{"id":676,"date":"2008-11-21T00:02:19","date_gmt":"2008-11-20T22:02:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jan-bosschaart.de\/wp\/?p=676"},"modified":"2014-04-03T16:53:49","modified_gmt":"2014-04-03T15:53:49","slug":"rangelei-wegen-eines-gedenksteins","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/?p=676","title":{"rendered":"Rangelei wegen eines Gedenksteins"},"content":{"rendered":"<p><strong>Eklat: Zossener Ladeninhaber verlor die Kontrolle, weil vor seinem Gesch\u00e4ft ermordeter Juden gedacht wird<\/strong><\/p>\n<p><em>Was als Zeremonie zur Erinnerung an j\u00fcdisches Leben in Zossen geplant war, wurde von einem br\u00fcllenden, pr\u00fcgelnden Internet-Caf\u00e9-Betreiber \u00fcberschattet.<\/em><\/p>\n<p>ZOSSEN| Es begann ganz harmlos: 15 Leute hatten sich gegen Mittag vor dem Rathaus versammelt, um unter der Leitung von Kurt Liebau Orte j\u00fcdischen Lebens in Zossen aufzusuchen. Es regnete, es st\u00fcrmte, es war kalt, aber es war eben auch \u201eein wichtiger Tag f\u00fcr Zossen\u201c, wie Liebau betonte. Ehrenamtlich verfolgt der studierte Indienwissenschaftler seit Jahren die Spuren j\u00fcdischer Bewohner der Stadt und ihrer Ortsteile. F\u00fcr den Nachmittag war die Verlegung der ersten sechs Stolpersteine geplant. Unter diesem Namen setzt der K\u00f6lner K\u00fcnstler Gunter Demnig seit 15 Jahren an den ehemaligen Wohnst\u00e4tten von Juden, die von den Nationalsozialisten vertrieben, ermordet oder in den Tod getrieben wurden, Steine ins Pflaster. Sie sind zehn mal zehn Zentimeter gro\u00df und tragen auf einer Messingplatte Namen und Lebensdaten der Opfer. Rund 17000 Steine in mehr als 350 St\u00e4dten und Gemeinden hat Demnig bisher verlegt.<br \/>\nDie ersten vier dieser Steine zum \u201edar\u00fcber Stolpern\u201c kamen gestern vor dem Buchladen auf dem Marktplatz, Hausnummer 16, in die Erde. Dort lebte seit 1924 die vierk\u00f6pfige Familie Falk in der oberen Etage. Sie wurde in Auschwitz ausgel\u00f6scht. Zwei weitere Steine sollten danach vor dem Haus Berliner Stra\u00dfe 11 eingelassen werden, wo Martha und Lesser Weinberg ein Textilgesch\u00e4ft unterhielten. Sie wurden nach Theresienstadt deportiert. Doch schon auf dem Marktplatz machte das Ger\u00fccht die Runde, der dortige Ladenbesitzer wolle die Steine verhindern. Einer kurzen Beratung von Organisatoren, Stadtverwaltung und Polizei zufolge musste man sich keine Sorgen machen: Der Weg befindet sich im \u00f6ffentlichen Stra\u00dfenraum, und die Steinlegung ist durch Beschluss der Stadtverordnetenversammlung eindeutig legitimiert.<br \/>\nDie inzwischen auf rund 20 Personen gewachsene Gruppe wanderte also guten Mutes in die Berliner Stra\u00dfe, aber dort eskalierte es: Aus dem Internetcaf\u00e9 <a href=\"mailto:\u201eMedienkombin@t\">\u201eMedienkombin@t<\/a>\u201c st\u00fcrmte ein Mann, der sich als \u201eEigent\u00fcmer Herr Link\u201c vorstellte und das Setzen des Steines verbot. Auf die freundliche Mitteilung hin, dass er das nicht k\u00f6nne, weil es sich um st\u00e4dtischen Raum handle, rief er die Polizei \u2013 die war ohnehin schon im Anmarsch. Als dann die Spaten angesetzt wurden, st\u00fcrmte der Ladeninhaber br\u00fcllend heraus, stie\u00df wahllos umstehende Zuschauer um und verwickelte einen Mitarbeiter der Stadt in eine Rangelei. Der blutete am Ende. Die Polizei versuchte sich in Deeskalation und riet dem Ladenbesitzer, gegen den Beschluss der Stadt vorm Amtsgericht zu klagen. Die Chancen auf Erfolg d\u00fcrften verschwindend gering sein. Indes wurden die Steine ins Pflaster gelassen. Seine Drohung, sie \u201ewieder rauszurei\u00dfen\u201c, sollte der Gesch\u00e4ftsmann besser nicht wahr machen: Ihm drohen ohnehin schon Anzeigen wegen versuchter K\u00f6rperverletzung. Gegen\u00fcber der MAZ und der \u201egesamten Schei\u00dfpresse\u201c wollte er sich zu den Gr\u00fcnden f\u00fcr seinen Unmut nicht \u00e4u\u00dfern. Lediglich, dass die Steine \u201egesch\u00e4ftssch\u00e4digend\u201c seien, br\u00fcllte er mehrfach mit hochrotem Kopf.<\/p>\n<p><em>Erschienen am 21.11.2008<\/em><\/p>\n<p>Mehr zum Thema (chronologisch):<\/p>\n<ul>\n<li><a href=\"http:\/\/www.jan-bosschaart.de\/wp\/?p=676\">Rangelei wegen eines Gedenksteins<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.jan-bosschaart.de\/wp\/?p=684\">Ein Neonazi wird weinerlich<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.jan-bosschaart.de\/wp\/?p=686\">Kommentar: Fehlender Aufschrei<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.jan-bosschaart.de\/wp\/?p=694\">Glosse: Die Pizza-Alternative<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.jan-bosschaart.de\/wp\/?p=696\">Ein Neonazi enttarnt sich<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.jan-bosschaart.de\/wp\/?p=708\">Entsetzen in Chor und Kirche<\/a><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eklat: Zossener Ladeninhaber verlor die Kontrolle, weil vor seinem Gesch\u00e4ft ermordeter Juden gedacht wird Was als Zeremonie zur Erinnerung an j\u00fcdisches Leben in Zossen geplant war, wurde von einem br\u00fcllenden, pr\u00fcgelnden Internet-Caf\u00e9-Betreiber \u00fcberschattet. ZOSSEN| Es begann ganz harmlos: 15 Leute hatten sich gegen Mittag vor dem Rathaus versammelt, um unter der Leitung von Kurt Liebau [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":false,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","default_image_id":0,"font":"","enabled":false},"version":2},"jetpack_post_was_ever_published":false},"categories":[20,15,3,33,29,31,27,13],"tags":[],"class_list":["post-676","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bericht","category-feature","category-maz","category-stilform","category-toho","category-publishedin","category-rating","category-zr"],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p2HHro-aU","jetpack_likes_enabled":false,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/676","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=676"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/676\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4371,"href":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/676\/revisions\/4371"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=676"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=676"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=676"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}