{"id":516,"date":"2006-11-10T11:36:21","date_gmt":"2006-11-10T09:36:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jan-bosschaart.de\/wp\/?p=516"},"modified":"2014-04-07T16:55:17","modified_gmt":"2014-04-07T14:55:17","slug":"professionalitat-statt-aufregung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/?p=516","title":{"rendered":"Professionalit\u00e4t statt Aufregung"},"content":{"rendered":"<p>Es war keine Sternstunde der Fernsehberichterstattung: Bis auf die Moderatorin traten bei der letzten Landtagswahl in Sachen-Anhalt Politiker und Journalisten geschlossen vom MDR-Tisch zur\u00fcck, als die Fragerunde beim Abgeordneten der NPD ankam. Es war noch viel weniger eine Sternstunde des Journalismus, wie die Moderatorin im Gespr\u00e4ch mit dem Mandatstr\u00e4ger umsprang. Ihre aufgeregte Art, ihre Fragen, die eine Antwort schon enthielten und ihr best\u00e4ndiges Unterbrechen des Gegen\u00fcbers waren von Interviewkultur und kritischem Journalismus meilenweit entfernt. Die gesamte Aktion wirkte selbstgerecht, aufgesetzt und eitel: \u201eGuckt mal, Rechte sind pfui, und wir zeigen, wie man mit ihnen umspringt!\u201c<br \/>\nSelbstredend ist der Einzug rechter Parteien in Landes- und Kommunalparlamente eine Herausforderung f\u00fcr die Demokratie \u2013 und damit f\u00fcr den Journalismus. Er ist auch ein Pr\u00fcfstein daf\u00fcr, wie stark und wie sicher die Demokratie sich ihrer selbst ist. Als spontane Reaktion von B\u00fcrgern w\u00e4re der Vorfall an diesem Abend ein sch\u00f6nes Zeichen gegen rechts gewesen. Als konzertierte Aktion der Politiker wirkte er zwar inszeniert, nahm aber zumindest die parlamentarische Isolation der Fraktion vorweg. Als journalistischer Umgang mit dem Vertreter einer Partei, auf die mehr als f\u00fcnf Prozent der abgegebenen Stimmen entfielen, war der Vorfall peinlich.<br \/>\nJournalisten sollten sachlich bleiben. Sie sollten berichten, aufkl\u00e4ren, Hintergr\u00fcnde durchsichtig machen. F\u00fcr einen Kommentar war an diesem langen Wahlabend genug Sendezeit, er musste nicht in Form eines Interviews erfolgen, das diesen Namen kaum verdient. Da w\u00e4re selbst ein v\u00f6lliger Verzicht auf eine Aussage des NPD-Abgeordneten besser gewesen. Denn was erreicht der Journalist auf diese Weise? Bei den Zuschauern, die ohnehin gegen NPD und DVU sind, erzielt er vielleicht Schadenfreude oder oberfl\u00e4chlichen Beifall: \u201eDem haben sie es aber gegeben!\u201c Dennoch bleibt eine gewisse Irritation ob des tendenzi\u00f6sen und aufgeregten Umgangs mit dem Parteivertreter. Schlimmer aber ist: Jene Zuschauer, die DVU oder NPD gew\u00e4hlt hatten oder w\u00e4hlen w\u00fcrden, werden ausgegrenzt: Eine wichtige Chance, sie ins Gespr\u00e4ch zur\u00fcckzuholen \u2013 und auch das ist eine journalistisch Aufgabe, gesellschaftliche Debatten anzusto\u00dfen, zu moderieren und die eigenen Zuschauer\/Leser\/H\u00f6rer ins Boot zu holen \u2013 ist vertan. Das Gef\u00fchl gesellschaftlicher Ausgrenzung ist ein h\u00e4ufiger Grund, radikale Parteien zu w\u00e4hlen. Unterstellen wir der MDR-Moderatorin beste Motive, so hat sie ihrer Sache damit doch letztlich einen B\u00e4rendienst erwiesen.<br \/>\nWie also sollten sich Journalisten verhalten? Die Antwort ist im Grunde leicht: professionell, wie sie es gelernt haben. Sie sollten unaufgeregt bleiben, um den Rechten nicht mehr (emotionale) Aufmerksamkeit zu verschaffen, als notwendig ist; kritisch, aber sachlich berichten, wenn es um die allt\u00e4gliche Arbeit dieser Parteien in den Parlamenten geht; Absichten, Ziele und Methoden der Rechten gr\u00fcndlich recherchieren und, wenn n\u00f6tig, aufdecken; ihnen keine Spezialbehandlung angedeihen lassen, die sie unn\u00f6tig ins Rampenlicht \u00f6ffentlicher Aufmerksamkeit hebt; sie aber auch nicht ignorieren, denn im Verborgenen sind diese Parteien gef\u00e4hrlicher als unter \u00f6ffentlicher Beobachtung &#8211; und kommentieren, wenn es unertr\u00e4glich oder ungeheuerlich wird, bei fremdenfeindlichen Reden etwa, bei Taten allzumal, oder beim Leugnen des Holocaust.<br \/>\nSelbstverst\u00e4ndlich m\u00fcssen der geistige Horizont, das \u00fcberschaubare Weltbild und die Absichten von NPD und DVU transparent gemacht werden. Anl\u00e4sse daf\u00fcr gibt es genug. Meist bed\u00fcrfen diese Parteien der journalistischen Sch\u00fctzenhilfe gar nicht: Sie sind zerstritten und in ihrer parlamentarischen Arbeit derart bedeutungslos, dass von ihrem Einzug in die Parlamente zwar ein sehr negatives Signal ausgeht, ihre reale Gefahr aber gering ist \u2013 zum Gl\u00fcck. Professionelle Arbeit statt aufgeregter Ignoranz: dann klappt\u2019s auch \u201emit\u201c den Rechten.<\/p>\n<p><em>(Ver\u00f6ffentlicht am 10.11.2006; Text w\u00e4hrend des &#8222;Assessment-Centers&#8220; der MAZ)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war keine Sternstunde der Fernsehberichterstattung: Bis auf die Moderatorin traten bei der letzten Landtagswahl in Sachen-Anhalt Politiker und Journalisten geschlossen vom MDR-Tisch zur\u00fcck, als die Fragerunde beim Abgeordneten der NPD ankam. Es war noch viel weniger eine Sternstunde des Journalismus, wie die Moderatorin im Gespr\u00e4ch mit dem Mandatstr\u00e4ger umsprang. 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