Archiv für die Kategorie „Portrait“

Eine Lücke in Rolfs Revier

Samstag, 3. Mai 2014

Er wäre um ein Haar PDS-Oberbürgermeister geworden, saß im Bundestag, leitete den Bauausschuss — nun geht Rolf Kutzmutz

Potsdam — Es war vor Jahren, einer jener zweiwöchentlichen Abende im Raum 405, einem flachen Konferenzraum mit dem Charme eines zu groß geratenen Baucontainers der 1960er Jahre. Die Luft war schlecht, die Stimmung schlechter. Man hatte sich mal wieder vier Stunden lang über Pflaster und Mercure gezofft, es war längst alles gesagt, nur noch nicht von jedem. Da beugte sich eine Besucherin, die erstmals dem zweifelhaften Vergnügen erlag, einer Sitzung des gefürchteten Potsdamer Bauausschusses beiwohnen zu dürfen, zu einem neben ihr sitzenden Journalisten und stellte genau zwei Fragen: „Zu welcher Partei gehört eigentlich der Vorsitzende, und wie hält er das aus?”

Dreizehn Worte, ein Ritterschlag für und eine Charakterisierung von Rolf Kutzmutz zugleich. Die erste Frage ist leicht beantwortet: Kutzmutz ist Linker, mit ganzem Herzen, wie er sagt. Die zweite Frage gibt selbst ihm Rätsel auf. „Vermutlich habe ich einfach Erfahrung und ein ausgeglichenes Naturell”, sagt er lächelnd. Das darf durchaus als Understatement gelten. Kutzmutz führte den Bauausschuss, der eigentlich nur mit paramilitärischen Mitteln zu leiten ist, über Jahre mit einer präsidialen Überparteilichkeit und Sachorientierung, die ihm nicht nur fraktionsübergreifenden Respekt sicherte, sondern dem chronisch zerstrittenen Haufen doch zuweilen sogar Ergebnisse und Beschlüsse abtrotzte.

Ob er dabei Nerven gelassen habe? „Nerven?” fragt Kutzmutz mit gequältem Lächeln, „Eher Lebensjahre.” Das will etwas heißen. Denn der 66-Jährige, der mit der Kommunalwahl endgültig aus der Politik ausscheidet, hat in seiner langen Laufbahn Ämter bekleidet, die stressiger sein könnten: So war er von 2003 bis 2005 Bundesgeschäftsführer der PDS, von 1994 bis 2002 PDS-Bundestagsabgeordneter, wirtschaftspolitischer Sprecher seiner Fraktion und in den Bundestagsausschüssen für Wirtschaft und Sport. Auch als Parlamentarischer Geschäftsführer diente der Potsdamer der PDS.

Den Rückzug aus der Politik habe er lange geplant, sagt Kutzmutz, der sich zwar aus dem aktiven Dienst verabschiedet, den „homo politicus” aber nicht aufgeben kann. Einen langen Anlauf habe er genommen, die Stadtfraktion schon vor langer Zeit informiert. Man kann zwar Kutzmutz aus der Politik entlassen, aber nicht die Politik aus Kutzmutz: „Ich habe mich nie vor etwas gedrückt, vor keiner Auseinandersetzung, auch wenn ich selbst gar keine Schuld hatte”, sagt er. Das habe am Ende viel Kraft gekostet. Hinzu kamen Gesundheitssorgen und „die Entdeckung, dass es noch mehr Dinge im Leben gibt”. — „Noch mehr Dinge” sind vor allem die bald fünf Enkel seiner drei Kinder, auf die Kutzmutz unüberhörbar stolz ist. „Mehr Dinge” sind auch der Sport, für den Kutzmutz schon immer brannte — er passte und dribbelte als einziger Linker in der fraktionsübergreifenden Bundestagsmannschaft und lieferte manchmal sogar CSU-Abgeordneten eine Steilvorlage — und das Boxen. Rolf Kutzmutz hat alles von und weiß alles über Muhammad Ali. Alle Bilder, alle Bücher, alle Videos aller Kämpfe. Sein Vater, selbst Hobbyboxer, nahm Rolf Kutzmutz häufig zum Boxen mit, weil er „nicht hart genug war”. Von 1961 bis 1966 wurde so aus dem Leichtgewicht Kutzmutz ein Boxer mit linker Führhand und rechten Haken.

Wenn Politiker sagen, sie hätten sich nie in Funktionen gedrängt, sie seien immer gebeten worden, so darf das für gewöhnlich als Teil politischer Standard-Lyrik gelten. Kutzmutz indes nimmt man es ab — obwohl die Liste seiner Ämter bis in die Bundespolitik hinauf ziemlich lang ist. Nur die Kandidatur zum Potsdamer Oberbürgermeister 1993, das räumt Kutzmutz ein, sei von ihm aktiv betrieben worden. „Das war eine Trotzreaktion”, sagt er. 1993 galten PDS-Politiker als Vertreter der ausgedienten DDR, Kutzmutz wollte zeigen, dass die PDS „keine SED im demokratischen Mäntelchen” war. Der Aufschrei, der nach seinem erfolgreichen ersten Wahlgang folgte, in dem er Amtsinhaber Horst Gramlich (SPD) weit hinter sich ließ, sorgte dafür, dass er im zweiten Wahlgang verlor. Denn dass da in einer ostdeutschen Landeshauptstadt ein PDS’ler und Ex-Stasi-IM schon mit einer Backe auf dem Oberbürgermeistersessel sitzt, hatte nicht nur die nationale Presse, sondern auch die Wähler mobilisiert. Doch durch den Erfolg im ersten Wahlgang macht Kutzmutz in seiner Partei Karriere, man rät ihm, um ein Bundestagsmandat anzutreten, was er 1994 prompt erringt und zweimal verteidigt. Dass er 2005 nicht aufgestellt und 2009 auf einen aussichtslosen Listenplatz geschoben wurde, gehört zu schmerzvollsten Momenten in Kutzmutz’ Politikerleben.

Er kämpft gegen Andrea Wicklein (SPD) 2009 um ein Direktmandat und verfehlt es nur um 200 Stimmen. Das habe ihm eine Genugtuung gegeben, aus eigener Kraft „so nah heran gekommen zu sein”, sagt er heute. Fotos zeigen, wie er Wicklein umarmt, um ihr zum Wahlsieg zu gratulieren. Da ist er wieder, der Gutmensch Kutzmutz, dem manche Genossen „mangelnde Bissigkeit” vorhielten — ein Vorwurf, mit dem der Gescholtene gut zu leben weiß. „Diskreditierung und Unter-die-Gürtellinie sind meine Sache nicht”, sagt der 66-Jährige schulterzuckend. Er habe stets versucht, im politischen Gegner den Partner zu sehen und nie unterstellt, dass der andere immer den Knüppel hinterm Rücken trage. Das hat ihm einige Beulen eingebracht, doch trotzdem hat Rolf Kutzmutz im Haifischbecken der großen Politik überlebt. Wie es ihm gelungen ist, selbst dort, im Bundestag, diesen Glauben an die gute Absicht des anderen hochzuhalten, zwischen Intrigen und Lobbyisten, das kann er selbst nicht so recht erklären. „Der Wunsch, immer gemocht zu werden” und die Technik, „immer an das Gute im anderen zu glauben”, das sind „so Stichpunkte”. Genau das fiel Kutzmutz in letzter Zeit selbst auf kommunaler Ebene zusehends schwerer. „Der Politikstil und die Politiker ändern sich stark. Selbstdarstellung und -profilierung nehmen zu. Ich erkenne oft nicht mal mehr den Versuch, den anderen zu verstehen”, sagt er. Das ist im kleinen Potsdamer Bauausschuss, der auch „Rolfs Revier” genannt wird, nicht anders als in der großen Politik.

Die Rente will Kutzmutz nun zum Schreiben nutzen. Keine Autobiografie, sondern über wichtige Begegnungen, für seine Enkel zum Nachlesen. Denn Begegnungen waren das, was für Kutzmutz den Politikerberuf, den er nie als Beruf begriff, ausmachten: mit Menschen wie Stefan Heym, Gregor Gysi und Fidel Castro, aber auch Menschen aus anderen sozialen und ideologischen Hintergründen wie dem Unternehmer Hans Wall.

Es war einer jener zweiwöchentlichen Abende im Raum 405, vor vier Tagen, die 99. und letzte Sitzung des Bauausschusses. Die Luft war schlecht, die Stimmung schlechter. Man hatte sich mal wieder vier Stunden lang gezofft, über Kleingärten und Brauhausberg, es war längst alles gesagt, nur noch nicht von jedem. Kutzmutz war wegen Krankheit entschuldigt. Da beugte sich ein langjähriges Mitglied des Ausschusses zu einem hinter ihm sitzenden Journalisten und sagte mit Leidensmiene nur einen Satz: „Er fehlt schon jetzt.”

Der Buchstabenbäcker

Mittwoch, 7. März 2012

Friedrich Althausen erfindet Schriften / Seine „Vollkorn“ hat im Internet bereits Karriere gemacht

Von der Erotik geschwungener Linien, der Todsünde der Fettung und den Avancen einer Suchmaschine.

Mit den Schriften, sagt Friedrich Althausen, sei es wie mit Frauen: auf die Kurven komme es an. Er sagt das ganz ernst, ohne zweideutiges Lächeln, und schwärmt dann von der Faszination der Buchstaben, vom Kribbeln in den Fingern, wenn der Bogen an einem B besonders schwungvoll gelungen ist, wenn an der Serife des kleinen l, dem Rand am Buchstabenende, genug „Fleisch“ – genug Dicke – dran ist, wenn beim Betrachten einer Buchseite der „Grauwert“, das Verhältnis von Schwarz und Weiß, ausgewogen wirkt und sich Ober- und Unterlängen der einzelnen Lettern zu einem harmonischen Bild ergänzen. „Wen dieses Feuer gefangen hat, der sehnt sich künftig danach“, sagt Friedrich Althausen, und in dem sonst zwar engagiert, aber eher kühl wirkenden Gesicht zeichnet sich eine Leidenschaft ab.
Der 30-jährige Schriftgestalter hat auf Hermannswerder Abitur gemacht und ist dann nach Weimar gegangen, um an der Bauhaus-Universität Mediengestaltung und Visuelle Kommunikation zu studieren. Seit einem Jahr ist er zurück in Potsdam und arbeitet als Typograf und Schriftgestalter. Schon im Studium begann Friedrich Althausen mit einer Schrift, die er „Vollkorn“ nannte – weil es sich um eine „Brotschrift“ handelt. „Brotschrift“ nennen Schriftsetzer eine Alltagsschrift für längere Fließtexte. Da sich Althausens Schrift als zurückhaltend und klassisch, aber eben auch kräftig, kernig und robust präsentierte, habe der Name Vollkorn nahegelegen, trotz der schlechten internationalen Vermarktbarkeit, sagt er. Althausen stellte die Schrift ins Internet und erlaubte jedem die kostenlose Nutzung. Unter Schriftfreunden erfreute sich die Vollkorn schnell einiger Beliebtheit, viele forderten auch eine fette und eine kursive Version – einen „Schnitt“ – der Schrift. Unter Buchstabengourmets gilt die rein digitale Schrägstellung oder Fettung einer Grundschrift nämlich als Todsünde, da dabei die Proportionen und Formen verloren gehen. Vor dieser Arbeit drückte sich Friedrich Althausen zunächst – eine Schrift zu schaffen und zu perfektionieren, kann Jahre dauern –, bis eines Tages eine E-Mail vom Internetriesen Google in seinem Postfach landete, die er fast als Werbemüll aussortiert hätte. Dort bot ihm ein Google-Mitarbeiter an, die Schrift in eine neue Schriftendatenbank des Unternehmens zu stellen, die auch jedem Nutzer kostenlos offen steht. Da sich Google aber mit Vollkorn schmücken wollte, zahlte das Unternehmen ihm 1000 Dollar für jeden Schnitt, wenn er noch die anderen Schnitte kursiv, fett und fett-kursiv dazuerfände. In einem dreimonatigen Gewaltakt war das vollbracht, und auch die schon vorher begeisterten Vollkorn-Freunde freuten sich über den Zuwachs. „Ich mag, wie edel die Kursive daherkommt, und ich mag, wie selbstbewusst die Fettschrift sich breit macht“, schwärmt Stefan Niggemeier, Medienjournalist und viel gelesener Internetblogger von der Vollkorn, die er für die Renovierung seiner Internetseite nutzte: „Markant, aber unaufdringlich; gediegen, aber kein bisschen maniriert“. Ein bisschen hat er damit auch Friedrich Althausen beschrieben, der zwar stolz auf den Erfolg der Vollkorn ist, mit seinen Schriften aber gern sein Brot verdienen würde. Bislang füllt er sein Konto hauptsächlich mit der Gestaltung und Illustration von Büchern und Plakaten. Eine neue, diesmal kommerzielle Schrift ist aber schon in Arbeit – sie basiert auf alten Drucken der DDR-Kinderbuchreihe „Knabes Jugendbücher“, die Althausen im Zuge seiner Diplomarbeit neu auflegte.

Erschienen am 07.03.2012

Ohne Hang zum Krawall

Donnerstag, 23. Februar 2012

Johannes von der Osten-Sacken ist Berufsrichter und seit kurzem FDP-Fraktionschef

Von der rhetorischen Keule hält er wenig: Mit stiller, kluger Sacharbeit will der neue Fraktions-
chef Wähler gewinnen.

Es macht ihm sichtlich Spaß. Fast weidet er sich ein wenig daran, an der Reaktion auf diesen Kontrast aus Form und Inhalt, aus Erwartung und Überraschung. Denn formal wirkt Johannes Ullrich Theodor Baron von der Osten genannt Sacken wie die Fleischwerdung des konservativen, statusbewussten Richters nach süddeutscher Prägung: Adelstitel, Siegelring mit Familienwappen, Trachtenhut, Cordsakko. Doch dann staunt der Besucher über das für einen Vorsitzenden Richter am Landgericht kleine Büro, und von der Osten-Sacken sagt ganz leichthin: „Für mich reicht’s, ich habe keinerlei Repräsentationsbedürfnisse“ – und schaut genau hin, wie dieser Satz aufgenommen wird. Er ist ohnehin ein konzentrierter Zuhörer, der Herr Richter, auch wenn er dabei gern auf dem Stuhl lümmelt, was ihm – eingeräumtermaßen – auch im Gerichtssaal und – beobachtetermaßen – im Bildungsausschuss passiert. Doch sobald er Sätze sagt wie „Ich war früher ziemlich links, habe beim Protest in Wackersdorf am Zaun gerüttelt“, richtet er sich auf, und die Mundwinkel verziehen sich zu einem amüsierten Lächeln, das sagt: Das hätten Sie jetzt nicht gedacht, gell?
Ähnlich unprätentiös ist von der Osten-Sacken auch vor vier Monaten in seine neue Funktion als FDP-Fraktionsvorsitzender gerutscht – eine Partei, der er erst seit drei Jahren angehört und für die er bei der Kommunalwahl kandidierte, ohne große Ambitionen auf die Macht zu haben – sondern eher aus einer Art Pflichtbewusstsein. „Wenn ich mich aufstellen lasse und dann gewählt werde, dann nehme ich das Mandat auch an“, sagt er. Als dann im Spätherbst überraschend Martina Engel-Fürstberger als Fraktionsvorsitzende ausschied, rutschte von der Osten-Sacken nicht nur nach, sondern auch gleich auf den Chefposten der vierköpfigen Fraktion. „Ich habe mich nicht um den Vorsitz gedrängt“, sagt er – ein typischer Politikersatz, doch dem 51-Jährigen glaubt man es sogar. Die anderen Fraktionäre seien beruflich noch mehr eingespannt gewesen. Das mag stimmen, doch mit rund 1200 neuen Fällen im Jahr kann auch von der Osten-Sacken als Vorsitzender der Zivilkammer des Landgerichts über Langeweile nicht klagen. 3000 bis 4000 Aktenseiten muss er an manchen Tagen durchackern – „einen nicht vorbereiteten Richter erkennen Anwälte sofort und nutzen das zu ihren Gunsten“. Dagegen sind die Papierberge der Stadtverordnetenversammlung offenbar ein Kinderspiel.
Besonders aufgefallen ist von der Osten-Sacken im Plenar indes noch nicht, denn mit seiner eher besonnenen und an den Fakten orientierten Art ist der Kontrast zur Vorgängerin, die auch mal die rhetorische Keule herausholte, wenn sie es für angebracht hielt, recht ausgeprägt. Sein Credo laute eher „beobachten, analysieren, ausgleichen, bescheiden“. Ob das für die Außenwahrnehmung einer Partei, die bundesweit eine einmalige Krise durchlebt, genügt? „Ich empfinde es oft als zielführend“, sagt Osten-Sacken, ganz Jurist. Die Stadt vernünftig zu verwalten sei wichtiger als Krawall, etwa: für einen ausgeglichenen Haushalt zu sorgen. Gerade in einer Kooperation aus vier Parteien sei niemandem gedient, wenn man laut „Diebstahl!“ rufe, sobald eine andere Fraktion den eigenen Antrag übernimmt. Man könne dann auch „Super, dass ihr unserer Meinung seid“ sagen. Er hat halt wenig Repräsentationsbedürfnisse, der Herr Baron.

Erschienen am 23.02.2012

Mit Links und mit der Lupe

Donnerstag, 2. Februar 2012

Armenischer Kartograph malte die erste Potsdam-Karte seit 150 Jahren

Den ohnehin schon unzähligen Stadtplänen werden jedes Jahr ein paar neue hinzugefügt – manche davon benötigen aber einen hohen Aufwand.

Ein gutes Jahr lang hat Ruben Atoyan gebraucht, um Potsdam unter der Lupe auferstehen zu lassen – hauptsächlich das heutige Potsdam, an manchen Ecken das künftige, an anderen das frühere. Mittlerweile kennt sich der Armenier in der Stadt besser aus als mancher Fremdenführer oder Architekt, denn jedes Dach, jede Gaube, jeder Straßenbaum ging einmal durch seine linke Hand. Der 58-Jährige malt dreidimensionale Karten aus der Vogelperspektive, er ist Kartograph und Künstler zugleich, und ganz nebenbei auch promovierter Naturwissenschaftler. Seine Verlegerin sagt, sein Schnuller müsse ein Bleistift gewesen sein, denn schon mit drei habe er erste Skizzen gezeichnet, mit sechs einen Mondatlas. Über 80 Karten von Atoyan sind veröffentlicht, sein jüngstes Werk ist nun eine Karte Potsdams. Fünfmal hat er die Stadt dazu besucht, ist sie in vielen, 45 Kilometer langen Gewaltmärschen mit dem Skizzenblock abgeschritten und hat schließlich noch eigene Fotos und Videos zu Hilfe genommen. Das Ergebnis ist im großen B1-Format zu bewundern – als Touristenkarte mit Straßenverzeichnis, als Wandposter und als Faltplan mit Leselupe und Geschenkumschlag, herausgebracht vom polnischen Verlag „Terra Nostra“. Während der Vorbereitungen zum 1000. Geburtstag Danzigs traf Ruben Atoyan die Verlegerin Elzbieta Kuzmiuk, die sein Talent für ihren Verlag urbar machte – eine fruchtbare Zusammenarbeit: Schon zweimal bekam Atoyan den Oscar der Kartografen, den Preis der Internationalen Gesellschaft kartographischer Verleger – für seine Panoramen von Venedig und Berlin.
In Potsdam stellte sich zunächst die Frage, ob nur die historische Innenstadt vom Brandenburger Tor bis zur Nikolaikirche oder ein größeres Areal abgebildet werden soll. Weil die Arbeit so zeitaufwändig und detailgenau ablaufen muss, beschränkt sich Ruben Atoyan für gewöhnlich auf die Stadtzentren. Doch in Potsdam hätte das bedeutet, sowohl die Schlösser und Gärten als auch die Seen auszusparen, und das brachte der Armenier nach eigenem Bekunden nicht übers Herz – obgleich es bedeutete, dass die Potsdamer Karte eines seiner größten und zeitaufwändigsten Projekte wurde. Nun sind 34 Quadratkilometer vom Neuen Palais bis zum Schloss Babelsberg abgebildet.
Als besondere Herausforderung erweist sich die Perspektive, sagt Atoyan. Es gilt, einen Winkel zu finden, der möglichst viel abbildet, ohne dass vordere Gebäude hintere verdecken. Ruben Atoyan wählte für Potsdam Winkel zwischen 30 bis 45 Grad über der Horizontlinie. Trotz moderner Werkzeuge wie Google Maps muss er dabei aus der Straßenperspektive die Vogelperspektive denken – was nicht nur künstlerische, sondern auch geometrische Meisterschaft verlangt.

Erschienen am 02.02.2012

Die alten Fehler bauen

Dienstag, 11. Oktober 2011

Mit dem Architekten Martin Reichert auf Rundgang in Semmelhaacks jüngstem Viertel: „Potsdam lernt nicht dazu“

Die architektonische Qualität des neuen Wohngebietes am Bahnhof wird gern gescholten – wir baten Chipperfield-Direktor Martin Reichert um eine Expertise.

Der große Mann – Martin Reichert misst knapp zwei Meter – kommt ganz unprätentiös mit der S-Bahn in Potsdam an. Keine Limousine, kein Chauffeur. Zwar pendelt Reichert derzeit beständig zwischen Südkorea, Berlin und Russland, den Dauer-Jetlag sieht man ihm aber nicht an: Der Architekt wirkt, als habe er zuvor noch einen Termin beim Herrenausstatter gehabt. „Wir wollen doch heute sozialen Wohnungsbau besichtigen, da hielt ich die S-Bahn für angemessen“, kommentiert er die Wahl seines Verkehrsmittels mit feinem Lächeln.
Sozialer Wohnungsbau – das stimmt nicht ganz. Reichert, Direktor des Berliner Büros des Star-Architekten David Chipperfield, will an diesem Tag das „City-Quartier“ der Firma Semmelhaack am Bahnhof einer kritischen Würdigung unterziehen. Im Gestaltungsrat der Stadt fällt der Architekt, der für Chipperfield das „Neue Museum“ in Berlin behutsam restaurierte und dafür seither mit nationalen und internationalen Preisen geradezu überschüttet wird, stets durch seine glasklaren, schneidend scharfen Analysen auf. Diesmal hat er sich bereit erklärt, mit der MAZ ein umstrittenes Projekt zu besichtigen. An Stigmen mangelt es dem „City-Quartier“ auf dem Gelände des ehemaligen Reichsbahnausbesserungswerkes nicht: Von „gesichtsloser Büroarchitektur“ bis zu „maximaler Verwertung“ lauteten die Anwürfe, etwa im Bauausschuss.
Mit dem Architekten kommen auch die Tropfen. Kaum verlässt Reichert den Bahnhof, geht ein Regenguss nieder. Mit den Worten „Ich bin ziemlich wetterfest“ lehnt er einen angebotenen Schirm ab. Dann ist es wohl auch nur Regen und keine Träne der Verzweiflung, was ihm mitten im 85 000 Quadratmeter großen Areal über das Gesicht rinnt. Die erste Runde absolviert Reichert weitgehend schweigend, nur einmal entfährt ihm ein „Diese Dichte ist wirklich grenzwertig!“ 639 Wohnungen hat Semmelhaack in fünf Geschossen auf die Fläche gequetscht.
Vom Balkon eines Penthouses lässt Martin Reichert den Blick über das gesamte Areal schweifen: über den L-Riegel, dessen langer Schenkel parallel zur Bahn verläuft, über die mit drei U-förmigen Blöcken vollgestellte Mitte, schließlich das halbrunde Seniorenheim, das den massiven Block an der Friedrich-Engels-Straße zum Bahnhofsvorplatz hin öffnet. Der Blick geht ausschließlich über betongraue Flachdächer. „Die Dachlandschaft ist speziell“, sagt Martin Reichert, während er sich den Regen aus der Stirn wischt. Er betont „speziell“ in einer Art, dass es wie „katastrophal“, „monströs“ oder „schauerlich“ klingt, doch der 43-Jährige mit dem hanseatisch wirkenden Charme nähme solche Worte nicht in den Mund. Immerhin inspiriert ihn der Anblick zu einem Zwischenfazit: Alles sei sehr ökonomisch und effizient gebaut und daher lobenswert, befindet Reichert, andererseits könne man nicht verkennen, dass der Bauherr die Gewinnmaximierung über alles gestellt habe. Es fehle allerorten an Raffinesse, beim Material und den Oberflächen, alles sei günstig und ohne Liebe zu den Details entstanden. Das könne man allerdings nicht dem Architekten anlasten, sondern dem Kostendruck, den der Bauherr verordne. Das Viertel sei architektonisch vom Funktionalismus der 1920er und 1970er Jahre inspiriert, stehe in der Tradition des nüchternen sozialen Wohnungsbaus. Dem stünden allerdings die hohen Kaltmieten zwischen neun und zehn Euro entgegen: „Für 5,50 Euro würde man es loben können.“
Reichert findet noch mehr Lobenswertes: Die rigide Abwendung von der Bahn – nach hinten haben die Wohnungen nur Bad und Abstellräume sowie eine gute Lärmdämmung – findet seinen Beifall, auch die Laubengänge, die zu den Wohnungen führen, hält er für eine gute Idee. Die minimalen Freiflächen im City-Quartier seien „immerhin gestaltet“, wenn auch wenig nutzbar. Da es ohnehin Tiefgaragenplätze in großer Anzahl gibt, hätte Reichert das Parken auf den wenigen Freiflächen nicht gestattet. Auf einer dieser „Freiflächen“ stehend, dreht er sich einmal im Kreis: „Diese Dichte ist trotzdem an der Grenze des Erträglichen. Wer das genehmigt hat“, murmelt er kopfschüttelnd.
Wer eine Erdgeschosswohnung gemietet hat, bekommt von Martin Reichert das Bedauern obendrauf. Deren Mieter schauen nicht nur auf grauen Beton, wohin sie auch blicken, sondern auch noch auf die wenig einladenden Tiefgaragenfenster. Völlig unverständlich bleibt dem Architekten, warum die Terrassen im Erdgeschoss mit Dachgrün „verunstaltet“ wurden, statt sie mit Rasen einladend zu gestalten. Außerdem kann dank eines Metallgeländers den Bewohnern jeder auf die Strandliege oder den Grill schauen. Sichtschützende Mauern gibt es sinnloserweise nur zwischen den einzelnen Terrassen. Den eigentlich Schuldigen benennt Martin Reichert erst etwas später beim Tee. Vorher hat er den unvermeidlichen Architektenschal ausgewrungen. Von der Stuhllehne tropft die Jacke. „Das ist alles typisch Potsdam“, resümiert der Architekt, der nicht nur ein Jahr Gestaltungsratserfahrung in die Waagschale werfen kann, sondern sich auch schon zuvor bestens in den Bauten der Stadt auskannte. „Ein so großes Gebiet wäre anderswo nie ohne Bebauungsplan gelaufen. Dort wäre auch die mögliche Dichte festgelegt worden, und zwar eine deutlich geringere“, sagt er. Während Potsdam im historischen Bestand seit der Wende alles richtig gemacht habe, umsichtig, sensibel und mit hohem materiellen Aufwand vorgegangen sei, gebe es bei Neubauten stets eine nachlaufende Debatte, weil vorher nicht reguliert werde, sondern schlicht „vollgestellt“ – ein Fehler, der der Bauverwaltung anzulasten sei. Er sieht auch durch den Gestaltungsrat kein Umdenken dort, obwohl er dem Baudezernenten großes Engagement bescheinigt. „Das Traurige ist doch, dass die schlechten Erfahrungen, etwa mit dem Bahnhof, nicht dazu führen, dass es künftig besser wird. Potsdam wiederholt die alten Fehler, verkauft ohne Auflagen, ohne kleinteilige Parzellierung“, so Reichert. Er erregt sich nicht, sagt es ganz kühl. Und was hätte er zum City-Quartier gesagt, wenn es ihm im Gestaltungsrat vorgestellt worden wäre? „Dass es in diesem Umfeld nicht so problematisch ist, wie es in der Innenstadt wäre, dass die lieblose Gestaltung akzeptabel wäre, wenn die Mieten gering wären, dass das Farbkonzept höchst fragwürdig ist. Es sei denn, man mag betongrau“. Dann geht Reichert zurück zur S-Bahn. Korea wartet. Wo seine Jacke hing, ist eine kleine Pfütze.

Erschienen am 11.10.2011

Ostalgie zu Schlussverkaufspreisen

Montag, 7. März 2011

Messe: „Ostpro“ in der Metropolishalle war gut besucht / DDR-Produkte beliebt

Einkaufen wie im Konsum: Von Tempo-Linsen bis Röstfein-Kaffee.

POTSDAM | Geruchstechnisch ist die Messe „Ostpro“ eine Enttäuschung: „Hier gibt’s zwar Filinchen und Rondo Melange, aber es riecht trotzdem wie im Intershop“, stellt ein älterer Herr beim Betreten der Metropolishalle fest. Zwei Tage lang verkaufen rund 60 Anbieter typische Ostprodukte, neue Produkte unter typischen Ostmarken oder schlichtweg Regionales aus den nicht mehr ganz so neuen Bundesländern. Dem Besucherinteresse tut das 20 Jahre nach der Wende keinen Abbruch – rund 10 000 Gäste drängen sich laut Veranstalter an beiden Tagen in die Halle, ein bisschen Schlangestehen inklusive. Aber das gehörte in diesem Fall ebenso zum Flair wie der sehr moderate Eintritt von zwei Euro. Das Stimmengewirr ist leicht sächsisch gefärbt, der Altersschnitt liegt deutlich über 60 – Ostalgie ist kein Teenagerphänomen.
Gekauft werden weniger die Produkte als vielmehr das „Früher“-Gefühl, das sich in stark am Original gehaltenen Verpackungen manifestiert, deren Inhalt letztlich ein bisschen egal ist. Filinchen etwa gibt es mittlerweile in der „Kakao und Kokos“-Variante („hatten wir ja früher beides nich“) oder mit Dinkel („kannt’ ick damals nich“), sie gehen aber im Siebener-Pack wie geschnitten Brot über die Theke. Gleiches gilt für Tempo-Bohnen, -Erbsen, und -Linsen, für die sich die Leute mit Plastikkörben („Kein Rundgang ohne Korb“) der alten Zeiten wegen brav in die Schlange reihen, und es gilt auch für Plauener Spitze, Lausitzer Glanzbalsam (putzt Schuhe, Möbel und Bildschirme), Sarisal-Salz, Moskauer Eis im Butterpapier, Badusan-Schaumbad, Nautik-Rasiercreme und Elsterglanz. Inka Bause wirbt auf Plakaten für Röstfein-Kaffee, der inzwischen aus richtigem Kaffee besteht und sogar als Espresso und Cappuccino zu erwerben ist. „Das Original würd’ ich heute nicht mehr runterkriegen“, sagt eine Frau, die gerade für 42 Euro am Stand eingekauft hat. Sie kauft weniger die Produkte als „so ein Heimatgefühl“, wie sie bekennt.
Nach soviel Osten ist der Stand des „Neuen Deutschland“ gefühlsmäßig auch korrekt, die Listen für das kostenlose Probeabo füllen sich wie von selbst, und wer schon dasteht, nimmt auch die DVDs mit den schönsten Auftritten des Erich-Weinert-Ensembles und dem Propaganda-Filmchen „Berlin – Hauptstadt der DDR“ gern mit. Das Standardwerk „Die Flachzangen aus dem Westen“, das Wessi-Manager beim Spatenstich in Deutschen Demokratischen Boden auf dem Cover hat, verkauft sich gut, daneben liegen Poesiebände von Eva Strittmatter und das gesammelte Werk von Hermann Kant. „Von solchem Andrang aufs ND hätte Erich geträumt“, kommentiert ein Mann in der Schlange selbstironisch. „Welcher – Honecker oder Mielke?“, fragt sein Nebenmann. „Ist doch egal!“.
Das trifft’s. Zwischen Drei Haselnüssen für Aschenbrödel, Pittiplatsch und Bambina-Schokolade, deren Hauptzutat von gemahlenem Ostseesand längst auf echten Kakao gewechselt hat, schrumpft die Diktatur auf eine heimelig-lauwarme Warenwelt. Ob’s Erich – egal welchem – gefallen hätte, dass der ehemalige Klassenfeind die Arbeiter-und-Bauern-Produkte längst als Marketingfalle erkannt hat?
Der Konsument ist mittlerweile immerhin kritisch geworden. „Das gibt’s auch bei Kaufland, und zwar billiger“, ist ein oft gehörter Satz.

Erschienen am 07.03.2011

Showdown am Tag der Einheit

Mittwoch, 29. September 2010

Stichwahl: Beim Kampf um den Posten des Oberbürgermeisters in Potsdam gibt es eine Wiederauflage des Duells von 2002

Amtsinhaber Jann Jakobs und Herausforderer Hans-Jürgen Scharfenberg an einem ganz normalen Tag vor der Entscheidung.

POTSDAM| Wenn es wirklich stimmt, dass der frühe Vogel den Wurm fängt, dann sieht es gut aus für Hans-Jürgen Scharfenberg: Es ist erst kurz nach 5 Uhr morgens, als im Musikerviertel, einer Aufreihung von Einfamilienhäusern im Potsdamer Plattenviertel „Am Stern“, das Licht angeht. Kurz darauf fischt der schon sehr muntere Herausforderer drei Zeitungen aus dem Briefkasten – ein festes Morgenritual. In der Küche erhebt sich derweil ein Heidenlärm: Die Wellensittiche Bubi und Karli haben Starterlaubnis und erobern sofort die Lufthoheit über den Kaffeetassen. Mit der Lektüre von zwei Lokalzeitungen und dem unvermeidlichen „Neuen Deutschland“ versüßen sich Scharfenberg und seine Frau Ursula das Frühstück. Es ist, gerade jetzt im Wahlkampf zuweilen der eine oder andere harte Brocken Lesestoff darunter: Scharfenbergs IM-Tätigkeit in den 1980er Jahren verfolgt seine Kandidatur wie ein böser Schatten. „Eigentlich ist das nur ein mediales Problem“, sagt Scharfenberg zwischen zwei Bissen. „Im Gespräch mit den Bürgern spielt es fast keine Rolle.“ Kurze Zeit später fährt er in den Landtag.
Das Holztor in der russischen Kolonie Alexandrowka öffnet sich gegen 8.30 Uhr mit leisem Quietschen. „Das müsste mal gemacht werden“, sagt Amtsinhaber Jann Jakobs lächelnd. Es ist ein Satz, von dem Jakobs Herausforderer behauptet, er tauge auch als Motto für dessen erste Amtszeit. Auch Jakobs hat zu diesem Zeitpunkt bereits die Tageszeitungen und zwei Tassen Kaffee intus und macht sich zu Fuß auf den Weg zum Rathaus, vorbei an Touristengruppen, die in der milden Herbstsonne die Alexandrowka erkunden und nicht ahnen, dass der zügig schreitende Herr im Anzug der Oberbürgermeister ist. Seinem Herausforderer entkommt er selbst bei diesem Gang am frühen Tag nicht – exakt 17 Mal lächelt Hans-Jürgen Scharfenberg von Laternenpfählen und fordert bezahlbare Wohnungen und sanierte Schulen. Er ist ihm in den letzten acht Jahren keinen Tag von den Fersen gewichen. 122 Stimmen trennten Jakobs und Scharfenberg bei der Stichwahl 2002, den Schreck hat der Amtsinhaber nie ganz vergessen – lag er doch nach dem ersten Wahlgang fast 15 Prozent vor seinem Verfolger. Dass das Duell dieses Mal auf den Tag der Einheit fällt, macht die Sache noch eine Spur brisanter: Dann streiten ein Ostfriese und ein ehemaliger IM um die Hoheit über Ostdeutschlands boomende Landeshauptstadt.
Das Büro ist klein und bis unter die Decke mit Akten vollgestopft. Kein Familienfoto, kein persönlicher Gegenstand, lediglich eine Autogrammkarte des Volleyballteams, dessen Vorsitzender Hans-Jürgen Scharfenberg ist, schmückt die Wand von Raum R606 im Landtag. Und nur ein Wahlplakat des Herausforderers an der Tür weist darauf hin, dass die Tage zwischen Wahl und Stichwahl eben nicht politische Routine sind. Es wirkt ein wenig, als hänge es zur trotzigen Selbstvergewisserung dort. Denn natürlich weiß im Landtag jeder, dass Hans-Jürgen Scharfenberg einen zweiten Anlauf auf den Rathausthron unternimmt. Sie zählen ihn hier ohnehin zum Mobiliar: Seit 1991 arbeitet er auf dem Brauhausberg, zunächst als Angestellter der Fraktion, dann als Abgeordneter. Mit Fleiß und Unermüdlichkeit hat er sich den Ruf eines Innenexperten erworben, sagen die Kollegen anerkennend. Es sind derselbe Fleiß und dieselbe Unermüdlichkeit, mit deren Hilfe sich Scharfenberg auch in der Stadtpolitik einen umfassenden Durchblick erarbeitet hat.
Scharfenbergs Vormittag gehört der parlamentarischen Routine: In der Fraktionssitzung geht es um Agrarstrukturen und Finanzen. Zwischendrin ein schnelles Mittagsmahl in der Landtagskantine, Scharfenberg kommt auf dem Hinweg vor grüßen kaum zum Reden, referiert und gestikuliert zwischen Kassler und Rosenkohl sowie einem Sturzkaffee über die Gestaltungsmöglichkeiten, die ihn am Oberbürgermeisterposten reizen, dann Grußmarathon zurück in die Sitzung, denn bei der Polizeireform ist der Innenexperte gefragt.
Den Amtsinhaber erwartet zunächst die „kleine Morgenlage“. Büroleiter, Chefsekretärin und Pressesprecher planen den Tag. Hinter verschlossenen Türen tagt kurz darauf die Beigeordnetenkonferenz. Danach Treffen mit dem Vorsitzenden der Stadtverordnetenversammlung, um die nächste Sitzung durchzusprechen. Es herrscht Einigkeit, nur über die Nichtöffentlichkeit eines Tagesordnungspunktes ist der Präsident anderer Meinung und sagt das auch deutlich. Jakobs reagiert, wie er immer reagiert, wenn ihm Anwürfe drohen. Er lehnt sich zurück, trommelt nervös mit den Fingern auf der Tischplatte und schaut zuweilen in die Luft. Man einigt sich schließlich, verschiedener Meinung zu bleiben, dann geht der Herr Präsident, dafür kommt der Büroleiter mit einem Stapel Akten: Terminabstimmungen. Zirkusfreikarten? Werden gespendet. Bitten um Grußworte: werden gewährt. Einladungen ohne Grußworte: werden wohl abgewogen und verworfen. Flüche, wenn wichtige Termine zeitgleich liegen. Es ist Oberbürgermeisteralltag, doch Jakobs hat sichtlich Spaß am Dirigieren mit leiser Stimme. „Zu Hause muss ich das manchmal abstellen“, sagt er aufblickend, „da ermahnt mich meine Frau des Öfteren, dass ich nicht immer Chef bin.“ Über ablehnen, zusagen, Vertretung schicken verrinnt die Zeit. Drei Tassen Kaffee später ist es früher Nachmittag, ein Termin mit Schülern im Rathaus steht an. „Haben Sie schon was gegessen?“ fragt die Sekretärin. „Nee, keine Zeit. Aber oben gibt’s ja Kuchen.“
Hans-Jürgen Scharfenberg schwärmt indes in seinem Büro vom Gestaltenkönnen. Opposition mache Spaß, doch brauche er stets die dreifache Energie, um etwas durchzusetzen, was er als Oberbürgermeister mit einem Anruf erledigen könnte. Scharfenberg kann Fragern konzentriert zuhören, wirkt aber immer etwas ungehalten, sobald er zu wissen glaubt, worauf die Frage hinausläuft. Wenn er sich ärgert, zieht sich eine tiefe Falte quer über seine Stirn, als wollte sie den Kopf in zwei Scheiben spalten: Unten der Ärger, oben der Politprofi. Wenn Scharfenberg über die Potsdamer Politik redet, ist die Falte Dauergast auf seiner Stirn. Er bezichtigt den Amtsinhaber abwechselnd der Ignoranz und des Ideenklaus: 120 Millionen für die Sanierung der Schulen, ein „Freiland“ für die alternative Jugendkultur, kostenloses Schüleressen – „das alles waren unsere Ideen, für die wir jahrelang kämpften, und wenn sie dann endlich kommen, stellt sich der Jakobs hin und schlägt sich auf die Brust“. Scharfenberg presst die Sätze heraus, in der Stirnfalte könnten mittlerweile Schwalben brüten. Wenn es ganz schlimm wird mit dem Ärger, geht er zu Hause aufs Rudergerät. „Zehn bis 15 Minuten voller Einsatz, dann geht es wieder“, sagt er und lächelt. Die Stirn ist sofort geglättet. Wer Scharfenberg auf diesem Gerät sieht, könnte es mit der Angst zu tun bekommen: ums Material und die Knochen des Herausforderers.
Im Foyer des Rathauses wartet derweil die Schülergruppe aus der italienischen Partnerstadt Perugia auf Jann Jakobs. Seine Pressechefin instruiert ihn beim Hetzen über die Gänge, dass er die Lehrerin bereits kenne. „Wie hieß die gleich?“ Schulterzucken. Jakobs geht trotzdem auf die Dame zu, als habe man noch gestern Abend gemeinsam gefeiert, und als ihm jemand den Namen zuflüstert, fließt er in seinen nächsten Satz ein, als sei das das Natürlichste der Welt. Überhaupt läuft der Amtsinhaber bei solchen Artigkeiten zur Höchstform auf: Er rühmt die italienischen Einflüsse auf die Architektur Potsdams, und die Lacher gewinnt er, als er einräumt, dass das Potsdamer Nachtleben so aufregend sei, dass die Jugendlichen lieber nach Berlin führen. Dann geht er ansatzlos ins Standortmarketing über, preist Potsdam als Stadt der Medien und der Wissenschaft und muss auch schon wieder weiter. Den Kuchen hat er nicht angerührt, aber wenigstens auch keinen weiteren Kaffee getrunken. Sondern Wasser. „Das darf ich zu Hause sowieso keinem erzählen, diese Kaffeetrinkerei“, sagt der gebürtige Ostfriese.
Wären da nicht die Anrufe im Minutentakt, Hans-Jürgen Scharfenberg könnte jetzt für ein bis zwei Stunden Akten studieren. Stattdessen redet er darüber, worüber er am meisten reden muss und am liebsten nicht mehr redete: die Akte, jene Eisenkugel an seinem Bein, den Hemmschuh seiner Ambitionen. Als Innenminister wurde er nach der letzten Landtagswahl sehr ernsthaft gehandelt, doch: die Akte. Wie oft er wohl gedacht hat, die 122 Stimmen, die 2002 fehlten, wären ohne jene Akte leicht zu bekommen gewesen? „So denke ich nicht. Es ist, wie es ist.“ Glaubt er das wirklich selbst? Er belässt es bei einem undeutbaren Lächeln. Stattdessen fällt ihm ein, dass dem Amtsinhaber die Jacke des Oberbürgermeisters eigentlich zu groß sei. Er ist wieder auf sicherem Terrain.
Konfrontiert mit diesem Vorwurf, lächelt Jann Jakobs und überrascht mit einem Eingeständnis: Er habe in der Tat erst in die Oberbürgermeisterrolle hineinwachsen müssen, sagt er. Schließlich sei die Berufspolitikerrolle nichts, was er je angestrebt habe. In den oberen Zirkeln der Brandenburger SPD blieb er mit dieser Einstellung ein Außenseiter – als profunder Arbeiter geschätzt, aber nie offen für höhere Ämter gehandelt. Er habe zu Beginn seiner Amtszeit ständig das Gefühl gehabt, bei aufkommenden Problemen Feuerwehr spielen zu müssen, sagt Jakobs, „das hat sich gegeben“. Mancher wirft ihm das als Zögerlichkeit oder mangelnde Führung vor – der Amtsinhaber begreift es als Stärke. Früher habe er auch länger zugehört, das leiste er sich heute nicht mehr, sagt Jakobs.
Auf einem sandigen Radweg im Stadtzentrum haben sich eine Handvoll Protestierer gesammelt, um gegen die teure Asphaltierung des Weges zu protestieren. Sie haben große Plakate dabei, doch die Empörung will nicht so recht auf die Passanten überschwappen. Der Weg ist bei Regen ein Pfützenmeer und bei Trockenheit eine Staubwüste, Asphalt ist den meisten Radlern willkommen. Eigentlich ist er auch Hans-Jürgen Scharfenbergs Partei willkommen, denn die setzt sich seit Langem für besseren Verkehr in der Stadt ein und war im Bauausschuss für die Asphaltierung. Doch nun ist Wahlkampf, und Scharfenberg setzt sich mit einer Selbstverständlichkeit an die Spitze des Protestes, als habe er den Widerstand dagegen erfunden. Die SPD legt ihm das als Opportunismus aus – wo immer sich in der Stadt Widerstand regt, führt ihn Scharfenberg gern an, auch wenn er vorher anderer Meinung war. Scharfenberg ficht diese Kritik nicht an. Er wischt sie mit Argumenten weg: Der Asphalt ist teurer, die Art und Weise, wie die Stadt hier vorging, sei „Rambomanier“, das gehöre auf den Prüfstand.
Es ist Abend geworden. Während Jann Jakobs noch in gewohnter Eloquenz und ohne eine Minute Vorbereitung eine Ausstellung zur Rolle der Frau in Wohnungsgenossenschaften eröffnet und dabei die anwesenden Soziologinnen mit seiner Sachkenntnis verblüfft, gehört der Abend des Herausforderers erneut einer Fraktionssitzung der Linken – diesmal auf Stadtebene. Es gibt süßen Sekt auf das Resultat des Wahlkampfs und einen genauen Blick auf die Ergebnisse. Zu Hause arbeitet Scharfenberg an einem Programm für die ersten 100 Tage nach der Wahl und einem Brief an die Wähler. Um 22.30 Uhr erlischt das Licht im Musikerviertel. In der Alexandrowka brennt es noch bis kurz nach Mitternacht. Nachdem er noch etwas Post bearbeitet hatte, überrascht Jakobs seine Frau mit einer Rückkehr vor 21 Uhr. Sie fragt ihn verdutzt: „Was machst denn Du hier?“

Erschienen am 29.09.2010

Versehrt an Körper und Seele

Dienstag, 8. September 2009

Bildung: DDR-Dopingopfer berichtet am OSZ „Johanna Just“ aus seinem Leben

Dass mancher die DDR nicht unbeschadet am Charakter überstand, hatten die Schüler schon gehört. Bernd Richter erweiterte ihr Wissen ins Körperliche.

POTSDAM | Anschaulicher kann Geschichtsunterricht kaum sein. „So wie ich hier sitze, bin ich ein Produkt der DDR“, sagt Bernd Richter gleich zu Beginn.
Er meint damit nicht nur, wie das Land, in dem er aufwuchs, seinen Charakter prägte, sondern auch und in erster Linie seinen Körper. Einen Körper, der fast alle Knorpelmasse abgebaut hat, der unter einer schweren Gerinnungsstörung des Blutes leidet, mit Embolien und Thrombosen kämpft und zeitweise nur durch Morphium vom Druck der Schmerzen entlastet werden kann. Er hat sich wirklich nichts dabei gedacht, sagt Richter, und die Schüler des Oberstufenzentrums (OSZ) „Johanna Just“ in der Berliner Straße glauben es ihm, als er, der begabte Sportler, der familiären Problemen auf dem Sportplatz davonlaufen oder sie mit dem Diskus und dem Hammer von sich werfen konnte, in der Sportschule „Vitamintabletten“, „Eiweißpillen“ und „Spezialessen“ angedient bekam.
Es war Anfang der 70er Jahre, Richter war erst in der 9. Klasse und gerade in die Jugend-Nationalmannschaft gekommen – der Begriff Doping war noch nicht etabliert. Dass dem 15-Jährigen Brüste wuchsen, wurde mit dem „vermehrten Schwitzen“ beim Sport erklärt, wie auch andere hormonelle Probleme, die er lieber nicht vor den 18- und 19-jährigen Zuhörern, überwiegend Frauen, erzählt. „Was wir da bekommen haben, war noch nicht mal für Tierversuche zugelassen“, weiß Richter heute.
Es war ziemlich still in der Aula, als Richter seine Erzählung begann. Eingeladen hatte Bildungsminister Holger Ruprecht (SPD), der gestern auf „Kreistour“ war und nach einem empörten Brief einer Gymnasiastin, die DDR-Geschichte käme in Brandenburgs Schulen zu kurz, beschloss, die Sache in die eigenen Hände zu nehmen: Bereits zum 21. Mal trat der Minister in Sachen DDR-Geschichte nebst einem weiteren Zeitzeugen auf. Doch die recht glatt und glücklich verlaufene Vita des Ministers verblasst neben der brüchigen des Gastes: Die Dopingerfahrung war erst der Anfang.
Als er kurz darauf nicht nach Kuba zu einem Wettkampf reisen durfte, beschloss der 17-Jährige, über Ungarn und Jugoslawien in den Westen zu fliehen. Von einem Freund verraten, wurde er in Jugoslawien gefasst, was ihm tage- und nächtelange Verhöre in Budapest, in Berlin-Hohenschönhausen und der Potsdamer Lindenstraße einbrachte. Im dortigen Stasi-Untersuchungsgefängnis musste er ein halbes Jahr Einzelhaft erdulden, eine Qual, an der Richter auch hätte sterben können: Seinem Körper, der zehn Stunden Training am Tag gewohnt war, drohte bei so plötzlichem Trainingsabbruch Herzversagen.
Selbst nach der Entlassung aufgrund einer Amnestie wurde es immer nur vorübergehend besser: Ob in der Armee oder bei der GST (Gesellschaft für Sport und Technik), ob beim Versuch, sich selbstständig zu machen oder bei der Arbeit in der Potsdamer Bauverwaltung: Stets legten Stasi oder SED dem Unbequemen Steine in den Weg.
Die Schüler nahmen es mit Schrecken und fragten vergleichsweise viel nach. Einer bat gar um zusätzlichen Geschichtsunterricht zur DDR.

Erschienen am 08.09.2009

Warner vor einem beschlossenen Krieg

Samstag, 25. Juli 2009

Alan Chochiev floh aus Ossetien, als der Feldzug begann

Den Kontakt zur Familie und zu Gleichgesinnten hält der Historiker und Oppositionelle heute nur noch per Mail.

Sie kamen bei Nacht: Zwei maskierte Männer, schwer bewaffnet, stürmten Alan Chochievs Haus in Nordossetien. Der damals 62-Jährige hatte Glück, er war nicht zu Hause – dafür seine Mutter und zwei Enkel. Nachdem die Männer Chochiev nicht fanden und die Wohnung hinreichend verwüstet hatten, bedrohten sie seinen 13-jährigen Enkel mit der Pistole: „Wo ist Dein Großvater?“
Er kann noch heute nicht ruhig darüber sprechen. Chochievs ganze Gestalt, die sonst eher an einen Bären erinnert – gedrungen, massig, aber stets wachsam, die grauen Haare militärisch kurz geschoren – diese Gestalt, die sonst nahezu reglos auf dem viel zu kleinen Stuhl thront, gerät in Bewegung, wenn er sich an jene Szenen erinnert. Auch wenn er sie nur erzählt bekam. Er fuchtelt dann mit den Händen, der Stuhl unter seinem Körper ächzt bedrohlich, und seine Stimme wird laut. Die Nachbarn im Potsdamer Asylbewerberheim irritiert das zuweilen.
Chochiev war damals vorsichtig genug, selbst seiner Mutter nicht zu verraten, wohin er gegangen war. Der promovierte Historiker galt schon lange als persona non grata in seinem Heimatland Südossetien. Spätestens, seit er anlässlich einer Ordensverleihung in einem Zeitungsinterview sagte, Russlands Präsident Putin und der ossetische Premier Eduard Kokoity lassen es zum Krieg kommen. Die Botschaft war nicht neu: Immer wieder hatte Chochiev, der als Kulturanthropologe und ehemaliger Vorsitzender des südossetischen Parlaments einigen Ruhm und Einblick genoss, vor dem Krieg gewarnt, der „längst beschlossen war, um die Republik aus Georgien zu lösen und heim nach Russland zu holen“. Für solche Äußerungen war er nicht gut gelitten, und das Interview war eines zuviel: Die Journalistin, die es führte, verlor ihren Job, und nur die rechtzeitigen Warnungen wohlmeinender Nachbarn verhinderten, dass Chochiev inhaftiert und in ein russisches Gefängnis deportiert wurde. Er versteckte sich, kehrte aber einige Monate später zurück. Ein Fehler: Zuhause empfing ihn die Polizei mit einem Haftbefehl. Mit Hilfe eines Anwalts zog Chochiev noch einmal den Kopf aus der Schlinge. „Doch nun war mir klar: Wenn ich bleibe, gibt es zwei Möglichkeiten. Sie töten mich, oder sie sperren mich sehr lange ein.“
Als der Krieg im Spätsommer 2008 wirklich kam, ging er. Auf abenteuerlichen Pfaden floh Chochiev über Bratislava und Wien, wo er sich trotz der Flucht den Jugendtraum erfüllte, einmal in die Wiener Oper zu gehen. Er gelangte nach Potsdam. Deutschland war von vornherein sein Wunschziel, weil er wissenschaftliche Kontakte zur Heidelberger Universität hat. Doch die Mühen waren damit nicht zu Ende, sie änderten sich nur. Statt Ruhe zu finden und publizieren zu können, geriet er in den Umzugswirbel des Potsdamer Asylheims aus einer ruhigen, abseitigen Lage ins quirlige Plattenbauquartier. Aus dem Ärger darüber floh er in die Arbeit – ein druckfrisches Buch über Protosprachen und Religion auf seinem Nachttisch legt davon Zeugnis ab. Und er analysiert weiter die Zustände in Ossetien und den Krieg – unter anderem für die Moskauer Nowaja Gaseta, für die auch die ermordeten Journalistinnen Anna Politkowskaja und Natalja Estemirowa arbeiteten.
Den Kontakt zur Heimat hält Alan Chochiev über einen Laptop, den ihm ein Freund vor der Flucht schenkte – „das größte Geschenk meines Lebens“, wie er sagt. Pünktlich um 18 Uhr zieht seine Schwester in Nordossetien jeden Tag einen Schemel vor ihren Laptop, auf dem dann Chochievs 87-jährige Mutter Platz nimmt. Sie reden über das Wetter, die Politik und das Leben im „Ghetto Asylheim“, denn treffen können sie sich nicht: Mütterchen ist nicht mehr reisefähig, und Chochiev darf als Asylbewerber Potsdam nicht verlassen. Das schmerzt ihn am meisten, denn auch die so wichtige Teilnahme an Konferenzen ist dem Wissenschaftler damit versagt. Er kompensiert es, so gut es eben geht, über das Internet: liest russische Zeitungen, bloggt, videofoniert. Neben mehr Demokratie in Russland sind Reisefreiheit und etwas mehr Ruhe im Heim seine größten Wünsche.

Erschienen am 25.07.2009

Kallinchens radelndes Uhrwerk

Mittwoch, 19. November 2008

Menschen: Leser loben zuverlässige MAZ-Zustellerin

KALLINCHEN| „Eigentlich“, sagt Hannelore Siecke, „bin ich ja Langschläferin“. Das ist schwer vorstellbar, denn sechsmal pro Woche klingt ihr Wecker um 3.45Uhr – eine Uhrzeit, die viele Menschen bestenfalls mal an Silvester mit eigenen Augen auf dem Display sehen. Doch sie hat sich halt dran gewöhnt, die 62-Jährige aus Kallinchen.
Um 4.30Uhr kommen die Zeitungen an. Dann holt Hannelore Siecke ihr Fahrrad aus dem Schuppen. Wenn es nach Regen aussieht, packt sie die druckfrischen Blätter in Plastiktüten. „Ich mag das nicht, wenn die Zeitung nass auf dem Frühstückstisch liegt“, sagt sie. Dann geht es zuerst die Hauptstraße runter, in die Töpchiner Straße, die Burgstraße, die Straße zur Försterei, schließlich die andere Hälfte der Hauptstraße entlang, in die Seestraße und die Nebenwege. Etwa 70 Mal steigt Hannelore Siecke ab und wirft die MAZ ein, manchmal auch mit MazMail geschickte Post. Das macht sie mit der Präzision eines Uhrwerks. Nicht wenige Kallinchener stellen morgens ihre Uhr nach Hannelore Siecke. „Wenn ich mal krank werde, kommen alle zu spät zur Arbeit“, scherzt die Zustellerin. Das muss niemand fürchten: Nur einmal in zwölf Jahren fiel sie aus, und natürlich stand eine Vertretung bereit. Urlaub braucht Hannelore Siecke auch nicht, jedenfalls nicht fern der Heimat. „Kallinchen ist so schön, wir haben Seen, Wald und Hügel, warum sollte ich da weg?“ fragt sie, und ihr Blick verrät, dass das nicht ironisch zu verstehen ist.
Wenn es ausnahmsweise doch mal nicht ganz auf die Minute läuft, sind die Umstände schuld: Bei Eisglätte kommt der Fahrer oft später, und einmal entleerte der Dorn einer Akazie das Vorderrad ihres Drahtesels. Da ging Hannelore Siecke eben zu Fuß, ein Bekannter nahm sich derweil des platten Reifens an. Soviel Engagement wissen die Leser in Kallinchen zu würdigen: Nicht nur, dass sie ihre Zustellerin bei der MAZ lobten, bei nasskaltem Wetter bietet auch mal jemand einen Kaffee und im Sommer ein Glas Mineralwasser an.
Wo bei diesem Arbeitseifer eigentlich der Spaß bleibt? „Den habe ich“, sagt Hannelore Siecke – weil sie gern unterwegs ist, gern Menschen trifft und gern in der Natur ist. Nur einen Luxus gönnt sie sich ab und an: Wenn „In aller Freundschaft“ über die Mattscheibe flimmert, bleibt sie bis 22 Uhr statt bis 20.15Uhr auf. Dann ist sie morgens zwar müde, aber sie steht keine Sekunde später auf. Langschläfer hin oder her.

Erschienen am 19.11.2008


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