{"id":72,"date":"2007-04-07T19:42:12","date_gmt":"2007-04-07T17:42:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jan-bosschaart.de\/wordpress\/?p=72"},"modified":"2008-07-02T02:31:19","modified_gmt":"2008-07-02T00:31:19","slug":"anderthalb-millionen-eier-pro-tag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/?p=72","title":{"rendered":"Anderthalb Millionen Eier pro Tag"},"content":{"rendered":"<p><strong>Hennen unter Dampf: Ostern bedeutet f\u00fcr Ostdeutschlands gr\u00f6\u00dften Eierproduzenten Arbeit rund um die Uhr<\/strong><\/p>\n<p>BESTENSEE Die Osterzeit ist purer Stress in der Eierproduktion. F\u00fcr den Menschen. Die klassische Legehenne bleibt in der Karwoche hingegen ganz entspannt \u2013 aus gutem Grund. Sie kann sich mit biologischen Gegebenheiten herausreden. Mehr als ein Ei in 24 Stunden ist bauartbedingt nicht drin. Nachdem sie ihr Tagwerk vertragsgem\u00e4\u00df ins Nest gelegt hat, gibt sich die Henne entspannt den kleinen Freuden des Alltags hin: Scharren, picken, gackern \u2013 und vielleicht mal einen sehns\u00fcchtig-verstohlenen Blick auf einen der wenigen H\u00e4hne, die es hier gibt, werfen. Der Rest ist l\u00e4ndliche Idylle in der Fr\u00fchlingssonne.<\/p>\n<p>Von diesem geruhsamen Leben k\u00f6nnen die Landkost-Mitarbeiter dieser Tage nur tr\u00e4umen. Sie schuften im Drei-Schichten-System, um dem Eierbedarf der Verbraucher gerecht zu werden. In der Packabteilung stehen die F\u00f6rderb\u00e4nder bis zum Osterfest nicht mehr still. Etwa 30 bis 40 Prozent mehr Eier liefert Landkost in der kurzen Zeitspanne aus. Ginge es nach den M\u00e4rkten, k\u00f6nnten es noch mehr sein. \u201eEs tut fast k\u00f6rperlich weh, wenn man jahrelangen Kunden sagen muss: Tut uns leid, mehr haben wir nicht\u201c, sagt Marketing-Chefin Marianne Wieland. Doch irgendwann sind selbst bei Landkost, dem gr\u00f6\u00dften Eierproduzenten in den neuen Bundesl\u00e4ndern, die Kapazit\u00e4ten ersch\u00f6pft, alle F\u00f6rderb\u00e4nder ausgelastet, alle 145 Mitarbeiter nebst etwa 50 Saisonkr\u00e4ften im Einsatz. Und selbst die Zulieferer haben auch das letzte Ei noch abgeliefert. Die Hennen, wie gesagt, weigern sich, mehr zu legen.<\/p>\n<p>An den Bedingungen in Bestensee kann es nicht liegen. Der Betrieb hat eine der h\u00f6chsten Quoten an Freiland- und Bodenhaltungstieren. Nur die H\u00e4lfte der etwa eine Million Hennen muss mit einem immerhin relativ gro\u00dfz\u00fcgigen K\u00e4fig vorlieb nehmen, die anderen scharren emsig auf dem Boden, ein Teil von ihnen sogar unter m\u00e4rkischer Sonne. Auch die Bodenhaltungs-Hennen haben dank gro\u00dfer Fensterfront keinen Mangel an nat\u00fcrlichem Licht zu beklagen. Von Produktionsstress ganz zu schweigen.<\/p>\n<p>\u201eWir k\u00f6nnen ja nicht dr\u00e4ngelnd hinter jeder Henne stehen\u201c, sagt Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Heinz Pilz. Es w\u00fcrde auch nichts n\u00fctzen: Ein Huhn, ein Tag, ein Ei, das ist das unumst\u00f6\u00dfliche Gesetz der Eierproduktion. Also kauft Landkost zu, wo es nur geht. Die Vertr\u00e4ge daf\u00fcr werden bereits im Januar ausgehandelt, denn kurz vor Ostern kommen alle Eierh\u00e4ndler mit ihren W\u00fcnschen.<\/p>\n<p>Wider Erwarten ist das Ostergesch\u00e4ft nicht die wichtigste Zeit f\u00fcr Eierproduzenten. Aber die stressigste. \u201eDas Ostergesch\u00e4ft geht nur etwa sieben Tage lang. L\u00e4ngeren Vorlauf m\u00f6gen die Kunden nicht. Und danach ist sofort wieder alles beim Alten\u201c, sagt Heinz Pilz. Wesentlich mehr Umsatz macht Landkost vor Weihnachten, wenn alle f\u00fcrs Pl\u00e4tzchen- und Stollenbacken Eier kaufen. Das zieht sich \u00fcber vier Wochen hin, so dass auch die Mehrbelastung besser verteilt wird.<\/p>\n<p>Nur vor Ostern hingegen verlangen die Kunden die knallbunten Eier. Jahr f\u00fcr Jahr steigen die Verkaufszahlen. Die in allen Regenbogenfarben leuchtenden Eier sind ein Verkaufsschlager. Die Zahl der Familien, die noch selbst f\u00e4rben, geht hingegen zur\u00fcck. \u201eDas Gemansche und die schmutzigen T\u00f6pfe tun sich immer weniger Familien an\u201c, so Pilz, der es zu Hause ebenso h\u00e4lt. Bei Landkost l\u00e4sst man F\u00e4rben, in einem auf die Eierverarbeitung spezialisierten Betrieb. F\u00fcr das Selbstkochen und -f\u00e4rben ist der Produzent in Bestensee nicht ausgestattet, eine Investition in diesen Bereich lohnt aus Sicht der Firma wegen der Saisonabh\u00e4ngigkeit im Moment auch nicht. Die ehemals wei\u00dfe Ware kommt zum Vertrieb wieder zu Landkost zur\u00fcck. 30 bis 40 Prozent der verkauften Eier in den Wochen vor Ostern sind mittlerweile gef\u00e4rbt. Dass das Selbstf\u00e4rben dennoch nicht v\u00f6llig aus der Mode gekommen ist, zeigt die vor\u00f6sterliche Nachfrage nach wei\u00dfen Eiern: Nur in dieser Zeit bekommt Landkost von den M\u00e4rkten 0,4 bis 0,6 Cent mehr pro St\u00fcck f\u00fcr die Hellen, auf denen die Farben besonders leuchten.<\/p>\n<p>Wenn Heinz Pilz trotz des brummenden Gesch\u00e4fts nur zufrieden, aber nicht restlos gl\u00fccklich ist, so liegt das daran, dass die Deutschen zunehmend Ei-muffliger werden. Innerhalb weniger Jahre ist der Pro-Kopf-Verbrauch von 225 auf 205 Eier gefallen und liegt damit deutlich unter dem EU-Durchschnitt von 224. Daran d\u00fcrfte der Trend zum Fertiggericht nicht unschuldig sein. Zwar ist das Kochen wieder in Mode gekommen, aber es wird haupts\u00e4chlich an den Wochenenden zelebriert. Unter der Woche dominieren Fertiggerichte, Fastfood und Kantine den Speiseplan. Auch die Nachrichten \u00fcber Salmonellen und den vermeintlich hohen Cholesterinwert des Naturprodukts Ei hat Pilz im Verdacht, nicht eben umsatzf\u00f6rdernd zu wirken. Schlie\u00dflich steht auch die K\u00e4fighaltung in keinem guten Ruf. Das Ei hat ein Imageproblem.<\/p>\n<p>Meist zu unrecht, glaubt der Landkost-Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer. Zumal sich die Argumente gegenseitig ausschlie\u00dfen: K\u00e4fighaltung mag aus Tierschutzgr\u00fcnden problematisch sein, der hygienische Zustand und die Salmonellen-Gefahr sind bei den Eiern aus dem K\u00e4fig hingegen wesentlich unbedenklicher. Doch es kommt noch dicker: Aus den neuen EU-Mitgliedsl\u00e4ndern im Osten droht Gefahr f\u00fcr den Eiermarkt, weil dort g\u00fcnstiger produziert werden kann. Schlie\u00dflich m\u00fcssen die strengen EU-Richtlinien zur H\u00fchnerhaltung in Polen und Tschechien vielerorts erst in einigen Jahren eingehalten werden. Der Ausweg f\u00fcr Landkost hei\u00dft Alternativhaltung: Freiland- und Bioeier werden verst\u00e4rkt nachgefragt. Weil Landkost gleich nach der Wende gro\u00dfe Freilaufareale und St\u00e4lle f\u00fcr Bodenhaltung eingef\u00fchrt hat, ist das Unternehmen gut aufgestellt. Den boomenden Biomarkt bedienen die Bestenseer durch Zuk\u00e4ufe. F\u00fcr einen gro\u00dfen Betrieb wie Landkost, der t\u00e4glich mehr als eine Million Eier produziert, kommt eine eigene, aufw\u00e4ndige Biohaltung derzeit nicht in Frage. Doch Heinz Pilz ist best\u00e4ndig auf der Suche nach H\u00f6fen, die Mitglied in Bio-Verb\u00e4nden sind und zwischen 15000 und 25000 H\u00fchner halten. Sogar per Anzeige hat er schon nach Partnern gesucht, denn dank der gro\u00dfen Nachfrage kann Landkost im Biobereich derzeit gutes Geld verdienen. Zum Vergleich: Ein Bodenhaltungs-Ei muss fast zum Produktionspreis verkauft werden.<\/p>\n<p>Die Quote an Bio-Eiern betr\u00e4gt in Deutschland derzeit f\u00fcnf Prozent, bei Landkost sind es sogar acht. Vor Ostern schwoll die Nachfrage derart an, dass die Firma nicht mehr alle bedienen konnte. Die Nachfrage steigt t\u00e4glich, ein Zeichen daf\u00fcr, dass auch im Osten Deutschlands ein Sinneswandel stattgefunden hat. Kurz nach der Wende, als sich Landkost auf den neuen Markt einstellte, ging die gesamte Alternativproduktion in den Westen, bis hinunter in die Schweiz. Dem M\u00e4rker war die Herkunft seines Eis damals vollkommen schnurz.<\/p>\n<p><em>Erschienen am 07.04.2007<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hennen unter Dampf: Ostern bedeutet f\u00fcr Ostdeutschlands gr\u00f6\u00dften Eierproduzenten Arbeit rund um die Uhr BESTENSEE Die Osterzeit ist purer Stress in der Eierproduktion. F\u00fcr den Menschen. 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