{"id":62,"date":"2007-02-01T17:32:50","date_gmt":"2007-02-01T15:32:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jan-bosschaart.de\/wordpress\/?p=62"},"modified":"2014-04-02T16:58:49","modified_gmt":"2014-04-02T15:58:49","slug":"ein-prinz-als-schirmherr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/?p=62","title":{"rendered":"Ein Prinz als Schirmherr"},"content":{"rendered":"<p><strong>Sebastian Krumbiegel \u00fcber die Probleme als \u201eBetroffenheits-Gutmensch\u201c<\/strong><\/p>\n<p><em>Sebastian Krumbiegel, S\u00e4nger der \u201ePrinzen\u201c, wird Schirmherr der \u00f6kumenischen Friedensdekade 2007, die unter dem Motto \u201eandere achten\u201c steht. Krumbiegel tourt derzeit mit dem von ihm herausgegebenen Buch \u201eHoffnung s\u00e4en\u201c durch Deutschland. Gemeinsam mit Kristof Hahn liest er auf dieser \u201emusikalischen Lesereise\u201c aus Lebensgeschichten von Fl\u00fcchtlingen. Die Fragen stellte Jan Bosschaart.<\/em><\/p>\n<p><em>Ein Pop-S\u00e4nger als Schirmherr der Friedensdekade \u2013 wie kam es denn dazu? <\/em>Krumbiegel: Das liegt daran, dass ich zurzeit mit meinem Buch \u201eHoffnung s\u00e4en\u201c, den Geschichten von neun Fl\u00fcchtlingen, durch Deutschland toure. Es klingt hochtrabend, aber ich glaube, die Kirche ist auf mich aufmerksam geworden, weil ich mich mit dem Buch f\u00fcr ein menschlicheres Miteinander ausspreche.<br \/>\n<em>Was m\u00fcssen Sie als Schirmherr tun, au\u00dfer ihren Namen hergeben?<\/em><br \/>\nKrumbiegel: Ich werbe f\u00fcr die Idee, ich mache die Leute darauf aufmerksam, dass die Friedensdekade stattfindet. Mit Auftritten ist das nicht verbunden.<br \/>\n<em>Was hat Sie bewogen, ja zu sagen?<\/em><br \/>\nKrumbiegel: Dass es um menschliches Miteinander geht, darum, dass wir aufeinander zugehen sollten. Wir verlassen uns zu sehr auf den Staat oder denken: \u201eIrgendjemand sollte irgendetwas f\u00fcr mich tun.\u201c Stattdessen sollte jeder die Dinge selbst in die Hand nehmen und sich darum k\u00fcmmern, dass die Welt um ihn herum besser wird. Das ist ja auch ein Anliegen der Lesetour. Es macht Spa\u00df, weil wir merken, dass wir die Leute erreichen. Sie h\u00f6ren zu und sie werden ber\u00fchrt von dem, was wir vorlesen.<br \/>\n<em>Sie touren nur durch ostdeutsche St\u00e4dte?<\/em><br \/>\nKrumbiegel: Wir wollten dahin, wo es die Leute angeht. In ein multikulturelles Zentrum nach Berlin-Kreuzberg zu gehen, hie\u00dfe Eulen nach Athen tragen. Wichtiger sind Gegenden, wo Rechtsradikalismus ein Thema ist, wo \u00dcbergriffe stattfinden. Das ist statistisch im Osten h\u00e4ufiger. Dennoch werden wir das \u00e4ndern: Ab April sind wir auch in Westdeutschland \u2013 sogar in Bayern \u2013 unterwegs, denn es geht auch darum, die Toleranz in die Welt hinauszutragen \u2013 allerdings, ohne den Heilsbringer zu spielen. Es ist problematisch, sich vor die Leute zu stellen und zu sagen: \u201eIch wei\u00df was!\u201c Wir versuchen, die Texte und die Musik f\u00fcr sich wirken zu lassen.<br \/>\n<em>Haben die ostdeutschen Bundesl\u00e4nder gr\u00f6\u00dferen Nachholbedarf in Sachen Ausl\u00e4ndertoleranz?<\/em><br \/>\nKrumbiegel: Ich glaube ja. Wir sind 40 Jahre lang anders sozialisiert und anders gro\u00df geworden. Mit Ausl\u00e4ndern waren wir kaum konfrontiert. Die wenigen Ausl\u00e4nder hier blieben unter sich, es gab nicht, wie in Westdeutschland, die typischen Gastarbeiter, die ihre ganze Kultur mitbrachten. Das ist es sicher nicht allein, aber Fakt bleibt: Die \u00dcbergriffe im Osten sind h\u00e4ufiger, es gibt hier mehr Nazis, sie werden sogar in die Landtage gew\u00e4hlt \u2013 das muss schon mit unserer DDR-Vergangenheit zu tun haben.<br \/>\n<em>Was erhoffen sie sich von der Lesereise?<\/em><br \/>\nKrumbiegel: Ich hoffe, dass ich die Leute anknipse, sie f\u00fcr ein Thema sensibilisiere, das kein popul\u00e4res ist. Die Leute rufen ja nicht \u201eJuhu, jetzt kommt einer und erz\u00e4hlt uns was \u00fcber Ausl\u00e4nder in Deutschland.\u201c Ich hoffe, dass ich vor allem die erreiche, die noch gar keine gefestigte Meinung haben. Selbst bei Nazis ist nicht Hopfen und Malz verloren, es gibt viele, die man einfach nur zur Besinnung bringen sollte.<br \/>\n<em>Kommen nicht ohnehin nur die, die schon ihrer Meinung sind?<\/em><br \/>\nKrumbiegel: Das ist ein Problem, mit dem wir umgehen m\u00fcssen. Ein Beispiel: Bei einer Lesung in einer Dresdner Berufsschule fragte ich, ob alle freiwillig da seien. Da haben einige gemault und gesagt \u201eGezwungen!\u201c, und ich sagte: \u201eOkay, wer gehen will, kann gehen\u201c. Von \u00fcber hundert sind wohl f\u00fcnf aufgestanden und gegangen, die f\u00fchlten sich dann stark. Hinterher habe ich gedacht: \u201eEigentlich bl\u00f6d!\u201c Vielleicht h\u00e4tte ich die noch kriegen k\u00f6nnen. Andererseits will ich niemanden zwingen. Aber ich w\u00fcrde es beim n\u00e4chsten Mal anders machen.<br \/>\n<em>Wie haben Sie die Fl\u00fcchtlinge, deren Geschichten Sie lesen, kennengelernt?<\/em><br \/>\nKrumbiegel: Die \u201eBunten G\u00e4rten\u201c sind ein Leipziger Integrations-Projekt. Bei gemeinsamer Gartenarbeit k\u00f6nnen Migranten hier der Isolation entrinnen. Mit der Einrichtung hatte ich schon mehrfach Kontakt. Irgendwann fragte man mich, ob ich ein Buch herausgeben w\u00fcrde, das die Schicksale der Migranten beschreibt. Zwei Journalistinnen haben die Interviews gef\u00fchrt, und gemeinsam haben wir neun Geschichten ausgew\u00e4hlt. Mit der Tour will ich den Menschen dahinter ein Forum verschaffen.<br \/>\n<em>Ein Kritiker schrieb, man sp\u00fcre, dass das Buch betroffen machen soll.<\/em><br \/>\nKrumbiegel: Ich sehe darin nichts Schlechtes. Nat\u00fcrlich ist es immer ein Balanceakt und schwer, als Betroffenheits-Gutmensch durch die Gegend zu eiern. Oft ist es aber der einzige Weg, die Menschen zu erreichen. Man kann sich zu Recht auch \u00fcber Betroffenheitsgalas im Fernsehen aufregen \u2013 aber am Ende bleiben dennoch Millionen f\u00fcr Bed\u00fcrftige h\u00e4ngen.<br \/>\n<em>Haben Sie nach einem Lese-Abend wieder Lust auf Prinzenkonzerte?<\/em><br \/>\nKrumbiegel: Die Prinzen sind meine Lieblingsband, darauf habe ich immer Lust. Wir kaspern ja als Prinzen auch nicht nur herum, da kommen auch ernste T\u00f6ne. In beiden F\u00e4lle schl\u00fcpfe ich nicht in eine Rolle. Weder sage ich mir vor der Lesung \u201eJetzt gehe ich als Literat raus!\u201c, noch setze ich mir als Prinz die Narrenkappe auf. Ich bin jetzt 40 Jahre alt und wei\u00df schon, dass das zwei verschiedene Dinge sind. Aber es sind Seiten, die beide zu mir geh\u00f6ren.<br \/>\n<em>Sie sind im Juni 2003 in Leipzig von zwei Jugendlichen zusammengeschlagen und schwer verletzt worden. Hat diese Erfahrung ihr Engagement verst\u00e4rkt?<\/em><br \/>\nKrumbiegel: Ich denke nicht. Wir waren auch vorher aktiv, richten zum Beispiel seit zehn Jahren das \u201eCourage zeigen\u201c- Festival in Leipzig aus. Die wichtigste Lektion ist, dass mir jemand geholfen hat, dass einer mutig war. Er spielte nicht den Helden, er hat einfach nur L\u00e4rm gemacht und die T\u00e4ter in die Flucht geschlagen. Es geht bei Zivilcourage nicht darum, mit einer Kung-Fu-Nummer dazwischenzuspringen. Es geht darum, dass man sich einmischt und Alarm schl\u00e4gt.<\/p>\n<p><em>Erschienen am 01.02.2007 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sebastian Krumbiegel \u00fcber die Probleme als \u201eBetroffenheits-Gutmensch\u201c Sebastian Krumbiegel, S\u00e4nger der \u201ePrinzen\u201c, wird Schirmherr der \u00f6kumenischen Friedensdekade 2007, die unter dem Motto \u201eandere achten\u201c steht. Krumbiegel tourt derzeit mit dem von ihm herausgegebenen Buch \u201eHoffnung s\u00e4en\u201c durch Deutschland. Gemeinsam mit Kristof Hahn liest er auf dieser \u201emusikalischen Lesereise\u201c aus Lebensgeschichten von Fl\u00fcchtlingen. 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