{"id":589,"date":"2008-09-20T00:00:51","date_gmt":"2008-09-19T22:00:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jan-bosschaart.de\/wp\/?p=589"},"modified":"2008-09-20T00:51:01","modified_gmt":"2008-09-19T22:51:01","slug":"der-mobile-marchenonkel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/?p=589","title":{"rendered":"Der mobile M\u00e4rchenonkel"},"content":{"rendered":"<p><em>Wie ein Theater- Schauspieler zu den Grimms zur\u00fcckfand, warum er Termine hasst und was ihn im Alter von 66 Jahren bewog, auf einem klapprigen Rad durch m\u00e4rkische D\u00f6rfer zu tingeln.<\/em><\/p>\n<p>Er l\u00e4sst die Satzenden gern wie lose F\u00e4den in der Luft baumeln. Nicht so, dass sie sich verknoten w\u00fcrden, nicht so, als w\u00e4ren sie achtlos auf einen Haufen geworfen. Maximilian Ruethlein verheddert sie nicht, seine S\u00e4tze \u2013 dazu ist er zu diszipliniert \u2013, er bricht sie nur zugunsten des folgenden Gedankens mittendrin ab und beginnt \u00fcbergangslos den neuen. Die \u00fcbrig gebliebenen Fragmente h\u00e4ngen dann, fein s\u00e4uberlich aufgereiht, in der Abendluft wie feuchte W\u00e4sche auf einer Leine.<br \/>\nEs ist daher nicht ganz leicht, Ruethlein zu lauschen. Irgendwann wird der Zuh\u00f6rer es m\u00fcde, die Spr\u00fcnge nachzuvollziehen. Und seine Gedanken gehen eigene Wege. Das ist erstaunlich bei jemandem wie Ruethlein, der, wenn er mehr als nur einen Zuh\u00f6rer hat, M\u00e4rchen so packend erz\u00e4hlen kann, dass Kinder zu atmen vergessen und Erwachsene bereitwillig wieder zu Kindern werden und sich in Augenblicke zur\u00fcckversetzt f\u00fchlen, in denen sie eingekringelt im warmen Bett lagen oder aufmerksam auf dem Scho\u00df der Oma sa\u00dfen und mit gro\u00dfen Augen die gruselig-sch\u00f6nen Geschichten vom Rotk\u00e4ppchen, von der Schneek\u00f6nigin oder der Scheherazade h\u00f6rten. Situationen also, die einmal allt\u00e4glich waren, doch es nicht mehr sind. Dass sie es nicht mehr sind, dass kaum noch jemand M\u00e4rchen erz\u00e4hlt, ist Ruethleins Kapital \u2013 neben dem unergr\u00fcndlichen M\u00e4rchenschatz in seinem Kopf, seiner sonoren Stimme und seiner Schauspieler-Seele, die am Theater geformt wurde. Ruethlein erz\u00e4hlt M\u00e4rchen in Kitas, in Schulen, in Volkshochschulen, in Buchhandlungen, in Kirchen und auf Pl\u00e4tzen. Wann immer jemand m\u00f6chte, wann immer jemand Zeit hat \u2013 normalerweise gegen Bezahlung, jetzt, auf seiner Sp\u00e4tsommertour auch gegen eine Mahlzeit oder eine Unterkunft f\u00fcr die Nacht.<br \/>\nWenn er im Gespr\u00e4ch gedanklich allzu sehr auszufransen droht, zieht Maximilian Ruethlein die Notbremse. Er wendet dann den Blick von innen nach au\u00dfen, sieht sein Gegen\u00fcber an, als sei er eben erwacht und fragt, ob er gerade wieder vom H\u00f6lzchen aufs St\u00f6ckchen komme. Im Grunde erwartet er gar keine Antwort, und ein kurzes Z\u00f6gern gen\u00fcgt ihm als Best\u00e4tigung. Dann l\u00e4chelt Ruethlein wissend, nippt an seinem Kaffee und nimmt den Faden wieder auf. Einen neuen Faden.<br \/>\nVielleicht ist daran auch die Einsamkeit schuld. Mehrere Wochen ist der Berliner nun schon mit dem Fahrrad durch die m\u00e4rkische Provinz unterwegs. Die Idee, seine M\u00e4rchen auf einer spontanen Sommertour durch die Welt zu tragen, kam pl\u00f6tzlich, und Ruethlein geh\u00f6rt nicht zu den Menschen, die z\u00f6gern, wenn sie pl\u00f6tzliche Ideen haben. Also packte er seinen gro\u00dfen Grimm, einen Schlafsack und etwas saubere W\u00e4sche in den abgelederten Rucksack, der ihn schon durch S\u00fcdamerika begleitete, holte sein klappriges blaues Fahrrad hervor und radelte los. Ohne Termine, ohne gro\u00dfe Absprachen, ohne festes Ziel, ohne fixe Route. Es ging zun\u00e4chst nach Potsdam, wo Ruethlein im Eine-Welt-Laden erz\u00e4hlte, dann nach Drewitz, weil er dorthin eine spontane Einladung bekam und schlie\u00dflich im Nieselregen nach Rathenow.<br \/>\nWenn es beschwerlich oder einsam wird, wenn ihn das Wetter im Stich l\u00e4sst oder er kein Quartier f\u00fcr die Nacht findet \u2013 was allerdings selten ist \u2013, dann tr\u00f6stet sich Maximilian Ruethlein mit seinen M\u00e4rchen. \u201eIch erz\u00e4hl mir dann eins\u201c hei\u00dft das in seinen Worten. Er schw\u00f6rt auf die tr\u00f6stende Kraft der Urbilder, als die er M\u00e4rchen begreift. M\u00e4rchen tragen zu innerer Zufriedenheit bei, sagt er, sie unterwandern den Verstand, indem sie an \u00c4lteres und Gr\u00f6\u00dferes r\u00fchren und haben daher eine unmittelbare Wirkung.<br \/>\nSeit mehr als 20 Jahren s\u00e4t und erntet Ruethlein M\u00e4rchen. Zehn Jahre lang war er zuvor am Renaissance-Theater, spielte in Brechts \u201eArturo Ui\u201c, spielte Ibsens Dramen und was das damalige Startheater unter Heribert Sasse noch so im Repertoire hatte, verdingte sich als Dramaturg, Regisseur und St\u00fcckeschreiber. Doch Ende der 80er Jahre, mit 48 und \u201evoll im Saft\u201c, wie er betont, beschlich ihn das Gef\u00fchl, dass er sich dort und mit seinem Universit\u00e4tswissen nicht finden k\u00f6nne. Also warf Ruethlein hin und gr\u00fcndete die M\u00e4rchenwerkstatt, weil er in M\u00e4rchen eine \u201eAnleitung zum kreativen Handeln\u201c sah und sieht, eine Verbindung von Geist und Seele, die ihm am akademischen Theater fehlte. Es lief ziemlich schnell ziemlich gut. Ins Kreuzberger \u201eCaf\u00e9 Graefe\u201c, seine erste Spielst\u00e4tte, kamen am ersten Abend f\u00fcnf Leute, am zweiten Abend 20 und am dritten war es bereits so voll, dass die Leute auf dem Boden sitzen mussten. Ruethlein hatte sein Element gefunden, er verdiente gutes Geld, wie er sagt, tingelte tags\u00fcber durch Schulen und Kinderg\u00e4rten und spielte abends sein Programm f\u00fcr Erwachsene. Nebenher bildete er M\u00e4rchenerz\u00e4hler aus, die ihm nun Konkurrenz machen.<br \/>\nAus seinem Bedauern dar\u00fcber, dass diese Zeiten vorbei sind, macht Maximilian Ruethlein heute keinen Hehl. Zu resignieren entspr\u00e4che aber nicht seinem Naturell. Als die st\u00e4dtischen Gelder knapper wurden, brach er nach S\u00fcdamerika auf und fuhr zweimal acht Monate lang mit dem Bus von deutscher Schule zu deutscher Schule, um Grimms Wort nach Lateinamerika zu tragen. Nat\u00fcrlich war er vorher nicht angemeldet, nat\u00fcrlich wusste vorher niemand, dass da einer kommen w\u00fcrde, der den \u201eFroschk\u00f6nig\u201c erz\u00e4hlt, singt und tanzt. Das w\u00e4re gegen Ruethleins \u00dcberzeugung gewesen: Das kreative Handeln vertr\u00e4gt keine Planung. Handeln statt Gr\u00fcbeln ist des M\u00e4rchenerz\u00e4hlers Credo, er f\u00e4hrt so ziellos durch die Welt, wie er seine S\u00e4tze bildet.<br \/>\nSeine gr\u00f6\u00dften Gl\u00fccksmomente entstehen dann, wenn er sich nur von seinem Instinkt leiten l\u00e4sst, und sich auf wundersame Weise alles f\u00fcgt. Die Radtour, die Mitte August begann und dieser Tage endet, scheint ein solches Erlebnis zu werden: \u201eIch bin ohne Erwartungen los, habe meinen Job gemacht, und zwar offenbar so gut wie noch nie, wenn ich an all das Lob denke.\u201c<br \/>\nRuethlein rollt seinen Schlafsack aus, wo er eine Einladung bekommt, er f\u00e4hrt, wohin der Wind oder der Tipp der Kita-Leiterin vom Vortag ihn tragen, wenn es gut l\u00e4uft, bleibt er ein paar Tage, wenn nicht, ist er am n\u00e4chsten Morgen auf und davon. Wenn er erst in f\u00fcnf Tagen auftreten k\u00f6nnte, wo er gerade ohnehin schon vorspricht, winkt er dankend ab. Zuviel Fixierung. Auch ein Handy hat er nicht dabei, obwohl es manches vereinfachen w\u00fcrde. Wer sich mit ihm treffen will, muss warten, bis Ruethlein von einer Telefonzelle aus anruft und dann zur abgemachten Stunde an einer Bushaltestelle in irgend einem m\u00e4rkischen Dorf auftauchen.<br \/>\nIst das nicht anstrengend? Dar\u00fcber denke er nicht nach, sagt der 66-J\u00e4hrige. \u201eW\u00fcrde ich nachdenken, br\u00e4che ich nie auf. Ich bin jemand, der schnell alle F\u00fcr und Wider erw\u00e4gt. Vor allem die Wider, deshalb darf ich nicht ins Denken geraten.\u201c Ein paar Zugest\u00e4ndnisse hat ihm die Tour dennoch abgetrotzt: Das Schlafen unter freiem Himmel nimmt ihm der R\u00fccken auf die Dauer krumm, und auch ein etwas weniger klappriges Fahrrad h\u00e4lt Ruethlein mittlerweile f\u00fcr ratsam. Falls sich da ein Sponsor f\u00e4nde, w\u00fcrde er nicht nein sagen.<br \/>\nEs ist eine unweigerliche Folge des Ruethleinschen Spontanit\u00e4ts-Kultes, einzelne Br\u00fcche und Abbr\u00fcche als Teil des Weges zu begreifen. Sein Studium der Philosophie, Psychologie und Theaterwissenschaften hat er nicht abgeschlossen. Mit 19 verdr\u00fcckte er sich zun\u00e4chst nach Indien, um per Anhalter den Subkontinent zu ergr\u00fcnden. Das Vorhaben, Erwachsenentheater zu machen, stellte er ein, als er merkte, dass der von ihm dramatisierte \u201eParzival\u201c des mittelalterlichen Dichters Wolfram von Eschenbach sich nicht wie ein M\u00e4rchen inszenieren lie\u00df. Auf der Tour musste der Plan, ein Tagebuch im Internet zu f\u00fchren, dran glauben. Auch Pl\u00e4ne sind f\u00fcr Ruethlein so etwas wie S\u00e4tze: Man kann viel anfangen, muss aber nicht alles zu Ende f\u00fchren, wenn Instinkt oder F\u00fcgung sich der Spontanit\u00e4t in den Weg werfen. Auf diese Weise entschlief Ruethleins Filmkarriere, die neben Auftritten in Otto- und Didi-Hallervorden-Filmen auch internationale Produktionen enthielt.<br \/>\nAll diese angefangenen Lebensf\u00e4den h\u00e4ngen mittlerweile aufgereiht in der Abendluft, w\u00e4hrend Ruethlein Kindern vom Rotk\u00e4ppchen, von der Schneek\u00f6nigin und von der Scheherazade erz\u00e4hlt. Immer dort, wohin der Weg, der Wind oder ein Wink des Schicksals ihn gerade trugen.<\/p>\n<p>Kontakt zu Maximilian Ruethlein \u00fcber Horst Edler, Tel. 0172\/ 32032 52.<\/p>\n<p><em>Erschienen am 20.09.2008<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie ein Theater- Schauspieler zu den Grimms zur\u00fcckfand, warum er Termine hasst und was ihn im Alter von 66 Jahren bewog, auf einem klapprigen Rad durch m\u00e4rkische D\u00f6rfer zu tingeln. Er l\u00e4sst die Satzenden gern wie lose F\u00e4den in der Luft baumeln. 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