{"id":537,"date":"2008-08-13T00:00:23","date_gmt":"2008-08-12T22:00:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jan-bosschaart.de\/wp\/?p=537"},"modified":"2008-08-12T18:57:29","modified_gmt":"2008-08-12T16:57:29","slug":"provokanter-bruckenbauer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/?p=537","title":{"rendered":"Provokanter Br\u00fcckenbauer"},"content":{"rendered":"<p><strong>Gedenken: Bob Bahra erinnert an die Toten der Hinterlandmauer\/Vor der Ostalgie hat er l\u00e4ngst kapituliert<\/strong><\/p>\n<p><em>Mauertote sind f\u00fcr Bob Bahra nicht nur die an der Grenze Erschossenen \u2013 auch still Gestorbene z\u00e4hlt er zu den Opfern<\/em><\/p>\n<p>POTSDAM Die Idee, Ostalgie-Kurse f\u00fcr all jene anzubieten, die der DDR keine Tr\u00e4ne nachweinen, gef\u00e4llt ihm. Da k\u00f6nnten die Teilnehmer ostalgisches Argumentieren lernen: \u201eWenn sie etwa die Titelseiten der DDR-Zeitungen vom Tag des Mauerbaus in den H\u00e4nden halten und beim Lesen ersch\u00fcttert denken: ,Um Gottes Willen, was f\u00fcr L\u00fcgen, was f\u00fcr eine Sprache, was f\u00fcr ein Betrug!\u2019, kann der ostalgisch Geschulte antworten: ,Ja, aber schau, die Zeitung kostete nur 15 Pfennig!\u2019\u201c<br \/>\nBob Bahra provoziert gern, vor allem, wenn er resigniert ist. Die Resignation liegt hier auch r\u00e4umlich nahe: Bahra steht am Potsdamer Ufer des Griebnitzsees, wo das von ihm gegr\u00fcndete \u201eForum zur kritischen Auseinandersetzung mit der DDR-Geschichte im Land Brandenburg\u201c im November ein Holzkreuz am letzten verbliebenen Mauerabschnitt aufstellte und mit einer kleinen Tafel an die Toten erinnert. Der Grafiker Bahra, der in der DDR wegen Regimekritik zweimal im Gef\u00e4ngnis sa\u00df, informiert die Presse \u00fcber eine weitere Veranstaltung: Von 17 bis 20Uhr werden an diesem 13. August Schauspieler, Pfarrer und Autoren Texte verlesen \u2013 Gru\u00dfworte, Erinnerungen, Tagebucheintr\u00e4ge, Protokolle \u2013 um an die 17 Menschen zu erinnern, die auf diesem Abschnitt der Hinterlandmauer zwischen Wannsee und Sacrow gestorben sind.<br \/>\nBahra, 66, mit Rauschebart und immer in Bewegung, geht keinem Streit aus dem Weg, doch er streitet auf eine eigene, vers\u00f6hnliche Art. W\u00e4hrend er am Mauerrest dar\u00fcber spricht, dass man ehemaligen Stasi-IM die Hand geben m\u00fcsse \u2013 \u201eWer, wenn nicht wir?\u201c \u2013 mischt sich eine Radlerin ein, die das Gespr\u00e4ch mit anh\u00f6rte. Unter den IM seien so schlimme Menschen gewesen, dass sie diese Haltung nicht verstehen k\u00f6nne, sagt sie. Doch Bahra l\u00e4sst sich nicht beirren. \u201eDas ist doch Quatsch\u201c, entgegnet er sanft. \u00dcberzeugen kann er die Frau nicht, aber zum Gedenken an die Mauertoten verspricht sie zu kommen.<br \/>\nMauertote sind f\u00fcr den Michendorfer nicht nur die an der Grenze Erschossenen. Er rechnet auch jene Toten hinzu, die sich wegen des Eingesperrtseins in der DDR das Leben nahmen, dazu Menschen, die in Folge der Grenzkontrollen an einem Herzinfarkt starben, ja sogar den 14-J\u00e4hrigen, der 1990 beim Pickern an den Mauerresten von einem Segment erschlagen wurde.<br \/>\nDie scheinbar einfachen Wahrheiten \u00fcber den Umgang mit der DDR sind Bahra suspekt. F\u00fcr die Aufregung etwa, wenn wieder eine Studie herausfindet, dass ostdeutsche Sch\u00fcler ein verkl\u00e4rtes Bild von der DDR haben, hat er Verst\u00e4ndnis. \u201eMan kann doch nicht sagen, die Leute w\u00fcrden heute verdr\u00e4ngen\u201c, sagt er, \u201esie haben damals verdr\u00e4ngt!\u201c Die DDR sei eine einzige Verdr\u00e4ngung gewesen. \u201eWir haben alle nicht hingeguckt und die Schnauze gehalten. Selbst im Mai 1989 haben noch 95 Prozent freiwillig Honecker gew\u00e4hlt \u2013 dabei w\u00e4re niemand bestraft worden, der nicht zur Wahl ging.\u201c<br \/>\nVor der Ostalgie hat er l\u00e4ngst kapituliert. Nur manchmal macht er sich noch den Spa\u00df und sprengt ostalgische Runden, in dem er so lange mittut und \u00fcbertreibt, bis den Ostalgikern ihre Verkl\u00e4rung offensichtlich wird \u2013 oder werden m\u00fcsste. Opfer sind f\u00fcr Bahra aber beide Bev\u00f6lkerungsgruppen: diejenigen, die noch immer im Schatten der Mauer leben, die Linkspartei als Mauerpartei bezeichnen und keinen Ex-SED-Mann je gr\u00fc\u00dfen w\u00fcrden ebenso wie jene Ostalgiker, deren DDR sich offenbar in Trabi, Club-Cola und kostenloser Kitabetreuung ersch\u00f6pfte. Der Schatten der Mauer, sagt er, liegt noch immer \u00fcber dem Land.<br \/>\nDeshalb, und um der Toten zu gedenken, k\u00e4mpft Bahra um das Mahnmal am Griebnitzsee-Ufer, auch wenn es wohl nie unter Denkmalschutz gestellt werden wird und die Stadt Potsdam es am liebsten weg h\u00e4tte, wie er sagt. Eine Bank direkt gegen\u00fcber fehlt seit einigen Tagen. Bahra hat das Gr\u00fcnfl\u00e4chenamt im Verdacht. Nur die aufgeworfene Erde k\u00fcndet davon, dass dort ein st\u00e4dtisch gepflegter Platz zum Verweilen war. Dass Ministerpr\u00e4sident Matthias Platzeck in seinem Gru\u00dfwort den Erhalt des Mauersegments fordert, ist da willkommene Sch\u00fctzenhilfe, denn das Denkmal, das streng genommen sogar illegal dort steht, sei ein \u201enotwendiger Pfahl im Fleisch\u201c, der beweise, dass jedes Idyll bedroht ist. Dass viele Touristen und Spazierg\u00e4nger anhalten, begeistert Bahra. Motiviert, es zu pflegen, wurde Bahra durch einen Schreck: Den Schreck, festzustellen, dass 15 der 17 Toten an diesem Mauerabschnitt aus seiner Generation waren.<br \/>\nWas die entidealisierende Wirkung der improvisierten Gedenkst\u00e4tte angeht, macht sich Bahra dennoch wenig Hoffnungen: \u201eWenn ich jungen Leuten erz\u00e4hle, was hier war, und ihr Opa erz\u00e4hlt, er hatte ein sch\u00f6nes Leben in der DDR, kann ich nicht sagen, das hatte er nicht. Das d\u00fcrfen wir nicht, aber wir d\u00fcrfen Ostalgie vermiesen durch St\u00e4tten wie diese. Den Rest muss man aussitzen.\u201c<br \/>\nIn solchen Momenten ist die Provokation nicht weit, und sie kommt zuverl\u00e4ssig, wenn er nachschiebt, dass \u201ein der normalen brandenburgischen Familie 1932 das letzte Mal frei gedacht wurde\u201c \u2013 sei es nun durch Hirnw\u00e4sche, Resignation, freiwilligen Verzicht oder Abgeschnittensein von Information. In diesem Augenblick ist Bahra von dem Br\u00fcckenbauer, der er gern w\u00e4re und oft ist, meilenweit entfernt. Es geht auch vers\u00f6hnlicher: Dass er heute mit der Regierung telefonieren und mit ihr in vielen Punkten einig sein kann, ist f\u00fcr ihn immer noch ein \u201eunglaubliches Gef\u00fchl\u201c. Auch 20 Jahre nach dem Fall jener Mauer, an die sein Verein heute erinnert.<\/p>\n<p><strong>Info-Box: Mauer-Opfer<\/strong><br \/>\nVon 1303 Toten an der Mauer geht das private Berliner Mauermuseum nach neuesten Sch\u00e4tzungen aus.<br \/>\nDas sind 58 Tote mehr als noch vor einem Jahr gesch\u00e4tzt.<br \/>\nDie Zahl f\u00e4llt h\u00f6her aus, weil aus der Zeit vor dem Mauerbau mehr Opfer an der innerdeutschen Grenze ermittelt wurden, sagt Museumsleiterin Alexandra Hildebrandt.<br \/>\nAllein f\u00fcr die Berliner Mauer geht das Museum nun von 289 Opfern aus, von denen 67 vor dem Mauerbau am 13. August 1961 starben.<br \/>\nAlle Angaben sind allerdings noch Sch\u00e4tzungen.<br \/>\n\u00dcber die Gesamtzahl wird seit Jahren gestritten, weil es zu keiner Einigung kommt, welche Erfassungs- und Bewertungskriterien gelten.<br \/>\nDas Potsdamer Zentrum f\u00fcr Zeithistorische Forschung etwa ermittelt f\u00fcr die Berliner Mauer lediglich 136 Tote.<\/p>\n<p><em>Erschienen am 13.08.2008<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gedenken: Bob Bahra erinnert an die Toten der Hinterlandmauer\/Vor der Ostalgie hat er l\u00e4ngst kapituliert Mauertote sind f\u00fcr Bob Bahra nicht nur die an der Grenze Erschossenen \u2013 auch still Gestorbene z\u00e4hlt er zu den Opfern POTSDAM Die Idee, Ostalgie-Kurse f\u00fcr all jene anzubieten, die der DDR keine Tr\u00e4ne nachweinen, gef\u00e4llt ihm. 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