{"id":559,"date":"2008-08-23T00:00:11","date_gmt":"2008-08-22T22:00:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jan-bosschaart.de\/wp\/?p=559"},"modified":"2014-04-03T16:31:57","modified_gmt":"2014-04-03T15:31:57","slug":"das-wiedererweckte-wort","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/?p=559","title":{"rendered":"Das wiedererweckte Wort"},"content":{"rendered":"<p><em>In einem Dorf an der M\u00fcritz steht Deutschlands einzige H\u00f6rspielkirche. Konzipiert und umgebaut wurde sie von einem Potsdamer.<\/em><\/p>\n<p>Gemessen an der Gr\u00f6\u00dfe seines Kirchleins hat Pastor Leif Rother eine geradezu luxuri\u00f6se Audioanlage zur Verf\u00fcgung. Auch ein Beamer-Anschluss und Internet-Verbindung sind f\u00fcr eine Kirche aus dem 13. Jahrhundert nicht unbedingt der Ausstattungs-Standard. Das wundert um so mehr, wenn man bedenkt, dass es Federower geben soll, die vor f\u00fcnf Jahren gar nicht mehr wussten, dass ihr 700-Seelen-Dorf am Eingang zum M\u00fcritz-Nationalpark \u00fcberhaupt eine eigene Kirche hat.<br \/>\nEr erregte eben nicht viel Aufmerksamkeit, der fast schon schmucklose Backsteinbau, zwar zentral gelegen, doch ohne weithin sichtbaren Turm und hinter dichtem Fliedergestr\u00fcpp verborgen. Mehr als 20 Jahre lang verfiel die stillgelegte Kirche \u2013 auf durchaus malerische Art \u2013 hinter diesem Dickicht, die Gemeindemitglieder fuhren indes zum Gottesdienst in die Warener Marienkirche oder ins benachbarte Kargow.<br \/>\nDann kam Jens Franke. Der Potsdamer Architekt besuchte einen ehemaligen Kommilitonen an der M\u00fcritz, und die Kirche lag auf dem Weg. \u201eWenn du eine Nutzungsidee hast, kannst du sie umbauen\u201c, soll der Freund gesagt haben. F\u00fcr einen wie Franke gen\u00fcgt das, um Feuer zu fangen. \u201eDu kannst tausendmal Architekt sein, wirst aber nie eine Kirche bauen\u201c, sagt er. Weil Kirchen eigene Architekten haben, und weil Kirchenbau in Zeiten schwindender Gemeindegr\u00f6\u00dfen ein seltenes Gesch\u00e4ft geworden ist. Also musste eine Nutzungsidee her. Auf verschlungenen Assoziationspfaden \u2013 im Radio hatte Franke vom H\u00f6rspielplanetarium in Berlin geh\u00f6rt \u2013 kam ihm schlie\u00dflich eine H\u00f6rspielkirche in den Sinn.<br \/>\nDas war 2003, und was folgte, war ausgiebiges Klinkenputzen. Die Kirchgemeinde konnte sich eine H\u00f6rspielkirche prinzipiell vorstellen, doch woher das Geld kommen sollte, blieb offen. Also schrieb Franke an den Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB), denn der hatte auch das sehr erfolgreiche H\u00f6rspielplanetarium aus der Taufe gehoben. Dort half man, ein Konzept zu erstellen, doch Geld hatte der RBB auch nicht \u00fcbrig. Selbst der Mecklenburgische Landesbischof erteilte dem Plan seinen Segen, konnte aber kein S\u00e4ckel \u00f6ffnen. So war es schlie\u00dflich die EU, die mit einer F\u00f6rderung von 160\u00a0000 Euro den entscheidenden Impuls gab: Federow bekam wieder eine nutzbare Kirche, H\u00f6rspielfreunde eine neue Pilgerst\u00e4tte und der Architekt Franke den Auftrag, sie umzubauen.<br \/>\nWirtschaftlich betrachtet, war es f\u00fcr Jens Franke dennoch ein Verlustgesch\u00e4ft, aber eines mit Ansage: Unz\u00e4hlige Arbeitsstunden sind inzwischen in die Organisation, die Bekanntmachung und die Betreuung der H\u00f6rspielkirche geflossen, w\u00e4hrend der Spielzeit von Mai bis September f\u00e4hrt Franke jede Woche einmal die 185 Kilometer von Potsdam nach Federow \u2013 und zur\u00fcck. Weil die Kirche keinen Eintritt erhebt, weil immer jemand die CDs starten muss und auch sonst jede Menge Arbeit anf\u00e4llt, ist das Projekt nach wie vor nicht selbsttragend: Freiwillige Spenden, viel ehrenamtliche Arbeit der Federower Gemeindemitglieder sowie Zusch\u00fcsse vom Kultusministerium und nicht zuletzt CD-Verk\u00e4ufe sorgen aber f\u00fcr einen leidlich ausgeglichenen Haushalt. Zur \u00f6ffentlichen Einweihung 2005, als die Potsdamer Schriftstellerin Helga Sch\u00fctz in der Kirche las und der Putz von der Decke rieselte, war das Spendenaufkommen so gro\u00df wie sp\u00e4ter nie wieder. \u201eWenn wir mehr Geld einnehmen wollten, h\u00e4tten wir nicht sanieren d\u00fcrfen\u201c, sagt Franke trocken.<br \/>\nDoch nat\u00fcrlich ist der Potsdamer stolz auf die Kirche, die nun wieder mit frischem Putz zwischen den uralten Feldsteinen und leuchtend gelbem Vorbau erstrahlt. Der Dachstuhl wurde komplett saniert \u2013 das marode alte Geb\u00e4lk dr\u00fcckte bereits die W\u00e4nde auseinander \u2013 und auf besonderen Wunsch der Kirchgemeinde gestaltete Frankes Schwester, die in Berlin als K\u00fcnstlerin arbeitete, drei neue, farbige Fenster, die das alte Klarglas ersetzen. Einen \u201esch\u00f6nen, introvertierten Raum\u201c nennt Jens Franke das Ergebnis, denn ein direkter Blick nach drau\u00dfen ist nun nicht mehr m\u00f6glich. Das ist gewollt: Wenig soll den H\u00f6renden vom Text und dem Klang der Stimmen ablenken. Die Voraussetzungen daf\u00fcr sind gut, denn Kirchr\u00e4ume sind f\u00fcrs gesprochene Wort gemacht. Franke war daher wenig \u00fcberrascht, als die Akustik-Berechnungen ein hervorragendes Klangerlebnis voraussagten.<br \/>\nDas ist durchaus ein Argument, wenn der Potsdamer bei den gro\u00dfen H\u00f6rspielproduzenten \u2013 allen voran den \u00f6ffentlich-rechtlichen Radiostationen \u2013 um g\u00fcnstige Auff\u00fchrungsrechte ersucht. \u201eWenn wir hier mit einem Ghetto-Blaster aufliefen, w\u00fcrden viele gleich wieder auflegen\u201c, sagt er. Das Programm umfasst neben Krimis \u2013 selbst Derrick gibt es als umfangreiche H\u00f6rspielserie \u2013 vor allem gut umgesetzte hochklassige Literatur: Hemimgway, Fontane, Tucholsky, vor allem St\u00fccke mit regionalem Bezug wie \u201eDer Stechlin\u201c oder \u201eRheinsberg\u201c laufen gut. Au\u00dferdem gibt\u2019s hin und wieder klassische Musik zu h\u00f6ren, und einmal am Tag ein Programm f\u00fcr die Kinder, meist sch\u00f6ne DDR-Aufnahmen bekannter M\u00e4rchen wie \u201eZwerg Nase\u201c oder \u201eDas kalte Herz\u201c. Viele gute H\u00f6rspiele rettet Franke auf diese Weise davor, in den Archiven zu verstauben.<br \/>\nWas die Raumnutzung angeht, so hat das Bauwerk durchaus die Gesetze diktiert: Anf\u00e4ngliche Ideen, die Zuschauerpl\u00e4tze im Kreis anzuordnen oder eine Liegelandschaft anzubieten, erwiesen sich schon im Konzeptstadium als unpraktikabel. \u201e\u00dcber Jahrhunderte hat sich eine Sitzordnung in Kirchen etabliert, und das hat ganz offenkundig seinen Sinn\u201c, musste der Architekt lernen. Die harten Sitzb\u00e4nke verhindern allzu bequeme Haltungen und damit ein Entgleiten der Aufmerksamkeit, die Ausrichtung nach vorn hilft, sich nicht ablenken zu lassen \u2013 \u201enicht mal von der h\u00fcbschen Frau neben sich\u201c, sagt Franke.<br \/>\n7500 G\u00e4ste haben diese Erfahrung im Jahr 2007 gemacht, 6000 davon belie\u00dfen es dabei, Deutschlands einzige H\u00f6rspielkirche zu besichtigen, 1500 h\u00f6rten auch. F\u00fcr Franke ist das ein \u201eSuper-Schnitt\u201c, denn mehr als 30 Personen zugleich passen ohnehin nicht bequem ins Kirchlein, und dass an manchen Tagen eine der drei Auff\u00fchrungen leer bleibt, ist bei kostenlosen Vorf\u00fchrungen verschmerzbar. Wichtiger ist ihm, dass die H\u00f6rspielkirche bekannter wird. \u201eDer Charme des Neuen ist l\u00e4ngst weg\u201c, sagt er, \u201eund dass trotzdem jedes Jahr mehr Leute kommen, zeigt, dass wir es richtig gemacht haben.\u201c Wiederholbar ist das allerdings nicht ohne Weiteres: Sein Nachfolgeprojekt, einen H\u00f6rspielbahnhof in Joachimsthal (M\u00e4rkisch Oderland) hat Franke mittlerweile f\u00fcr gescheitert erkl\u00e4rt. Er nennt das die \u201eEvolution des Erfolgs\u201c und freut sich um so mehr, zumindest in Federow \u201eeinen vergessenen und verlorenen Ort aus dem Dunkeln ans Licht geholt\u201c zu haben \u2013 mit Kirche, Kunst und Kultur als Paten.<\/p>\n<p><strong>Info-Box: H\u00f6rspiele, Kinderprogramm und Klassik<\/strong><br \/>\nFederow liegt direkt an den Toren des M\u00fcritz-Nationalparks. Rund 700000 Touristen kommen jedes Jahr durch das beschauliche 700-Seelen-Dorf.<br \/>\nDie H\u00f6rspiel-Saison der Kirche begann in diesem Jahr am 11. Juli und endet am 14. September.<br \/>\nT\u00e4glich ab 11 Uhr stehen die Kirchent\u00fcren offen, um 15 Uhr steht ein Kinderh\u00f6rspiel auf dem Programm, ab 16.30 Uhr t\u00f6nt klassische Musik aus der Anlage, ab 18.30 l\u00e4uft ein H\u00f6rspiel f\u00fcr Erwachsene.<br \/>\nJeden Mittwoch bieten die Veranstalter zus\u00e4tzlich eine \u201eblaue Stunde\u201c an: Ein gruseliges Krimi-H\u00f6rspiel, das um 20 Uhr beginnt.<br \/>\nAuch Lesungen stehen auf dem Programm: Am 5. September wird der in Potsdam lebende Fernsehjournalist Dirk Sager von \u201eRusslands hohem Norden\u201c berichten.<br \/>\nIm Kinderprogramm laufen etwa \u201eDer kleine Muck\u201c, \u201eZwerg Nase\u201c, \u201eDas kalte Herz\u201c, \u201eDie Bremer Stadtmusikanten\u201c oder \u201ePinocchio\u201c.<br \/>\nIm Musikprogramm erklingen Operngalas, Mozarts Requiem und der Thomanerchor.<br \/>\nIm Hauptprogramm sind unter anderem F\u00e4lle von Sherlock Holmes und Prof. van Dusen ebenso zu h\u00f6ren wie Werke von Edgar Allen Poe, Heinrich Heine, Edgar Wallace, Homer, Hemingway und Schiller.<br \/>\nDas volle Programm sowie weitere Informationen \u2013 auch zur Anreise &#8211; stehen im Internet unter der Adresse <a href=\"http:\/\/www.hoerspielkirche.de\">www.hoerspielkirche.de<\/a><\/p>\n<p><em>Erschienen am 23.08.2008<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einem Dorf an der M\u00fcritz steht Deutschlands einzige H\u00f6rspielkirche. 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