweilen sogar Ergebnisse und Beschl\u00fcsse abtrotzte.<\/p>\n<p>Ob er dabei Nerven gelassen habe? \u201eNerven?\u201d fragt Kutzmutz mit gequ\u00e4ltem L\u00e4cheln, \u201eEher Lebensjahre.\u201d Das will etwas hei\u00dfen. Denn der 66-J\u00e4hrige, der mit der Kommunalwahl endg\u00fcltig aus der Politik ausscheidet, hat in seiner langen Laufbahn \u00c4mter bekleidet, die stressiger sein k\u00f6nnten: So war er von 2003 bis 2005 Bundesgesch\u00e4ftsf\u00fchrer der PDS, von 1994 bis 2002 PDS-Bundestagsabgeordneter, wirtschaftspolitischer Sprecher seiner Fraktion und in den Bundestagsaussch\u00fcssen f\u00fcr Wirtschaft und Sport. Auch als Parlamentarischer Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer diente der Potsdamer der PDS.<\/p>\n<p>Den R\u00fcckzug aus der Politik habe er lange geplant, sagt Kutzmutz, der sich zwar aus dem aktiven Dienst verabschiedet, den \u201ehomo politicus\u201d aber nicht aufgeben kann. Einen langen Anlauf habe er genommen, die Stadtfraktion schon vor langer Zeit informiert. Man kann zwar Kutzmutz aus der Politik entlassen, aber nicht die Politik aus Kutzmutz: \u201eIch habe mich nie vor etwas gedr\u00fcckt, vor keiner Auseinandersetzung, auch wenn ich selbst gar keine Schuld hatte\u201d, sagt er. Das habe am Ende viel Kraft gekostet. Hinzu kamen Gesundheitssorgen und \u201edie Entdeckung, dass es noch mehr Dinge im Leben gibt\u201d. \u2014 \u201eNoch mehr Dinge\u201d sind vor allem die bald f\u00fcnf Enkel seiner drei Kinder, auf die Kutzmutz un\u00fcberh\u00f6rbar stolz ist. \u201eMehr Dinge\u201d sind auch der Sport, f\u00fcr den Kutzmutz schon immer brannte \u2014 er passte und dribbelte als einziger Linker in der fraktions\u00fcbergreifenden Bundestagsmannschaft und lieferte manchmal sogar CSU-Abgeordneten eine Steilvorlage \u2014 und das Boxen. Rolf Kutzmutz hat alles von und wei\u00df alles \u00fcber Muhammad Ali. Alle Bilder, alle B\u00fccher, alle Videos aller K\u00e4mpfe. Sein Vater, selbst Hobbyboxer, nahm Rolf Kutzmutz h\u00e4ufig zum Boxen mit, weil er \u201enicht hart genug war\u201d. Von 1961 bis 1966 wurde so aus dem Leichtgewicht Kutzmutz ein Boxer mit linker F\u00fchrhand und rechten Haken.<\/p>\n<p>Wenn Politiker sagen, sie h\u00e4tten sich nie in Funktionen gedr\u00e4ngt, sie seien immer gebeten worden, so darf das f\u00fcr gew\u00f6hnlich als Teil politischer Standard-Lyrik gelten. Kutzmutz indes nimmt man es ab \u2014 obwohl die Liste seiner \u00c4mter bis in die Bundespolitik hinauf ziemlich lang ist. Nur die Kandidatur zum Potsdamer Oberb\u00fcrgermeister 1993, das r\u00e4umt Kutzmutz ein, sei von ihm aktiv betrieben worden. \u201eDas war eine Trotzreaktion\u201d, sagt er. 1993 galten PDS-Politiker als Vertreter der ausgedienten DDR, Kutzmutz wollte zeigen, dass die PDS \u201ekeine SED im demokratischen M\u00e4ntelchen\u201d war. Der Aufschrei, der nach seinem erfolgreichen ersten Wahlgang folgte, in dem er Amtsinhaber Horst Gramlich (SPD) weit hinter sich lie\u00df, sorgte daf\u00fcr, dass er im zweiten Wahlgang verlor. Denn dass da in einer ostdeutschen Landeshauptstadt ein PDS\u2019ler und Ex-Stasi-IM schon mit einer Backe auf dem Oberb\u00fcrgermeistersessel sitzt, hatte nicht nur die nationale Presse, sondern auch die W\u00e4hler mobilisiert. Doch durch den Erfolg im ersten Wahlgang macht Kutzmutz in seiner Partei Karriere, man r\u00e4t ihm, um ein Bundestagsmandat anzutreten, was er 1994 prompt erringt und zweimal verteidigt. Dass er 2005 nicht aufgestellt und 2009 auf einen aussichtslosen Listenplatz geschoben wurde, geh\u00f6rt zu schmerzvollsten Momenten in Kutzmutz\u2019 Politikerleben.<\/p>\n<p>Er k\u00e4mpft gegen Andrea Wicklein (SPD) 2009 um ein Direktmandat und verfehlt es nur um 200 Stimmen. Das habe ihm eine Genugtuung gegeben, aus eigener Kraft \u201eso nah heran gekommen zu sein\u201d, sagt er heute. Fotos zeigen, wie er Wicklein umarmt, um ihr zum Wahlsieg zu gratulieren. Da ist er wieder, der Gutmensch Kutzmutz, dem manche Genossen \u201emangelnde Bissigkeit\u201d vorhielten \u2014 ein Vorwurf, mit dem der Gescholtene gut zu leben wei\u00df. \u201eDiskreditierung und Unter-die-G\u00fcrtellinie sind meine Sache nicht\u201d, sagt der 66-J\u00e4hrige schulterzuckend. Er habe stets versucht, im politischen Gegner den Partner zu sehen und nie unterstellt, dass der andere immer den Kn\u00fcppel hinterm R\u00fccken trage. Das hat ihm einige Beulen eingebracht, doch trotzdem hat Rolf Kutzmutz im Haifischbecken der gro\u00dfen Politik \u00fcberlebt. Wie es ihm gelungen ist, selbst dort, im Bundestag, diesen Glauben an die gute Absicht des anderen hochzuhalten, zwischen Intrigen und Lobbyisten, das kann er selbst nicht so recht erkl\u00e4ren. \u201eDer Wunsch, immer gemocht zu werden\u201d und die Technik, \u201eimmer an das Gute im anderen zu glauben\u201d, das sind \u201eso Stichpunkte\u201d. Genau das fiel Kutzmutz in letzter Zeit selbst auf kommunaler Ebene zusehends schwerer. \u201eDer Politikstil und die Politiker \u00e4ndern sich stark. Selbstdarstellung und -profilierung nehmen zu. Ich erkenne oft nicht mal mehr den Versuch, den anderen zu verstehen\u201d, sagt er. Das ist im kleinen Potsdamer Bauausschuss, der auch \u201eRolfs Revier\u201d genannt wird, nicht anders als in der gro\u00dfen Politik.<\/p>\n<p>Die Rente will Kutzmutz nun zum Schreiben nutzen. Keine Autobiografie, sondern \u00fcber wichtige Begegnungen, f\u00fcr seine Enkel zum Nachlesen. Denn Begegnungen waren das, was f\u00fcr Kutzmutz den Politikerberuf, den er nie als Beruf begriff, ausmachten: mit Menschen wie Stefan Heym, Gregor Gysi und Fidel Castro, aber auch Menschen aus anderen sozialen und ideologischen Hintergr\u00fcnden wie dem Unternehmer Hans Wall.<\/p>\n<p>Es war einer jener zweiw\u00f6chentlichen Abende im Raum 405, vor vier Tagen, die 99. und letzte Sitzung des Bauausschusses. Die Luft war schlecht, die Stimmung schlechter. Man hatte sich mal wieder vier Stunden lang gezofft, \u00fcber Kleing\u00e4rten und Brauhausberg, es war l\u00e4ngst alles gesagt, nur noch nicht von jedem. Kutzmutz war wegen Krankheit entschuldigt. Da beugte sich ein langj\u00e4hriges Mitglied des Ausschusses zu einem hinter ihm sitzenden Journalisten und sagte mit Leidensmiene nur einen Satz: \u201eEr fehlt schon jetzt.\u201d<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er w\u00e4re um ein Haar PDS-Oberb\u00fcrgermeister geworden, sa\u00df im Bundestag, leitete den Bauausschuss \u2014 nun geht Rolf Kutzmutz Potsdam \u2014 Es war vor Jahren, einer jener zweiw\u00f6chentlichen Abende im Raum 405, einem flachen Konferenzraum mit dem Charme eines zu gro\u00df geratenen Baucontainers der 1960er Jahre. Die Luft war schlecht, die Stimmung schlechter. 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