{"id":7,"date":"2008-03-07T18:09:52","date_gmt":"2008-03-07T16:09:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jan-bosschaart.de\/wordpress\/?p=7"},"modified":"2008-07-02T02:03:03","modified_gmt":"2008-07-02T00:03:03","slug":"lebensmut-aus-dem-arztkoffer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/?p=7","title":{"rendered":"Lebensmut aus dem Arztkoffer"},"content":{"rendered":"<p><strong>Eine Berliner \u00c4rztin betreut seit mehr als 15 Jahren Obdachlose \u2013 oft auf eigene Kosten<\/strong><\/p>\n<p><em>Einige Kollegen nennen sie Nestbeschmutzerin, doch Barbara Weichler-Wolfgramm l\u00e4sst sich davon auch nach der Pensionierung nicht bremsen.<\/em><\/p>\n<p>BERLIN Wenn es gar nicht mehr geht, f\u00e4ngt Barbara Weichler-Wolfgramm an zu schreiben. \u00dcber die F\u00e4lle, die sie zu sehr mitnehmen, wie den Punk, der einen Schlaganfall erlitt. Mit 21 Jahren \u2013 wegen Drogen und wegen Alkohols. Die \u00c4rztin brachte ihn in eine Therapie, und als er nach einiger Zeit wieder gehen und sprechen konnte, war er im Nu wieder auf der Stra\u00dfe, trank wieder, nahm wieder Drogen. \u201eDas war sein Leben, und die anderen dort waren seine Familie\u201c, sagt sie resigniert. Gut 20 Geschichten sind zusammengekommen, in ihrem \u201eTotenbuch\u201c. Irgendwann will sie ein richtiges Buch daraus machen, es ver\u00f6ffentlichen, aber das wird noch Jahre dauern. Bisher f\u00fchlt sich Barbara Weichler-Wolfgramm nicht einmal in der Lage, die Geschichten auch nur erneut zu lesen.<br \/>\nUnl\u00e4ngst hat sie das Bundesverdienstkreuz bekommen \u2013 weil sie sich seit gut 15 Jahren ehrenamtlich um Obdachlose, Punks und Stra\u00dfenkinder in Berlin k\u00fcmmert, sie untersucht und versorgt.<br \/>\nEs begann 1992: Barbara Weichler-Wolfgramm hatte die Vertretungsarbeit satt, und in einer Praxisbeteiligung am Kurf\u00fcrstendamm f\u00fchlte sie sich nicht gebraucht. Sie wollte die gesellschaftliche Ver\u00e4nderung im Osten hautnah miterleben, also lie\u00df sie sich im Friedrichshain nieder. Viele Patienten kamen aus der Hausbesetzerszene, die meisten stammten aus Osteuropa und waren illegal in Deutschland. Schnell sprach sich herum, dass da eine \u00c4rztin ist, die kostenlos behandelt und niemanden meldet. Wegen dieses Rufs fragte die Caritas, ob sie im Arztbus Obdachlose versorgen wolle. Sie wollte \u2013 zweimal pro Woche fuhr Weichler-Wolfgramm mit. Und weil auch das noch nicht gen\u00fcgte, ging sie mit ihrem Arztkoffer zu den Punks \u2013 auf den Alexanderplatz oder wo immer sie gerade gebraucht wurde. In der Berliner Stadtmission baute die \u00c4rztin seit 1996 auch noch die Krankenstation auf. \u201eDas waren harte Jahre\u201c, sagt sie heute, \u201eaber auch sehr sch\u00f6ne\u201c.<br \/>\nMittlerweile ist Weichler-Wolfgramm in Rente. Zumindest formal, denn viele Patienten verarztet sie immer noch, auch in der Krankenstation ist sie mindestens zweimal pro Woche, obwohl sie daf\u00fcr von ihrem neuen Wohnort Halle anreisen muss. Frei von \u00e4u\u00dferen Zw\u00e4ngen Medizin machen zu k\u00f6nnen, ohne das \u201eDamoklesschwert des Punktsystems und der Abrechnungen\u201c \u00fcber sich zu sp\u00fcren, sei ein riesiger Luxus, betont sie.<br \/>\nDie Probleme ihrer Klientel sind stets die gleichen: Verdauungs- und Stoffwechselst\u00f6rungen durch Alkohol und Drogensucht, Lungenkrankheiten und Bronchitis von der K\u00e4lte im Winter, Hautkrankheiten wie Kr\u00e4tze sowie L\u00e4use und Fl\u00f6he wegen mangelnder Hygiene. Und es ist eine st\u00f6rrische, eigenwillige Kundschaft, die nicht selten Probleme mit Autorit\u00e4t hat. F\u00fcr Weichler-Wolfgramm ist das kein Problem. Sie l\u00e4sst sich von allen duzen, wird aber auch mal laut, wenn n\u00f6tig. Das kommt nicht immer gut an, wovon einige derbe Verw\u00fcnschungen auf ihrer T\u00fcr in der Krankenstation zeugen, doch ihre Patienten vertrauen ihr und sch\u00e4tzen die Begegnung auf Augenh\u00f6he. Viele kommen wieder.<br \/>\nVielleicht weil sie sp\u00fcren, dass auch die \u00c4rztin keine Freundin von Autorit\u00e4ten ist \u2013 ganz besonders, wenn Autorit\u00e4ten ihrem Engagement Steine in den Weg legen. Als die Caritas die Haltestellen des Obdachlosenbusses zu sehr einschr\u00e4nkte, nahm Weichler-Wolfgramm ihren Hut. Dass einige Bezirks\u00e4mter sich noch immer weigern, die Kosten f\u00fcr Behandlungen von Obdachlosen zu \u00fcbernehmen, macht sie w\u00fctend. Punks hingegen bewundert sie f\u00fcr ihre Freiheit und sch\u00e4tzt deren klare Kommunikation: \u201eWenn die mies drauf sind, lassen sie es dich sp\u00fcren.\u201c Gegen\u00fcber den Alternativen \u2013 \u201edem Gef\u00e4ngnis Hartz IV und dem Gef\u00e4ngnis der Vereinsamung\u201c \u2013 empfindet Weichler-Wolfgramm Punks und Obdachlose geradezu als frei. Doch sie neigt nicht zur sozialromantischen Verkl\u00e4rung: \u201eObdachlosigkeit in Deutschland und speziell in Berlin ist eine selbstgew\u00e4hlte H\u00e4rte. Es gibt Angebote en masse, die Versorgung ist sehr gut.\u201c<br \/>\n1946 geboren, w\u00e4chst Barbara Weichler-Wolfgramm in Hamburg auf, sp\u00e4ter in Berlin. Nach dem Abitur auf dem zweiten Bildungsweg studiert sie zun\u00e4chst \u201eaus Verlegenheit\u201c Soziologie, weil der Numerus Clausus f\u00fcr Medizin sie in die Warteschleife dr\u00e4ngt. Doch was sie anpackt, bringt sie nach M\u00f6glichkeit auch zu Ende, und so ist Weichler-Wolfgramm Diplom-Soziologin, bevor sie sich f\u00fcr Medizin einschreibt. Die Sichtweise, die durch das Erststudium gepr\u00e4gt wurde, habe ihr sp\u00e4ter sehr geholfen, sagt sie, auch wenn sich die Arbeit mit Obdachlosen, in die sie nach eigenem Bekunden \u201eso reinschlitterte\u201c, da noch l\u00e4ngst nicht abzeichnete.<br \/>\n85 Euro kostet ein Tag in der Krankenstation der Stadtmission, und das sind nur die Kosten der Unterbringung. Die medizinische Versorgung finanziert Barbara Weichler-Wolfgramm aus eigener Tasche. Wenn es gelingt, die Patienten zu versichern, kann sie sich das Geld von der Krankenkasse zur\u00fcckholen. Was auf diese Weise hereinkommt, decke lediglich ihre Kosten, sagt sie. Viel bedrohlicher aber erscheint ihr die \u201e\u00fcberbordende B\u00fcrokratie im Gesundheitswesen und die Gefahr, dass der Patient an letzter Stelle landet\u201c.<br \/>\nAm Schlimmsten sei es, wenn ein Patient noch medizinischer Hilfe bedarf, aber auf die Stra\u00dfe gesetzt wird, weil die Kosten nicht gekl\u00e4rt sind. Das gebe es auch in der Stadtmission. Dann w\u00fcrde Weichler-Wolfgramm sich am liebsten wieder ihren Arztkoffer schnappen und auf die Stra\u00dfe rausgehen.<br \/>\nGegen dieses Denken n\u00fctzt auch ihr Bundesverdienstkreuz wenig. Sie hat lange \u00fcberlegt, es anzunehmen. Dass es ihr von der Berliner Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner von der Linkspartei \u00fcberreicht werden sollte, hat sie schlie\u00dflich \u00fcberzeugt \u2013 und der Umstand, dass sie damit jene \u00c4rztekollegen \u00e4rgern konnte, die eine kostenlose Behandlung von Obdachlosen als Nestbeschmutzung bezeichnen.<br \/>\nWenn unter ihrer Behandlung jemand neuen Lebensmut sch\u00f6pft, wenn er mehr auf sich achtet, ist das Weichler-Wolfgramms gr\u00f6\u00dfter Erfolg. Der Regelfall ist das nicht. \u201eWenn jemandem v\u00f6llig egal ist, was er seinem K\u00f6rper antut, steckt dahinter immer eine tiefe Depression\u201c, sagt Barbara Weichler-Wolfgramm \u00fcber die seelischen H\u00e4rten ihrer Arbeit. Diese Depression macht mitunter auch vor ihr selbst nicht halt. \u201eManchmal ist es bitter, nicht helfen zu k\u00f6nnen.\u201c Gegen diese Bitterkeit rennt sie mit ihrem Arztkoffer an \u2013 jeden Tag aufs Neue.<\/p>\n<p><em>Erschienen am 07.03.2008<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Berliner \u00c4rztin betreut seit mehr als 15 Jahren Obdachlose \u2013 oft auf eigene Kosten Einige Kollegen nennen sie Nestbeschmutzerin, doch Barbara Weichler-Wolfgramm l\u00e4sst sich davon auch nach der Pensionierung nicht bremsen. BERLIN Wenn es gar nicht mehr geht, f\u00e4ngt Barbara Weichler-Wolfgramm an zu schreiben. \u00dcber die F\u00e4lle, die sie zu sehr mitnehmen, wie den [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"jetpack_post_was_ever_published":false,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":false,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","default_image_id":0,"font":"","enabled":false},"version":2}},"categories":[15,3,21,33,29,31,27,9],"tags":[],"class_list":["post-7","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-feature","category-maz","category-portrait","category-stilform","category-toho","category-publishedin","category-rating","category-ur"],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p2HHro-7","jetpack_likes_enabled":false,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}