{"id":501,"date":"2008-09-18T00:00:28","date_gmt":"2008-09-17T22:00:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jan-bosschaart.de\/wp\/?p=501"},"modified":"2014-04-03T16:39:31","modified_gmt":"2014-04-03T15:39:31","slug":"wider-die-diktatur-des-lachelns","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/?p=501","title":{"rendered":"Wider die Diktatur des L\u00e4chelns"},"content":{"rendered":"<p><strong>Kino: Brad Breiens Erstling \u201eDie Kraft der negativen Gedanken\u201c ist eine Feelbad-Kom\u00f6die mit Hintersinn<\/strong><\/p>\n<p>Negatives geh\u00f6rt nicht in die Runde. Negatives geh\u00f6rt in den Kotzbeutel \u2013 einen kleinen, geh\u00e4kelten Sack, dem jeder Teilnehmer seine Frustrationen anvertraut. So kommt sie so leidlich voran, die Gruppentherapie unter Leitung der Kommunal-Psychologin Tori (Kjersti Holmen). Tori hat das Dogma der positiven Psychologie so tief inhaliert, dass sie selbst dann ein freundliches L\u00e4cheln aufsetzt, wenn sie andere beleidigt. Sie arbeitet l\u00f6sungsorientiert mit ihren Patienten, das hei\u00dft: negative, destruktive Gef\u00fchle werden vermieden.<br \/>\nIhr Klientenquartett f\u00fcgt sich brav: Die stets l\u00e4chelnde Marte, die seit einem Unfall beim Klettern im Rollstuhl sitzt und ihr egomanischer, aber von Schuldgef\u00fchlen zerfressener Mann Gard \u2013 er hatte das Seil nicht richtig gesichert. Dazu Asbj\u00f6rn, der einen Schlaganfall hatte und nun nicht mehr richtig sprechen kann sowie Lillemor, Mitte sechzig, furchtbar allein, depressiv, von \u00c4ngsten zerfressen.<br \/>\nMit der oberfl\u00e4chlichen Harmonie ist es aus, als das dauerl\u00e4chelnde Quartett nebst Sozialdompteuse Tori bei Geirr (Fridjov Saheim) und Ingvild (Kirsti Eline Torhaug) vor der T\u00fcr steht. Geirr sitzt nach einem Autounfall im Rollstuhl und kultiviert seither die Kunst des negativen Denkens: Er raucht Joints, verkriecht sich in sein Zimmer, schaut Kriegsfilme, und weist seine Ehefrau Ingvild so weit wie m\u00f6glich von sich, denn die L\u00e4hmung hat ihm auch die Potenz genommen: \u201eIch stehe nicht auf Frauen, die mit einem Kr\u00fcppel schlafen w\u00fcrden.\u201c Die verzweifelte, aufopferungsvolle Ehegattin will vor der Scheidung einen letzten Versuch wagen: Daher die kommunale Positivit\u00e4tsgruppe.<br \/>\nDoch es kommt anders als geplant. Statt Geirr mit der positiven Geisteshaltung aufzurichten, infiziert der Patient die Gruppe mit seinen negativen Gedanken, und in nur wenigen Stunden brechen unterdr\u00fcckte Wut, Scham und Schuldgef\u00fchle, Hoffnungslosigkeit und Anklagen auf. Erstes Opfer ist Tori, die nicht nur ein blaues Auge davontr\u00e4gt, sondern bei ihrem trotzigen Auszug aus dem Haus auch die Pl\u00e4ne f\u00fcr eine neues Buch \u00fcber ihre \u201eThink-positive!\u201c-Philosophie begraben muss. Ihr ehemaliges Feelgood-Kommando ist da l\u00e4ngst ein selbst- und fremdzerst\u00f6rerischer Haufen geworden. Derart entfesselt, dreht die Runde nun erst richtig auf, keiner wird geschont, es folgen ein \u201eWem-geht-es-am-schlechtesten-Wettbewerb\u201c und diverse fehlschlagende Suizidversuche, die in ihrer Hilflosigkeit st\u00e4ndig zwischen l\u00e4cherlich und anr\u00fchrend changieren.<br \/>\nDer Norweger Brad Breien rechnet in seinem ersten abendf\u00fcllenden Spielfilm grandios mit der so genannten political correctness ab und zeigt, dass man sehr wohl \u00fcber Behinderte lachen kann, wenn denn Erkenntnis und Verst\u00e4ndnis aus diesem Lachen erwachsen und sich der Nichtbehinderte im Behinderten wiedererkennt.<br \/>\nDas nur siebenk\u00f6pfige Ensemble spielt hinrei\u00dfend, arbeitet den Humor mit b\u00f6ser Lust heraus, ohne in Stereotypen zu verfallen und ist doch nah genug am Kern der Figuren, um die melancholische Seite dieses typisch nordischen Films herauszuarbeiten. Nach dem Besuch der schon jetzt preisgekr\u00f6nten Kom\u00f6die ist \u00fcber positive Psychologie alles gesagt: Wie das Wegl\u00e4cheln Verarbeitung und Trauerarbeit verunm\u00f6glicht, wie es destruktive Gef\u00fchle einkapselt, deren Erleben zwar schmerzlich, aber reinigend ist, und wie lebendig sich solche Kr\u00e4fte den Weg nach drau\u00dfen bahnen.  Wer dennoch w\u00fctend aus dem Kino geht und meint, so k\u00f6nne man an dieses Thema nicht herangehen, darf sich vermutlich gern des Kotzbeutels bedienen.<\/p>\n<p><em>Erschienen am 18.09.2008<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kino: Brad Breiens Erstling \u201eDie Kraft der negativen Gedanken\u201c ist eine Feelbad-Kom\u00f6die mit Hintersinn Negatives geh\u00f6rt nicht in die Runde. Negatives geh\u00f6rt in den Kotzbeutel \u2013 einen kleinen, geh\u00e4kelten Sack, dem jeder Teilnehmer seine Frustrationen anvertraut. 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