{"id":838,"date":"2009-02-25T00:00:14","date_gmt":"2009-02-24T23:00:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jan-bosschaart.de\/wp\/?p=838"},"modified":"2009-02-25T17:38:59","modified_gmt":"2009-02-25T16:38:59","slug":"heiskalter-februar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bosschaart.de\/blog\/?p=838","title":{"rendered":"Hei\u00dfkalter Februar"},"content":{"rendered":"<p><strong>Integration: Potsdam ist zerrissen: Der geplante Umzug von Asylbewerbern entzweit die Stadt<\/strong><\/p>\n<p><em>Wie viel Ruhe brauchen Fl\u00fcchtlinge? Wie viel Integration vertr\u00e4gt ein Neubauviertel? Und wo beginnt Rassismus? Ein Drama in bislang f\u00fcnf Eskalationsstufen.<\/em><\/p>\n<p>POTSDAM| Es ist kalt dieser Tage in Potsdam. Besonders hier, wo der eisige Wind ungehindert \u00fcber die Lenn\u00e9sche Feldflur streicht. Die niedrigen Baracken des Asyl\u00fcbergangsheims rauben nur wenig von seiner Wucht. Der Lerchensteig liegt am Nordrand der Landeshauptstadt, mit Bus und Bahn dauert es 45 Minuten bis ins Zentrum. Trotzdem liegen die schneebedeckten Baracken an diesem Vormittag verwaist, nur ein zugeschneites Dreirad k\u00fcndet vom Leben vor der K\u00e4lte.<br \/>\n\u201eEs ist hier nicht kalt\u201c, sagt Alan Chochiev trotzig. \u201eHier nicht. Aber am Schlaatz. Da ist es polarkalt.\u201c Wie zum Beleg reibt der 63-J\u00e4hrige mit seinen gewaltigen H\u00e4nden sich die Schultern warm. Chochiev war Vize-Parlamentssprecher in S\u00fcd-Ossetien \u2013 bis zum Sommer 2008. Dann entz\u00fcndete sich das, was in deutschen Medien \u201eKaukasus-Konflikt\u201c genannt wurde, und das Leben des Historikers, der h\u00e4ufig mit den russischen Beh\u00f6rden in Konflikt geriet, war akut bedroht. Er entschied, Flucht sei das einzige Mittel. Seit Dezember ist er in Potsdam. Was er jetzt braucht, sagt Chochiev in lupenreinem Englisch, ist Ruhe. Ruhe, um sich von Todesangst, Stress und dem schlechten Gewissen zu erholen, das ihn plagt, weil er seine Mutter zur\u00fccklie\u00df.<br \/>\nEs scheint nicht, als w\u00e4re ihm die Ruhe verg\u00f6nnt. Denn in Potsdam ist eine Debatte dar\u00fcber entbrannt, ob die 165 Asylbewerber aus dem fernen Lerchensteig in den zentrumsnahen Schlaatz umziehen sollen. Dass nicht einmal die Betroffenen davon begeistert sind, ihr integrationserschwerendes, weit drau\u00dfen gelegenes Domizil zu r\u00e4umen, ist die vierte von f\u00fcnf Eskalationsstufen in einem Konflikt, der B\u00fcrger, Politik, Wohlfahrtsverb\u00e4nde, Wohnungsgenossenschaften und nicht zuletzt die Medien in Atem h\u00e4lt.<br \/>\nEs geht hei\u00df her dieser Tage in Potsdam. Die erste Eskalationsstufe z\u00fcndete, als ruchbar wurde, die Asylbewerber sollten in ein umgebautes Lehrlingswohnheim im Neubauviertel Schlaatz ziehen. Das klang sinnvoll: Fr\u00fcher als Problemviertel verrufen, mit hohem Ausl\u00e4nderanteil, vielen Arbeitslosen, perspektivloser Jugend, mit Schl\u00e4gereien und rechten Parolen an ungepflegten Plattenbauten, wirkt der Stadtteil heute dank vieler M\u00fchen als Schmelztiegel: Es gibt Integrationsangebote an jeder Ecke, darunter das Projekt \u201eKirche im Kiez\u201c und Theatergruppen; die meisten H\u00e4user sind saniert, die Polizei hat den \u00c4rger im Griff, und obwohl der dortige Integrationsgarten \u2013 eine Art Kleingartenkolonie f\u00fcr Sp\u00e4taussiedler \u2013 regelm\u00e4\u00dfig abbrennt, wird er stets wieder aufgebaut. Jedesmal besser.<br \/>\nDie Begeisterung au\u00dferhalb des Rathauses \u00fcber die Umzugspl\u00e4ne hielt sich dennoch in Grenzen. W\u00e4hrend der neue Tr\u00e4ger, die Diakonie, nicht m\u00fcde wurde, die integrativen Vorz\u00fcge der citynahen Unterbringung zu preisen, \u00e4chzten Anwohner, die Stadt solle die Integrationsaufgaben auf ihr gesamtes Gebiet verteilen, statt dem Schlaatz noch mehr zuzumuten. Das weckte unsch\u00f6ne Erinnerungen: 2002 sollten 180 Asylbewerber in den Stadtteil Bornstedt umziehen, doch Anwohner wussten das zu verhindern \u2013 auch wegen angeblich dadurch sinkender Grundst\u00fcckspreise. Initiativen, die daran erinnerten, dass Integration ein dem Grundst\u00fcckswert \u00fcbergeordneter Wert sei, fanden im aufgebrachten und von latent rechtslastigen Flugbl\u00e4ttern flankierten B\u00fcrgerprotest kein Geh\u00f6r.<br \/>\nEs war eisig letzte Woche in Potsdam. Trotz stehender Luft und erhitzter Gem\u00fcter fror es manchen im B\u00fcrgerhaus am Schlaatz, in das wegen erster Proteste zur B\u00fcrgerversammlung geladen war \u2013 eine weitere Eskalationsstufe. Zwar m\u00fchten sich Diakonie und Stadt redlich, die Vorz\u00fcge des Umzugs zu preisen, doch die aufgebrachte Mehrheit im Saal stimmten sie nicht um. Sie h\u00e4tte sich noch deutlicher artikuliert, h\u00e4tten nicht ein paar linke Gruppen ihre stimmgewaltigsten Mitglieder entsandt, die jeden zu offensichtlich ausl\u00e4nderfeindlichen Protest einfach niederschrien. Die Pr\u00e4senz von drei Kamerateams und zahllosen Journalisten war nur weiterer Zunder f\u00fcr Volkes Zorn, der sich dar\u00fcber emp\u00f6rte, dass der Schlaatz nun endg\u00fcltig kippen werde, dass man genug Ausl\u00e4nder habe, dass es schon erste Schmierereien gegen die Asylanten gegeben habe und dass nun Ruhe, Ordnung und Sicherheit endg\u00fcltig zum Teufel gingen. Rhetorisch elegantere Redner versuchten klarzumachen, die 165 Asylbewerber h\u00e4tten an den engen Wohnungen, die einen der Bewohner jeweils auch noch zur Nutzung eines Durchgangszimmers zwingen, ohnehin keine Freude.<br \/>\nDie umstrittenste Stufe z\u00fcndete die am Schlaatz sehr pr\u00e4sente Wohnungsgenossenschaft PBG. Sie lie\u00df in einer Zeitungsanzeige wissen, dass sie das Heim als \u201emassiven Eingriff in ihre Wirtschaftlichkeit\u201c betrachte, der der Entwicklung des Stadtteils im Wege stehe. Die Reaktion darauf kam prompt: Die Vorsitzende des Potsdamer Ausl\u00e4nderbeirats warf dem Unternehmen Rassismus vor, die Integrationsbeauftrage sprach von einem \u201eStein, der \u00fcber den Zaun flog\u201c. Die PBG schaltete daraufhin erneut Inserate, in denen sie sich gegen \u201epolemische\u201c und \u201ediffamierende\u201c Berichterstattung verwahrte und ank\u00fcndigte, mit niemandem mehr reden zu wollen. Zeitgleich lie\u00df sie ihre Anw\u00e4lte auf die Ausl\u00e4nderbeirats-Chefin los. Damit hat sich das Unternehmen bei politisch engagierten Potsdamern weitgehend unm\u00f6glich gemacht. Nur betroffene Anwohner am Schlaatz applaudieren \u00f6ffentlich. Die allgemeine Entr\u00fcstung dar\u00fcber ist wohlfeil und billig zu haben. Denn wie andere Stadtteile in der gleichen Situation reagieren w\u00fcrden, f\u00fcrchten die meisten Beobachter anhand des Beispiels von 2002 nur zu gut zu wissen.<br \/>\nAuf diesen f\u00fcr ihre Zwecke mit Angst, Verunsicherung und Vorurteilen wohlpr\u00e4parierten Boden wirft nun \u2013 Eskalationsstufe f\u00fcnf \u2013 die NPD seit einigen Tagen Flugbl\u00e4tter. Ein schwarzes Schaf ist darauf zu sehen, das von drei wei\u00dfen Schafen weggetreten wird. \u201eGute Heimreise\u201c steht \u00fcber den \u201ean alle Deutschen\u201c verteilten Bl\u00e4ttchen. Der Staatsschutz ermittelt.<br \/>\nAlan Chochiev verfolgt die Debatte, die seine neue Heimatstadt entzweit, kaum. Er muss seine eigene Balance zur\u00fcckerlangen, bevor er sich in den Trubel der Innenstadt wagt, sagt er. Bis dahin ist ihm die winterliche K\u00e4lte drau\u00dfen im Lerchensteig wesentlich lieber als die bef\u00fcrchtete Ablehnung im Schlaatz. Einen Satz aus dem Bericht \u00fcber die B\u00fcrgerversammlung hat er sich aber gemerkt, obwohl sein deutsch noch schlecht ist: \u201eAlle reden immer \u00fcber die Menschen im Asylheim. Hat schon mal jemand mit ihnen geredet?\u201c Der Hauptausschuss der Stadt trifft auch ohne Besuch im Lerchensteig heute seine Entscheidung.<\/p>\n<p><em>Erschienen am 25.02.2009<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Integration: Potsdam ist zerrissen: Der geplante Umzug von Asylbewerbern entzweit die Stadt Wie viel Ruhe brauchen Fl\u00fcchtlinge? Wie viel Integration vertr\u00e4gt ein Neubauviertel? 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