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22 Meter und 47 Schritte

Samstag, 2. Mai 2009

Besuch: Während Camilla durch Sanssouci geführt wurde, warteten die Fans geduldig auf einen kurzen Blick

POTSDAM | Sie kommt nur bis „Countess“, dann scheitert sie an der Staatsmacht. Die Polizisten nehmen ihre Absperr-Aufgaben sehr ernst und keinerlei Rücksichten auf überzeugte Royalisten. Deshalb muss Karina Ristel (31) ihren Satz, der mit „Aber ich möchte doch nur Camilla sehen, sie ist schließlich…“ beginnt und dann zum 33 Worte umfassenden offiziellen Titel von Camilla Mountbatten-Windsor übergeht, hinter der imaginären Absperrung vollenden, die die Polizisten am Eingang zum Schlosspark gegenüber der historischen Mühle ausweisen.

Den Unterschied zwischen Aristokratie und gemeinem Volk markiert diesmal – über die klassischen Ständegrenzen hinweg – ein zehn mal sieben Zentimeter messendes Stück Plastik, das einigen um den Hals baumelt. Wer es hat, ist geadelt und darf sich dem Tross um Stiftungsdirektor Hartmut Dorgerloh, Innenminister Jörg Schönbohm und Bürgermeister Jann Jakobs anschließen. Wer nicht, muss sich zum Pöbel zählen und wird von Polizei und Botschaftsangehörigen auch so behandelt. Dass die Britische Botschaft selbst bei Presseakkreditierungen offenbar gewürfelt hatte, statt nach medialer Bedeutung zu entscheiden, sorgt für zusätzliche gute Laune vor dem Tor.

Für jene, die warten müssen, dauert Camillas Besuch exakt 22 Meter oder 47 Schritte. So lange braucht die in ein elegantes weißes Kleid und blauen Mantel gehüllte Herzogin von Cornwall, um von der schwarzen Limousine bis zum Tor zu gelangen. Fröhlicher Applaus von etwa 80 Schaulustigen hallt ihr nach. Karina Ristel indes ist den Tränen nahe. Sie hatte sich wesentlich mehr Nähe erhofft. Nicht nur, weil sie ohne zu stocken von „Her Royal Highness“ über neun Titel bis „Princess of Scotland“ kommt und Camillas Lebenslauf herunterbeten kann wie jenen von Prinz Charles, Lady Diana und anderen Royals, sondern auch, weil sie unbedingt sehen wollte, wie Camilla, die sie sonst nur „im Paket mit Charles“ zu Gesicht bekomme, sich allein schlägt im Damenprogramm. Daraus wird nun nichts. „Sie müssen das verstehen“, sagt ihr Freund entschuldigend und ungefragt zu dem Häuflein Wartender, das stehen geblieben ist, als die Menge sich auflöst und auf die Rückkehr der Herzogin zur Limousine wartet, „sie trägt selbst Unterwäsche mit dem Wappen der Windsors“. Er lächelt verkniffen, trippelt ein wenig auf der Stelle und sieht so aus, als könne er sich nicht entscheiden, ob Scham oder Stolz stärker sind. Die anderen schauen kurz konsterniert und setzen sich dann an der Rampe in die Sonne. 15 Minuten sieht der Zeitplan der Herzogin für Schloss und Gemäldegalerie vor, die Wartezeit gilt als überschaubar. Gegenüber nimmt ein als Friedrich II. gewandeter Flötenspieler seine Musik wieder auf. Auch er wurde kurzzeitig verscheucht. Die Polizisten sind im Park oder ziehen sich zu den Autos zurück. Alles klebt am Magneten Camilla, der Eingang verwaist. Zehn Minuten vergehen, es kommt ein wenig Langeweile auf. Langeweile, die ins Philosophische mündet. „Warum eigentlich der Rummel? Die Frau hat weder was geleistet noch stellt sie was dar noch ist sie schön. Sie hat nur zufällig einen möglichen Thronfolger kennengelernt“, sagt ein älterer Herr. Die Frage bleibt ohne Antwort. „Polizisten in grünen Hosen mit weißen Sakkos sehen echt scheiße aus“, bemerkt eine jüngere Stimme nach weiteren Minuten. Wieder Stille. „Sie ist das mit dem Tampon ja auch nie losgeworden“, versucht es einDritter. Aussichtslos. Die Gruppe brät in der Sonne und kommt zu keinem Gespräch. Mittlerweile sind fast 40 Minuten vergangen. „Mich nervt dieser Flötenschlumpf da oben echt schwer“, sagt ein Jugendlicher. Alle nicken. Die Laune ist auf dem Tiefpunkt. „Man müsste so eine Plastikkarte um den Hals haben“, bringt es eine Dame auf den Punkt. Dann plötzlich: Bewegung. Erst ein Pulk rückwärts laufender Touristen, dann die Pressemeute, dann die Polizei, die wieder alles an die Seiten drängt. Camilla lächelt immer noch, blinzelt in die Sonne, schüttelt ein paar Hände. 22 Meter, 47 Schritte. Die Herzogin besteigt die Limousine. Konvoi ab. Applaus hallt ihr nach. Karina Ristel hat erneut eine Träne im Auge – und Friedrich II. greift wieder zur Flöte.

Erschienen am 02.05.2009

Aurasehen für den Anfänger

Samstag, 18. April 2009

Messe: Drei Tage „kommerzialisierter Obskurantismus“ im Waschhaus

Noch bis Sonntag informieren die Esoteriktage über Geistheilung, Hellsicht und Aurafotografie.

SCHIFFBAUERGASSE| Das Seminar zur Selbstheilung muss krankheitsbedingt leider ausfallen, verkündete eine Notiz. Davon abgesehen ging es am Eröffnungstag der Esoterik- und Naturheiltage im Waschhaus gestern aber munter zu. Auch wenn vom „großen Andrang“, den der Veranstalter ausgemacht haben wollte, nicht die Rede sein konnte, kamen doch rund 50 Besucher gleich zur Eröffnung in die Schiffbauergasse. Der Veranstalter rechnet mit 3000 bis Sonntagabend.
Gleich in der Eingangshalle dominiert der Stand mit den Heilsteinen. Der Besucher lernt, dass es Steine gegen Bandscheiben und Haarausfall, Lernschwäche und Schluckauf, Tumore und Sodbrennen, Leberschäden und Schlaganfall gibt; solche, die „Sensiblen ein dickes Fell schenken“ und andere, die „aus Drama Komik“ machen, was auch das Motto des Standes sein könnte. Doch die Verkäuferin nimmt ihre Steine sehr ernst, sie rät den Käuferinnen, sie jeden Abend unter klarem Wasser von negativen Energien zu reinigen und pendelt für jede Interessentin den richtigen Stein aus. Wer will, kann selbst ein Pendel erwerben und über dem Diagramm die Sinnfragen des Lebens anhand der fundamentalen Alternativen „ja“, „nein“ und „vielleicht“ entscheiden lassen. Man kennt das noch vom „Willst-du-mit-mir-gehen?“-Zettel aus der Grundschule. Ein vierter Punkt ermöglicht dem Pendel, die Antwort zu verweigern. Wer auf soviel Hilfe nicht mit ausreichend Barschaft vorbereitet ist, darf glücklicherweise mit Kreditkarte zahlen. Ein Stein gegen akuten Geldmangel oder fehlendes Vertrauen in Esoterik ist aber nicht im Angebot.
So geht es weiter. Eine Schamanin drückt den Besuchern Amulette in die Hand und trommelt dann mit geschlossenen Augen so lange, bis sich deren Probleme offenbaren. Wer mag, darf das Amulett für 45 Euro mitnehmen. Der Bücherstand bietet alles über Engel, Schamanen, Rituale, Magie in den Farbschlägen weiß, schwarz und rot, über Kabala, Karma und Hellsicht für den Hausgebrauch. Ein paar Meter weiter probiert ein Herr, dem die Beine wehtun, die feinstofflich aktive Bettwäsche. Dafür setzt er sich 30 Minuten in die Ecke, das Kopfkissen vor die Brust gepresst, und hofft auf Besserung. Nach 30 Minuten Sitzen tun die Beine wirklich weniger weh, und zum Glück nimmt der Anbieter auch EC-Karten, also ist die Bettwäsche gekauft. Am anderen Ende lassen die Besucher Fotos von ihrer Aura machen. Mit Deutungshilfe kostet das 20 Euro, mit mündlicher Erklärung vom Aurafotografen 25 Euro.
Eine Psychotherapeutin, die nachher schon den Tsunami von 2004 vorausgesehen hatte und alles wichtige im Voraus durch den Wind spürt, bietet die Wohnungsbefreiung von Geistern für 190 Euro an. Büros sind offenbar schwerer zu entgeistern, sie kosten nämlich 350 Euro. Andere Anbieter heilen das innere Kind oder helfen bei der spirituellen Partnersuche. Mancher bietet auch einfach nur „das beste Wasser der Welt“ zu Literpreisen, die selbst Tankwarte neidisch machten oder Massagebürsten, Kräutertees und Holundergelee. Die Kunden sind mehrheitlich fasziniert und überzeugt.
Lediglich eine Dame, die ihren Namen nicht verrät, zieht von Stand zu Stand, um den Anbietern ins Gewissen zu reden: Dass das doch Unsinn sei, Geschäftemacherei und gotteslästerlich obendrein. Das ist angesichts der versammelten Esoterikbranche, die sie den „kommerzialisierten Obskurantismus“ nennt, ein eher sportliches Unterfangen. Vielleicht hätten ihr die Seminare „Familienstellen mit Engeln“ oder „Aurasehen für Anfänger“ besser getan.

Erschienen am 18.04.2009

„Hier bin ick richtich“

Samstag, 21. März 2009

Gesundheit: Seniorenmesse öffnete gestern ihre Pforten / Breites Angebot von Augenklinik bis Zahnersatz

165 Unternehmen und Einrichtungen buhlen auf der Seniorenmesse um die „Generation 50plus“. Ein Rundgang mit einem Vertreter der Zielgruppe.

POTSDAM| Nein, bitte, nicht auch noch die Frau vom Beerdigungsinstitut anmotzen! Bitte! Nicht! Zu spät. Horst Kutzmann ist einfach zu gut in Fahrt. „Sacht mal, spinnt ihr, oder watt? Ditt is ’ne Messe, um fit zu werden, nich um begraben zu werden.“ Der 67-Jährige mit den buschigen silbernen Augenbrauen ist wirklich gut in Form: Er ist erst beim zehnten Stand der „Gesundheits- und Seniorenmesse“ in der Metropolishalle angelangt – „Friedwald – Begraben unter Bäumen“ steht auf dem wandfüllenden Foto hinter der angeraunzten Frau – und hat schon elf Aussteller angeschnauzt. „Beim Thema Tod bin ick empfindlich“, sagt er so abfällig, dass man die enthaltene Entschuldigung kaum heraushört. Dem Tod, sagt Kutzmann, sei er nämlich kürzlich „vonner Schippe jehopst“ – Herzinfarkt, Ambulanz, Intensivstation, Reha-Klinik, „dit volle Projramm“. Seither ernährt er sich gesünder, raucht nicht mehr und schränkt seinen Bierkonsum ein. „Tut dem Körpa jut“, betont er. Der Stimmung offenbar nicht.
Aber Horst Kutzmann ist ja auch nicht zur Messe gekommen, um „den Gute-Laune-Drops zu machen“, wie er betont, sondern weil er sich informieren will, wie er wieder auf die Beine kommt. Schließlich heißt die Messe „Vital 50plus“, da müsse es doch etwas für ihn geben, ist Kutzmann überzeugt. Eine Hoffnung, die sich zumindest an den ersten Ständen nicht einlöst. Mit eloquenten Schuhputzern, schwitzenden Glasbläsern und Damen, die polnischen Zahnersatz anpreisen, hatte der Rentner nicht gerechnet. Und er lässt es sie auch gern wissen. Lediglich der Anbieter von Brillenputztüchern findet ein wenig Gnade vor seinen Augen: „In den Lappen is wenigstens Alkohol drin“, sagt er. Kurze Pause. Lächelt er jetzt? Er lächelt! Das ärztliche Bierverbot scheint ihn dennoch schwer zu quälen.
Es geht weiter: Der Schmuckstand, die Haarentfernung, der Pfannenhändler und die Pediküre finden keine Gnade vor seinen Augen, doch weil Horst Kutzmann langsam die Puste ausgeht – „bin halt noch nich aufm Damm“ –, hat er zumindest das Motzen eingestellt.
Kritisch beäugt er die Karawane der Politprominenz, Fraktionsvorsitzende, Stadtverordnete, Messe-Verantwortliche, die von Stand zu Stand zieht und für jeden ein freundliches Wort hat. „Blöder Häppchentourismus“ ist alles, was dem zu Atem kommenden Kutzmann dazu einfällt.
Doch es wird besser: Die Angebote des SC Potsdam gefallen dem Rentner durchaus. Der Verein hat gleich Trampolin, Trimmrad und Hanteln aufgebaut und kann im Gespräch nicht nur das „Bewegungs- und Aufbautraining“, sondern auch den „Reha- und Gesundheitssport“ empfehlen. „So hatt ick mir ditt das vorjestellt“, sagt Kutzmann, schon versöhnlicher, und wippt in Schuhen auf dem Trampolin herum, als keiner hinschaut.
Die Infrarot-Kabinen, die ausgestellt werden, gefallen dem ehemaligen Schlosser auch, versprechen sie doch Fitness ohne Bewegung, doch beim Preis von mehr als 6000Euro winkt er dankend ab. Immerhin kein Anranzer an den freundlichen Verkäufer. Die Messe beginnt offenbar zu wirken.
Sie büßt noch einmal etwas ein, als er das Vortragsprogramm studiert: „Moderne Handchirurgie“, Sturzprävention, Demenz, Arthrose, Zahnimplantate, Krampfadern, Schnarchen und der Gesundheitsfonds sind nicht Kutzmanns bevorzugte Themen. Bei „gesunde Ernährung“ und „Patientenverfügung“ gar schwillt die Ader an seinem Hals bedrohlich an, doch dann entdeckt der Rentner die Punkte „Herz-Rhythmus-Störung“, „Herzschwäche“ und „Schlaganfall“, und er lässt sich zufrieden auf einen der noch zahlreichen leeren Stühle fallen. „Hier bin ick richtich. Ick habs ja jewusst“, ist alles, was er noch sagt.

Erschienen am 21.03.2009

Heißkalter Februar

Mittwoch, 25. Februar 2009

Integration: Potsdam ist zerrissen: Der geplante Umzug von Asylbewerbern entzweit die Stadt

Wie viel Ruhe brauchen Flüchtlinge? Wie viel Integration verträgt ein Neubauviertel? Und wo beginnt Rassismus? Ein Drama in bislang fünf Eskalationsstufen.

POTSDAM| Es ist kalt dieser Tage in Potsdam. Besonders hier, wo der eisige Wind ungehindert über die Lennésche Feldflur streicht. Die niedrigen Baracken des Asylübergangsheims rauben nur wenig von seiner Wucht. Der Lerchensteig liegt am Nordrand der Landeshauptstadt, mit Bus und Bahn dauert es 45 Minuten bis ins Zentrum. Trotzdem liegen die schneebedeckten Baracken an diesem Vormittag verwaist, nur ein zugeschneites Dreirad kündet vom Leben vor der Kälte.
„Es ist hier nicht kalt“, sagt Alan Chochiev trotzig. „Hier nicht. Aber am Schlaatz. Da ist es polarkalt.“ Wie zum Beleg reibt der 63-Jährige mit seinen gewaltigen Händen sich die Schultern warm. Chochiev war Vize-Parlamentssprecher in Süd-Ossetien – bis zum Sommer 2008. Dann entzündete sich das, was in deutschen Medien „Kaukasus-Konflikt“ genannt wurde, und das Leben des Historikers, der häufig mit den russischen Behörden in Konflikt geriet, war akut bedroht. Er entschied, Flucht sei das einzige Mittel. Seit Dezember ist er in Potsdam. Was er jetzt braucht, sagt Chochiev in lupenreinem Englisch, ist Ruhe. Ruhe, um sich von Todesangst, Stress und dem schlechten Gewissen zu erholen, das ihn plagt, weil er seine Mutter zurückließ.
Es scheint nicht, als wäre ihm die Ruhe vergönnt. Denn in Potsdam ist eine Debatte darüber entbrannt, ob die 165 Asylbewerber aus dem fernen Lerchensteig in den zentrumsnahen Schlaatz umziehen sollen. Dass nicht einmal die Betroffenen davon begeistert sind, ihr integrationserschwerendes, weit draußen gelegenes Domizil zu räumen, ist die vierte von fünf Eskalationsstufen in einem Konflikt, der Bürger, Politik, Wohlfahrtsverbände, Wohnungsgenossenschaften und nicht zuletzt die Medien in Atem hält.
Es geht heiß her dieser Tage in Potsdam. Die erste Eskalationsstufe zündete, als ruchbar wurde, die Asylbewerber sollten in ein umgebautes Lehrlingswohnheim im Neubauviertel Schlaatz ziehen. Das klang sinnvoll: Früher als Problemviertel verrufen, mit hohem Ausländeranteil, vielen Arbeitslosen, perspektivloser Jugend, mit Schlägereien und rechten Parolen an ungepflegten Plattenbauten, wirkt der Stadtteil heute dank vieler Mühen als Schmelztiegel: Es gibt Integrationsangebote an jeder Ecke, darunter das Projekt „Kirche im Kiez“ und Theatergruppen; die meisten Häuser sind saniert, die Polizei hat den Ärger im Griff, und obwohl der dortige Integrationsgarten – eine Art Kleingartenkolonie für Spätaussiedler – regelmäßig abbrennt, wird er stets wieder aufgebaut. Jedesmal besser.
Die Begeisterung außerhalb des Rathauses über die Umzugspläne hielt sich dennoch in Grenzen. Während der neue Träger, die Diakonie, nicht müde wurde, die integrativen Vorzüge der citynahen Unterbringung zu preisen, ächzten Anwohner, die Stadt solle die Integrationsaufgaben auf ihr gesamtes Gebiet verteilen, statt dem Schlaatz noch mehr zuzumuten. Das weckte unschöne Erinnerungen: 2002 sollten 180 Asylbewerber in den Stadtteil Bornstedt umziehen, doch Anwohner wussten das zu verhindern – auch wegen angeblich dadurch sinkender Grundstückspreise. Initiativen, die daran erinnerten, dass Integration ein dem Grundstückswert übergeordneter Wert sei, fanden im aufgebrachten und von latent rechtslastigen Flugblättern flankierten Bürgerprotest kein Gehör.
Es war eisig letzte Woche in Potsdam. Trotz stehender Luft und erhitzter Gemüter fror es manchen im Bürgerhaus am Schlaatz, in das wegen erster Proteste zur Bürgerversammlung geladen war – eine weitere Eskalationsstufe. Zwar mühten sich Diakonie und Stadt redlich, die Vorzüge des Umzugs zu preisen, doch die aufgebrachte Mehrheit im Saal stimmten sie nicht um. Sie hätte sich noch deutlicher artikuliert, hätten nicht ein paar linke Gruppen ihre stimmgewaltigsten Mitglieder entsandt, die jeden zu offensichtlich ausländerfeindlichen Protest einfach niederschrien. Die Präsenz von drei Kamerateams und zahllosen Journalisten war nur weiterer Zunder für Volkes Zorn, der sich darüber empörte, dass der Schlaatz nun endgültig kippen werde, dass man genug Ausländer habe, dass es schon erste Schmierereien gegen die Asylanten gegeben habe und dass nun Ruhe, Ordnung und Sicherheit endgültig zum Teufel gingen. Rhetorisch elegantere Redner versuchten klarzumachen, die 165 Asylbewerber hätten an den engen Wohnungen, die einen der Bewohner jeweils auch noch zur Nutzung eines Durchgangszimmers zwingen, ohnehin keine Freude.
Die umstrittenste Stufe zündete die am Schlaatz sehr präsente Wohnungsgenossenschaft PBG. Sie ließ in einer Zeitungsanzeige wissen, dass sie das Heim als „massiven Eingriff in ihre Wirtschaftlichkeit“ betrachte, der der Entwicklung des Stadtteils im Wege stehe. Die Reaktion darauf kam prompt: Die Vorsitzende des Potsdamer Ausländerbeirats warf dem Unternehmen Rassismus vor, die Integrationsbeauftrage sprach von einem „Stein, der über den Zaun flog“. Die PBG schaltete daraufhin erneut Inserate, in denen sie sich gegen „polemische“ und „diffamierende“ Berichterstattung verwahrte und ankündigte, mit niemandem mehr reden zu wollen. Zeitgleich ließ sie ihre Anwälte auf die Ausländerbeirats-Chefin los. Damit hat sich das Unternehmen bei politisch engagierten Potsdamern weitgehend unmöglich gemacht. Nur betroffene Anwohner am Schlaatz applaudieren öffentlich. Die allgemeine Entrüstung darüber ist wohlfeil und billig zu haben. Denn wie andere Stadtteile in der gleichen Situation reagieren würden, fürchten die meisten Beobachter anhand des Beispiels von 2002 nur zu gut zu wissen.
Auf diesen für ihre Zwecke mit Angst, Verunsicherung und Vorurteilen wohlpräparierten Boden wirft nun – Eskalationsstufe fünf – die NPD seit einigen Tagen Flugblätter. Ein schwarzes Schaf ist darauf zu sehen, das von drei weißen Schafen weggetreten wird. „Gute Heimreise“ steht über den „an alle Deutschen“ verteilten Blättchen. Der Staatsschutz ermittelt.
Alan Chochiev verfolgt die Debatte, die seine neue Heimatstadt entzweit, kaum. Er muss seine eigene Balance zurückerlangen, bevor er sich in den Trubel der Innenstadt wagt, sagt er. Bis dahin ist ihm die winterliche Kälte draußen im Lerchensteig wesentlich lieber als die befürchtete Ablehnung im Schlaatz. Einen Satz aus dem Bericht über die Bürgerversammlung hat er sich aber gemerkt, obwohl sein deutsch noch schlecht ist: „Alle reden immer über die Menschen im Asylheim. Hat schon mal jemand mit ihnen geredet?“ Der Hauptausschuss der Stadt trifft auch ohne Besuch im Lerchensteig heute seine Entscheidung.

Erschienen am 25.02.2009

Zur Not auch im Schlamm

Freitag, 18. Juli 2008

Kultur: Roland Seidler wuchtet das Theater Boitzenburg fast allein: Er schreibt, inszeniert und spielt mit

Es muss nicht immer Ralswiek sein: In der Uckermark etabliert sich ein Freilichttheater. Dahinter steht ein Mann, der schon mit Gojko Mitic durch die Mongolei ritt.

BOITZENBURG Auch das Wetter hat im Drehbuch geblättert. Feiner Landregen geht über Boitzenburg nieder – kurz bevor die Generalprobe beginnt. Das passt durchaus, um ein Stück in den englischen Wäldern des Sherwood Forest zu untermalen, doch soviel Werktreue hatte Roland Seidler eigentlich nicht im Sinn. Er setzt die schwere Holzbank ab, die er geradevor die Bühne schleppte, schaut grimmig gen Himmel, wirft sich in die Brust und donnert: „Scheiße, warum regnet es denn?“ Publikum gibt es zwar keines – die Helfer haben ihre Bänke stehen gelassen und sind unter Bäume geflüchtet – doch Seidler lässt seine rauhe Stimme erschallen, als handle es sich um eine lange geprobte Szene.
Die Generalprobe verschiebt der Regisseur Seidler wegen des Regens aber nicht. Im Naturtheater an der Boitzenburger Klosterruine müssen alle wetterfest sein: Darsteller und Helfer ohnehin, und auch die Zuschauer tun gut daran, auf jede Witterung vorbereitet zu sein – obgleich Seidler am Eingang auch Regencapes verkaufen lässt. „Das ist eine clevere Angelegenheit, nicht?“, sagt er und setzt ein Lausbubengesicht auf.
Seine Freude währt nicht lange, denn es regnet sich ein. Er fürchtet nicht um sein Stück – nach Jahren als Winnetou in Annaberg-Buchholz und als Oberbösewicht bei den Störtebeker-Festspielen in Ralswiek ist der Schauspieler Seidler einiges gewohnt, zur Not spiele er auch knietief im Schlamm, sagt er. Doch der Unternehmer Seidler fürchtet um die Zuschauerzahlen. Trotz allgemeinen Lobes für Idee und Umsetzung ist das Theater in der Klosterruine Boitzenburg im vierten Jahr seines Bestehens noch lange keine sichere Bank. „Finanziell ist das grenzwertig“, sagt er, „ich habe in letzter Zeit nichts verdient. Das muss sich ändern, sonst kann ich’s lassen.“ Beim Freiluft-Theater gilt: Gutes Wetter gleich gute Einnahmen. Die letzten Sommer waren eher regenreich.
Vor 15 Jahren hatte Roland Seidler erste Theaterpläne für die Uckermark. Sie waren deutlich größer: Mit dem Deutschen Theater Berlin und dem Nationaltheater in Weimar wollte er eine Klassikbühne in Boitzenburg gründen. Er hatte bereits zwei Minister im Boot, Kontakte nach Brüssel und zur Unesco, aber es scheiterte an den Leuten in der Gemeinde, die lieber ihre Ruhe haben wollten. „Da ist der Uckermärker komisch. Er will zwar Touristen, aber am liebsten solche, die Geld überweisen und dann wegbleiben.“ So wurde nichts aus dem Plan, doch der Kulturförderer Seidler nahm einen zweiten Anlauf: „Nun mache ich halt einfaches Volkstheater, schreibe die Stücke, inszeniere, entwerfe das Bühnenbild und spiele selbst mit“, sagt er mit einem Lächeln, das zwischen Wehmut und Trotz schwingt: „Uckermärker gelten als die stursten Menschen Deutschlands. Was die Gemeinde damals unterschätzt hat, ist: Ich bin auch einer.“
Jahr für Jahr nimmt Seidler sich vor, diesmal nicht mitzuspielen, und Jahr für Jahr tritt er dann doch auf: Weil Schauspieler ausfallen oder kurzfristig andere, besser dotierte Engagements bekommen. „Einmal musste ich alter Mann sogar den d’Artagnan spielen“, erzählt der 57-Jährige etwas kokett und fasst sich an die Leiste, die seit der Hauptprobe am Vortag schmerzt: Muskelzerrung beim Reiten.
Neben der Liebe zum Theater ist es diese uckermärkische Sturheit, die Seidler antreibt, die ihn dazu bringt, Schmerztabletten einzuwerfen, um trotz Verletzung reiten und fechten zu können. Sie hilft ihm, den Regen nach Kräften zu ignorieren, sie lässt ihn die Nachricht, ein Nebendarsteller habe wegen Brechdurchfalls kurz vor der Premiere abgesagt, mit einem Schulterzucken quittieren.
So bringt er seine Generalprobe trotz des Wetters sauber über die Bühne: Eine verschlungene Geschichte um fliehende Tempelritter, finstere Inquisitoren und den strahlenden Helden Robin Hood, den der Drehbuchautor Seidler als wendig-wieseligen Anarchisten anlegt. Als der Schauspieler Seidler schließlich die Bühne betritt – diesmal ersetzt er einen Tempelritter – wird klar, warum es letztlich egal ist, ob er wirklich so widerwillig einspringen muss oder ob das Abenteurer-Herz in ihm nicht doch einen Freudensprung macht, wenn ein Kollege ausfällt. Allein seine Präsenz auf der Bühne macht aus der soliden Mantel- und Degengeschichte ein Erlebnis: Was für eine Stimme, was für ein Charisma, welche Verve! Es ist ein klein wenig, als würde über Boitzenburg die Sonne aufgehen, trotz Regens. Wo die anderen nur spielen, verkörpert Seidler; wo sie deklamieren, lebt er seinen Text – mit jener Stimme, die unter anderem in Musicals am Ost-Berliner Metropoltheater geformt und beim Synchronsprechen für die Defa verfeinert wurde. Als Seidler neben Gojko Mitic durch die Mongolei galoppierte und in der Seeluft von Ralswiek zum Angriff rief, kam der entscheidende Hauch Rauheit hinzu.
Wegen dieser Präsenz sind es, trotz 26 Leuten auf der Bühne und einigen weiteren an der Technik, letztlich doch Seidler-Festspiele, die Aufführungen im Naturtheater Boitzenburg. Mit dem wettergegerbten Uckermärker, unter dessen Kettenhemd sich ein kleiner Bauch wölbt, steht und fällt das Theater, und Seidler weiß das: Er bindet seine 25-jährige Tochter als Regieassistentin und den 16-jährigen Sohn als Schauspieler ein. So lange er lebe, wolle er aber weiter in Boitzenburg Theater spielen, sagt er. Da mittlerweile nicht nur die Touristen, sondern auch immer mehr Uckermärker ins professionell ausgestattete Naturtheater kommen, könnte diese Rechnung aufgehen. Nur den Regen, den muss Seidler künftig ins Drehbuch einbeziehen. Und ihn bei den Auftritten weiterhin stur ignorieren.

Erschienen am 18.07.2008

Händler, Tiere, Ackerbürger

Montag, 30. Juni 2008

Freizeit: Hunderte strömten trotz mäßigen Wetters in die Nauener Altstadt – sehr viele sogar kostümiert

Sie haben kein Glück in diesem Jahr, die Nauener bei ihren großen Festen: War schon das Altstadtfest im Mai von dicken Wolken überschattet, so galt es beim Ackerbürgerfest, mit Schauern und kaltem Wind zu leben.

NAUEN Es gibt erhebendere Momente im Leben eines Zwölfjährigen: Max steht am „Hau-den-Lukas“, er legt alle seine Kraft in den Hammer, es ist der zweite Schlag, er beißt auf die Unterlippe, presst die Augen zu Schlitzen zusammen, lässt den Hammer krachen, doch nein: Der Zeiger geht nicht über die erste von fünf Stufen hinaus: „Bettnässer“ steht da, und das ist nicht erhebend, wenn man zwölf ist und die Mädels im Halbkreis drumherum stehen. „Stell dir vor, es wäre dein Lehrer“, sagt der Schausteller, und ja, doch, im dritten Versuch kratzt der Zeiger doch fast an der zweiten Kategorie „Flitzpiepe“. Dann sagt der freundliche Herr auch noch „Ich zeig dir das mal“, nimmt den Hammer wie ein Spielzeug über die Schulter, am Oberarm bauen sich Muskelpakete auf, es kracht, der Zeiger schießt durch bis „Yippie Yeah Schweinebacke“, schlägt die Glocke, der Mann patscht Max auf den Kopf und sagt: „Ist doch gar nicht so schwer.“ Sowas können nur Erwachsene sagen. Sie können grausam sein, selbst wenn sie es gut meinen.

Es ist voll beim 4. Nauener Ackerbürgerfest, der Martin-Luther-Platz quillt über vor Menschen, zeitweise geht es nur im Schritttempo voran, und das, obwohl das Wetter den Nauenern schon wieder nicht wohlgesinnt ist: Gelegentliche Schauer und kräftige Windböen fahren in die Menge, doch niemand lässt sich vertreiben.

Vielleicht liegt das auch an der Mühe, die sich viele Besucher gegeben haben: Wer so lange an seinem Kostüm geschneidert hat, will es nun auch zeigen. Zeitweise flaniert fast die Hälfte der Gäste im historischen Gewand über den Luther-Platz. Bei den Nauener Heimatfreunden steht eine elegante Dame mit Schirm und versucht sich im Hobelhalten: Mit ausgestreckten Armen muss der Langhobel so lange wie möglich in die Luft gehoben werden – es gelingt ihr fast anderthalb Minuten lang. Ein Zuschauer kommentiert „Die hat Übung mit der Pfanne!“. Niemand lacht. Ihr Begleiter – Frack, Kordhose, gewienerte Stiefel – versucht es ebenfalls, muss aber nach knapp einer Minute aufgeben.

Hinter der Kirche schlummern zwei Kälbchen um die Wette, während ihre Bäuerin die Plagen und Freuden der Milchviehwirtschaft schildert und berichtet, dass eine Kuh 90 Liter Wasser und 40 Kilogramm Futter pro Tag braucht, um 30 Liter Milch zu geben.

Überhaupt, die Tiere: Zwei Stände weiter hat sich ein Frettchen eingekringelt und schläft so selig, dass selbst die Stupser der Kinder durchs Gitter es nicht aus seinen Träumen reißen. In einer Seitengasse zeigt sich die Alpaka-Familie von Joachim Kuntzagk von ihrer besten Seite: Olivia und Caral stehen in unverhohlenem Elternstolz um ihren zwei Monate alten Nachwuchs Otello, der das Besucherinteresse mutig aushält und sich sogar mal ein, zwei Schritte von Muttis Seite löst.

Zwischendrin bindet immer wieder das Bühnenprogramm die allgemeine Aufmerksamkeit: Kinder der Tanzschule Amanda versuchen sich im Schwanensee, der Sportverein bringt eine Modenschau auf die Bühne, und um 18 Uhr ist das Theaterstück des „Stadtgeflüster e.V.“ ein Höhepunkt des Programms.

Doch auch mitten im Trubel ist’s unterhaltsam: Jongleure und Fakire mischen sich unters Volk, wer mag, kann sich im Bogenschießen üben, es gibt Getränke und Naturprodukte, die Kinder reiten auf Eseln, die Männer versuchen sich im Erbsenschlagen, es riecht nach Grillwurst, nassem Hund und Eselhäufchen, doch das gehört zum mittelalterlichen Flair.

Auf dem Rückweg versucht es Max noch einmal – er hat sich Tipps geben lassen. Er kommt bis „SoapStar“, Stufe drei. Immerhin.

Erschienen am 30.06.2008

Wortlos verstehen

Dienstag, 3. Juni 2008

Soziales: Wege aus der akustischen Isolation / In Falkensee belegen Hörende einen Gebärdenkurs

Sie hören gut. Sie können auch sprechen. Dennoch erlernen jetzt in Falkensee 14 Männer und Frauen die Gebärdensprache, mit der sich Taube und Stumme verständigen.

FALKENSEE Es wird geschnattert an diesem Nachmittag, dass es eine wahre Freude ist. Mehr als ein Dutzend Leute unterhalten sich paarweise: Sie verabreden sich zum Kino, zum Schwimmen, zum Grillen. Trotzdem fällt kein einziger Ton im Raum. Es ist so still, dass der Lärm Fußball spielender Kinder, der durchs angeklappte Fenster fällt, deutlich hörbar wird. Denn die, die sich hier verabreden, tun das mit Gesten statt mit Worten:

Die 14 Teilnehmer eines Gebärdensprachkurses sind an diesem Nachmittag ins ASB-Kulturhaus Falkensee gekommen. Keiner von ihnen wäre auf die Handzeichen und das stumme, überdeutliche Worteformen mit den Lippen angewiesen, denn alle können hören und sprechen – bis auf den Kursleiter. Doch sie zahlen dafür, in zehn Sitzungen die Grundlagen der Gebärdensprache von Thomas Zander zu erlernen.

Die Motive sind unterschiedlich: Da ist ein Ehepaar – sie lebenslustig und laut, er verhalten und manchmal etwas irritiert: Das Hörvermögen des Mannes lässt stetig nach. Sollte er ertauben, soll die Kommunikation in der Familie weitergehen. „Da ist es leichter, ich lerne die Gesten, solange ich noch hören kann“, sagt der Mann.

Eileen ist gekommen, weil sie eine Ausbildung zur Heilpädagogin macht und möglicherweise mit Tauben oder Taubstummen arbeiten wird. Einige nehmen aus purem Interesse teil, eine Frau will einfach nur „eine ungewöhnliche neue Sprache lernen“, eine andere hat ein gehörloses Kind, mit dem sie sich besser verständigen möchte.

Tina ist hochgradig schwerhörig und zugleich Physiotherapeutin: Sie will sich selbst gegen das Schlimmste wappnen und zugleich auf taube oder schwerhörige Patienten besser eingehen können.

Und dann ist da Carola Szymanowicz, engagierte Streiterin für die Belange aller Schwerhörigen im Havelland, Leiterin der Selbsthilfegruppe „Kommunikation ohne Barrieren“, selbst fast ohne Gehör. Carola Szymanowicz beherrscht die hohe Kunst, Leid in Aktivität zu wandeln: Sie hat diesen ersten Kurs in Gebärdensprache für Hörende angeregt, beim ASB kostenlos einen Raum dafür bekommen, Teilnehmer aufgetrieben, den Dozenten engagiert, die Selbsthilfegruppe gegründet. Und sie plant weiter: einen Gebärdenklatsch, ein Sommerfest, einen Grillabend und eine Anlaufstelle für Gehörlose im Kreis. „Wir müssen Gehörlose aus der Isolation herausholen, der Machtlosigkeit entkommen“, sagt sie, „denn die zwischenmenschlichen Beziehungen gehen sonst verloren.“

Das ist schwer vorstellbar an diesem Nachmittag, wo sich alle ohne gesprochene Worte blendend verstehen, Spaß haben, lachen, Verabredungen treffen. Aber genau das ist es, was Carola Szymanowicz meint: Man braucht keine Rede, um eingebunden zu sein, Gebärden genügen. Nur ohne Kommunikation droht die Vereinzelung.

Dass es so munter zugeht im Kurs ist vor allem Thomas Zander zu verdanken. Der selbstständige Gebärdensprachdozent ist zugleich Geschäftsführer der Berliner Gebärdensprachschule „Visual Hands“ und seit 17 Jahren als Dozent unterwegs. Im Nebenjob arbeitet er als Pantomime-Clown – eine Aufgabe, die er von der des Sprachlehrers kaum trennen muss: Egal, was Zander tut, er tut es unglaublich beredt, spricht mit jeder Geste und mit jedem Zucken seines Gesichts, Humor kommt nie zu kurz.

In dieser Woche steht das Thema „Verabreden“ auf dem Stundenplan. Lektion 1: Die zeitliche Dimension. Zukunft sind Gesten, die vom Sprecher nach vorn wegweisen, Vergangenheit weist nach hinten. Zander muss nicht viel erklären: Das Prinzip verstehen alle sofort. Gegenwart zeigt nach unten: Hier stehe ich. Jetzt! Wochentage haben definierte Zeichen, die es zu lernen gilt. Uhrzeiten werden mit Fingern gezeigt, die nach vorn gekippte Hand bedeutet nachmittags, die nach hinten gekippte: vormittags.

Lektion 2: Der Ort. Gebäude werden mit zwei Händen als Dach geformt, andere Orte langsam ausgesprochen, schlimmstenfalls buchstabiert. Orte sind eben abstrakt.

Leichter wird es in Lektion 3: Was tun wir? Schwimmen, Grillen, Wandern lässt sich gut gestikulieren, Kino durch eine angedeutete Leinwand auch noch. Spätestens beim Einigen auf einen Filmtitel muss dann aber doch zum Buchstabieren übergegangen werden. „Keinohrhasen“ lässt sich zwar mit zugehaltenen Ohren und mümmelndem Mund verdeutlichen, aber das ist eher ein guter Gag für die Runde als eine pragmatische Lösung.

So verstreicht der Kurs im Nu, und nach einem enthusiastischen Winken ist Thomas Zander verschwunden. Nun wieder ihre Münder benutzend, verlässt die Gruppe fröhlich schnatternd den Raum. Carola Szymanowicz ist es zufrieden. Sie ist ihrem großen Ziel an diesem Tag etwas näher gekommen: Gehörlose in die Gesellschaft zu inkludieren, statt sie nur zu integrieren. Inklusion heißt für sie: keinen Unterschied machen. „Bei Integration entscheiden andere über uns. Das haben wir satt“, sagt sie.

Mit Sturheit in den Arbeitsdienst

Dienstag, 27. Mai 2008

Justiz: Zeugen tödlicher Messerstecherei wegen unterlassener Hilfe vor Gericht

Weil sie einem Mann nicht halfen, den ihr Freund mit einem Messer verletzte, standen zwei Nauener gestern vor dem Jugendrichter.

NAUEN Hätte er nur das längst Offensichtliche eingeräumt, hätte er zugestanden, was das Gericht ohnehin wusste, der gestrige Tag hätte für Tino Müller besser enden können. Doch der 20-Jährige blieb stur bei seiner Version: Er hatte nichts gesehen, also konnte er auch nicht helfen.

7. Juli 2006: Deutschland ist im WM-Taumel, und Tino Müller hängt mit seinen Freunden Steffen Blum und Thomas Kroll auf dem Nauener Bahnhofsvorplatz herum. Bis auf Kroll haben sie keinen richtigen Schulabschluss, keinen Job, keine Perspektive, dafür ein dickes Vorstrafenregister. Sie trinken. Gegen 22 Uhr kommen vier junge Menschen von einer Betriebsfeier vorbei. Deren Fröhlichkeit muss für das resignierte, angetrunkene Trio zuviel gewesen sein: Sie pöbeln den zwei Frauen und zwei Männern in den Bahnhof hinterher, werfen Bierflaschen nach ihnen.

Steffen Blum steigt in den Fahrstuhl und fährt auf den Bahnsteig, um „die Sache zu klären“, wie Tino Müller berichtet. „Um ihm aufs Maul zu hauen“, präzisiert der Richter. Müller nickt. Er und Kroll folgen über die Treppen. Oben ist Blum bereits in eine Rangelei mit einem der Männer verwickelt: Man schubst und beschimpft sich. Mehr wollen Kroll und Müller nicht mitbekommen haben. Sie seien zum 40 Meter entfernten Ende des Bahnsteigs gegangen, um dort „ein Plakat zu lesen“. Währenddessen verletzt Steffen Blum sein Opfer mit drei Messerstichen schwer. Der Notarzt kann nur noch den Tod des Mannes feststellen.

Erst da habe er von der Eskalation Notiz genommen, behauptet Tino Müller vor Gericht. Es ist dieselbe Version, die er schon bei der Verhandlung gegen den Täter vortrug, der zu neun Jahren Jugendhaft verurteilt wurde. Der Staatsanwalt hält das für eine dreiste Lüge und hat Tino Müller und Thomas Kroll deshalb wegen unterlassener Hilfeleistung und uneidlicher Falschaussage angeklagt.

Fünf Zeugen stehen bereit, um auszusagen, dass die beiden Angeklagten nur drei, vier Meter entfernt standen. Doch Tino Müller ist entschlossen, nichts zuzugeben. Egal, wie bohrend Richter Martin Paßmann nachfragt, der stiernackige Angeklagte sitzt mit hochrotem Kopf da und bleibt einsilbig. Selbst sein Verteidiger ist machtlos. Mehrfach lässt er unterbrechen, um ihm ins Gewissen zu reden. Ohne Erfolg. Irgendwann hebt der Jurist die Arme entschuldigend Richtung Richtertisch: „Ich hab’s versucht!“ soll das heißen.

Nur Thomas Kroll beweist, dass er aus dem Trio der Klügste ist: Er gibt zu, das Messer in der Hand von Steffen Blum gesehen zu haben und darf unter der Auflage, 450 Euro Geldbuße zu leisten, nach Hause gehen. Tino Müller muss warten. Warten, bis sein schon sieben Eintragungen umfassender Erziehungsregisterauszug mit Diebstahl, Sachbeschädigung, Misshandlung, Körperverletzung und Strafvereitelung verlesen wird. Warten, bis die Jugendgerichtshilfe erklärt hat, dass er aus behüteten Verhältnissen stammt. Man einigt sich darauf, Jugendstrafrecht anzuwenden, wegen eklatanter Entwicklungsdefizite. Sein Verteidiger nennt ihn „einfach strukturiert“, die Jugendgerichtshilfe erwähnt zweimaliges Sitzenbleiben, den Abbruch der Lehrstelle und Desinteresse. Selbst der Staatsanwalt bittet Tino Müller, wenigstens dieses eine Mal nicht dumm zu sein. Vergeblich. Richter Paßmann verhängt daher 80 gemeinnützige Arbeitsstunden. „Rennen sie nicht aus purer Dämlichkeit in die nächsten Verfahren“, gibt er Müller noch mit auf den Weg. Zwei weitere laufen allerdings schon.

(alle Namen geändert)

Erschienen am 27.05.2008

„Der Kanal ist voll!“ – „Ist er nicht!“

Samstag, 17. Mai 2008

Bürgerprotest: Auf der Krisensitzung zu feuchten Kellern vertieften sich die Gräben, und neue taten sich auf

FALKENSEE Falls es noch eines Beleges bedurft hätte, dass die Stadt Falkensee das Problem der nassen Keller unterschätzte, ein Blick ins Hotel „Kronprinz“ hätte am Donnerstag genügt: Der Saal war viel zu klein, viele Zuhörer standen auf dem Flur, auf den Treppen oder sogar draußen unter dem offenen Fenster. Die Temperatur war hoch, die Luft stickig, die Stimmung explosiv. Das kalte Wasser – Thema des Abends – blieb dabei abstrakt: Wovon die meisten zuviel hatten, hier hätte es sich mancher gewünscht.

Mit großem Podium hatte sich die Stadt den seit Wochen klagenden Bürgern gestellt: Neben Bürgermeister Heiko Müller und den betroffenen Amtsleitern waren auch die Spitzen des Wasser- und Bodenverbandes (WBV), des Kreisumweltamtes und des Wasserverbandes dabei. Weit kamen sie mit ihren einführenden Worten freilich nicht. Anke Pingel vom Landesumweltamt wurde bereits nach zwei Sätzen unterbrochen, in denen sie erklären wollte, dass es immer mal wieder Jahre mit extrem viel Niederschlägen gebe. „Das wissen wir alles. Das Problem ist aber, dass die Gräben nicht mehr funktionieren“, rief ein Teilnehmer aus dem Falkenseer Ortsteil Waldheim. Andere fielen ein, und unter den Zuhörern kam Stöhnen auf, wenn das Wort Waldheim fiel. Von einer Bürgerversammlung aufgeputscht, waren die Waldheimer in Scharen gekommen und schienen wild entschlossen, ihre Probleme zum Hauptthema zu machen. Das ging eine Weile gut, dann platzte jemandem der Kragen. „Wir reden hier nicht nur über Waldheim. Waldheim ist eine Sumpfwiese, wer da baut, weiß, was ihm blüht“, rief er, und im sich nun entspannenden Wortgefecht hatte das Expertengremium erstmal Sendepause.

Kreisumweltdezernent Henning Kellner schließlich gelang es mit einer geschickten Wendung, sich Aufmerksamkeit und sogar etwas Sympathie zu verschaffen: Er räumte Versäumnisse ein. „Wir haben in den letzten 13 Jahren Gräben vernachlässigt, Flächen zu sehr verdichtet und auch Gräben aufgegeben. Es gibt keine Linderung, wenn wir nicht weitere Entwässerungsanlagen bauen und die bestehenden in einen besseren Zustand bringen“, sagte er und forderte sowohl die Unterstützung des Landes als auch die Initiative der Hauseigentümer ein. Für ein paar Minuten waren Waldheim und der Rest Falkensees wieder vereint.

Das gab sich. Schon als WBV-Geschäftsführer Horst Jorgas anhob, er habe 2116 Kilometer Gräben zu unterhalten, aber nur 26 Mitarbeiter, die jetzt schon restlos überlastet seien, schlug ihm wieder hörbarer Unmut entgegen. Dass und warum die Lage kaum zu bessern ist, wollte im „Kronprinz“ niemand hören, und Jorgas’ Zugeständnis, viele Gräben seien in katastrophalem Zustand, quittierte das Publikum nur mit Hohn. „Ihre Probleme sind uns Wurst! Tun sie etwas“ riefen ihm die Waldheimer zu, und sofort taten sich auch die Gräben im Auditorium wieder auf, die sich im Gegensatz zu denen fürs Grundwasser im Laufe des Abends stetig vertieften. Nun nahm die Debatte zuweilen skurrile Züge an: Einer forderte den Austritt aus dem Wasser- und Bodenverband, ein anderer wollte die Einführung eines Wasserwirtschaftsministeriums erzwingen und eine Frau bekannte, ein trockener Keller sei ihr wichtiger als jedweder Umweltschutz. Als sich dann zwei Herren hochroten Kopfes wechselseitig quer über den Saal zuriefen „Der Kanal ist voll!“ – „Nein, ist er nicht!“, war zumindest für Heiko Müller der Kanal voll: Er nahm seine Mitarbeiter in Schutz, die teilweise harsch und persönlich angegriffen wurden, versprach „weiterhin alles Menschenmögliche“ zu tun, um das Problem zu mildern, kündigte an, sich mit der Bahn in Verbindung zu setzen, weil der Waldheimer Manfred Eckert einen zu hoch gelegenen Durchlass an der ICE-Strecke als Ursache für die Überschwemmungen ausgemacht hatte und wischte im Übrigen die Drohung Betroffener vom Tisch, sie ließen sich die Sanierungskosten von der Stadt zurückzahlen: „Da mache ich ihnen rechtlich wenig Hoffnung.“ Dann löste er die Versammlung nach zweieinhalb Stunden auf, und alle gingen recht unbefriedigt nach Hause. Bis auf den Herren, der Flugblätter für einen Falkenseer Pumpenhändler und Abpumpservice verteilt hatte. Er lächelte.

Erschienen am 17.05.2008

Der Sommer ist eröffnet

Samstag, 17. Mai 2008

Freizeit: Offizielle Badesaison startet / Waldbad Falkensee seit Pfingsten offen / Solaranlage heizt das Wasser

Zum Saisonstart wartet das Waldbad mit einer Solaranlage auf, die das Wasser heizt. Schon in den ersten Tagen tummelten sich Hunderte im Bad.

FALKENSEE „Na toll“, sagt Markus, und in seiner Stimme liegt alle Resignation der Welt, „das kann ja ein Spaß werden“. Genau genommen war es schon ein Spaß: Der Spaß, ohne Sonnencreme einen Ferientag im Waldbad her umgetobt zu haben. Jetzt zeigt die Haut auf Markus’ Schultern einen Farbton, um den ihn selbst die Falkenseer Feuerwehr beneiden würde, an den ersten Stellen pellt es sich bereits. Am Morgen war er noch ganz munter: „Glück gehabt, wenig Sonne, trotzdem warm – dann ist es ja kein Problem, dass ich das Zeug vergessen hab“, rief der Zwölfjährige über den Platz. Das war ein Irrtum.

Es ist zeitweise wirklich etwas kühl unter den alten Eichen und Linden im Waldbad, so dass sich die rund 40 Kinder durch Herumtoben warm halten oder ins 24 Grad warme Wasser verschwinden, um sich aufzuwärmen. Dass das vermeintlich kühle Nass wärmer als die Luft ist, verdanken die Badegäste der neuesten Errungenschaft: einer Solaranlage, die die Kraft der Sonne nutzt, um das Badewasser auf Temperatur zu bringen. Hunderte Meter Schlauch liegen dazu auf den Dächern der Wirtschaftsgebäude. Durch eine Spezialfolie hindurch heizt die Sonne das Wasser auf, eine Umwälzanlage mischt den bis zu 30 Grad warmen Vorlauf dann dem Badewasser bei.

Davon profitieren zurzeit vor allem die frühen Schwimmer, die vor der Arbeit ein paar Runden durchs Becken kraueln oder die Schulklassen, die morgens zum Schwimmunterricht antreten. Wegen der noch kühlen Nächte mussten sie zuvor in 18 bis 20 Grad kalte Fluten steigen, nun lässt sich die Müdigkeit in 22 bis 24 Grad warmem Wasser etwas sanfter vertreiben – vorausgesetzt, die Sonne schien am Vortag.

Offiziell wurde die Anlage erst gestern abgenommen, in Betrieb war sie aber schon seit Donnerstag, dem Tag, an dem in Brandenburg offiziell die Badesaison eingeläutet wurde. Die letzten Handgriffe erledigten die Installateure somit während des laufenden Betriebes, denn das Waldbad öffnete am Pfingstsonnabend seine Pforten. Es war ein fulminanter Auftakt: Wegen des sommerlichen Wetters war das Bad am verlängerten Wochenende durchweg rappelvoll. Ab Dienstag ging der Ansturm dann trotz Ferien ein wenig zurück.

Es sind fast ausschließlich Kinder, die in der Ferienwoche tagsüber das Waldbad besuchen. Als gäbe es eine unsichtbare Schranke am Eingang, die niemanden über 13 Jahren hineinlässt – es sei denn, er käme mit Kindern oder Enkeln. So übt sich dann auch eine Großmutter im stilvollen Frösteln unter den Lüstern der Kastanien, während sie der Enkelin beim Planschen zusieht. Die Jugendlichen jedenfalls kommen offenbar erst später am Tag.

„Genau genommen kommen die sogar nicht“, sagt Bademeister Matthias Kwanka. Das Alkoholverbot, der frühe Badeschluss um 20 Uhr und der Umstand, dass das Waldbad weder abgelegen noch verborgen ist, lassen die wirklich coolen Jungs und Mädchen eher auf den Nymphen- oder den Falkenhagener See ausweichen. Zum Schaden des Waldbads ist das nicht: Trotz der Horden planschender Kinder sieht es dort außerordentlich gepflegt, ja fast idyllisch aus. „Und ein sicherer Badespaß ist es auch noch“, betont Matthias Kwanka. Zumindest, solange niemand die Sonnencreme vergisst.

Erschienen am 17.05.2008


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