{"id":47,"date":"2007-03-13T17:43:08","date_gmt":"2007-03-13T15:43:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jan-bosschaart.de\/wordpress\/?p=47"},"modified":"2008-07-02T02:22:08","modified_gmt":"2008-07-02T00:22:08","slug":"%e2%80%9emannliche-rituale-ablosen%e2%80%9c","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/?p=47","title":{"rendered":"\u201eM\u00e4nnliche Rituale abl\u00f6sen\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Daniel Cohn-Bendit \u00fcber den Pr\u00e4sidentschaftswahlkampf in Frankreich <\/strong><\/p>\n<p><em>Als deutsch-franz\u00f6sischer Politiker und Europa-Parlamentiarier verfolgt Daniel Cohn-Bendit (Gr\u00fcne) den Wahlkampf in Frankreich mit besonderem Interesse. Im MAZ-Interview spricht er \u00fcber die Unberechenbarkeit franz\u00f6sischer Wahlabsichten, die Misere von Frankreichs Gr\u00fcnen und erkl\u00e4rt, warum er sich die Sozialistin Royal zur Pr\u00e4sidentin w\u00fcnscht. Die Fragen stellte Jan Bosschaart.<\/em><\/p>\n<p><strong>Frankreich nimmt gro\u00dfen Anteil an diesem Wahlkampf, nach einer Umfrage wollen so viele B\u00fcrger w\u00e4hlen gehen wie noch nie. Woher r\u00fchrt die \u00fcberdurchschnittliche Mobilisierung?<\/strong><br \/>\nCohn-Bendit: Die Wahl 2002 war keine richtige Wahl. Weil der rechtsextreme Politiker Jean-Marie Le Pen in die Stichwahl kam, war, mussten viele f\u00fcr Jacques Chirac stimmen, ob sie ihn mochten oder nicht. Das hat frustriert. Nachdem Chirac nun auf eine erneute Kandidatur verzichtet hat, kommt es in jedem Fall zu einer Erneuerung. Zudem gibt es eine gro\u00dfe Auswahl: Bei vier Kandidaten ist f\u00fcr fast jeden etwas dabei, es f\u00fchlen sich mehr Franzosen angesprochen. Auch weil es scheint, als sei der erste Wahlgang noch nicht entschieden.<\/p>\n<p><strong>Knapp die H\u00e4lfte der W\u00e4hler ist noch unentschlossen. Sind alle Kandidaten so reizvoll oder k\u00f6nnen sich die Franzosen nicht zwischen verschiedenen \u00dcbeln entscheiden? <\/strong><\/p>\n<p>Cohn-Bendit: Weder noch: es liegt an der \u00dcberschneidung der Programme. Wer die Rechten verhindern will, wei\u00df nicht, ob er die Sozialistin Royal oder den Zentrumspolitiker Bayrou w\u00e4hlen soll. Wer sich eine Mitte-Rechts-Regierung w\u00fcnscht, ist unsicher, ob ihn Sarkozy oder Bayrou besser vertreten. Die Kandidaten k\u00f6nnen daher kurzfristig noch sehr viele W\u00e4hler f\u00fcr sich einnehmen.<\/p>\n<p><strong>Ist es an der Zeit, dass Frankreich seine erste Pr\u00e4sidentin bekommt? <\/strong><br \/>\nCohn-Bendit: Ich f\u00e4nde es in der Tat richtig. Zwei Dinge sind in Frankreich l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llig: eine Pr\u00e4sidentin und die Einf\u00fchrung des Verh\u00e4ltniswahlrechts. Das derzeit geltende Mehrheitswahlrecht ist undemokratisch: Wer auf einer Welle reitet, bekommt \u00fcberproportional viele Abgeordnete in die Nationalversammlung und dann hat dort eine sichere Mehrheit. Das ist nicht gut f\u00fcr Frankreich. Das Land muss lernen, auch von Koalitionen regiert zu werden.<\/p>\n<p><strong>Im EU-Parlament haben Sie k\u00fcrzlich von Angela Merkel und S\u00e9gol\u00e8ne Royal \u201eHand in Hand und Wange an Wange\u201c getr\u00e4umt. Was versprechen Sie sich von einer Pr\u00e4sidentin?<\/strong><\/p>\n<p>Cohn-Bendit: Diese doch sehr m\u00e4nnlichen Symbole der deutsch-franz\u00f6sischen Freundschaften, ob es nun de Gaulle und Adenauer, Kohl und Mitterand, d&#8217;Estaing und Schmidt oder Chirac und Schr\u00f6der waren, sollten mal abgel\u00f6st werden. Zwei Frauen symbolisieren die gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten 15 Jahre besser. Zudem verspreche ich mir davon eine zivilere Form der deutsch-franz\u00f6sischen Freundschaft.<\/p>\n<p><strong>Was w\u00fcrde ein Sieg eines der \u201eGro\u00dfkandidaten\u201c f\u00fcr die deutsch-franz\u00f6sischen Beziehungen bedeuten?<\/strong><br \/>\nCohn-Bendit: Ein Sieg von S\u00e9gol\u00e8ne Royal w\u00fcrde eine integriertere Kooperation beider L\u00e4nder einleiten. Nicolas Sarkozy steht eher f\u00fcr das traditionell Franz\u00f6sisch-Gallische, f\u00fcr ein \u201eFrankreich zuerst\u201c. Das w\u00fcrde die Kooperation erschweren.<\/p>\n<p><strong>S\u00e9gol\u00e8ne Royale erfreut sich gro\u00dfer medialer Beliebtheit, ist aber nicht unumstritten. Manche Kommentatoren werfen ihr vor, nur durch ihre Beliebtheit und Attraktivit\u00e4t zu punkten. <\/strong><br \/>\nCohn-Bendit: Es ist eine sehr m\u00e4nnlich-dominierte Sicht, die sich da in Frankreich zeigt. Als sich S\u00e9gol\u00e8ne Royal in einem Interview einen Fehler leistete, griffen alle Medien das Thema auf. Sofort wurde gefragt, ob sie zu diesem Amt f\u00e4hig ist. Zwei Wochen sp\u00e4ter machte Sarkozy einen \u00e4hnlichen Fehler, aber niemand bezweifelte seine Eignung. Hier zeigt sich ein uraltes Muster: eine Frau muss immer noch doppelt so gut sein, wenn sie mit einem Mann konkurriert, ihr wird bei gleicher F\u00e4higkeit weniger zugetraut.<br \/>\n<strong>Hoffen Sie, dass ein Sieg Royals etwas an diesem Muster \u00e4ndert?<\/strong><br \/>\nCohn-Bendit: Ein Sieg Royals w\u00fcrde symbolisch zeigen, wie eine Frau sich durchsetzen kann, das w\u00fcrde anderen Frauen Mut machen. Das w\u00e4re ein sehr positives Signal.<br \/>\n<strong>Was sind die dr\u00e4ngendsten Probleme in Frankreich, die der Nachfolger von Jacques Chirac angehen m\u00fcsste?<\/strong><br \/>\nCohn-Bendit: Die soziale Schieflage, in der Frankreich sich befindet, ist das wichtigste Thema. Zweitens ist es dringend n\u00f6tig, die Umweltpolitik nach vorn zu bringen, weg von der Atomkraft, hin zu erneuerbaren Energien. Und dann muss man mit den Franzosen dringend diskutieren, wie eine vern\u00fcnftige Position zur europ\u00e4ischen Einigung und zum Verfassungsvertrag aussieht.<br \/>\n<strong>Welcher Kandidat w\u00e4re f\u00fcr Europa am besten?<\/strong><br \/>\nCohn-Bendit: S\u00e9gol\u00e8ne Royal und Fran\u00e7ois Bayrou w\u00fcrden die europ\u00e4ische Einigung am schnellsten voranbringen.<br \/>\n<strong>Wiederholt Bayrou das Kunstst\u00fcck von Jean-Marie Le Pen und wird \u00dcberraschungssieger im ersten Wahlgang? <\/strong><br \/>\nCohn-Bendit: Bei der derzeitigen Entwicklung ist das nicht ausgeschlossen. Aber es ist in Frankreich sehr schwer, sechs Wochen vor der Wahl eine Prognose zu machen. Die meisten entscheiden sich erst in der letzten Woche. Wie sie schon sagten: Wir haben etwa 50 Prozent Unentschlossene.<br \/>\n<strong>Kann Le Pen noch einmal einen \u00dcberraschungserfolg feiern, oder sind die franz\u00f6sischen W\u00e4hler vorgewarnt? <\/strong><br \/>\nCohn-Bendit: Le Pen ist noch lange nicht abgeschrieben. Es kann sein, dass viele sagen, sie w\u00e4hlen Sarkozy, und im letzten Moment entscheiden sie sich f\u00fcr Le Pen. Die Situation ist unsicher, spannend und un\u00fcbersichtlich. Alle vier k\u00f6nnen in die zweite Runde kommen, ich wage da momentan keine Prognose.<br \/>\n<strong>Wagen Sie doch mal eine andere Prognose: Ziehen die franz\u00f6sischen Gr\u00fcnen wieder in die Nationalversammlung ein?<\/strong><br \/>\nCohn-Bendit: Die haben momentan gro\u00dfe Schwierigkeiten. Es gab zun\u00e4chst eine gro\u00dfe Chance, mit Umweltthemen ein gutes Ergebnis zu erzielen. Doch die Gr\u00fcnen haben sich sehr linkslastig entwickelt und ihre Qualit\u00e4ten nicht gezeigt. Ihr internes Funktionieren ist eher absto\u00dfend. Das macht nicht gerade Lust, f\u00fcr sie zu stimmen.<\/p>\n<p><em>Erschienen am 13.03.2007 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Daniel Cohn-Bendit \u00fcber den Pr\u00e4sidentschaftswahlkampf in Frankreich Als deutsch-franz\u00f6sischer Politiker und Europa-Parlamentiarier verfolgt Daniel Cohn-Bendit (Gr\u00fcne) den Wahlkampf in Frankreich mit besonderem Interesse. Im MAZ-Interview spricht er \u00fcber die Unberechenbarkeit franz\u00f6sischer Wahlabsichten, die Misere von Frankreichs Gr\u00fcnen und erkl\u00e4rt, warum er sich die Sozialistin Royal zur Pr\u00e4sidentin w\u00fcnscht. Die Fragen stellte Jan Bosschaart. 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