{"id":518,"date":"2008-08-02T20:14:32","date_gmt":"2008-08-02T18:14:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jan-bosschaart.de\/wp\/?p=518"},"modified":"2008-08-05T12:08:17","modified_gmt":"2008-08-05T10:08:17","slug":"magier-an-der-maus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/?p=518","title":{"rendered":"Magier an der Maus"},"content":{"rendered":"<p><em>Olaf Skrzipczyk l\u00e4sst f\u00fcr die Leinwand Tiere sprechen, Geb\u00e4ude altern undMenschen j\u00fcnger werden.Was Filmeffekte angeht, h\u00e4lt er Deutschland dennoch f\u00fcr ein Entwicklungsland.<\/em><\/p>\n<p>Schnee. Sch\u00f6ner, wei\u00dfer, gro\u00dfflockiger Schnee ist derzeit der Renner aus Olaf Skrzipczyks Angebot. Das hat so seine Gr\u00fcnde: Realer Schnee kommt und geht, wann er will, aber immer zum falschen Zeitpunkt \u2013 alte Filmregel. Kunstschnee kommt und geht, wann der Regisseur will, doch er ist teuer und er f\u00e4llt, wie er eben f\u00e4llt. Nur Olaf Skrzipczyks Schnee tut, was immer Olaf Skrzipczyk will \u2013 und was dem Regisseur vorschwebt. Sobald die Regisseure gemerkt haben, was m\u00f6glich ist, sagt Skrzipczyk, fangen sie an, den Schnee zu choreografieren, ihn der gew\u00fcnschten Wirkung der Szene anzupassen. Einer habe mal gesagt, \u201eOlaf, der Schnee ist mir zu lyrisch. Ich brauche prosaischeren Schnee\u201c. F\u00fcr Skrzipczyk ist das kein Problem. Es kostet ihn ein paar Stunden Arbeit, einige Mausklicks und etwas Rechenpower. Danach f\u00e4llt der Schnee eben prosaisch. Oder theatralisch. Vielleicht sogar sehns\u00fcchtig. Regisseure sind, was das angeht, kreativ. <\/p>\n<p>Das muss Olaf Skrzipczyk, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Firma Exozet Effekte im Filmpark Babelsberg, auch sein. Das Gesch\u00e4ft mit den visuellen \u2013 heute hei\u00dft das vor allem: digitalen \u2013 Effekten ist keine Flie\u00dfbandarbeit und darf auch keine werden. Selbst wenn drei Regisseure f\u00fcr verschiedene Filme digitalen Schnee w\u00fcnschen, legen Skrzipczyks Leute am Computer nicht einfach ein paar Flocken \u00fcber die fertige Szene. Im Gegenteil: Wenn es gut l\u00e4uft, sagt der geborene Dessauer, werde seine Firma schon beim Drehbuchschreiben hinzugezogen, um von Anfang an erkl\u00e4ren zu k\u00f6nnen, was m\u00f6glich ist und wie es eingebunden werden kann: \u201eWer uns f\u00fcr Postproduktion h\u00e4lt, die nur hier und da ausbessert, nutzt uns nur unzureichend.\u201c Nicht zuletzt deshalb besteht Skrzipczyk auch darauf, den ganzen Film zu sehen, selbst wenn sein Team nur an einer Szene t\u00e4tig wird. Ohne den Kontext zu kennen, sagt er, kann kein Effektspezialist gut arbeiten. <\/p>\n<p>Mit Bernd B\u00f6hlich gibt es diese gute Zusammenarbeit. Der zweifache Grimmepreistr\u00e4ger war zun\u00e4chst ebenso skeptisch wie viele seiner Regisseurskollegen; er hielt die Arbeiten aus dem FX-Center im Filmpark f\u00fcr Effekthascherei. Skrzipczyk aber konnte ihn \u00fcberzeugen \u2013 nicht nur, aber auch mit Kostenargumenten. In B\u00f6hlichs neuestem Film \u201eDer Mond und andere Liebhaber\u201c lie\u00dfen die Exozet-Leute nun eine nagelneue Br\u00fccke digital altern und zerst\u00f6rten die Stra\u00dfe davor mit einigen Mausklicks \u2013 Effekte, die in der realen Welt entweder unm\u00f6glich oder kaum bezahlbar w\u00e4ren. Ganz zu schweigen von der Sprengung einer Fabrik im Vorspann. Statt Steine fallen dort nur Pixel einer computergenerierten Detonation zum Opfer und verschwinden in virtuellem Staub. Besonders stolz ist Olaf Skrzipczyk auf die Szenen mit Mond und Sternen. Gerade Sterne sind im Film nicht darstellbar: Zu klein, nicht hell genug. Sie verschwinden, wenn das Filmlicht die Szene ausleuchtet, aus dem Blick der Kamera. Mit der Maus streuten die Exozet-Leute sie wieder ein. Dazu klebten sie nicht einfach ein paar Punkte an den Horizont, sie lie\u00dfen sie flimmern, funkeln und synchronisierten sie mit den Kamerabewegungen.<\/p>\n<p>Im Grunde ist Skrzipczyk ein Magier: Er l\u00e4sst die Mongolen Europa \u00fcberrollen und braucht dazu nur f\u00fcnf Reiter. Die st\u00fcrmen hunderte Male durchs Bild, und nach einigen Wochen Arbeit am Computer sind es un\u00fcberschaubare Horden, die den Kontinent niederwalzen. Er durchl\u00f6chert per Mausklick Menschen mit Gewehrkugeln, die danach putzmunter aufstehen und weder blaue Flecken vom Gummigeschoss noch rote Flecken vom zerplatzten Farbbeutel haben. Er l\u00e4sst Tiere sprechen, Bauwerke altern und nichtexistierende Hubschrauber fliegen. Er knipst virtuos unerw\u00fcnschte Lichter in gefilmten Geb\u00e4uden aus, ohne den Schalter zu kennen, r\u00e4umt st\u00f6rende Bauwerke und andere Hindernisse aus dem Filmbild, flutet die Gustloff mit Meerwasser und sorgt daf\u00fcr, dass Filmtote nicht blinzeln, atmen oder zucken. Es ist die hohe Kunst der schmerz- und tr\u00fcmmerfreien Zerst\u00f6rung.<\/p>\n<p>Wenn dann der Abspann flimmert und der Zuschauer sich fragt, warum dort digitale Effekte aufgef\u00fchrt werden \u2013 er hat doch gar keine gesehen \u2013 hat Skrzipczyk sein Ziel erreicht. Gute Effekte sind Effekte, die nicht als solche wahrgenommen werden. Und sie sind mittlerweile \u00fcberall, nicht nur in den Effektschlachten wie der \u201eMatrix\u201c oder dem \u201eHerrn der Ringe\u201c, sondern auch in kleinen, leisen Autorenfilmen mit schmalen Budgets. Entsprechend breit ist das Auftragsspektrum bei Exozet. Die Firma hat in den zehn Jahren ihres Bestehens \u00fcber 80 Filme bearbeitet \u2013 vom Sandm\u00e4nnchen bis zum Erotikthriller. Rund zwei Drittel der Auftr\u00e4ge sind f\u00fcr Fernsehfilme und -serien, das andere Drittel kommt vom Film \u2013 oft auch vom Studio gegen\u00fcber. Babelsberg hat so seine Synergien. Von den gro\u00dfen internationalen Produktionen dort, speziell jenen aus Hollywood, kann Exozet nicht profitieren. Die bringen ihre eigenen Leute mit, und sie machen ihre Effekte zuhause. Weil die Studios langfristige Vertr\u00e4ge mit den Effektfirmen haben, und weil Deutschland im Grunde ein Entwicklungsland ist, was digitale Effekte angeht. Wo in den USA die Effektleute hinzugezogen werden, bevor der erste Satz im Drehbuch steht, sollen sie hierzulande oft am fertigen Film retten, was aus Kostengr\u00fcnden nicht m\u00f6glich war. Wo amerikanischen Studios zwei Jahre Zeit und 20 Leute f\u00fcr eine Szene zur Verf\u00fcgung stehen, muss Olaf Skrzipczyk mit drei Leuten und sechs Monaten f\u00fcr viele Szenen auskommen. Daf\u00fcr bekomme er oft nur den Bruchteil der transatlantischen Honorare, aber die Produktionsfirma will am liebsten alle Effekte aus der \u201eHerr der Ringe\u201c-Trilogie sehen, sagt er. Das sind die Momente, wo Skrzipczyk tief Luft holt, einen Schluck Wasser trinkt und dann einen hundertfach gehaltenen Vortrag \u00fcber die M\u00f6glichkeiten, Grenzen und vor allem Kosten digitaler Effekte h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Das macht er so gut, dass ihn die Filmhochschule, das ZDF und RTL regelm\u00e4\u00dfig buchen, damit deren Studenten, Mitarbeiter und Regisseure die Effektwelt besser zu nutzen lernen. \u201eWir sind aufgerufen, die Industrie zu entwickeln\u201c, sagt Skrzipczyk, dessen Firma im FX-Center im Filmpark mittlerweile der einzige Mieter ist. \u201eViele Unternehmen haben es nicht geschafft, obwohl sie mehr Geld hatten\u201c, betont er, und es ist nicht nur Stolz, sondern auch Bedauern, das in seiner Stimme mitschwingt. Mitbewerber, das hie\u00dfe auch, eine gr\u00f6\u00dfere Lobby f\u00fcr den visuellen Effekt zu haben, mehr Bewusstsein bei den Regisseuren. Manchmal komme er sich vor wie ein Vertreter, der einen Trick zu verkaufen hat, sagt der 48-J\u00e4hrige, der ausgebildeter Kameramann ist, also beide Welten kennt und das als einen einzigartigen Vorteil begriffen hat: Als Grenzg\u00e4nger zwischen Kamera und Computer, als einziger Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer einer Visual-Effects-Firma, der \u2013 in Babelsberg! \u2013 an der Kamera ausgebildet wurde, kann Skrzipczyk anders beraten, anders helfen, anders am Set agieren. In Deutschland das durchzusetzen, was in den USA, Gro\u00dfbritannien und mittlerweile gar in Neuseeland l\u00e4ngst State of Art ist, das w\u00e4re sein Traum, betont er. Er wird noch eine Weile tr\u00e4umen m\u00fcssen, obschon es an Nachwuchs nicht mangelt.<\/p>\n<p>Die Technikfreaks sind ihm aber suspekt. Einen PC bedienen k\u00f6nnen heute alle jungen Digital Artists, und auch die daf\u00fcr n\u00f6tigen Programme kennen sie entweder bereits seit dem Studium oder sie haben sich in k\u00fcrzester Zeit eingearbeitet. Daf\u00fcr vermisst der Exozet-Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer immer h\u00e4ufiger den Kunstverstand, denn \u201eDigital Artist\u201c wird auf dem zweiten Wort betont. Als die Exozet-Leute f\u00fcr einen Film einen gotischen Dom bauen sollten, sah das Ergebnis toll aus. Er hatte alles, der Dom: S\u00e4ulen, T\u00fcrmchen, Portale \u2013 nur nichts Gotisches. Seither schult Skrzipczyk seine Mitarbeiter: Architekturstile, K\u00fcnstlerbiografien, Ausstellungsbesuche, die Geschichte Babelsbergs als Filmstadt, das alles steht auf dem Curriculum. Futter f\u00fcr Augen und Hirn, damit die Mitarbeiter nicht nur \u201eDigital\u201c, sondern auch \u201eArtists\u201c sind. Dass derart umfassend gebildete Mitarbeiter auch in London oder Hollywood gefragt sind, nimmt Skrzipczyk daf\u00fcr in Kauf. Er hofft, dass sich diese Investitionen auszahlen; hofft auf jene noch zu seltenen magischen Momente, wenn Regisseure neue Effekte anregen, die Exozets Kreativit\u00e4t herausfordern, statt sich aus Skrzipczyks Bauchladen bereits gemachter Tricks zu bedienen. Daf\u00fcr w\u00fcrde er auch Schnee zaubern, der irgendwie \u201egotisch\u201c vom Himmel f\u00e4llt.<\/p>\n<p><strong>Infobox: Exozet effects <\/strong><\/p>\n<p>Je nach Auftragslage arbeiten zehn bis zw\u00f6lf feste Mitarbeiter f\u00fcr Exozet effects im Babelsberger Filmpark, in Spitzenzeiten w\u00e4chst das Team um Olaf Skrzipczyk (Foto: Exozet) auf 25Leute an.<br \/>\nSeit rund zehn Jahren sitzt die Visual-Effects-Firma im sogenannten Special-FX-Geb\u00e4ude des Filmparks.<br \/>\nSeither ist das Unternehmen kontinuierlich gewachsen. Mit der Offenheit f\u00fcr Effekte bei den Produzenten haben auch die Auftr\u00e4ge zugenommen.<br \/>\nAls Spezialist f\u00fcr visuelle Effekte arbeitet Exozet heute vor allem mit digitaler Nachbearbeitung &#8211; aber nicht ausschlie\u00dflich: F\u00fcr die ZDF-Trag\u00f6die \u201eDie Gustloff&#8220; baute das Unternehmen ein Modell im Ma\u00dfstab 1:5, das dann mit Wasser geflutet wurde. Am Computer erhielten die Aufnahmen den letzten Schliff.<br \/>\nDen aufw\u00e4ndigsten Auftrag erledigte Exozet, als sie f\u00fcr die ARD \u201eFrau Holle&#8220; bearbeiteten. Die m\u00e4rchenhafte Landschaft entstand nahezu komplett am Computer, die Schauspieler agierten vor blauen W\u00e4nden. <\/p>\n<p><em>Erschienen am 02.08.2008<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Olaf Skrzipczyk l\u00e4sst f\u00fcr die Leinwand Tiere sprechen, Geb\u00e4ude altern undMenschen j\u00fcnger werden.Was Filmeffekte angeht, h\u00e4lt er Deutschland dennoch f\u00fcr ein Entwicklungsland. 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