{"id":5,"date":"2008-05-15T18:04:21","date_gmt":"2008-05-15T16:04:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jan-bosschaart.de\/wordpress\/?p=5"},"modified":"2008-07-02T02:02:08","modified_gmt":"2008-07-02T00:02:08","slug":"ellys-knipser","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/?p=5","title":{"rendered":"Ellys Knipser"},"content":{"rendered":"<p><strong>Castingshows und das Internet haben einen neuen Modeltypus geschaffen<\/strong><\/p>\n<p><em>Seit Heidi Klum im Fernsehen nach neuen Supermodels sucht, werden Modelb\u00f6rsen im Internet von M\u00e4dchen \u00fcberrannt. Doch statt Geld und Glamour folgt meist ein Vagabundieren zwischen verh\u00e4ngten Wohnzimmern und muffigen Mietstudios.<\/em><\/p>\n<p>Elly hat ihren Rollkoffer dabei. Obwohl er relativ neu ist, wirkt er ziemlich abgewetzt. Die schlimmsten Stellen hat sie mit Aufklebern geflickt. Auf einem steht \u201eMad world \u2013 real life\u201c. Der Koffer sieht aus, als k\u00f6nne er den Inhalt mehrerer begehbarer Wandschr\u00e4nke in sich aufnehmen. Und das tut er offenbar auch. Elly, klein, schlank und etwas \u00fcberschminkt, h\u00e4lt die frisch gef\u00f6nten schwarzen Haare mit einer Hand aus dem Gesicht, w\u00e4hrend sie gro\u00dfe Teile des Kofferinhalts auf dem Boden des Wohnzimmers ausbreitet: neun paar Schuhe und Stiefel mit bedenklich hohen Abs\u00e4tzen, eine Kollektion abenteuerlich kurzer R\u00f6cke, einen Schwung knapper Oberteile, verschiedene knallenge Jeans, dazu Str\u00fcmpfe, Strapse, Unterw\u00e4sche in allen Formen und Farben, zur Kr\u00f6nung eine Corsage aus Leder und ein Brautkleid. Damit Peter aussuchen kann.<br \/>\nPeter ist noch mit dem Aufbau befasst. Pr\u00fcfend schiebt er einen von zwei Studioblitzern mal hierhin und mal dorthin, stellt sich dann hinter seine Kamera, sieht hindurch, macht \u201ehmm\u201c und schiebt den Blitzer erneut. Peter ist ein etwas nachl\u00e4ssig gekleideter Mittf\u00fcnfziger und kommt aus Berlin gereist, um Elly zu fotografieren. Sein Studio ist das Wohnzimmer eines Potsdamer Freundes, das Peter mit einem schwarzen Tuch \u00fcber der Schrankwand und seinen Blitzern in ein improvisiertes Set verwandelt.<br \/>\nGefunden und gebucht hat er Elly \u00fcber ein Internet-Portal namens Fotocommunity, das Models und Fotografen zusammenbringt. Davon gibt es einige in Deutschland, seit im Internet die Communitys wie wild sprie\u00dfen. Seit auch noch Heidi Klums \u201eSupermodels\u201c \u00fcber den Bildschirm st\u00f6ckelten, werden diese Angebote f\u00f6rmlich \u00fcberrannt \u2013 auf manchen melden sich pro Tag bis zu 80 neue hoffnungsfrohe Models an. Die Seiten hei\u00dfen Model-Kartei, Aktfotocommunity, oder 123model, und sie funktionieren alle nach dem gleichen Prinzip: Anmelden, Fotos einstellen, Arbeitsbereiche eingrenzen \u2013 das Spektrum reicht von Portrait \u00fcber Fashion bis Dessous, Halbakt und Akt \u2013 und abwarten. Alles Weitere regeln Angebot und Nachfrage.<br \/>\nAn beiden mangelt es nicht. Elly, die unter verschiedenen und st\u00e4ndig wechselnden Pseudonymen bei allen angemeldet ist, sagt, nach dem hundersten Shooting habe sie aufgeh\u00f6rt zu z\u00e4hlen. Das war nach vier Monaten im Gesch\u00e4ft und ist jetzt ein halbes Jahr her. Auch Peter kann nicht klagen. Er shootet ein- bis zweimal die Woche, erkl\u00e4rt er unwillig. Vielmehr sagt er nicht, denn das Reden dar\u00fcber ist Peter unangenehm. Warum er an einem Dienstagvormittag Zeit hat? Wozu er die Fotos macht? Wieviel Erfahrung er hat? Peter winkt ab. Au\u00dferdem l\u00e4uft die Zeit, wie er mit einem demonstrativen Blick auf die Uhr andeutet.<br \/>\nF\u00fcr drei Stunden hat er Elly gebucht, \u201ebis Dessous\u201c, wie sie sicherheitshalber noch einmal klarstellt. Bezahlt wird bar und im Voraus, die Rechte am Bild beh\u00e4lt Peter. Meist sieht Elly von den fertigen Fotos keines. \u201eManche senden mir ein, zwei davon zu, aber das ist die Ausnahme\u201c.<br \/>\nWas mit den weiteren geschieht, will sie lieber gar nicht wissen. Dann schlie\u00dft sich die Wohnzimmert\u00fcr. \u201eAns Set geh\u00f6ren nur Knipser und Model\u201c, hat Peter entschieden. Nat\u00fcrlich hei\u00dft Elly nicht Elly. Wie sie wirklich hei\u00dft, wei\u00df im Modelkosmos niemand. Wenn Elly anruft, unterdr\u00fcckt sie ihre Telefonnummer. Kontaktaufnahme ist nur \u00fcber das Internet mit seiner sch\u00fctzenden Anonymit\u00e4t m\u00f6glich. Au\u00dferdem beh\u00e4lt Elly auf diese Weise die Kontrolle: Sie entscheidet, wen sie wann zur\u00fcckruft. Das steht in einem gewissen Widerspruch zu ihrer Eigenwerbung im Onlineprofil und den begeisterten Fotografenkommentaren: In beiden kommt das Wort \u201eZeigefreude\u201c vor. Doch die gilt nur f\u00fcr Ellys K\u00f6rper. \u201eDas muss so. Das ist Schutz\u201c, sagt sie, als w\u00e4re es ein Befehl und schneidet mit einer ruckhaften Geste jede in der Luft liegende Nachfrage ab.<br \/>\nAdrian ist sauer. Mehr als drei Stunden hat der Eineinhalbj\u00e4hrige seine Mutter entbehren m\u00fcssen, nun thront er auf seinem Kinderstuhl im Caf\u00e9 und buhlt um ihre Aufmerksamkeit, indem er nachdr\u00fccklich versucht, seinen Obstsalat mit dem L\u00f6ffel in die Tischplatte einzuarbeiten. Zudem wirft er Servietten, Schnuller, Brotst\u00fccke und alle Gegenst\u00e4nde, derer er noch habhaft werden kann, mit Entschlossenheit hinter sich und schaut dann erwartungsvoll in die Runde.<br \/>\n\u201eIst manchmal nicht einfach mit Job und Kindern\u201c, kommentiert Elly und schl\u00fcrft ihren Milchcaf\u00e9. Der Rollkoffer steht hinter ihrem Sitz. Adrians \u00e4lterer Bruder Fabian ist derweil noch beim Babysitter, denn Elly hat heute noch ein Shooting. Adrian wird gleich \u201evom neuen Papa geholt\u201c, der erst seit drei Monaten der neue Papa ist, sich aber \u201er\u00fchrend um die Kleinen\u201c k\u00fcmmert, wie sie betont. \u201eEs macht den Job leichter\u201c, sagt sie. Es ist das zweite Mal, dass der Begriff \u201eJob\u201c f\u00e4llt, und Elly spricht die Anf\u00fchrungszeichen immer mit.<br \/>\nEigentlich ist sie ja noch im Mutterschutz, eigentlich m\u00fcsste sie sich ja l\u00e4ngst bewerben. Aber auf ihren alten Job als Kellnerin hat sie keine Lust \u2013 Schichtarbeit, abends nie da, schlechte Bezahlung, kaum Zeit f\u00fcr die Kinder \u2013 da sind ihr ihre Knipser lieber. W\u00e4hrend sie erz\u00e4hlt, vertilgt Elly eine riesige Fr\u00fchst\u00fccksplatte, obschon es l\u00e4ngst Mittag ist. Am Morgen sei daf\u00fcr keine Zeit geblieben, und \u00fcberhaupt gehe sie lieber mit leerem, flachem Bauch zum Shooting.<br \/>\nElly redet sich in Fahrt. \u00dcberhaupt sei das Gewicht bei Community-Models nicht so wichtig wie bei den Hungerhaken im Fernsehen. Im Gegenteil, ihre weiblichen Formen machten sie bei den Knipsern erst recht beliebt. Mit nur 1,62 Meter und viel Oberweite h\u00e4tte sie bei den Agenturen ja ohnehin keine Chance. Zweimal hat sie es versucht, durch ihre Shootings ermutigt. Die haben sich nicht mal die M\u00fche gemacht abzusagen. Nein, da bleibt sie lieber bei ihren Knipsern.<br \/>\nKnipsern? Elly kichert. \u201eSo nennen wir Models die Fotografen aus dem Internet.\u201c Es gibt feine Differenzierungen: \u201eSchrankwand-Knipser\u201c \u2013 solche ohne eigenes Studio, die vor dem Wohnzimmerschrank zu Hause belichten -, \u201eSpannerknipser\u201c, die keinen Film oder keine Karte in der Kamera haben, sondern nur die Zeit mit dem Model buchen, und schlie\u00dflich die \u201eSemis\u201c, Hobbyfotografen mit Ambitionen und Erfahrung, deren Bilder vorzeigbar sind. Elly hat aber keine Pr\u00e4ferenzen. \u201eWer zahlt, gewinnt\u201c, sagt sie und schaut dabei so abgekl\u00e4rt, als habe sie \u201edas Business\u201c, wie sie es nennt, erfunden.<br \/>\nWas nur begeistert sie an diesem Vagabundieren zwischen Wohnzimmern und muffigen Mietstudios? \u201eDas da\u201c, sagt sie und zeigt auf den Koffer hinter sich, \u201eist das wirkliche Leben. In andere Rollen schl\u00fcpfen, mal Zeit f\u00fcr mich haben, im Mittelpunkt stehen, und daf\u00fcr auch noch Geld bekommen\u201c. Doch welches Leben sind dann Adrian und Fabian, der neue Papa und der Kellnerjob? Elly \u00fcberlegt. \u201eNa ja, das ist halt ,dieses Leben&#8217;\u201c, antwortet sie und verschr\u00e4nkt die H\u00e4nde vor der Brust. Es klingt ein wenig, als w\u00e4re es nur der Vorhof zu etwas Gr\u00f6\u00dferem. Dann sagt sie nichts mehr. Ihre Laune ist sp\u00fcrbar gesunken.<br \/>\nFast h\u00e4tte sie beim Gehen den Rollkoffer vergessen, so unangenehm muss das Sprechen \u00fcber \u201edieses Leben\u201c gewesen sein. Doch sobald Adrian im Buggy sitzt, f\u00e4llt er ihr der Koffer wieder ein. Ein Ruck am Griff, dann geht sie los, schiebt das Kind vorneweg. Das wirkliche Leben zieht sie rumpelnd hinter sich her.<\/p>\n<p><strong>Infoxbox: DER HOBBYMODEL-MARKT IN DEUTSCHLAND <\/strong><\/p>\n<p>13 500 Models und 9 500 Fotografen haben sich beim Branchenprimus \u201eModel-Kartei\u201c angemeldet. Das Durchschnittsalter der Frauen betr\u00e4gt 19 Jahre.<br \/>\nIn der \u201eModel-Kartei\u201c sind etwa sieben Prozent der Teilnehmer j\u00fcnger als 18 Jahre, 44 Prozent zwischen 18 und 25 Jahren und 24 Prozent zwischen 26 und 35 Jahre alt.<br \/>\nSeri\u00f6se Sch\u00e4tzungen gehen von 25 000 bis 30 000Hobbymodels in Deutschland aus.<br \/>\nMehr als vier F\u00fcnftel davon pr\u00e4sentieren sich ausschlie\u00dflich in der weitgehenden Anonymit\u00e4t des Internets und werden auch dort gebucht.<br \/>\n\u00dcblicherweise gew\u00e4hren neue Gesichter in diesen Foren zwei bis drei kostenlose Foto shootings, um an vorzeigbares Bildmaterial zu gelangen, mit dem sie dann f\u00fcr bezahlte Shootings werben.<br \/>\nDer Stundenverdienst liegt zwischen zirka zehn Euro f\u00fcr Portraitaufnahmen zwischen 20 bis 30 Euro f\u00fcr (bekleidete) Ganzk\u00f6rperaufnahmen und bis zu 50 Euro f\u00fcr Aktbilder.<br \/>\nDie meisten Models benutzen diese Fotoshootings als teilweise lukrativen Nebenverdienst neben Schule, Studium oder Job.<br \/>\nDie Durchl\u00e4ssigkeit zu den Berufsmodels ist gering: Bislang ist kein Internet-Model in den Kreis der bekannten Sch\u00f6nheiten aufgestiegen. Die werden nach wie vor von Talentsuchern aufgesp\u00fcrt, unter Vertrag genommen und gezielt gef\u00f6rdert.<br \/>\nIn den gro\u00dfen Agenturen gelten die Internet-Models hingegen eher als Schmuddelkinder \u2013 nicht zuletzt wegen der h\u00e4ufig publizierten Aktaufnahmen, die in der Branche als anr\u00fcchig gelten.<br \/>\nDer Heidi-Faktor: Laut Model-Kartei-Betreiber Hendrik Siemens melden sich w\u00e4hrend der Ausstrahlung von Heidi Klums Modelcasting-Show mehr und vor allem j\u00fcngere M\u00e4dchen an als im Jahresmittel.<br \/>\n<em><\/em><\/p>\n<p><em>Erschienen am 15.05.2008<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Castingshows und das Internet haben einen neuen Modeltypus geschaffen Seit Heidi Klum im Fernsehen nach neuen Supermodels sucht, werden Modelb\u00f6rsen im Internet von M\u00e4dchen \u00fcberrannt. Doch statt Geld und Glamour folgt meist ein Vagabundieren zwischen verh\u00e4ngten Wohnzimmern und muffigen Mietstudios. 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