{"id":55,"date":"2007-02-21T17:07:42","date_gmt":"2007-02-21T15:07:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jan-bosschaart.de\/wordpress\/?p=55"},"modified":"2008-07-02T02:24:50","modified_gmt":"2008-07-02T00:24:50","slug":"klarheit-und-reinheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/?p=55","title":{"rendered":"Klarheit und Reinheit"},"content":{"rendered":"<p><strong>2005 konvertierten mehr als 4000 Deutsche zum Islam \u2013 darunter auch einige M\u00e4rker <\/strong><\/p>\n<p>POTSDAM F\u00fcr Christian Hoffmann war es wie ein Blitz. Auf seinem Balkon sitzend, durchflutete ihn pl\u00f6tzlich die Erkenntnis: \u201eHimmel und Erde sind Allahs Sch\u00f6pfung, und der Islam ist die letzte von ihm offenbarte Religion.\u201c Glaubt man seinen Worten, so war er damals gl\u00fccklich und nach nichts auf der Suche. Sp\u00e4ter hat der ehemalige CDU-Pressesprecher ein Buch \u00fcber seinen Wechsel zum Islam und all die Folgen geschrieben, das 1995 f\u00fcr einigen Wirbel sorgte: \u201eZwischen allen St\u00fchlen\u201c hei\u00dft es.<br \/>\nNicht immer gibt es diesen einen Moment, wo sich eine neue Religion mit Blitz und Donner oder einem inneren Erdbeben zeigt. Bei Abdalhafidh Ullmann war es ein langsamer, konflikthafter Prozess. Am Anfang stand Unzufriedenheit. \u201eEtwas war aus der Balance geraten\u201c, sagt der 25-J\u00e4hrige und r\u00fcckt seinen leuchtendroten Fez zurecht. Was genau, das wei\u00df er nicht. Oder er mag es nicht sagen. Es ist schwer, hinter Abdalhafidhs Stirn zu blicken. Nach jeder Frage nippt er am Espresso, schaut eine Weile zum Fenster und setzt ein wissendes L\u00e4cheln auf, bevor er antwortet. \u201eIch wei\u00df nicht, was gefehlt hat, aber der Islam hat es mir gegeben. Ich bin jetzt ein gl\u00fccklicher Mensch.\u201c<br \/>\nNach der Schule ging Abdalhafidh f\u00fcr vier Jahre zur Bundeswehr. Damals hie\u00df er noch Alexander. Die klare Struktur, die Ordnung dort haben ihm gefallen. Und der Respekt, den J\u00fcngere vor \u00c4lteren haben. \u201eDrau\u00dfen\u201c, sagt er, und meint die Welt au\u00dferhalb der Kaserne, \u201edrau\u00dfen habe ich das vermisst\u201c. \u201eDrau\u00dfen\u201c, das war auch das Volkswirtschaftsstudium, auf das sich Abdalhafidh, der bereits eine Lehre zum Bankkaufmann in der Tasche hatte, schlie\u00dflich einlie\u00df. Nicht f\u00fcr lange. Das Gebot des Geldvermehrens, \u201ediesen Zynismus\u201c, das habe er nicht ertragen. Die n\u00e4chste Station, eine Ausbildung zum Heilpraktiker, f\u00fcllte ihn mehr aus. Die Unzufriedenheit mit seinem Leben aber blieb. Alexander war ein Suchender, Abdalhafidh ist ein Angekommener. Sagt Abdalhafidh.<br \/>\nKlarheit, Reinheit, Respekt: Viele Deutsche, die zum Islam konvertieren, f\u00fchlen sich davon angezogen. In den letzten Jahren wurden es stetig mehr, rund 4000 ermittelte das Islam-Archiv in Soest f\u00fcr 2005, und die Tendenz scheint weiter steigend. \u201eDie Konvertitenszene hat sich total ver\u00e4ndert\u201c, sagt Salim Abdullah, der Leiter des Islam-Archivs. Waren es fr\u00fcher Ehepartner, vorrangig Frauen, die bei der Heirat mit einem Muslim dessen Religion annahmen, so sind es heute vor allem junge Akademiker, die sich intensiv mit dem Koran besch\u00e4ftigen und dann aus freien St\u00fccken den Weg zu Allah suchen. \u201eDie wenigsten sind \u00e4lter als 35\u201c, sagt Abdullah.<br \/>\n\u00dcber die Gr\u00fcnde l\u00e4sst sich nur spekulieren. \u201eDas ist eine ganz individuelle Entscheidung\u201c, meint der Leiter des Islam-Archivs. Auff\u00e4llig ist, dass die Zahl der deutschen Konvertiten seit etwa 2001 rapide ansteigt \u2013 von etwa 300 im Jahr vor 2001 auf mehr als 4000 heute. Es scheint, als habe der 11. September eine Lawine ausgel\u00f6st.<br \/>\nEine Erkl\u00e4rung lautet: Durch die politische Entwicklung ist der Islam ins Zentrum des \u00f6ffentlichen Interesses ger\u00fcckt, und viele Menschen begannen, sich damit n\u00e4her zu befassen. Einige fanden darin eine neue Heimat. Ahmad Gross, der Amir der Potsdamer Muslime, sagt, f\u00fcr manchen sei der Wechsel zum Islam auch eine politische Aussage: gegen Globalisierung, gegen die Macht des Zinses, den der Koran ausdr\u00fccklich verdammt, und gegen die amerikanische Au\u00dfenpolitik. Das ist die andere Erkl\u00e4rung.<br \/>\nAuf Abdalhafidh treffen beide nicht zu. Der Islam ist f\u00fcr ihn ein Weg, sein Leben neu zu ordnen. Und nicht nur f\u00fcr ihn. \u201eMeine Frau war depressiv. Jetzt ist sie zum zweiten Mal schwanger. Einen besseren Beweis f\u00fcr meinen Glauben gibt es nicht.\u201c Auch er sch\u00e4tzt am Islam die Klarheit. Mit der Dreifaltigkeit des christlichen Gottes kann er wenig anfangen. F\u00fcr Moslems sind Christen Polytheisten. Au\u00dferdem stehe bei ihnen die Kirche zwischen dem Einzelnen und Gott.<br \/>\n\u201eIm Islam schlie\u00dft der Gl\u00e4ubige hingegen einen Privatvertrag mit Allah. Keine Priesterkaste entscheidet \u00fcber Aufnahme oder Ablehnung\u201c, sagt der Leiter des Islam-Archivs. Lediglich zwei muslimische Zeugen sind n\u00f6tig, um die Schahada, das Bekenntnis, abzulegen. Auch einen formellen Austritt gibt es nicht. \u201eDas muss der Gl\u00e4ubige mit Allah ausmachen\u201c, so Abdullah.<br \/>\nDie Klarheit seines neuen Glaubens \u2013 ein Gott, ein Prophet, eine seit ihren Urspr\u00fcngen unver\u00e4nderte heilige Schrift \u2013 korrespondiert f\u00fcr Abdalhafidh mit der Klarheit, die sein Leben seitdem gewann. Mit seiner Herkunftsfamilie habe er sich ausges\u00f6hnt, nachdem er den Koran studiert hatte. Auf einige Freunde m\u00fcsse er verzichten. \u201eDie dachten, ich renne k\u00fcnftig mit dem Sprengstoffg\u00fcrtel durch die Welt\u201c, erz\u00e4hlt er und versucht ein L\u00e4cheln. Die Aufnahme in die muslimische Gemeinde ersetze sie ihm hundertfach.<br \/>\nEs ist ein enger Kreis, etwa 20 Familien, der sich in den hellen, spartanisch eingerichteten R\u00e4umen in der Potsdamer Weinbergstra\u00dfe trifft. Der Sonntag geh\u00f6rt ganz den Familien. Man liest gemeinsam im Koran, h\u00f6rt Vortr\u00e4ge, betet und singt. Die Frauen bereiten im Obergeschoss Essen zu, die M\u00e4nner sitzen in Gr\u00fcppchen auf dem Boden und reden. Drau\u00dfen tobt ein munterer Haufen Kinder. Aufgaben und Hierarchien sind klar verteilt, und Abdalhafidh findet hier den Respekt, den er \u201edrau\u00dfen\u201c so schmerzlich vermisst: Die Kinder sind h\u00f6flich, und sie \u00fcbernehmen selbstverst\u00e4ndlich Pflichten: decken den Tisch, r\u00e4umen auf, machen sauber. Reinheit ist auch eine Besonderheit des Islam. Viele Moslems f\u00fchlen sich schon von der christlichen Lehre der Erbs\u00fcnde \u201eirgendwie beschmutzt\u201c, wie Abdalhafidh es nennt. Vor jedem Gebet ist eine Waschung Pflicht, um in den Zustand ritueller Reinheit zu gelangen. Wer Moslem wird, bekommt alle zuvor begangenen S\u00fcnden vergeben. Alkohol und Schweinefleisch lehnen Muslime als verunreinigend ab.<br \/>\nAbdalhafidh hat einige Religionen \u201eangetestet\u201c, wie er sagt, bevor er zum Islam fand. Das haben sie hier fast alle. Die meisten der Potsdamer Muslime sind in der DDR gro\u00dfgeworden und waren sehr skeptisch. \u201eWie in einem Warenhaus haben sie alles genau gepr\u00fcft und abgewogen\u201c, sagt Amir Gross. F\u00fcr viele Ostdeutsche ist es die erste Religion, was die Skepsis nicht eben minderte. Die Geschichte von Christian Hoffmann und dem Blitz kann Abdalhafidh daher nicht nachvollziehen. \u201eDer Glaube w\u00e4chst in einem \u2013 daf\u00fcr bleibt er dann auch.\u201c <\/p>\n<p><em>Erschienen am 21.02.2007<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2005 konvertierten mehr als 4000 Deutsche zum Islam \u2013 darunter auch einige M\u00e4rker POTSDAM F\u00fcr Christian Hoffmann war es wie ein Blitz. 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