{"id":642,"date":"2008-10-25T00:00:20","date_gmt":"2008-10-24T22:00:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jan-bosschaart.de\/wp\/?p=642"},"modified":"2008-10-22T14:36:22","modified_gmt":"2008-10-22T12:36:22","slug":"frische-romantik-fur-hafnarfjord","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/?p=642","title":{"rendered":"Frische Romantik f\u00fcr Hafnarfjord"},"content":{"rendered":"<p><em>Jede Taste, selbst die kleinste Luftklappe f\u00fcr das gr\u00f6\u00dfte aller Instrumente werden in der Sieversdorfer Werkstatt per Hand gefertigt: Orgelbauer Christian Scheffler ist weltweit gefragt.<\/em><\/p>\n<p>Im Grunde ist Christian Scheffler p\u00e4pstlicher als der Papst. Denn Wilhelm Sauer, der geniale Orgelbauer, dessen Lebenswerk Scheffler und seine 16 Mitarbeiter noch heute ern\u00e4hrt, w\u00fcrde wohl l\u00e4ngst mit modernen computergesteuerten Fr\u00e4sen die Teile seiner Orgeln fertigen lassen. Doch das ist etwas, vor dem Scheffler zur\u00fcckschreckt. Er sch\u00fcttelt sich schon demonstrativ, wenn er es nur erw\u00e4hnt. Und er tut gut daran: Christian Schefflers Orgelbaubetrieb im beschaulichen Sieversdorf (M\u00e4rkisch-Oderland) ist weltweit gefragt, wenn es um die Restaurierung ber\u00fchmter romantischer Orgeln geht \u2013 vorrangig solcher aus Sauerscher Produktion, aber nicht nur. Einer von vielen Gr\u00fcnden daf\u00fcr d\u00fcrfte sein, dass in Schefflers Werkstatt noch alles von Hand gefertigt wird: jede Taste, jedes Register, jede kleinste Luftklappe f\u00fcr das gr\u00f6\u00dfte aller Instrumente.<\/p>\n<p>Die Qualit\u00e4t aus der Mark hat sich mittlerweile herumgesprochen in den Zirkeln der Kirchenmusik: Mit den Orgeln im Bremer Dom, im Dom zu Tallinn (Estland), in der Leipziger Thomaskirche, der Pfarrkirche im rum\u00e4nischen Sibiu (Hermannstadt) sowie im norwegischen Trondheim hat Christian Scheffler nahezu alle gro\u00dfen Sauerorgeln Europas restauriert. Lediglich die allergr\u00f6\u00dfte im Berliner Dom fehlt in der Sammlung des umtriebigen Sieversdorfer Orgelbauers. Die Herausforderungen gehen Scheffler deshalb aber nicht aus. Die j\u00fcngste ist der komplette Neubau einer 1400 Pfeifen umfassenden Sauerorgel. Eine Stilkopie, nach Sauers Pl\u00e4nen, Sauers Prinzipien und Sauers Materialvorgaben; eine Orgel f\u00fcr Hafnarfjord. Hafnar-fjord in Island, 20 Kilometer vor den Toren Reykjaviks.<br \/>\nDie Anfrage erreichte Sieversdorf auf verschlungenen Pfaden. Der Leipziger Orgel-Professor Stefan Engels erhielt einen Anruf von einem ehemaligen Sch\u00fcler, der in den USA bei ihm studiert hatte. Der Sch\u00fcler war mittlerweile wieder in seine isl\u00e4ndische Heimat zur\u00fcckgegangen und hatte als frisch eingestellter Kantor nun den Auftrag f\u00fcr eine romantische Orgel im historischen Stil zu vergeben. Stefan Engels verwies ihn nach Sieversdorf, denn viele \u201eseiner\u201c Leipziger Orgeln k\u00fcnden mit jedem Ton vom Geschick Christian Schefflers, der im Sauerschen Betrieb das Handwerk lernte.<br \/>\nScheffler, der schon einiges von der Welt gesehen hat, musste nach dem Anruf des jungen Isl\u00e4nders erstmal den Atlas aus dem Regal fischen. Als er ihn wieder zuklappte, wusste er, dass Hafnarfjord an der Westk\u00fcste der Insel direkt am Atlantik liegt, 25000 Einwohner hat und offenbar nicht zu den \u00e4rmsten Gemeinden geh\u00f6rt. Solch einen Neubau zu finanzieren, sagt er, davon k\u00f6nnten die meisten Brandenburger Gemeinden nur tr\u00e4umen. Zumal sich die isl\u00e4ndische Kirchgemeinde zeitgleich bei einer Leipziger Firma auch noch eine gro\u00dfe Barockorgel bauen l\u00e4sst.<br \/>\nDass es herzliche, \u00fcberaus musikbegeisterte und mit Vorfreude auf das Instrument geradezu \u00fcbervolle Menschen sind, lernte Christian Scheffler im April dieses Jahres vor Ort in Island. F\u00fcr ein solides Angebot, dass die Gr\u00f6\u00dfe der Kirche, deren klangliche Eigenheiten ebenso einbezieht wie die W\u00fcnsche des Organisten ist ein Vor-Ort-Termin unerl\u00e4sslich, sagt er. Schnell war man sich handelseinig, und schon auf dem R\u00fcckflug erteilte Christian Scheffler erste Bauanweisungen an seine Mitarbeiter. Der Zeitplan n\u00e4mlich ist eng: Sp\u00e4testens zum zweiten Advent soll die Orgel das erste Mal erklingen.<br \/>\nSo wurde den Sommer \u00fcber emsig gewerkelt in Sieversdorf: Statt baden zu gehen und Luftmatratzen aufzublasen galt es, Holzpfeifen zu schreinern, Klaviaturen zusammenzusetzen, Metallpfeifen zu intonieren und Luftklappen zu leimen. Dann verluden die Orgelbauer alle Teile in gro\u00dfe Kisten, die wiederum in einen Container gehievt wurden und auf dem Atlantik ihrem Bestimmungsort entgegenschwammen. Ende September legte das Schiff dort an. Christian Scheffler und drei Mitarbeiter nahmen die Fracht in Empfang und begannen, alles zu einem Ganzen zusammenzusetzen \u2013 zum ersten Mal. F\u00fcr den kompletten Aufbau in der Orgelwerkstatt fehlten der Platz und die Zeit. \u201eF\u00fcr \u00dcberraschung ist also noch genug Raum\u201c, sagt Scheffler trocken. Erfahrung und Vertrauen in die Qualit\u00e4t seiner Arbeit machen ihn zuversichtlich genug f\u00fcr solche Scherze, bei denen seine Mitarbeiter gern etwas zusammenzucken.<\/p>\n<p>Was unterscheidet eine romantische Orgel von den meist barocken, die jedem sofort in den Sinn kommen? Der M\u00e4rker, sagt Scheffler, kennt ja vorrangig jene mit romantischem Anteil: Zwei Drittel aller Instrumente in Brandenburg sind n\u00e4mlich nach 1870 entstanden oder umgebaut worden und haben die damals \u00fcbliche romantische Pr\u00e4gung in die Pfeifen gelegt bekommen.<br \/>\nIn fast jeder Epoche bildet die Orgel \u2013 von der Spielweise ein Tasteninstrument, von der Klangerzeugung ein Blasinstrument \u2013 das zu ihrer Zeit typische Instrumentarium nach: Im Barock waren es Fl\u00f6ten, Gamben und Principale, und so hei\u00dfen dann auch die Pfeifen der Barockorgel; in der Renaissance entlockte der Organist seinem Instrument Schalmeien-, Dudelsack- und Trompetenkl\u00e4nge. In der Romantik waren vor allem Kl\u00e4nge gefragt, die dem \u00e4hneln, was Menschen singen k\u00f6nnen.<br \/>\nSo hat jede Orgel auch die Musikentwicklung ihrer Epoche gepr\u00e4gt: Die franz\u00f6sische Romantik, aber auch Max Reger und Franz Liszt w\u00e4ren ohne romantische Orgeln nicht denkbar, sagt Scheffler. Zwar klinge auch Bach darauf wundervoll, doch warne er vor dem Umkehrschluss: Der Versuch, Liszt auf einer Barockorgel zu spielen, sei meist zum Scheitern verurteilt.<br \/>\nUnd: Romantische Orgeln haben ihre T\u00fccken. Selbst auf guten gibt es unter den tausenden von m\u00f6glichen Kl\u00e4ngen f\u00fcnf oder sechs, die der Spieler vermeiden sollte. \u201eIch kenne allerdings hoch gelobte Organisten, die finden auf so einer Orgel mitten im Konzert zw\u00f6lf neue, unm\u00f6gliche T\u00f6ne\u201c, erz\u00e4hlt Christian Scheffler und wirft die Stirn in Falten, als fahre ihm gerade ein solcher Ton ins Ohr. \u201eDas ist dann nicht eben erhebend\u201c, st\u00f6hnt er, als litte er Schmerzen.<br \/>\nTrotz aller Routine und obwohl Scheffler vom Umfang schon weitaus gr\u00f6\u00dfere Auftr\u00e4ge bew\u00e4ltigte, hat ihn diesmal ein besonderes Fieber gepackt: \u201eEin reiner Neubau, also alles aus einem Guss zu erschaffen, das hat schon ein spezielles Flair.\u201c Historische Orgeln sind gereift, in W\u00fcrde gealtert \u2013 \u201epatiniert\u201c nennt Scheffler das \u2013, sie haben sich abgeschliffen. Den Obert\u00f6nen fehlt das unangenehm Metallische, das gealterte Holz l\u00e4sst die tiefen Register w\u00e4rmer klingen und auch das Raumklima und die Spielweise des Organisten haben sich ins Instrument gegraben. Die Herausforderung f\u00fcr den Orgelbauer als Restaurator besteht dann darin, daf\u00fcr zu sorgen, dass ausgetauschte Register, Laden und Pfeifen nicht klingen wie ein Saxofon im Barockorchester: schreiend deplatziert.<br \/>\nEin komplett neues Instrument erfordert solche Anpassungen nicht: Scheffler kann sich ganz auf den bestm\u00f6glichen Klang konzentrieren. Zu erleben, wie das Orgel-Neugeborene im Laufe seines Lebens einen Charakter entwickelt, kann eine un\u00fcbertreffliche Freude sein, sagt er.<br \/>\nVielleicht sind es jene Freuden, die Scheffler davon abhalten, moderne Orgeln zu bauen. Die k\u00f6nnen, das r\u00e4umt er ein, vieles, was auf Sauer-Orgeln noch undenkbar ist, doch er baut lieber mit der Technologie und im selben Stil wie vor 100 Jahren und dem Anspruch, den damaligen Zeitgeschmack zu treffen. Mag sein, dass der alte Sauer mit dem Kopf sch\u00fcttelte, wenn er das s\u00e4he: Der Meister blieb f\u00fcr Neues offen, r\u00fcstete noch in reifen Jahren von mechanischen Kegelladen zu pneumatischer Steuerung um und fertigte als echtes Kind der Industrialisierung Orgeln in Serie. Christian Scheffler w\u00fcrde ihm entgegnen, die technische Konstruktion seiner \u2013 Sauers \u2013 Orgeln, deren Steuerung, diese Klangidee zwischen Orgelklang und Hochromantik, das alles sei so modern und in sich so genial \u2013 \u201eder Rolls-Royce unter den Orgeln dieser Zeit\u201c \u2013 dass er keinen Grund erkennen k\u00f6nne, auch nur den kleinsten Filz zu \u00e4ndern. Da ist er, wie gesagt, p\u00e4pstlicher als der Papst.<\/p>\n<p><em>Erschienen am 25.10.2008<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jede Taste, selbst die kleinste Luftklappe f\u00fcr das gr\u00f6\u00dfte aller Instrumente werden in der Sieversdorfer Werkstatt per Hand gefertigt: Orgelbauer Christian Scheffler ist weltweit gefragt. Im Grunde ist Christian Scheffler p\u00e4pstlicher als der Papst. 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