Archiv für die Kategorie „Kolumne“

Risiken und Nebenwirkungen

Samstag, 6. Juni 2015

Ich mag meinen Hausarzt. Wirklich. Er hört tatsächlich zu, nimmt sich Zeit, stellt differenzierte Diagnosen. Doch vor das Gespräch mit dem Arzt haben die Götter die Tresenkraft gesetzt. Nach einer statistisch abgesicherten, repräsentativen Studie, durchgeführt von – nunja: mir, verhält sich die Abwehrgewalt der Praxisschwester direkt proportional zur Freundlichkeit des Arztes. Als ich ob fieser Nebenwirkungen eines Medikaments dieser Tage meinen zuhörenden Arzt konsultieren wollte, scheiterte ich. Mal wieder. Vermutlich werden Praxishilfen irgendwo industriell gefertigt, in einem Werk, in dem auch Kampfdrachen der Einsatzklasse gezüchtet werden. Dort lernen sie, wie man den Zugriff auf den Arzt verteidigt, als gelte es den Weltfrieden. Das Fatale daran ist: Vermutlich kann sich der Arzt nur deshalb soviel Zeit nehmen, weil er diesen Drachen beschäftigt. Ein Dilemma. Der Arzt lagert seine dunkle Seite an den Tresen aus und produziert so eine Nebenwirkung, vor der keine Packungsbeilage warnt.

Märkische Gastlichkeit

Mittwoch, 6. Mai 2015

Ein Restaurant, irgendwo dort, wo die Mark am schönsten ist. Es gibt etwas mit einem Kollegen zu feiern. Und es gibt Spargel. Mit Zander. Wunderbar – auf der Haut gebraten, außen kross, innen saftig. Fehlt nur noch ein passender Weißwein zum Glück. Aber so ist das mit dem Glück – es versteckt sich gern. Die Karte listet Bier, Schnaps und Sekt, dann endet sie abrupt. Nun gut. Wir haben einen Beruf mit Kommunikationshintergrund, also kommunizieren wir. Freundlicher Wink zur Kellnerin.
„Haben Sie auch Wein?“
„Ja.“
(Innerer Klaps auf den Hinterkopf. Jan, du bist in deiner Heimat. Hier sagt man auch „ja“ und geht weiter, wenn du fragst, ob jemand eine Uhr dabei hat, statt dir die Zeit zu nennen. Frag halt richtig!)
„Nur, weil in der Karte keiner steht.“
„Wir haben aber welchen.“
„Schön.“
„…?“
„Ähm… was haben Sie denn?“
„Roten und weißen.“
„…?“
„…!“
„Es soll zum Spargel schon weißer sein. Was bieten Sie da genau?“
„Trocken und halbtrocken.“
(Okay, Jan, sieh ein, du hast verloren:)
„Dann unbedingt den trockenen, bitte!“
Die Kellnerin, im Weggehen, mit dem Rücken zum Gast: „Ist auch ein guter. Ein österreichischer Kerner. Sortentypisch. Feine Säure, gute Frucht.“
Dumpfes Geräusch, als mein Kopf auf die Tischplatte aufschlägt.
Ich liebe mein Heimatland.
Meistens.

Werben für Fortgeschrittene

Sonntag, 14. Dezember 2014

Dass sich kein Mensch um den Aufkleber „Keine Werbung” am Briefkasten schert — geschenkt! Die Einwerfer wollen das Zeug halt loswerden. Dass ein Name am Kasten nur begrenzt auf das Alter seines Trägers schließen lässt und ich daher täglich Angebote für Pflegedienste, Demenz-WGs und Inkontinenzeinlagen aus demselben fischen und mit spitzen Fingern in den Papierkorb befördern darf — was soll’s! Wir leben halt in einer überalternden Gesellschaft. Ja selbst dass ein zweifelsfrei einen Mann ausweisender Vorname nicht davor schützt, Angebote zur Brustvergrößerung dort vorzufinden, kann mit etwas gutem Willen noch als sinnvolle Einwerfung bezeichnet werden — schließlich kann es ja sein, dass der so beschenkte Herr diesen Eingriff einer Dame empfehlen oder gar spendieren möchte. Doch als ich gestern den Flyer: „Analphabetismus ist keine Schande. Trauen Sie sich!” nebst Rufnummer vorfand, war selbst meine Verständnisschwelle für dämliche Werbung eindeutig überschritten. Wie, um alles in der Welt, soll ich den Zettel denn lesen können?

Gefühls- statt Geldspender

Montag, 24. November 2014

Geldautomaten erzeugen für gewöhnlich entweder keine Gefühle, wenn sie tun, was sie sollen — das dauerklamme Konto weiter schröpfen — oder nur drei: Ärger (wieder defekt), Wut (hohe Gebühr, weil Fremdbank) und Verzweiflung (Karte einbehalten, weil Konto überzogen). Gleich sieben Gefühle zahlte dem Autor indes jener Automat aus, der ihm gestern, obgleich zweifelsfrei auf „50 Euro” gedrückt, 1000 Euro in die Hände schob. Zuerst: Schreck! So viel Geld, was tun? Dann: Hoffnung. Was, wenn dank eines Wunders der Technik nur 50 Euro vom Konto abgebucht wurden, trotz des großzügigen Aufschlags von 1900 Prozent bei der Auszahlung? Schnell zum Kontoauszugsdrucker. Dort: Enttäuschung. Wirklich 1000 Euro abgebucht. Daher: Trauer. Wäre so schön gewesen. Schließlich: Ratlosigkeit — und nun? Der Blick fällt auf den Geldeinzahlungsautomaten direkt daneben: Erleichterung. Zwei Minuten später sind 950 Euro wieder eingezahlt und ausweislich des Kontoauszugsdruckers auch verbucht. Falls das alles eine Technikpanne war — Entrüstung: Schämt Euch! Falls das Absicht ist, um in Zeiten niedriger Zinsen mehr Dispozinsen einzunehmen, trotzdem Entrüstung — netter Versuch, aber: Schämt Euch!

Paranoia für Profis

Freitag, 21. November 2014

Mit dem Verfolgungswahn ist das eine zweischneidige Sache: Eine skeptische Grundhaltung ist grundsätzlich gut, doch professionelle Paranoia ungerecht, gefährlich und selbstzerstörerisch? Die vergangene Woche bot ein buntes Potpourri zwischen beiden Extremen, und wir überlassen es gern Ihnen, die jeweiligen Ereignisse auf der Skala von „Völlig richtig!” bis „Total daneben!” einzuordnen. Im Folgenden unsere Nominierten:

Kandidat eins: Die Zaunverschwörung . Vor einem winzigen Teilstück des umstrittenen döpfnerschen Zauns rund um den Park der Villa Schlieffen ließ die Stadt am Montag vier Zaunfelder aufstellen — weil dort das „Straßenbegleitgrün” (für Nichtverwaltungsleute: Rasen) am Hang instandgesetzt werden müsse und diese Baustelle der Absicherung bedürfe, sagt die Stadt. Die korrespondierende Verschwörungstheorie ist — das sind sie meistens, die Verschwörungstheorien — etwas komplizierter: Sie geht davon aus, dass der Baubeigeordnete mit der Bürgerinitiative gegen den Zaun (BI) sympathisiert. Die BI plakatiert ihren Protest ja gern am Bauzaun, was illegal ist. Fortgeschrittene Verschwörer sagen nun, der Baubeigeordnete habe seine Verwaltung angewiesen, einen Zaun vor den Zaun zu stellen, weil dieser dann öffentlich wäre und damit die BI legal plakatieren könnte. Alles klar? Gut. Dann arbeiten Sie jetzt nur noch die Information ein, dass die Stadt auch an diesem Zaun keinerlei Plakate duldet und einen Antrag der BI auf eine Plakatierungsfläche im öffentlichen Raum abschlägig beschied. Aber wer weiß schon, ob das stimmt oder einfach nur behauptet wird, um die Öffentlichkeit zu täuschen?

Kandidat zwei: Das Mercure-Mirakel . Da wurden sieben renommierte Landschaftsarchitekten damit beauftragt, den Lustgarten schöner zu machen, zu beleben und ihn mit dem Schloss zu einem Ensemble wachsen zu lassen. Nun legen sie ihre ersten Entwürfe vor und — große Überraschung! — keiner kann sich vorstellen, dass ein Ensemble aus Schloss und Garten das Plattenbauhotel verträgt. Auch hier haben Sie jetzt zwei Möglichkeiten: Sie können einfach davon ausgehen, dass quer zur Achse stehende rostige Plattenbauten bei Landschaftsplanern selten Anklang finden oder die komplexere Theorie zu Rate ziehen, nach der entweder 1. die böse Stadt nur Büros ausgewählt hat, die keine Platten mögen, 2. die Büros neben der offiziellen Aufgabenstellung noch eine inoffizielle bekommen haben, nach der sie das Hotel unbedingt ausradieren müssen oder 3. dem Linkenfraktions-Chef folgen, der sagt, die Bürgerwerkstatt zum Lustgarten sei manipuliert, Stimmen zum Erhalt des Hotels würden systematisch unterdrückt und solche zum Abriss systematisch bevorzugt.

Keinerlei Verschwörungstheorie brauchen Sie übrigens, wenn Sie einfach nur feststellen, dass der ganze Workshop von vornherein ein rund 520 000 Euro teures Feigenblatt zur Legitimation des Hotelabrisses ist. Das haben wir schon mehrfach so kommentiert. Und wir sind natürlich jedweder Paranoia von Berufs wegen völlig unverdächtig.

Statistik macht depressiv

Donnerstag, 20. November 2014

Gefühlte und reale Wahrscheinlichkeiten klaffen oft auseinander. So sind etwa Flugzeuge statistisch das sicherste Verkehrsmittel und Autos das gefährlichste. Trotzdem leiden Millionen Menschen an Flugangst, aber in unser täglich Blech steigen wir ohne feuchte Hände. Es ist auch wahrscheinlicher, von einem Kometen getroffen zu werden, als den Lotto-Jackpot zu knacken. Trotzdem träumen die Menschen deutlich häufiger davon, was sie mit 48 Millionen Euro anstellen würden, als sie im Freien bangen Blickes nach oben schauen. Wer sich nun aber einen dunklen, nieselnasskalten Novembernachmittag mit einem Blick auf solche Zahlen aufhellen möchte, lernt schnell, dass Statistik auch keine Lösung ist. Die verrät nämlich auch, für Über-35-Jährige sei es wahrscheinlicher, einem terroristischen Anschlag zum Opfer zu fallen als jetzt noch einen Partner zu finden. Betroffene sollten besser fest hoffen, dass diese Statistik in Arabien erhoben wurde. Das wäre schon allein deshalb tröstlich, weil es dort wenigstens warm und hell ist. Das Schicksal wäre dann zwar immer noch ein mieser Verräter, aber zumindest ein gerechter.

Spaßverderber überall — und der Norden entschwebt

Samstag, 1. November 2014

Der Begriff Schaumschläger gilt gemeinhin als ein wenig negativ besetzt. Hobbyfotografen, Kinder und Erwachsene, die sich das Kindliche bewahrt haben, dürften am Dienstagabend kurzzeitig anderer Meinung gewesen sein, als ein Spaßvogel mit einer Flasche Spülmittel den Springbrunnen auf dem Luisenplatz zum Überschäumen brachte: Manche knipsten, andere schlitterten und wieder andere lieferten sich eine Schaumschlacht. Nur die Stadtverwaltung zeigte mal wieder keinen Humor, die ollen Spielverderber. Die sagten doch wirklich, dass der Wasseraustausch teuer ist und viel Arbeit macht und schickten den Brunnen vorzeitig in den Winterschlaf. Kann man denn hier nicht mal öffentliches Gut fürs Privatvergnügen missbrauchen, ohne dass gleich wieder einer meckert? Spießig, diese Stadt.

Diese Spießigkeit ist nun nicht neu, Potsdam führt ja auch den zweifelhaften Ruf, Deutschlands einzige Landeshauptstadt ohne Rotlichtviertel zu sein. Und nur die parlamentarische Opposition wendet an dieser Stelle ein, dass Rot-Rot im Stadtschloss genug Rotlichtbestrahlung ergebe. Jedenfalls hatte Potsdam jetzt zumindest einen Mini-Puff im Plattenbau, und gleich gibt es wieder Spaßverderber, die dagegen protestieren, bloß weil sie keine Nacht mehr schlafen können und die Lust der anderen ihnen keine bereitet. Und natürlich macht die spaßbremsende Justiz mit und vertreibt die Damen — quasi durch den Aus-Puff. Die sind allerdings ausge-buff-t und längst in den Schlaatz weitergezogen. Wie man mit dieser Mentalität jedenfalls mehr Touristen in die Stadt bekommen will, bleibt uns schleierhaft: Schaumpartys — nö! Rotlicht — nö! Kinder, so geht’s nicht weiter! Nur von Sanssouci könnt ihr nicht ewig leben. Da hilft auch Steven Spielberg nicht weiter. Der bleibt ein paar Wochen, und zieht von hinnen. Etwas mehr Nachhaltigkeit im Spaßleben der Stadt wäre wirklich wünschenswert.

Bei größeren Projekten die Bürger zu befragen, ist eine sehr gute Idee. Sie sind die Experten vor Ort und haben nicht selten Ideen, auf die Stadtplaner am Schreibtisch nie kämen. Auf Bürgerversammlungen hingegen kann der Beobachter schnell Freund der repräsentativen Demokratie werden. Schwächere Gemüter wünschen sich in diesen Momenten sogar eine Diktatur. Zu theoretisch? Gut: Dass der Verkehr von und nach Norden ein Problem ist, für das bislang niemand eine Lösung hat, ist weidlich bekannt. Dass die Idee des Baudezernenten, den Autofahrern mittels Staus ihr Gefährt so sehr zu verleiden, dass sie freiwillig Rad oder Bus fahren, auch noch nicht der Weisheit letzter Schluss sein kann, ebenso. Doch was tun? Eine U-Bahn schlug allen Ernstes jemand auf einer Bürgerversammlung vor, und als man ihm erklärte, dass das wohl etwas teuer würde, schwenkte er auf Schwebebahn um. Wir meinen: Warum nicht gleich den Transrapid, von dem hat man lange nichts gehört. Und Großtrappenvorkommen zwischen Potsdam und Golm sind bislang auch nicht bekannt.

Aus der selben Feder stammt auch die Idee, in Golm eine Kita zu errichten, um einen sonst von Überbauung bedrohten Bolzplatz zu retten. Das ist eine wunderschöne Logik. Mit ihr könnte man auch eine Hauptfeuerwache in Golm bauen, um den Löschteich nicht austrocknen zu lassen. Oder einen Springbrunnen, weil noch eine Flasche Spüli übrig ist.

Allein auf verlorenem Lustposten

Samstag, 25. Oktober 2014

Wer nichts hat, der ist in der Regel neidisch auf die, die was haben. Das ist menschlich, aber auch tragisch: Kaum ist der soziale Abstieg da, schießt sich der Abgestiegene mit dieser wenig sympathischen Regung noch weiter ins Aus. Nun ist das keine neue Erkenntnis, doch sie wurde von der FDP — die Älteren unter Ihnen werden sich erinnern, das ist eine Partei, die früher in vielen Landtagen und sogar im Bundestag vertreten war — in dieser Woche mustergültig durchexerziert hat.

Fast wäre uns deren Mail durchgerutscht, da niemand mehr etwas mit dem Kürzel FDP anfangen konnte, aber ein Redaktions-Urgestein erinnerte sich dann dunkel, also schauten wir hinein — und lernten. Als erstes lernten wir, dass der Oberbürgermeister demnächst eine Lustreise macht. Doch, wirklich, das steht da so. Und zwar nach Sansibar. Dass er dahinfliegt, wussten wir längst, dass es eine Lustreise ist, nicht. Wir kannten als Lustreise-Destinationen bislang nur Thailand und einige Gegenden in Lateinamerika, in denen Menschen in übel beleumdeten Gegenden ihr Geschlecht gegen Bares feilbieten. Aber gut, wir sind ja Journalisten geworden, weil man in dem Job täglich dazulernt.

Dann lernten wir, dass diese Reise unglaublich teuer sein muss. Die FDP verweist nämlich darauf, dass die Lustreise angesichts der Bettensteuer, des fehlenden Geldes für Kitas und Verkehr, „unvertretbar” ist. Nun tritt der Oberbürgermeister ja nicht dahin, sondern er fliegt, und wenn es denn wirklich eine Lustreise ist, so dürfte sie dem Verkehr ja durchaus förderlich sein (Fremdenverkehr, Luftverkehr), aber sei dem, wie ihm wolle, wenn ein Verzicht auf die Reise wirklich die Bettensteuer überflüssig macht und dafür sorgt, dass die Kitas, die ja allein mithilfe von Lust am Verkehr gefüllt werden, besser finanziert werden können, sind wir auch entschieden gegen die Reise. Lust hin oder her. Wie sie mit 11 400 Euro Kitas, Verkehr und Betten finanzieren will, sagt die FDP indes leider nicht. Auch finden wir es ungewöhnlich, dass man Lustreise mit der Ehefrau antritt, aber da sind sie halt liberal, die Liberalen.

Besonders peinlich sei, dass die Reise mit dem Ziel einer Klimapartnerschaft begründet würde, fährt die FDP fort. Wer das Klima schützen wolle, dürfe nicht um die halbe Welt fliegen. Wir haben dieses Argument mal kurz zu Ende gedacht und sind drauf gekommen, dass es dann auch keine Klimakonferenzen mehr gäbe, denn es ist eher unwahrscheinlich, dass über 200 Staats-Chefs zu den jeweiligen UN-Gipfeln geradelt kommen. Auch meinen wir uns zu erinnern, dass die FDP einst, als sie noch mitregierte, 50 Klimapartnerschaften mit südlichen Staaten forderte. Heute indes fordert sie von der Stadt, den „ökologischen Fußabdruck” zu berechnen, den der Oberbürgermeister auf seiner Reise hinterlässt. Wie man einen Fußabdruck bei etwas hinterlassen soll, das „unvertretbar” ist — und zu dem man fliegt, nicht läuft —, das haben wir zwar auch nicht verstanden, aber das hat sicher wieder was mit Verkehr zu tun.

Auffallend bleibt in jedem Fall, dass von 56 Stadtverordneten nur der eine FDP-Abgeordnete etwas gegen die Reise zu haben scheint. Alle anderen, selbst die Opposition, selbst jene in der Opposition, die alles, was vom Oberbürgermeister kommt, schon deshalb ablehnen, weil es vom Oberbürgermeister kommt, selbst wenn sie es kurz zuvor noch selbst vorgeschlagen haben — alle 55 anderen also, sie haben Lust auf die Partnerschaft in Sachen Klima und Verkehr.

Einfach mal Mut zum Weglassen fassen

Samstag, 20. September 2014

Manchmal sind es ja die kleinen Meldungen, die die großen Trends enthalten. So war dieser Zeitung in dieser Woche zu entnehmen, dass es in Nuthetal einen Informationsabend für Eltern gibt. Dort erfahren sie, was sie „einfach mal weglassen sollten, um weniger schwierig zu sein”. Wir finden: Das ist eine interessante Frage, die sich nicht nur Eltern stellen sollten. Man kann so vieles weglassen und wird dann gleich viel angenehmer für seine Zeitgenossen. Und für sich selbst.

Den besten Beweis lieferte noch am selben Tag der Polizeibericht: Demzufolge wollte ein 30-Jähriger in Potsdam einen sehr handfesten Streit schlichten und bekam beim Versuch ordentlich eine — sehen Sie uns die grobe Formulierung nach, es ist dies ein Fakt — aufs Maul. Hätte er diese völlig überflüssige Bemühung doch einfach mal weggelassen, die Streitenden hätten ihn als deutlich weniger schwierig empfunden. Und der Schlichter müsste jetzt nicht morgens seine Zähne nachzählen.

Gerüchten zufolge wollte die Stadtverwaltung in dieser Woche gegen einen Zaun rund um einen Park vorgehen, der dort eine Baustelle schützt. Das entsprechende, geharnischte Schreiben an den prominenten Bauherren wurde aber noch rechtzeitig kassiert, als sich die Presse zu interessieren begann. Schließlich saniert der Mann auf eigene Kosten ein Stück Weltkulturerbe, was die Schlösserstiftung mit eigenen Mitteln nicht gekonnt hätte. Gerade gegenüber prominenten Einwohnern möchte die Stadt sehr gern weniger schwierig sein, denn andernfalls werden die sehr schnell weniger großzügig. Da ist das wohlgezielte Weglassen von bösen Briefen ein probates Mittel.

Einfach mal weglassen könnten auch diverse Interessengruppen diverse Studien, die objektiv erhobene Daten so präsentieren, dass sie ins Kalkül des Auftraggebers passen. Die Immobilienfinanzierungstochter der Postbank etwa hat die Preise und die zu erwartende Wertsteigerung von Eigentumswohnungen in ganz Deutschland vermessen lassen. Aus diesen Daten hat sie dann geschickt zweierlei abgeleitet: In Regionen, wo Wohnungen billig sind — und daher auch bis 2025 nicht an Wert gewinnen oder sogar verlieren werden, empfiehlt sie dringend den Kauf, denn hier könnten selbst Geringverdiener die Finanzierung (bei wem wohl?) leichterhand stemmen. In Regionen, wo Wohnungen indes sehr teuer sind — Potsdam hat es hier im gesamten Osten mal wieder auf einen beklemmend schönen zweiten Platz gebracht —, empfiehlt sie dringend den Kauf, denn hier ist die Wertsteigerung so hoch, dass sich auch eine etwas aufwendigere Finanzierung (beim wem nur?) rechnet. Und in Gegenden, wo die Wohnungen mittelteuer sind und einen „ausgewogenen Chancen-Risiken-Mix” bieten, da empfiehlt sie überraschend — den Kauf! Denn hier stehen Finanzierungsaufwand (beim wem denn nur?) und Wertzuwachs in einem sehr gesunden Verhältnis. Blöd für die Postbank ist nunr, dass Journalisten Pressemitteilungen nicht einfach aus der E-Mail in den Artikel kopieren, sondern so umschreiben, dass der Leser das einordnen kann. Wenn man die Journalisten einfach wegließe, wäre Pressearbeit vermutlich auch weniger schwierig. Sorry, Jungs!

Glauben wir noch einmal dem Polizeibericht, dann können manche auch einfach mal etwas weglassen, wenn es schwierig wird. Das ist eine Spielart des selben Prinzips für Fortgeschrittene. Genauer gesagt: Für Fortgelaufene. Als nämlich am Mittwoch ein Rollstuhlfahrer bei roter Ampel die Straße in der Innenstadt überquerte und mit einer notbremsenden Tram zusammenstieß, ließ er das Gefährt einfach zurück und flüchtete zu Fuß. Ob es sich jetzt um Fahrer- oder Läuferflucht handelt, diese Information lässt die Polizei leider weg. Vermutlich, weil es zu schwierig zu ermitteln ist.

Wunder moderner Kommunikation

Mittwoch, 20. August 2014

Da ruft mich kürzlich jemand an, mir eine Telefonnummer durchzugeben. Er erwischt mich im Auto, weshalb der Anruf über Bordlautsprecher und -mikro abgewickelt wird, denn das Handy hat sich brav drahtlos mit dem Autoradio verbunden. Ich habe weder eine Hand frei noch einen Kuli in Griffnähe und bitte daher darum, die Telefonnummer per SMS zu senden. Das gehe nicht, sagt der Anrufer, denn er rufe aus dem Festnetz an. Dann möge er die Nummer doch nach dem Gespräch per Handy senden, schlage ich vor. Der Anrufer muss auch hier passen: Da, wo er gerade sei, habe er kein Netz. Deshalb rufe er ja im Übrigen vom Festnetz aus an. Kurze Ratlosigkeit auf beiden Seiten, die sich in meiner Frage löst, ob er mir eine E-Mail mit der Nummer senden könne — oder gebe es dort auch kein Internet? Doch, Internet gebe es. Hörbare Erleichterung. Wir haben eine Lösung. Die Mail kommt dann auch. Allerdings erst am nächsten Tag und: leer. Schon will ich resigniert zurückrufen — per Festnetz, versteht sich, mit gezücktem Kuli — da entdecke ich, dass die Mail einen Anhang im Gepäck führt — ein Bild. Ich öffne es und sehe: die gewünschte Nummer, eingescannt von einem handgeschriebenen Zettel. Lang lebe die Technik!


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