Archiv für die Kategorie „Märkische Allgemeine“

Inkonsistent

Donnerstag, 6. Januar 2011

Jan Bosschaart über die überraschende Idee, Potsdam könnte auf Geld verzichten

Es spricht überhaupt nichts dagegen, Politik für eine bestimmte Gruppe Menschen zu machen – seien es besonders arme oder besonders reiche, besonders ökologisch oder besonders ökonomisch denkende Menschen – wer von einer ausreichenden Zahl solcher Wähler in politische Verantwortung gehoben wird, darf, nein: muss ihrem Auftrag folgen. Besonders konsistent ist der jüngste Vorschlag der FDP, auf die Zweitwohnsitzsteuer zu verzichten, trotzdem nicht. Dass die Abschaffung der Steuer die Bürokratie verringern würde, ist zwar richtig. Dass aber 100 000 Euro pro Jahr so wenig Geld seien, dass man darauf leicht verzichten könnte, steht andererseits im Widerspruch zum sonstigen Sparwillen der Partei. Stattdessen wird die selektive Wahrnehmung der Liberalen deutlich: Sobald vor allem die eigene Klientel der Selbstständigen und Besserverdienenden entlastet werden könnte, darf gern auf Einnahmen verzichtet werden – etwa bei der Zweitwohnsitzsteuer oder den Stellplatzabgaben für Hausbauer. Sind aber die eigenen Wähler am Griebnitzsee von städtischen Ausgaben betroffen, etwa im Kampf um freie Uferwege, ist jeder bezahlte Euro einer zuviel. Klientelpolitik ist kein Schimpfwort, solange sie auch das große Ganze im Blick behält. Aber nur dann.

Erschienen am 06.01.2011

Was bleibt: Der Welt Lohn

Freitag, 17. Dezember 2010

Ja, wo ist nur, der Geist der Weihnacht? Da haben wir nun Schnee, Glühwein und Kommerz in Hülle und Fülle und reiben uns verwundert die Lebkuchenkrümel aus den Augen, weil sich das adventliche Gefühl partout nicht einstellen will. Fast scheint es, als fehle eine Zutat, aber welche sollte es sein, wenn das Wetter winterlich ist, der Magen voll und Defizite im Zwischenmenschlichen unter den Geschenkebergen sorgfältig kaschiert sind? Es ist, verzeiht den klerikalen Tonfall, Schwestern und Brüder, die Dankbarkeit, der wir entbehren. Dankbarkeit ist der Schlüssel zu adventlichen Gefühlen, Dankbarkeit ist das, was fehlt in dieser Stadt – im Großen wie im Kleinen. Fangen wir mit dem Großen an: Da plagt sich der Kämmerer seit Jahren mit dem Haushalt, dem er wie einer alten Zitrone durch gezieltes Wringen und Quetschen noch den einen oder anderen Tropfen Substanz abringt, welchen der gute Mann dann gewissenhaft mit einem kleinen Schälchen aufzufangen pflegt und an sicherer Stelle verwahrt, auf dass nichts verdunste. Kurz vor dem Fest der Liebe geht er, des stolzen Geschenkes froh, in eine „Haushaltsklausur“ genannte Weihnachtsfeier und eröffnet, während im Hintergrunde Händels Halleluja läuft, im Schein der Kerzen die frohe Botschaft: Wir haben Geld! Einen Überschuss! Preiset den Herrn der Doppik! Doch es kommt, wie es in jeder guten Familie kommt: Die sorgfältig ausgewählten Krawatten und Socken treffen nicht den Geschmack, das Geschenk ist zwar willkommen, aber nicht so, nicht jetzt, nicht auf diese Art. Früher hätte man es haben mögen, damit die Socken noch gegen neue Radwege, die Krawatten gegen kostenloses Kitaessen hätten getauscht werden können. Und dann kommen sie ihm mit Spielräumen, dem armen Kämmerer, die er ihnen genommen habe, mit arglistiger Täuschung, mit Lüge gar – ihm, der er stets nur, wenn auch mit einiger Verschlagenheit, der Stadt Bestes suchte! Hätten Sie danach noch Lust auf Gänsebraten und Rotwein im Kreise der Lieben? Eben. Undank ist des Ringens schmaler Lohn.
Ein Prinzip, das auch im Kleinen gilt. „Das größte Geschenk, dass Sie ihrem Leser machen können, ist es, ihm kulinarische Tipps zu geben. Testen Sie Restaurants und Kneipen, testen Sie Eis im Sommer und Glühwein im Winter“, so tönte es in Journalistenkreisen dieses Jahr laut von fern und nah. Da wir berufsbedingt ausgesprochen gern Geschenke machen, stürzte die MAZ also voran, zu Sterneköchen und Dönerbuden, in die Eisdielen und an die Glühweinstände. Und was tun Sie, liebe Leser? Haben wir auch nur eine freundliche Dankeskarte bekommen? Hat uns einer die vom Schreibkrampf gekrümmte Hand geschüttelt, dass wir ihn vor einem gustatorischen Desaster bewahrt, ihm die Magenverstimmung oder die Privatinsolvenz für zwei Crème Brûlée erspart haben? Mitnichten! Stattdessen wird geklagt! Wie man denn das Lieblingsrestaurant verreißen könnte, bloß weil es nicht schmeckt – die Chefin ist doch so nett und es gibt immer kostenlos Schnaps, wurden wir gefragt. Ob wir den Lieblingsdöner vernichten wollen, bloß weil das Fleisch kalt und das Brot labbrig ist? Nein, so kommen wir nicht weiter – fürs nächste Jahr daher bitte den Vorsatz größerer Dankbarkeit fassen, dann klappt’s auch wieder mit der Adventsstimmung. Mit kritischen Politikern und Lesern lässt sich kein Staat machen. Die stellen am Ende noch den ganzen schönen Weihnachtskommerz in Frage. Und dann wird es wirklich finster, im Weihnachtswirtschaftswunderland.

Erschienen am 17.12.2010

Berufsrisiko

Dienstag, 30. November 2010

Jan Bosschaart über die jedes Menschenmaß sprengenden Härten des Advents

Journalisten haben nicht nur die niedrigste Lebenserwartung aller Berufsgruppen, sie haben auch echte Probleme. Eines davon heißt Vorweihnachtsblues und stellt sich regelmäßig nach dem ersten Advent ein. Die Symptome: Glühweinüberdruss, Tannengrünallergie, Kinderchor-Vermeidungsverhalten und ausgeprägte Jingle-Bells-Phobie. Das alles nicht etwa, weil sie so ausgeprägt zynische Zeitgenossen wären, sondern schlicht wegen der jedes Menschenmaß sprengenden Fülle an Weihnachtsmärkten, -feiern, -konzerten und -spendenaktionen. Geht Otto Normalleser im Advent auf zwei Märkte, zu drei Weihnachtsfeiern und spendet einmal, hat der Lokaljournalist bereits nach dem ersten Advent zwei Dutzend Märkte besucht, vier Konzerte rezensiert und zwölf weitere angekündigt, dazu für vier Spendenaktionen geworben und sieben Weihnachtsfeiern besucht. Dass dort immer Jingle Bells läuft, er immer zu Glühwein und Stollen genötigt wird („nu haben Se sich doch nich so“) und ein Kinderchor auftritt, ist leider unvermeidlich. Am 24. Dezember liegt er dann unter dem Baum, unfähig, sich noch an irgend etwas zu erfreuen, und murmelt erschöpft: „In vier Wochen beginnt die Karnevalssaison. Pro Wochenende elf Narhallamärsche, acht Büttenreden…“

Erschienen am 30.11.2010

Zurückgelassener Protest

Montag, 8. November 2010

Politik: Knapp 40 Potsdamer demonstrierten gegen das Demonstrationsverbot entlang der Castorstrecke

Fast sah es so aus, als gäbe es mehr Polizisten als Demonstranten. Doch dann kamen noch ein paar – und ein Transparent.

POTSDAM | Es ist kalt an diesem ersten Novembersonntag. Mehr als 20 Polizisten und knapp zehn Journalisten treten rund um das Arbeitsamt auf der Stelle, um die Restwärme im Körper zu behalten. Sie sind kurz nach 14 Uhr in der Überzahl gegenüber den 20 Demonstranten, die grüppchenweise eintrudeln. Geplant ist eine größere Demo gegen den Castortransport und das Demonstrationsverbot im rund 160 Kilometer entfernten Gorleben. Rund 300 Potsdamer seien bei den Protesten vor Ort mit dabei, schätzt Linus Rumpf, Sprecher des Antikapitalistischen Aktionsbündnisses, das zur Demo gegen’s Demoverbot aufgerufen hat. Die schon Eingetroffenen diskutieren derweil die Menschenrechtslage in Birma und den Umstand, dass leider niemand ein Transparent dabei hat. Gegen 14.30 Uhr ist die Schar immerhin auf 30 angewachsen. Linus Rumpf greift zum Megaphon und verkündet, es seien schon mehr Demonstranten, als er erwartet habe, was dem Kamerateam des RBB ein lautes Lachen abfordert. Man müsse noch zehn Minuten warten, weil man jemanden angerufen habe, der ein Plakat hat, sagt Rumpf.
Zehn Minuten später ist es da, das Plakat, samt dem, der es hat, ökologisch korrekt auf dem Fahrrad herantransportiert. Es wird entrollt, ist eingerissen und ruft zum Kampf gegen das Patriarchat auf – daneben die Zeichnung eines Mädchens mit geballter Faust. „Ist wohl ein Allzweckplakat“, scherzt ein Polizist. Auf jeden Fall geht’s jetzt los, und der Demonstranten sind es mittlerweile 40. Auch das Megaphon kommt jetzt zum politischen Einsatz. „Im Wendland holt die Polizei den Knüppel gegen die Bevölkerung raus, um die Interessen der Stromkonzerne zu verteidigen“, sagt der Sprecher. Er erklärt auch, warum man sich vor dem Arbeitsamt am Horstweg traf: „Wir sind hier so nah, wie es nur geht, an der Zentrale der Bundespolizei.“ Viel näher wird’s aber auch nicht mehr, denn der Sprecher verrät auch, dass man nicht aufs Gelände der Bundespolizei dürfe, denn das sei „privat“. Unter dem Klicken der Kameras setzt sich die Gruppe in Bewegung. „Wenn Du die Augen zusammenkneifst, siehst es fast wie eine Demo aus“, sagt jemand. Die Demo endet nach wenigen hundert Metern am Eingang zur Bundespolizei. „Wer den Klimawandel bekämpfen will, muss den Kapitalismus in Frage stellen“, ruft Linus Rumpf noch ins Megaphon und fordert, den Protest gegen die Atompolitik der Regierung nicht zu kriminalisieren. Dann löst sich die Demo auf und geht nach Hause, um im Fernseher die wirklichen Proteste zu schauen.

Erschienen am 08.11.2010

Was bleibt: Toi, toi, toi!

Donnerstag, 21. Oktober 2010

Neulich, im Bauamt. Treffen sich zwei Mitarbeiter auf dem Flur.
„Peinliche Sache, das!“
„Welche von den vielen?“
„Die Radwegmarkierung. Erst markieren wir gegen viel Geld einen Radweg auf der Forststraße, dann kommen die Stadtwerke und reißen genau diesen Streifen wieder auf. 20000 Euro in den Asphalt gesetzt. Und peinlich für den Chef, der selbst markiert hat.“
„Ach, sowas kommt vor. Ich finde die Brückensanierung unangenehmer. Erst kündigen wir eine Sperrung und lange Staus an der Eisenbahnüberführung vor der Langen Brücke an, weil offenbar die totale Gefahr im Verzug ist, und dann blasen wir es bis nächstes Jahr ab, weil alles halb so schlimm war.“
„Verstehe. Die Bürger lachen schon. Da müsste mal jemand einen besseren Überblick haben. Da fällt mir ein: Was macht eigentlich der Klipp?“
„Ach, der markiert doch nur!“
„Ja, eben. Vielleicht sollte er das lassen.“
„Besser nicht. Wenn er nicht markiert, dann asphaltiert er. Kommt auch nicht so gut an.“
„Nun ja. Wenn die Hegelallee-Promenade erst dreistreifig in jede Fahrtrichtung ausgebaut ist, laufen wir Münster vielleicht den Rang als Fahrradhauptstadt ab. Ein paar niedergekachelte Rentner können wir dann als Kollateralschäden verkaufen. Und für die Touristenbusse in der Mangerstraße nehmen wir dann Straßenabnutzungsmaut zur Refinanzierung, weil die Anlieger sich ja gegen Ausbaubeiträge wehren. Einmal Jauch in die Kaffeetasse geguckt: 2,50 Euro. Einmal Joop ins Atelier gelinst: 5 Euro.“
„Das funktioniert doch alles nicht. Wir brauchen etwas, um von den Peinlichkeiten abzulenken. Irgendeinen Aufreger, der die Aufmerksamkeit bindet!“
„Wir könnten verkünden, dass die gesamte Innenstadt Tempo 30-Zone werden soll.“
„Hatten wir schon. Im November.“
„Wir könnten damit drohen, die Humboldtbrücke nicht weiter zu sanieren.“
„Hatten wir auch schon, im Frühjahr.“
„Wir könnten leichtfertig einen Uferweg riskieren.“
„Lockt mittlerweile keinen mehr hinterm Ofen hervor, hatten wir schon dreimal.“
„Junge, das ist aber auch schwer.“
„Irgendwie war’s mit der Kuick einfacher. Die hat zwar nichts Sinnvolles getan, aber das wenigstens öffentlichkeitsunwirksam.“
„Dafür hätte man ihr im Bauausschuss immer was spenden mögen, so verzagt, wie sie da herumsaß.“
„Na, dass kann dem Chef ja nicht passieren, der redet da ja auch mal ungefragt. Vielleicht sollten wir ihm doch etwas zu asphaltieren geben. Das gleicht aus und lenkt die Öffentlichkeit ab.“
„Ich fürchte, der Drops ist gelutscht. Ich plädiere dafür, mehr über die Gartenstadt Drewitz zu reden. Da nehmen wir ja den Asphalt weg, um einen Park draus zu machen. Das sieht mehr nach grüner Politik aus, nicht zuletzt, weil Parkplätze wegfallen, und es hat trotzdem erhebliches Protestpotenzial, weil aller Verkehr durch die Nebenstraßen läuft.“
„Interessante Idee. Du, ich muss wieder an die Arbeit!“
„Ja, ich auf. Woran sitzt Du denn gerade?“
„Am neuen, rechtssicheren Bebauungsplan für den Uferweg am Griebnitzsee. Diesmal wird alles wasser-, anrainer- und klagefest. Und Du?“
„Am Ausbau des Busrings in Groß Glienicke. Ist erst die fünfte grundlegende Planänderung, weil immer irgendwer irgendwas dagegen hat.“
„Na dann: Toi, toi, toi!“
„Gleichfalls!“

Erschienen am 21.10.2010

Showdown am Tag der Einheit

Mittwoch, 29. September 2010

Stichwahl: Beim Kampf um den Posten des Oberbürgermeisters in Potsdam gibt es eine Wiederauflage des Duells von 2002

Amtsinhaber Jann Jakobs und Herausforderer Hans-Jürgen Scharfenberg an einem ganz normalen Tag vor der Entscheidung.

POTSDAM| Wenn es wirklich stimmt, dass der frühe Vogel den Wurm fängt, dann sieht es gut aus für Hans-Jürgen Scharfenberg: Es ist erst kurz nach 5 Uhr morgens, als im Musikerviertel, einer Aufreihung von Einfamilienhäusern im Potsdamer Plattenviertel „Am Stern“, das Licht angeht. Kurz darauf fischt der schon sehr muntere Herausforderer drei Zeitungen aus dem Briefkasten – ein festes Morgenritual. In der Küche erhebt sich derweil ein Heidenlärm: Die Wellensittiche Bubi und Karli haben Starterlaubnis und erobern sofort die Lufthoheit über den Kaffeetassen. Mit der Lektüre von zwei Lokalzeitungen und dem unvermeidlichen „Neuen Deutschland“ versüßen sich Scharfenberg und seine Frau Ursula das Frühstück. Es ist, gerade jetzt im Wahlkampf zuweilen der eine oder andere harte Brocken Lesestoff darunter: Scharfenbergs IM-Tätigkeit in den 1980er Jahren verfolgt seine Kandidatur wie ein böser Schatten. „Eigentlich ist das nur ein mediales Problem“, sagt Scharfenberg zwischen zwei Bissen. „Im Gespräch mit den Bürgern spielt es fast keine Rolle.“ Kurze Zeit später fährt er in den Landtag.
Das Holztor in der russischen Kolonie Alexandrowka öffnet sich gegen 8.30 Uhr mit leisem Quietschen. „Das müsste mal gemacht werden“, sagt Amtsinhaber Jann Jakobs lächelnd. Es ist ein Satz, von dem Jakobs Herausforderer behauptet, er tauge auch als Motto für dessen erste Amtszeit. Auch Jakobs hat zu diesem Zeitpunkt bereits die Tageszeitungen und zwei Tassen Kaffee intus und macht sich zu Fuß auf den Weg zum Rathaus, vorbei an Touristengruppen, die in der milden Herbstsonne die Alexandrowka erkunden und nicht ahnen, dass der zügig schreitende Herr im Anzug der Oberbürgermeister ist. Seinem Herausforderer entkommt er selbst bei diesem Gang am frühen Tag nicht – exakt 17 Mal lächelt Hans-Jürgen Scharfenberg von Laternenpfählen und fordert bezahlbare Wohnungen und sanierte Schulen. Er ist ihm in den letzten acht Jahren keinen Tag von den Fersen gewichen. 122 Stimmen trennten Jakobs und Scharfenberg bei der Stichwahl 2002, den Schreck hat der Amtsinhaber nie ganz vergessen – lag er doch nach dem ersten Wahlgang fast 15 Prozent vor seinem Verfolger. Dass das Duell dieses Mal auf den Tag der Einheit fällt, macht die Sache noch eine Spur brisanter: Dann streiten ein Ostfriese und ein ehemaliger IM um die Hoheit über Ostdeutschlands boomende Landeshauptstadt.
Das Büro ist klein und bis unter die Decke mit Akten vollgestopft. Kein Familienfoto, kein persönlicher Gegenstand, lediglich eine Autogrammkarte des Volleyballteams, dessen Vorsitzender Hans-Jürgen Scharfenberg ist, schmückt die Wand von Raum R606 im Landtag. Und nur ein Wahlplakat des Herausforderers an der Tür weist darauf hin, dass die Tage zwischen Wahl und Stichwahl eben nicht politische Routine sind. Es wirkt ein wenig, als hänge es zur trotzigen Selbstvergewisserung dort. Denn natürlich weiß im Landtag jeder, dass Hans-Jürgen Scharfenberg einen zweiten Anlauf auf den Rathausthron unternimmt. Sie zählen ihn hier ohnehin zum Mobiliar: Seit 1991 arbeitet er auf dem Brauhausberg, zunächst als Angestellter der Fraktion, dann als Abgeordneter. Mit Fleiß und Unermüdlichkeit hat er sich den Ruf eines Innenexperten erworben, sagen die Kollegen anerkennend. Es sind derselbe Fleiß und dieselbe Unermüdlichkeit, mit deren Hilfe sich Scharfenberg auch in der Stadtpolitik einen umfassenden Durchblick erarbeitet hat.
Scharfenbergs Vormittag gehört der parlamentarischen Routine: In der Fraktionssitzung geht es um Agrarstrukturen und Finanzen. Zwischendrin ein schnelles Mittagsmahl in der Landtagskantine, Scharfenberg kommt auf dem Hinweg vor grüßen kaum zum Reden, referiert und gestikuliert zwischen Kassler und Rosenkohl sowie einem Sturzkaffee über die Gestaltungsmöglichkeiten, die ihn am Oberbürgermeisterposten reizen, dann Grußmarathon zurück in die Sitzung, denn bei der Polizeireform ist der Innenexperte gefragt.
Den Amtsinhaber erwartet zunächst die „kleine Morgenlage“. Büroleiter, Chefsekretärin und Pressesprecher planen den Tag. Hinter verschlossenen Türen tagt kurz darauf die Beigeordnetenkonferenz. Danach Treffen mit dem Vorsitzenden der Stadtverordnetenversammlung, um die nächste Sitzung durchzusprechen. Es herrscht Einigkeit, nur über die Nichtöffentlichkeit eines Tagesordnungspunktes ist der Präsident anderer Meinung und sagt das auch deutlich. Jakobs reagiert, wie er immer reagiert, wenn ihm Anwürfe drohen. Er lehnt sich zurück, trommelt nervös mit den Fingern auf der Tischplatte und schaut zuweilen in die Luft. Man einigt sich schließlich, verschiedener Meinung zu bleiben, dann geht der Herr Präsident, dafür kommt der Büroleiter mit einem Stapel Akten: Terminabstimmungen. Zirkusfreikarten? Werden gespendet. Bitten um Grußworte: werden gewährt. Einladungen ohne Grußworte: werden wohl abgewogen und verworfen. Flüche, wenn wichtige Termine zeitgleich liegen. Es ist Oberbürgermeisteralltag, doch Jakobs hat sichtlich Spaß am Dirigieren mit leiser Stimme. „Zu Hause muss ich das manchmal abstellen“, sagt er aufblickend, „da ermahnt mich meine Frau des Öfteren, dass ich nicht immer Chef bin.“ Über ablehnen, zusagen, Vertretung schicken verrinnt die Zeit. Drei Tassen Kaffee später ist es früher Nachmittag, ein Termin mit Schülern im Rathaus steht an. „Haben Sie schon was gegessen?“ fragt die Sekretärin. „Nee, keine Zeit. Aber oben gibt’s ja Kuchen.“
Hans-Jürgen Scharfenberg schwärmt indes in seinem Büro vom Gestaltenkönnen. Opposition mache Spaß, doch brauche er stets die dreifache Energie, um etwas durchzusetzen, was er als Oberbürgermeister mit einem Anruf erledigen könnte. Scharfenberg kann Fragern konzentriert zuhören, wirkt aber immer etwas ungehalten, sobald er zu wissen glaubt, worauf die Frage hinausläuft. Wenn er sich ärgert, zieht sich eine tiefe Falte quer über seine Stirn, als wollte sie den Kopf in zwei Scheiben spalten: Unten der Ärger, oben der Politprofi. Wenn Scharfenberg über die Potsdamer Politik redet, ist die Falte Dauergast auf seiner Stirn. Er bezichtigt den Amtsinhaber abwechselnd der Ignoranz und des Ideenklaus: 120 Millionen für die Sanierung der Schulen, ein „Freiland“ für die alternative Jugendkultur, kostenloses Schüleressen – „das alles waren unsere Ideen, für die wir jahrelang kämpften, und wenn sie dann endlich kommen, stellt sich der Jakobs hin und schlägt sich auf die Brust“. Scharfenberg presst die Sätze heraus, in der Stirnfalte könnten mittlerweile Schwalben brüten. Wenn es ganz schlimm wird mit dem Ärger, geht er zu Hause aufs Rudergerät. „Zehn bis 15 Minuten voller Einsatz, dann geht es wieder“, sagt er und lächelt. Die Stirn ist sofort geglättet. Wer Scharfenberg auf diesem Gerät sieht, könnte es mit der Angst zu tun bekommen: ums Material und die Knochen des Herausforderers.
Im Foyer des Rathauses wartet derweil die Schülergruppe aus der italienischen Partnerstadt Perugia auf Jann Jakobs. Seine Pressechefin instruiert ihn beim Hetzen über die Gänge, dass er die Lehrerin bereits kenne. „Wie hieß die gleich?“ Schulterzucken. Jakobs geht trotzdem auf die Dame zu, als habe man noch gestern Abend gemeinsam gefeiert, und als ihm jemand den Namen zuflüstert, fließt er in seinen nächsten Satz ein, als sei das das Natürlichste der Welt. Überhaupt läuft der Amtsinhaber bei solchen Artigkeiten zur Höchstform auf: Er rühmt die italienischen Einflüsse auf die Architektur Potsdams, und die Lacher gewinnt er, als er einräumt, dass das Potsdamer Nachtleben so aufregend sei, dass die Jugendlichen lieber nach Berlin führen. Dann geht er ansatzlos ins Standortmarketing über, preist Potsdam als Stadt der Medien und der Wissenschaft und muss auch schon wieder weiter. Den Kuchen hat er nicht angerührt, aber wenigstens auch keinen weiteren Kaffee getrunken. Sondern Wasser. „Das darf ich zu Hause sowieso keinem erzählen, diese Kaffeetrinkerei“, sagt der gebürtige Ostfriese.
Wären da nicht die Anrufe im Minutentakt, Hans-Jürgen Scharfenberg könnte jetzt für ein bis zwei Stunden Akten studieren. Stattdessen redet er darüber, worüber er am meisten reden muss und am liebsten nicht mehr redete: die Akte, jene Eisenkugel an seinem Bein, den Hemmschuh seiner Ambitionen. Als Innenminister wurde er nach der letzten Landtagswahl sehr ernsthaft gehandelt, doch: die Akte. Wie oft er wohl gedacht hat, die 122 Stimmen, die 2002 fehlten, wären ohne jene Akte leicht zu bekommen gewesen? „So denke ich nicht. Es ist, wie es ist.“ Glaubt er das wirklich selbst? Er belässt es bei einem undeutbaren Lächeln. Stattdessen fällt ihm ein, dass dem Amtsinhaber die Jacke des Oberbürgermeisters eigentlich zu groß sei. Er ist wieder auf sicherem Terrain.
Konfrontiert mit diesem Vorwurf, lächelt Jann Jakobs und überrascht mit einem Eingeständnis: Er habe in der Tat erst in die Oberbürgermeisterrolle hineinwachsen müssen, sagt er. Schließlich sei die Berufspolitikerrolle nichts, was er je angestrebt habe. In den oberen Zirkeln der Brandenburger SPD blieb er mit dieser Einstellung ein Außenseiter – als profunder Arbeiter geschätzt, aber nie offen für höhere Ämter gehandelt. Er habe zu Beginn seiner Amtszeit ständig das Gefühl gehabt, bei aufkommenden Problemen Feuerwehr spielen zu müssen, sagt Jakobs, „das hat sich gegeben“. Mancher wirft ihm das als Zögerlichkeit oder mangelnde Führung vor – der Amtsinhaber begreift es als Stärke. Früher habe er auch länger zugehört, das leiste er sich heute nicht mehr, sagt Jakobs.
Auf einem sandigen Radweg im Stadtzentrum haben sich eine Handvoll Protestierer gesammelt, um gegen die teure Asphaltierung des Weges zu protestieren. Sie haben große Plakate dabei, doch die Empörung will nicht so recht auf die Passanten überschwappen. Der Weg ist bei Regen ein Pfützenmeer und bei Trockenheit eine Staubwüste, Asphalt ist den meisten Radlern willkommen. Eigentlich ist er auch Hans-Jürgen Scharfenbergs Partei willkommen, denn die setzt sich seit Langem für besseren Verkehr in der Stadt ein und war im Bauausschuss für die Asphaltierung. Doch nun ist Wahlkampf, und Scharfenberg setzt sich mit einer Selbstverständlichkeit an die Spitze des Protestes, als habe er den Widerstand dagegen erfunden. Die SPD legt ihm das als Opportunismus aus – wo immer sich in der Stadt Widerstand regt, führt ihn Scharfenberg gern an, auch wenn er vorher anderer Meinung war. Scharfenberg ficht diese Kritik nicht an. Er wischt sie mit Argumenten weg: Der Asphalt ist teurer, die Art und Weise, wie die Stadt hier vorging, sei „Rambomanier“, das gehöre auf den Prüfstand.
Es ist Abend geworden. Während Jann Jakobs noch in gewohnter Eloquenz und ohne eine Minute Vorbereitung eine Ausstellung zur Rolle der Frau in Wohnungsgenossenschaften eröffnet und dabei die anwesenden Soziologinnen mit seiner Sachkenntnis verblüfft, gehört der Abend des Herausforderers erneut einer Fraktionssitzung der Linken – diesmal auf Stadtebene. Es gibt süßen Sekt auf das Resultat des Wahlkampfs und einen genauen Blick auf die Ergebnisse. Zu Hause arbeitet Scharfenberg an einem Programm für die ersten 100 Tage nach der Wahl und einem Brief an die Wähler. Um 22.30 Uhr erlischt das Licht im Musikerviertel. In der Alexandrowka brennt es noch bis kurz nach Mitternacht. Nachdem er noch etwas Post bearbeitet hatte, überrascht Jakobs seine Frau mit einer Rückkehr vor 21 Uhr. Sie fragt ihn verdutzt: „Was machst denn Du hier?“

Erschienen am 29.09.2010

Nachlässige Netzfischer

Freitag, 17. September 2010

Politik: Der OB-Wahlkampf wird hart geführt, doch im Netz überwiegt die Langeweile

Twitter, Facebook, Youtube – die Möglichkeiten zur Eigenwerbung im Internet sind groß. Potsdams OB-Kandidaten machen davon aber wenig Gebrauch. Es dominiert die klassische Website.

Mit der Kandidatur war er der erste, und seine Plakate sind die kreativsten. Im Internet hingegen ist ausgerechnet der jüngste Kandidat, der für Die Andere antretende Benjamin Bauer, am schlechtesten vertreten: Keine eigene Internetseite und keine Nachrichten auf dem Kurzinformationsdienst „Twitter“ künden von seinem Wahlkampf. Beim Internet-Einwohnermeldeamt „Facebook“ hat Bauer zwar eine eigene Seite, doch ist die angesichts von 340 Treffern beim Namen „Benjamin Bauer“ nur mit außerordentlich viel Geduld zu finden.
Erwartungsgemäß besser läuft es bei Marek Thutewohl, dem Vertreter der Piratenpartei, die sich immerhin als Partei der Informationsgesellschaft versteht und das Internet zu ihren Gründungsmotiven zählt. Auf Twitter lässt Thutewohl die Welt in 81 Nachrichten an seinem Wahlkampf teilhaben – das ist Rekord im Teilnehmerfeld, ebenso die Zahl von 67 Abonnenten. Thutewohl, unter „Piraten_Potsdam“ zu finden, twittert durchaus unterhaltsam und verzichtet auf die „Sitze mit Mutti bei Pizza im Garten“-Tweeds, die nur der eigenen Existenzvergewisserung dienen. Trüber sieht es auf seiner Homepage unter www.marek-web.de aus: Pflanzen- und Urlaubsfotos sind zwar sehr hübsch, sagen über den Kandidaten Thutewohl aber rein gar nichts aus. Dass er Fahrlehrer von Beruf ist, erfährt der Surfer unter fahrlehrer.marek-web.de; außer Tipps zur Straßenverkehrsordnung ist aber auch hier nichts von politischem Interesse zu finden.
Die Pseudo-Vielseitigkeitskrone erntet Marcel Yon (FDP). Der verlinkt gleich zu seinen Twitter-, Facebook-, Flickr- (Fotos) und Youtube-Konten. Der Ertrag dort ist aber gering: Auf Youtube findet sich ein mageres Video, in dem sich der Kandidat vor überbelichtetem Hintergrund und bei grauenvollem Ton nach einer Podiumsdiskussion über die Oberflächlichkeit von Politikerstatements beklagt – in 2:17 Minuten! Auf Twitter (marcel_yon) finden sich ganze sechs Kommentare, die nur elf Leute abonniert haben. Yon hat ganz offensichtlich erst Ende August zum Wahlkampfauftakt mit dem Twittern begonnen, und macht genau, was man nicht tun sollte: „Genieße den Spätsommer im Garten“, lässt er die begeisterte Welt wissen, und auch, was für ein Frühaufsteher er ist: „Ein schöner Tag beginnt, Aufräumen, Sport machen, um 6 Uhr Team-Meeting“. Auf Facebook immerhin kann er auf 1742 Freunde zählen – Rekord im Teilnehmerfeld. Seine Internetseite (marcel-yon.de) listet Lebenslauf, Wahlkampftermine, das Presseecho und Yons „Visionen“. Auf der Bilderplattform Flickr finden sich Portraits des Kandidaten, darunter seine zwei Plakate, auf denen er „neue Wege“ und „frischen Wind“ fordert. Letzteres hätte offenbar auch dem Foto gut getan, das an einem heißen Julitag entstand und daher deutliche Schweißflecken im Gesicht des Kandidaten nachweist.
Marie Luise von Halem (Grüne) ist bei Facebook dank des exklusiven Namens leicht zu finden, beeindruckt aber mit einer fast leeren Seite, auf der man sich erst um ihre Freundschaft bewerben muss, um mehr Informationen zu erhalten. Immerhin hat sie 131 Freunde, bei Twitter findet man sie hingegen nicht. Etwas spartanisch wirkt auch ihre Internetseite unter „mlhalem.de“, die offenbar aus einem Standardbaukasten der Grünen zusammengeklickt wurde. Ein bisschen Lebenslauf, ein paar Termine und der zwar einfache, aber immerhin recht originelle Kurzwerbespot (31 Sekunden) – das war’s dann auch schon.
CDU-Kandidatin Barbara Richstein zeigt ihre Strebsamkeit auch im Internet: Als einzige hat sie auf Facebook eine Fanseite geschaltet, die immerhin 422 namentlich genannte Bewunderer auflistet, inklusive der „Stadt Potsdam“. Zum Twittern hat die Allgegenwärtige aber offenbar keine Zeit. Dafür birst die Internetseite barbara-richstein.de vor stündlich aktualisierten Informationen: Neben Obgligatorischem wie Lebenslauf, Presseecho und Terminen findet sich dort auch ein Spendenaufruf für den teuren Wahlkampf und ein Mitgliedsantrag für die CDU.
Auf seine Internetseite konzentriert sich auch der linke Herausforderer Hans-Jürgen Scharfenberg – Experimente auf Facebook und Twitter scheinen für die Partei mit der wohl ältesten Wählerschaft nicht lohnend. Stattdessen gibt es viele Informationen für politikinteressierte Leser, vom Rathausreport bis zu Standpunkten in (nahezu) allen aktuellen stadtpolitischen Fragen. Der Unterhaltungswert von scharfenberg-fuer-potsdam.de ist im Gegenzug nahezu null.
Amtsinhaber Jann Jakobs (SPD) scheint ebenfalls nicht viel von der „Generation Netz“ als Wähler zu halten: Facebook und Twitter bedient er nicht, auf Youtube finden sich immerhin einige Fremdvideos von seinen öffentlichen Auftritten. Dafür gewinnt Jakobs den Preis für die beste Website (jann-jakobs.de), die durchweg mit professionellen Fotos bestückt ist und eine ausgewogene Mischung aus Politik und Unterhaltung bietet. Vor allem die Präsentation „Jakobs persönlich“ ist aufwändig und liebevoll erstellt. Von privaten Fotos flankiert, zieht Jakobs dort den eigenen Lebensweg nach und spart nicht mit Worten, die Bodenständigkeit, Gemeinwohlorientierung und Kampfeswillen dokumentieren sollen: „Ich wollte mich durchbeißen“, heißt es da, „Beim Fußball kam keiner an mir vorbei“ oder auch „Natürlich musste ich als Ältester schon früh Verantwortung tragen“. Das „offizielle Wahlkampfvideo“ auf der Seite zeigt Jakobs bei der Morgentoilette. Der Wähler erfährt, dass sich sein Oberbürgermeister in Hemd und Krawatte rasiert und beim Parfümieren begeistert in die Hände klatscht.

Erschienen am 17.09.2010

Nachschlag: Kardinalfehler: kaltes Fleisch

Freitag, 17. September 2010

Gastronomie: Der Dönergrill am Bahnhof Babelsberg hat exotische Soßen und zivile Preise

Café, Kneipe, und Ausflugslokal, Spitzenrestaurant oder Döner – Mitarbeiter des Potsdamer Stadt- und Landkuriers sind als anonyme Tester unterwegs.

POTSDAM |  Von draußen hat er’s ja schwer, der Dönerladen im Bahnhof Babelsberg: Nicht mal ein Name verrät seine Existenz, lediglich zwei gelbe Aufkleber in den Fensterscheiben – „Döner Drehspieß“ und „1/2 Grillhähnchen“ verraten, was einen drinnen erwartet. Die in den Aufklebern vorgesehenen Plätze für den Preis sind leer geblieben – nur ein einsames Komma trennt hier die fehlenden Euro von den abwesenden Cent-Beträgen. Er muss also innere Werte haben, der Döner, denn das Geschäft ist zu jeder Tages- und Nachtzeit gut frequentiert. Die Ladenfläche ist klein, und die zwei Zugänge – einer von der Straße, einer aus der Bahnhofshalle – sorgen dafür, dass man ständig im Weg steht. Immerhin wirkt alles leidlich sauber, und die Auslage präsentiert die frisch geschnittenen Salate sowie halbe und ganze Hähnchen, Buletten und Bratwürste. Die Rückwand über dem Thresen gehört der Preistabelle, die sich sehen lassen kann: Döner für 2,80 Euro, mit doppelt Fleisch für 3,80, Türkische Pizza und Dürümdöner (in der Teigrolle) für 3,30 Euro; das halbe Huhn für 2,60, das ganze für fünf Euro. Bratwurst und Buletten je 1,50, den Kaffee gibt’s für einen Euro, die anderen Getränke für 1,25.
Wir machen die Probe und ordern zwei Döner – einmal klassisch scharf („Hexensoße“), einmal exotisch: Currysoße und „Südsee“ sollen aufs Fladenbrot. Das hat am späten Nachmittag den Zenit seiner Fluffigkeit natürlich längst überschritten, weshalb der Brötchengrill zum Einsatz kommt. Kommen sollte, muss man sagen, denn es wird exakt zwei Sekunden zwischen die heißen Eisen gepackt, genauso gut hätte der Dönermann es auch dran vorbei tragen können. Dann die zweite Enttäuschung: Er macht den Döner-Kardinalfehler und schneidet das Fleisch nicht frisch herunter, sondern bedient sich mit der Zange beim schon abgekühlten, geschnittenen Fleisch am Fuße des Spießes, während es oben lecker und warm brutzelt. Unsere Nachfrage, ob wir frisches Fleisch haben könnten, ignoriert der Dönermann. Schade. Der Salat indes ist nicht nur frisch geschnitten, er schmeckt auch frisch. Die Currysoße ist außerordentlich spicy und verdient daher Lob, zumal sie nicht zu den Standards gehört. Gleiches gilt für die „Südsee“-Soße, in der wir allerdings vergeblich nach den angekündigten „exotischen Früchten“ gesucht haben. Sie schmeckt einigermaßen synthetisch, als habe sich hier ein Lebensmittelchemiker verwirklicht. Außerdem spart der Dönermann mit dieser Soße, auf die Frage, ob wir etwas mehr bekommen könnten, heißt es nur lakonisch „is teuer“. Das soll offenbar „nein“ bedeuten. Die Hexensoße im zweiten Döner hingegen lässt keinerlei Wünsche an Menge und Schärfe offen, wie die hervorquellenden Augen des Kosters belegen. Immerhin steht ausreichend Löschwasser zu moderaten Preisen zur Verfügung.

Erschienen am 17.09.2010

Verständnisinnig

Donnerstag, 5. August 2010

Jan Bosschaart über einen Hauch zu viel Konsenswillen beim Mieterverein

Angstschlottern und Zähneklappern muss bei der städtischen Gewoba jetzt ebenso wenig ausbrechen wie bei allen anderen Vermietern in der Stadt: Die neue Vorsitzende des Mieterbundes ist zweifellos engagiert und bestens informiert, eine Kampfansage hat sie bei ihrem Antrittsbesuch aber nicht abgegeben. Das mag durchaus klug sein, denn zerschlagenes Porzellan taugt als Eintrittskarte in der Regel wenig, doch die Ankündigung, nicht in der großen Politik mitmischen zu wollen, sich nicht in generelle mietenpolitische Fragen einzumischen, ja sogar vorab Verständnis für die Wirtschaftlichkeitsinteressen der Vermieter zu bekunden, lässt auch nicht eben auf eine kampfbereite Mieterlobby schließen. Genau einer solchen bedarf es aber in einer Stadt, in der Wohnraum so knapp und so teuer ist, dass ein regelgerechter Wohnungsmarkt faktisch nicht existiert und in der Folge Vermieter mit Mietern vergleichsweise leichtes Spiel haben – Drohungen mit Kündigung sind kein sonderlich effektives Werkzeug, wenn vor der Tür bereits eine Schlange von Interessenten steht, die erst im Schlaatz abreißt. Der Oberbürgermeister ist zwar im Wahlkampf und war daher gestern zu Zugeständnissen bereit, die gar nicht eingefordert wurden. Doch das wird nicht ewig so bleiben.

Erschienen am 05.08.2010

Nachschlag: Refugium im Landgasthausstil

Samstag, 24. Juli 2010

Die „Maison Charlotte“ empfiehlt sich als romantischer Rückzugsraum mit hohem kulinarischen Anspruch

Ob Spitzenrestaurant, Café, Kneipe, Ausflugslokal oder Döner – Mitarbeiter des Potsdamer Stadt- und Landkuriers sind als anonyme Tester unterwegs.

POTSDAM |  Holzstühle an dunklen Holztischen und Platten von Weinkisten an den Wänden drinnen, Korbsessel und Karotischdecken draußen – von den drei Restaurants, die Ralf Junick in Potsdam betreibt, ist das „Maison Charlotte“ im Holländischen Viertel das rustikalste – im besten Wortsinn. Das „Charlotte“ hat sich nicht nur auf französische Küche spezialisiert, es erinnert auch in der detailfrohen Ausstattung an ein französisches Landgasthaus. Die Plätze sind, besonders im Winter, wenn der Innenhof mit dem schattenspendenden Nussbaum nicht zur Verfügung steht, begrenzt: Daher empfielt sich das Charlotte einerseits als romantischer Rückzugsort, es macht aber gerade an den Wochenenden eine Reservierung ratsam.
Die Karte lockt schon von der Straße mit Elsässer Flammkuchen zu zivilen Preisen von urtümlich belegt (mit Schmand, Speck und Zwiebeln für 8 Euro) bis ambitioniert (mit Rucola, Räucherlachs und Honig-Senf-Dill-Sauce für 12,50 Euro), bietet aber auch der verfeinerten Zunge genug Auswahl zu Preisen von bis zu 22 Euro für einen Hauptgang.
Ein Platz im Inneren kommt an diesem heißen Höchstsommertag nicht in Frage, schnell ist ein schattiger Tisch, beschirmt von Baum und Sonnensegel gefunden. Zur Abkühlung drängt sich ein eleganter Elsässer Cremant rosé auf. Er begleitet die Vorspeisen perfekt: Die gratinierten Austern mit Spinat und Frischkäse sind eine Offenbarung selbst für Gäste, die sie pur für gewöhnlich meiden – im Spinatbett und unter der angerösteten Käsehaube verlieren sie ihren fischig-schleimigen Charakter und entfalten ihr zartes Aroma optimal. Die Jakobsmuscheln auf Ingwer-Spinatsalat sind zwar auf den Punkt perfekt gebraten, der Ingweranteil tut aber der Schärfe zuviel, so dass die zarten Muschelnoten in der brennenden Mundhöhle wenig Resonanzraum finden. Schade.
Zum Hauptgang darf es Kalbsfilet sein, aktuell der Star der Karte und passend zur Saison mit Pfifferlingen und Couscous serviert, begleitet von einem klassischen roten Bordeaux. Am tadellosen Filet gibt es nichts auszusetzen, es ist saftig, frisch und hat im perfekten Medium-Zustand die Pfanne verlassen, die Pfifferlinge, mit einem Balsamicodressing betupft, flankieren es aufs Beste. Der Couscous indes kommt etwas langweilig daher und verströmt, obwohl frisch zubereitet, wenig aufregenden Kochbeutel-Charme. Er bleibt, obgleich die Portion nicht eben üppig ist, selbst an den Nebentischen daher zu großen Teilen auf dem Teller zurück.
Die Dessertauswahl, obwohl nur zwischen drei Positionen zu treffen, gehört zu den härtesten unseres kulinarischen Daseins: Die klassische Crème Brûlée konkurriert mit einer Zitronengras-Panacotta an Rharbarber und dem Rosenblättersorbet mit Holunderblüten um die Restplätze im Magen des Gastes. Wir entscheiden uns für den Klassiker und lernen, dass dies an diesem Abend keine umwerfende Wahl ist: Die Creme ist zu stark aufgestockt und tendiert fast schon ins Krümelige, der Zuckerguss ist bereits vollständig erkaltet und verstärkt den Verdacht, das Dessert sei bereits vorbereitet aus dem Kühlschrank gekommen. Die leicht angeschrumpelte Erdbeere schließt die Indizienkette. Trotz sehr moderaten Preises (4,50 Euro) gibt sich das Charlotte hier eine Blöße.
Wer mit großem Hunger oder an einem kühleren Tag ins Charlotte geht, dem sei noch die epochal-gute Bretonische Fischsuppe empfohlen, die längst Berühmtheit erlangt hat. Angesichts der Portionsgröße empfiehlt sich dann aber nur noch ein Salat – oder der sofortige Übergang von der Vorspeise zum Dessert.

Erschienen am 24.07.2010


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