{"id":541,"date":"2008-08-23T00:00:09","date_gmt":"2008-08-22T22:00:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jan-bosschaart.de\/wp\/?p=541"},"modified":"2014-04-03T16:31:13","modified_gmt":"2014-04-03T15:31:13","slug":"reichlich-kraftig-frisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/?p=541","title":{"rendered":"Reichlich, kr\u00e4ftig, frisch"},"content":{"rendered":"<p><em>Letscho statt Limoncello-Jus, Bauernfr\u00fchst\u00fcck statt Basilikum-Schaum: im Krug Gollin isst man bodenst\u00e4ndig.<\/em><\/p>\n<p>Um festzustellen, wie die Verkehrssituation auf der 15 Kilometer entfernten Autobahn A11 ist, gen\u00fcgt Corinna K\u00fchnke ein Blick in den Gastraum. Ist er sp\u00e4rlich besetzt, flie\u00dft der Verkehr. Gibt es Stau, platzt der \u201eKrug Gollin\u201c hingegen aus allen N\u00e4hten. \u201eWir kriechen dann auf dem Zahnfleisch\u201c, sagt die Wirtin. Die A11 ist Segen und Fluch zugleich f\u00fcr den \u201eKrug\u201c. Einerseits schwemmt sie m\u00f6gliche G\u00e4ste in die Uckermark und \u2013 wenn es mal wieder staut \u2013 auch in den \u201eKrug\u201c, andererseits lenkt sie die Verkehrsstr\u00f6me von Berlin Richtung Ostsee 15 entscheidende Kilometer \u00f6stlich an Gollin vorbei. Das war nicht immer so: Als noch die B109 durch den Ort f\u00fchrte, f\u00fcllte sie das Haus zuverl\u00e4ssig, besonders im Sommer.<br \/>\nJene verkehrsg\u00fcnstige Lage war auch der Grund, warum Corinna K\u00fchnke sich vor neun Jahren entschloss, den \u201eKrug\u201c im ansonsten verschlafenen Gollin zu \u00fcbernehmen. Dass die Autobahn ihr soviele G\u00e4ste stiehlt, habe sie nicht kommen sehen, sagt sie. K\u00fchnke ist im \u201eKrug\u201c einige Jahre aufgewachsen. Ihre Eltern betrieben die Gastst\u00e4tte von 1970 bis 1975, und die Tochter trat mit einer Kellnerlehre in deren Fu\u00dfstapfen. Dann verbrachte sie 20 Jahre in einem anderen Beruf, doch der \u201eKrug\u201c rief sie zur\u00fcck. Als er 1999 zum Verkauf stand, z\u00f6gerte die Mittvierzigerin nicht lange. W\u00e4hrend des Komplettumbaus verkaufte sie ein Jahr lang Speisen aus dem Fenster heraus.<br \/>\nDie Version, dass der \u201eKrug\u201c sie zur\u00fcckgerufen habe, w\u00fcrde K\u00fchnke als romantisierenden Unfug abtun. Sie pflegt einen eher spr\u00f6den, direkten, bodenst\u00e4ndig-uckerm\u00e4rkischen Charme. \u201eEr stand halt zum Verkauf, ick hab mich an fr\u00fcher erinnert, meinen Mann gefragt und dann haben wir es halt gemacht\u201c, sagt sie. Thema erledigt.<br \/>\nEs muss dennoch Herzblut darin stecken, denn die Arbeit ist nicht unerheblich: Corinna K\u00fchnke plant, organisiert, kocht, bedient, f\u00fcllt Getr\u00e4nke ein, macht Abrechnungen, liefert Bestellungen aus, putzt und r\u00e4umt auf \u2013 unterst\u00fctzt nur vom Mann, von der Schwiegermutter und, wenn es v\u00f6llig \u00fcberf\u00fcllt ist, von ein paar Aushilfskr\u00e4ften. Am Wochenende m\u00fcssen die beiden Kinder mit anpacken, wenn sie sich denn blicken lassen.<br \/>\nAuch heute lebt der \u201eKrug\u201c noch von den Reisenden \u2013 er zog schon um 1850 als Postkutscherstation zwischen Berlin und Prenzlau hungrige, durstige oder m\u00fcde Reiter und Kutscher an. Heute sind es vor allem Ur-Berliner und Potsdamer, die lieber die sch\u00f6ne Landstra\u00dfe unter uckerm\u00e4rkischen B\u00e4umen fahren, statt die hektische, anonyme Autobahn. Aus Tradition und wegen der bodenst\u00e4ndigen K\u00fcche kehren sie gern im \u201eKrug\u201c ein. Die Karte ist \u00fcbersichtlich, aber traditionell und regional gehalten: Das Wildangebot richtet sich t\u00e4glich danach, was dem J\u00e4ger am Vorabend vor die Flinte lief, die Pilzauswahl nach der Saison und dem Findergl\u00fcck der lokalen Anbieter, der Spargel kommt ausschlie\u00dflich aus Beelitz und die Forellen und Zander aus den Seen der Schorfheide. Dar\u00fcber hinaus gibt\u2019s, was es immer gibt in l\u00e4ndlichen Lokalen: 1,2 Kilo Rieseneisbein, S\u00fclze, Schnitzel mit Letscho, Rinderrouladen, Rinderleber, Bauernfr\u00fchst\u00fcck, ungarisches Gulasch. Immer reichliche Portionen, immer kr\u00e4ftig gew\u00fcrzt, immer frisch, zu h\u00f6chst zivilen Preisen. 13Euro f\u00fcr das Rieseneisbein markieren die Obergrenze der Karte, die auch im Bereich Wein \u00fcbersichtlich bleibt: zwei Rot- und zwei Wei\u00dfweine, je einer s\u00fc\u00df und einer trocken \u2013 Punkt.<br \/>\nCorinna K\u00fchnke wei\u00df um den Charme dieses Angebots und erz\u00e4hlt stolz, dass h\u00e4ufiger G\u00e4ste aus den \u201efeinen Hotels\u201c in ihren nicht eben lichten, mit dunklem Holz ausgekleideten Gastraum kommen, um mal ein handfestes Bauernfr\u00fchst\u00fcck oder eine rustikale Roulande zu essen \u2013 \u201eden feinen Kram bekommt ja niemand auf Dauer runter\u201c, sagt sie. Viele genie\u00dfen auch die entspannt-l\u00e4ndliche Atmosph\u00e4re. F\u00fcr die Kinder h\u00e4lt der \u201eKrug\u201c einen Miniatur-Streichelzoo vor: H\u00e4ngebauchschweine, Meerschweinchen, Kaninchen, einen Fischteich. So k\u00f6nnen die Eltern in Ruhe essen, w\u00e4hrend der Nachwuchs \u00fcber den riesigen Hof tobt. \u201eDie Kinder\u201c, sagt die Wirtin, \u201egeben doch lieber einem Karnickel einen Nasenst\u00fcber, statt sich aus der Entfernung eine Giraffe anzuschauen.\u201c Das ist die Logik, die das Konzept des \u201eKrugs\u201c ausmacht: Die meisten essen schlie\u00dflich auch lieber im urigen Lokal an der Landstra\u00dfe ein Schnitzel, statt im Stau auf der Autobahn Tankstellenessen aus der Mikrowelle zu verdr\u00fccken.<\/p>\n<p><strong>Info:<\/strong> Krug Gollin, Golliner Dorfstra\u00dfe 36, 17268 Templin, Tel.  (039882) 4 91 60<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Letscho statt Limoncello-Jus, Bauernfr\u00fchst\u00fcck statt Basilikum-Schaum: im Krug Gollin isst man bodenst\u00e4ndig. Um festzustellen, wie die Verkehrssituation auf der 15 Kilometer entfernten Autobahn A11 ist, gen\u00fcgt Corinna K\u00fchnke ein Blick in den Gastraum. Ist er sp\u00e4rlich besetzt, flie\u00dft der Verkehr. 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