{"id":488,"date":"2008-07-18T00:01:41","date_gmt":"2008-07-17T22:01:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jan-bosschaart.de\/wp\/?p=488"},"modified":"2008-07-18T02:09:15","modified_gmt":"2008-07-18T00:09:15","slug":"zur-not-auch-im-schlamm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/?p=488","title":{"rendered":"Zur Not auch im Schlamm"},"content":{"rendered":"<p><strong>Kultur: Roland Seidler wuchtet das Theater Boitzenburg fast allein: Er schreibt, inszeniert und spielt mit<\/strong><\/p>\n<p><em>Es muss nicht immer Ralswiek sein: In der Uckermark etabliert sich ein Freilichttheater. Dahinter steht ein Mann, der schon mit Gojko Mitic durch die Mongolei ritt.<\/em><\/p>\n<p>BOITZENBURG Auch das Wetter hat im Drehbuch gebl\u00e4ttert. Feiner Landregen geht \u00fcber Boitzenburg nieder \u2013 kurz bevor die Generalprobe beginnt. Das passt durchaus, um ein St\u00fcck in den englischen W\u00e4ldern des Sherwood Forest zu untermalen, doch soviel Werktreue hatte Roland Seidler eigentlich nicht im Sinn. Er setzt die schwere Holzbank ab, die er geradevor die B\u00fchne schleppte, schaut grimmig gen Himmel, wirft sich in die Brust und donnert: \u201eSchei\u00dfe, warum regnet es denn?\u201c Publikum gibt es zwar keines \u2013 die Helfer haben ihre B\u00e4nke stehen gelassen und sind unter B\u00e4ume gefl\u00fcchtet \u2013 doch Seidler l\u00e4sst seine rauhe Stimme erschallen, als handle es sich um eine lange geprobte Szene.<br \/>\nDie Generalprobe verschiebt der Regisseur Seidler wegen des Regens aber nicht. Im Naturtheater an der Boitzenburger Klosterruine m\u00fcssen alle wetterfest sein: Darsteller und Helfer ohnehin, und auch die Zuschauer tun gut daran, auf jede Witterung vorbereitet zu sein \u2013 obgleich Seidler am Eingang auch Regencapes verkaufen l\u00e4sst. \u201eDas ist eine clevere Angelegenheit, nicht?\u201c, sagt er und setzt ein Lausbubengesicht auf.<br \/>\nSeine Freude w\u00e4hrt nicht lange, denn es regnet sich ein. Er f\u00fcrchtet nicht um sein St\u00fcck \u2013 nach Jahren als Winnetou in Annaberg-Buchholz und als Oberb\u00f6sewicht bei den St\u00f6rtebeker-Festspielen in Ralswiek ist der Schauspieler Seidler einiges gewohnt, zur Not spiele er auch knietief im Schlamm, sagt er. Doch der Unternehmer Seidler f\u00fcrchtet um die Zuschauerzahlen. Trotz allgemeinen Lobes f\u00fcr Idee und Umsetzung ist das Theater in der Klosterruine Boitzenburg im vierten Jahr seines Bestehens noch lange keine sichere Bank. \u201eFinanziell ist das grenzwertig\u201c, sagt er, \u201eich habe in letzter Zeit nichts verdient. Das muss sich \u00e4ndern, sonst kann ich\u2019s lassen.\u201c Beim Freiluft-Theater gilt: Gutes Wetter gleich gute Einnahmen. Die letzten Sommer waren eher regenreich.<br \/>\nVor 15 Jahren hatte Roland Seidler erste Theaterpl\u00e4ne f\u00fcr die Uckermark. Sie waren deutlich gr\u00f6\u00dfer: Mit dem Deutschen Theater Berlin und dem Nationaltheater in Weimar wollte er eine Klassikb\u00fchne in Boitzenburg gr\u00fcnden. Er hatte bereits zwei Minister im Boot, Kontakte nach Br\u00fcssel und zur Unesco, aber es scheiterte an den Leuten in der Gemeinde, die lieber ihre Ruhe haben wollten. \u201eDa ist der Uckerm\u00e4rker komisch. Er will zwar Touristen, aber am liebsten solche, die Geld \u00fcberweisen und dann wegbleiben.\u201c So wurde nichts aus dem Plan, doch der Kulturf\u00f6rderer Seidler nahm einen zweiten Anlauf: \u201eNun mache ich halt einfaches Volkstheater, schreibe die St\u00fccke, inszeniere, entwerfe das B\u00fchnenbild und spiele selbst mit\u201c, sagt er mit einem L\u00e4cheln, das zwischen Wehmut und Trotz schwingt: \u201eUckerm\u00e4rker gelten als die stursten Menschen Deutschlands. Was die Gemeinde damals untersch\u00e4tzt hat, ist: Ich bin auch einer.\u201c<br \/>\nJahr f\u00fcr Jahr nimmt Seidler sich vor, diesmal nicht mitzuspielen, und Jahr f\u00fcr Jahr tritt er dann doch auf: Weil Schauspieler ausfallen oder kurzfristig andere, besser dotierte Engagements bekommen. \u201eEinmal musste ich alter Mann sogar den d\u2019Artagnan spielen\u201c, erz\u00e4hlt der 57-J\u00e4hrige etwas kokett und fasst sich an die Leiste, die seit der Hauptprobe am Vortag schmerzt: Muskelzerrung beim Reiten.<br \/>\nNeben der Liebe zum Theater ist es diese uckerm\u00e4rkische Sturheit, die Seidler antreibt, die ihn dazu bringt, Schmerztabletten einzuwerfen, um trotz Verletzung reiten und fechten zu k\u00f6nnen. Sie hilft ihm, den Regen nach Kr\u00e4ften zu ignorieren, sie l\u00e4sst ihn die Nachricht, ein Nebendarsteller habe wegen Brechdurchfalls kurz vor der Premiere abgesagt, mit einem Schulterzucken quittieren.<br \/>\nSo bringt er seine Generalprobe trotz des Wetters sauber \u00fcber die B\u00fchne: Eine verschlungene Geschichte um fliehende Tempelritter, finstere Inquisitoren und den strahlenden Helden Robin Hood, den der Drehbuchautor Seidler als wendig-wieseligen Anarchisten anlegt. Als der Schauspieler Seidler schlie\u00dflich die B\u00fchne betritt \u2013 diesmal ersetzt er einen Tempelritter \u2013 wird klar, warum es letztlich egal ist, ob er wirklich so widerwillig einspringen muss oder ob das Abenteurer-Herz in ihm nicht doch einen Freudensprung macht, wenn ein Kollege ausf\u00e4llt. Allein seine Pr\u00e4senz auf der B\u00fchne macht aus der soliden Mantel- und Degengeschichte ein Erlebnis: Was f\u00fcr eine Stimme, was f\u00fcr ein Charisma, welche Verve! Es ist ein klein wenig, als w\u00fcrde \u00fcber Boitzenburg die Sonne aufgehen, trotz Regens. Wo die anderen nur spielen, verk\u00f6rpert Seidler; wo sie deklamieren, lebt er seinen Text \u2013 mit jener Stimme, die unter anderem in Musicals am Ost-Berliner Metropoltheater geformt und beim Synchronsprechen f\u00fcr die Defa verfeinert wurde. Als Seidler neben Gojko Mitic durch die Mongolei galoppierte und in der Seeluft von Ralswiek zum Angriff rief, kam der entscheidende Hauch Rauheit hinzu.<br \/>\nWegen dieser Pr\u00e4senz sind es, trotz 26 Leuten auf der B\u00fchne und einigen weiteren an der Technik, letztlich doch Seidler-Festspiele, die Auff\u00fchrungen im Naturtheater Boitzenburg. Mit dem wettergegerbten Uckerm\u00e4rker, unter dessen Kettenhemd sich ein kleiner Bauch w\u00f6lbt, steht und f\u00e4llt das Theater, und Seidler wei\u00df das: Er bindet seine 25-j\u00e4hrige Tochter als Regieassistentin und den 16-j\u00e4hrigen Sohn als Schauspieler ein. So lange er lebe, wolle er aber weiter in Boitzenburg Theater spielen, sagt er. Da mittlerweile nicht nur die Touristen, sondern auch immer mehr Uckerm\u00e4rker ins professionell ausgestattete Naturtheater kommen, k\u00f6nnte diese Rechnung aufgehen. Nur den Regen, den muss Seidler k\u00fcnftig ins Drehbuch einbeziehen. Und ihn bei den Auftritten weiterhin stur ignorieren.<\/p>\n<p><em>Erschienen am 18.07.2008<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kultur: Roland Seidler wuchtet das Theater Boitzenburg fast allein: Er schreibt, inszeniert und spielt mit Es muss nicht immer Ralswiek sein: In der Uckermark etabliert sich ein Freilichttheater. Dahinter steht ein Mann, der schon mit Gojko Mitic durch die Mongolei ritt. BOITZENBURG Auch das Wetter hat im Drehbuch gebl\u00e4ttert. 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