Dürre Argumentation

Die klassische Reaktion auf Ohnmacht ist Aktionismus. Auch Ulla Schmidt ist in diese Falle getappt: Angesichts der Ohnmacht der Gesundheitspolitik gegenüber der Magersucht fordert sie ein Laufstegverbot für zu dünne Models. Die Ministerin hat knochige Mannequins als Schuldige am verzerrten Körperbild der kranken Teenager ausgemacht, und auf diese Fehldiagnose folgt nun ein untauglicher Therapievorschlag. Das findet jede Stammtischrunde einleuchtend, und die Ministerin steht als Retterin der Töchter da.

Magersucht ist aber kein Problem des gesellschaftlichen Schönheitsideals, sondern eines der Selbstregulation, der Körperwahrnehmung und der Familienstruktur, das kann die Gesundheitsministerin in jedem klinischen Lehrbuch nachlesen. Oder in den extra für ihr Haus erstellten Forschungsberichten. Sie hat es vermutlich längst getan – und auf diese Weise erfahren, dass politisch dagegen wenig getan werden kann. Die Hilflosigkeit gegenüber der Magersucht ist offenbar nicht nur für Therapeuten, sondern auch für Gesundheitspolitiker schwer zu ertragen. So fordert Schmidt nun ein Verbot der Magermodels. Das ist billig zu haben, im doppelten Sinne: Es sieht aus, als tue die Ministerin etwas, und es kostet sie keinen Cent. Verdienstvoller, aber mühseliger und teurer wäre es hingegen, die Zwangsdiät in der psychotherapeutischen Versorgung endlich zu lockern. Seit fast zehn Jahren steigt der Bedarf an Psychotherapie in der Bevölkerung, doch weil das Budget dafür gedeckelt ist, erhalten die Patienten immer weniger Stunden. Das entstehende Therapie-Vakuum füllen die Pharmakonzerne gern aus: Sie bringen neue Substanzen auf den Markt, die Leidenszeiten verkürzen und Menschen schneller wieder in die globalisierte Arbeitswelt entlassen. Die Hoffnung auf Spareffekte im Gesundheitssystem ist dennoch trügerisch, weil selbst die beste Pille gegen Angst, Wahn oder Zwang nicht heilt, sondern nur während der Einnahmezeit die Symptome unterdrückt. Gegen viele Krankheiten ist zudem noch kein Medikament in Sicht – die hochkomplexe Anorexie gehört dazu.

Magersucht ist eine Krankheit des Individuums. Gesellschaftliche Rahmenbedingungen wie das jeweilige Schönheitsideal beeinflussen nur die Symptomwahl, sie entscheiden nicht darüber, ob ein Mensch krank wird oder nicht. Eine Therapie kann daher nur beim Einzelnen ansetzen. Doch Therapien in ausreichendem Maß bereitzustellen, dazu ist das über jedes gesundes Maß hinaus verschlankte Gesundheitssystem derzeit kaum in der Lage. Diese Versäumnisse der Gesundheitspolitik kann auch Ulla Schmidts dürre Argumentation nicht verdecken.

(veröffentlicht am 20. Mai 2008)

Kultur geht durch den Magen

Das Abendland geht schon wieder unter. Nur ein Häuflein aufrechter Eltern stellt sich noch mit Protesten dem kulturellen Verfall entgegen, der diesmal in Form des Verzichts auf Schweinefleisch im Mittagessen von zehn Münchner Kitas daherkommt. Er tut das unter dem Deckmantel des Pragmatismus: Weil bis zu 60 Prozent der Kinder dieser Kitas Muslime sind, will die Schulverwaltung gänzlich aufs Schwein verzichten.
Nicht nur von den Eltern wird das flugs zur vor-auseilenden Selbstaufgabe der westlichen Welt stilisiert. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszei-tung diagnostiziert auf der Stelle einen besonders schweren Fall der vorgeblich überall grassierenden kulturellen Demenz – „einer bis zur Selbstaufgabe übersteigerten Rücksichtnahme“, die auf direktem Wege zum Verschwinden der jüdisch-christlichen Kultur führt. Hurra, wir kapitulieren mal wieder. Das Schandmahl ist angerichtet, und die bitteren Brocken schmecken nach Abdankungsbereitschaft aller westlichen Werte. Denn spätestens jetzt wird klar: Die Transformation Europas in einen islamischen Kontinent ist längst nicht mehr aufzuhalten. Die Horden des Bösen verbreiten nicht nur Angst und Schrecken, sie nehmen uns auch die kulturell verbürgten leiblichen Genüsse.
Soviel Aufregung wegen ein paar läppischer Schnitzel und Bockwürste!
Es muss ein sehr trauriges Bild sein, das diese lustvollen Propheten des Untergangs von ihrer westlichen Welt haben, wenn sie deren Kern schon beim Verzicht auf Eisbein und Bauchfleisch in Kindertagesstätten bedroht sehen. Und nicht nur das: Sie unterstellen der von ihnen so kultisch verehrten westlichen Zivilisation damit eine Fragili-tät, die fast schon beleidigend ist angesichts der Jahrhunderte ihres Bestehens. Das alles erweist sich bei Lichte betrachtet als fataler Fehlschluss, dem aufzusitzen das weitaus größere Übel wäre. Die Stärke des Abendlandes liegt keineswegs in seiner Speisekarte, sondern in seiner Offenheit und Pluralität. Nicht durch einen Rückfall in die Abgrenzung von anderen oder die Überhöhung der eigenen Kultur in eine „leitende“ beweist der Westen seine Stärke. Diesem fatalen Irrtum ist er doch schon mehrfach aufgesessen, und die Folgen sind noch lange nicht verdaut.
Die Bereitschaft zur Integration hingegen ist der einzige Weg aus dem Dilemma. Dass er immer leicht sei und keine Opfer fordert, hat nie jemand ernsthaft behauptet. Diese Bereitschaft zu opfern wäre aber der wahre Rückschritt: ein Rückfall in voraufklärerische Zeiten, der die Diagnose vom Verfall der westlichen Kultur weit eher rechtfertigte als Haxenentzug für Vorschüler.

(Veröffentlicht am 19. Mai 2008)

Herrin über Pommes, Eis und Spritzpistolen

Freizeit: Verena Hundt versorgt Waldbadgäste in Falkensee mit allem, was sie beim Baden brauchen

FALKENSEE Irgend jemand muss vor längerer Zeit auf die wahnsinnig kreative Idee gekommen sein, den Imbiss im Falkenseer Waldbad „Schmatzinsel“ zu nennen. Ein Humor, der sich möglicherweise nur Kindern erschließt. Verena Hundt quittiert das nur mit einem Schulterzucken. „Das haben wir schon so vorgefunden“, sagt sie. Die Kinder, immerhin die Hauptklientel der Schmatzinsel, finden es aber lustig, sagt sie. Seit das Waldbad am Pfingstwochenende wieder seine Tore öffnete, steht Verena Hundt hinter dem Tresen. In der Schmatzinsel gibt es so ziemlich alles, was man zum Überleben in einem Bad braucht: Stieleis, Waffeleis, Lutscheis; kalte Getränke, Pommes und Schokolade; Bratwurst, Donuts hell und Donuts dunkel und natürlich Spritzpistolen – alles für kleines Geld. Zum Saisonstart hat der Betreiber gewechselt, und mit dem neuen Betreiber kam Verena Hundt, die erst seit wenigen Jahren in Falkensee wohnt. Das Waldbad findet sie „süß, geradezu idyllisch und supersauber“ und bedauert, dass nur so wenige Falkenseer es kennen würden. Mancher habe sich erst zufällig auf einem Spaziergang dorthin verirrt, haben ihr ihre Gäste erzählt.

Seit sie das weiß, wirbt Frau Hundt nach Kräften fürs Bad, auch wenn ihr das möglicherweise zusätzliche Arbeit einbringt. An den Wochenenden und bei schönem Wetter kommt sie ohnehin schon kaum hinterher, denn an der Friteuse, an der Kühltruhe und hinter der Kasse steht sie meist allein. „Wir warten erstmal ab, wie der Andrang ist. Wenn’s zu arg wird, kommt noch eine Aushilfe dazu“, sagt sie. Ohnehin sei ihr eine volle Bude lieber als Langeweile, auch wenn die sie manchmal zu dem Gedanken verführt, selbst kurz ins Wasser zu springen: „Aber Dienst ist halt Dienst.“

Mit den Kindern versteht sich Verena Hundt gut, die meisten seien freundlich und höflich, und wenn nicht, fällt der Frau, deren grüne Augen einen leuchtenden Kontrast zum roten Schmatzinselpulli und dem schwarzen Haar bilden, schon die passende Entgegnung ein. In jedem Fall sei es besser, wenn die Kinder zum Toben und Planschen kämen, statt zu Hause vor dem Computer oder Fernseher zu versauern. Und wenn sie dann genug getobt haben, ist ein Besuch in der Schmatzinsel ohnehin obligat.

Erschienen am 19.05.2008

„Der Kanal ist voll!“ – „Ist er nicht!“

Bürgerprotest: Auf der Krisensitzung zu feuchten Kellern vertieften sich die Gräben, und neue taten sich auf

FALKENSEE Falls es noch eines Beleges bedurft hätte, dass die Stadt Falkensee das Problem der nassen Keller unterschätzte, ein Blick ins Hotel „Kronprinz“ hätte am Donnerstag genügt: Der Saal war viel zu klein, viele Zuhörer standen auf dem Flur, auf den Treppen oder sogar draußen unter dem offenen Fenster. Die Temperatur war hoch, die Luft stickig, die Stimmung explosiv. Das kalte Wasser – Thema des Abends – blieb dabei abstrakt: Wovon die meisten zuviel hatten, hier hätte es sich mancher gewünscht.

Mit großem Podium hatte sich die Stadt den seit Wochen klagenden Bürgern gestellt: Neben Bürgermeister Heiko Müller und den betroffenen Amtsleitern waren auch die Spitzen des Wasser- und Bodenverbandes (WBV), des Kreisumweltamtes und des Wasserverbandes dabei. Weit kamen sie mit ihren einführenden Worten freilich nicht. Anke Pingel vom Landesumweltamt wurde bereits nach zwei Sätzen unterbrochen, in denen sie erklären wollte, dass es immer mal wieder Jahre mit extrem viel Niederschlägen gebe. „Das wissen wir alles. Das Problem ist aber, dass die Gräben nicht mehr funktionieren“, rief ein Teilnehmer aus dem Falkenseer Ortsteil Waldheim. Andere fielen ein, und unter den Zuhörern kam Stöhnen auf, wenn das Wort Waldheim fiel. Von einer Bürgerversammlung aufgeputscht, waren die Waldheimer in Scharen gekommen und schienen wild entschlossen, ihre Probleme zum Hauptthema zu machen. Das ging eine Weile gut, dann platzte jemandem der Kragen. „Wir reden hier nicht nur über Waldheim. Waldheim ist eine Sumpfwiese, wer da baut, weiß, was ihm blüht“, rief er, und im sich nun entspannenden Wortgefecht hatte das Expertengremium erstmal Sendepause.

Kreisumweltdezernent Henning Kellner schließlich gelang es mit einer geschickten Wendung, sich Aufmerksamkeit und sogar etwas Sympathie zu verschaffen: Er räumte Versäumnisse ein. „Wir haben in den letzten 13 Jahren Gräben vernachlässigt, Flächen zu sehr verdichtet und auch Gräben aufgegeben. Es gibt keine Linderung, wenn wir nicht weitere Entwässerungsanlagen bauen und die bestehenden in einen besseren Zustand bringen“, sagte er und forderte sowohl die Unterstützung des Landes als auch die Initiative der Hauseigentümer ein. Für ein paar Minuten waren Waldheim und der Rest Falkensees wieder vereint.

Das gab sich. Schon als WBV-Geschäftsführer Horst Jorgas anhob, er habe 2116 Kilometer Gräben zu unterhalten, aber nur 26 Mitarbeiter, die jetzt schon restlos überlastet seien, schlug ihm wieder hörbarer Unmut entgegen. Dass und warum die Lage kaum zu bessern ist, wollte im „Kronprinz“ niemand hören, und Jorgas’ Zugeständnis, viele Gräben seien in katastrophalem Zustand, quittierte das Publikum nur mit Hohn. „Ihre Probleme sind uns Wurst! Tun sie etwas“ riefen ihm die Waldheimer zu, und sofort taten sich auch die Gräben im Auditorium wieder auf, die sich im Gegensatz zu denen fürs Grundwasser im Laufe des Abends stetig vertieften. Nun nahm die Debatte zuweilen skurrile Züge an: Einer forderte den Austritt aus dem Wasser- und Bodenverband, ein anderer wollte die Einführung eines Wasserwirtschaftsministeriums erzwingen und eine Frau bekannte, ein trockener Keller sei ihr wichtiger als jedweder Umweltschutz. Als sich dann zwei Herren hochroten Kopfes wechselseitig quer über den Saal zuriefen „Der Kanal ist voll!“ – „Nein, ist er nicht!“, war zumindest für Heiko Müller der Kanal voll: Er nahm seine Mitarbeiter in Schutz, die teilweise harsch und persönlich angegriffen wurden, versprach „weiterhin alles Menschenmögliche“ zu tun, um das Problem zu mildern, kündigte an, sich mit der Bahn in Verbindung zu setzen, weil der Waldheimer Manfred Eckert einen zu hoch gelegenen Durchlass an der ICE-Strecke als Ursache für die Überschwemmungen ausgemacht hatte und wischte im Übrigen die Drohung Betroffener vom Tisch, sie ließen sich die Sanierungskosten von der Stadt zurückzahlen: „Da mache ich ihnen rechtlich wenig Hoffnung.“ Dann löste er die Versammlung nach zweieinhalb Stunden auf, und alle gingen recht unbefriedigt nach Hause. Bis auf den Herren, der Flugblätter für einen Falkenseer Pumpenhändler und Abpumpservice verteilt hatte. Er lächelte.

Erschienen am 17.05.2008

Der Sommer ist eröffnet

Freizeit: Offizielle Badesaison startet / Waldbad Falkensee seit Pfingsten offen / Solaranlage heizt das Wasser

Zum Saisonstart wartet das Waldbad mit einer Solaranlage auf, die das Wasser heizt. Schon in den ersten Tagen tummelten sich Hunderte im Bad.

FALKENSEE „Na toll“, sagt Markus, und in seiner Stimme liegt alle Resignation der Welt, „das kann ja ein Spaß werden“. Genau genommen war es schon ein Spaß: Der Spaß, ohne Sonnencreme einen Ferientag im Waldbad her umgetobt zu haben. Jetzt zeigt die Haut auf Markus’ Schultern einen Farbton, um den ihn selbst die Falkenseer Feuerwehr beneiden würde, an den ersten Stellen pellt es sich bereits. Am Morgen war er noch ganz munter: „Glück gehabt, wenig Sonne, trotzdem warm – dann ist es ja kein Problem, dass ich das Zeug vergessen hab“, rief der Zwölfjährige über den Platz. Das war ein Irrtum.

Es ist zeitweise wirklich etwas kühl unter den alten Eichen und Linden im Waldbad, so dass sich die rund 40 Kinder durch Herumtoben warm halten oder ins 24 Grad warme Wasser verschwinden, um sich aufzuwärmen. Dass das vermeintlich kühle Nass wärmer als die Luft ist, verdanken die Badegäste der neuesten Errungenschaft: einer Solaranlage, die die Kraft der Sonne nutzt, um das Badewasser auf Temperatur zu bringen. Hunderte Meter Schlauch liegen dazu auf den Dächern der Wirtschaftsgebäude. Durch eine Spezialfolie hindurch heizt die Sonne das Wasser auf, eine Umwälzanlage mischt den bis zu 30 Grad warmen Vorlauf dann dem Badewasser bei.

Davon profitieren zurzeit vor allem die frühen Schwimmer, die vor der Arbeit ein paar Runden durchs Becken kraueln oder die Schulklassen, die morgens zum Schwimmunterricht antreten. Wegen der noch kühlen Nächte mussten sie zuvor in 18 bis 20 Grad kalte Fluten steigen, nun lässt sich die Müdigkeit in 22 bis 24 Grad warmem Wasser etwas sanfter vertreiben – vorausgesetzt, die Sonne schien am Vortag.

Offiziell wurde die Anlage erst gestern abgenommen, in Betrieb war sie aber schon seit Donnerstag, dem Tag, an dem in Brandenburg offiziell die Badesaison eingeläutet wurde. Die letzten Handgriffe erledigten die Installateure somit während des laufenden Betriebes, denn das Waldbad öffnete am Pfingstsonnabend seine Pforten. Es war ein fulminanter Auftakt: Wegen des sommerlichen Wetters war das Bad am verlängerten Wochenende durchweg rappelvoll. Ab Dienstag ging der Ansturm dann trotz Ferien ein wenig zurück.

Es sind fast ausschließlich Kinder, die in der Ferienwoche tagsüber das Waldbad besuchen. Als gäbe es eine unsichtbare Schranke am Eingang, die niemanden über 13 Jahren hineinlässt – es sei denn, er käme mit Kindern oder Enkeln. So übt sich dann auch eine Großmutter im stilvollen Frösteln unter den Lüstern der Kastanien, während sie der Enkelin beim Planschen zusieht. Die Jugendlichen jedenfalls kommen offenbar erst später am Tag.

„Genau genommen kommen die sogar nicht“, sagt Bademeister Matthias Kwanka. Das Alkoholverbot, der frühe Badeschluss um 20 Uhr und der Umstand, dass das Waldbad weder abgelegen noch verborgen ist, lassen die wirklich coolen Jungs und Mädchen eher auf den Nymphen- oder den Falkenhagener See ausweichen. Zum Schaden des Waldbads ist das nicht: Trotz der Horden planschender Kinder sieht es dort außerordentlich gepflegt, ja fast idyllisch aus. „Und ein sicherer Badespaß ist es auch noch“, betont Matthias Kwanka. Zumindest, solange niemand die Sonnencreme vergisst.

Erschienen am 17.05.2008

Verdienstvoll

Jan Bosschaart über das Erinnern an einen Wunderzug und Falkenseer Desinteresse

Augsburg nennt sich Mozartstadt, weil der Komponist dort zweimal Verwandte besuchte. Als das Tourismusamt auch noch vorhatte, sich Sissy-Stadt zu nennen, weil die Kaiserin einmal hindurch gefahren sein soll, rebellierten die Bürger: „Zu peinlich!“ Welchen Schuh sich eine Stadt anzieht, sagt eine Menge über sie aus.

Daher wäre es sicher überzogen, wollte Falkensee sich künftig Eisenbahnstadt oder Triebwagenmetropole nennen, nur weil mit dem „Fliegenden Hamburger“ Deutschlands erster und schnellster Dieseltriebwagen ab 1933 hindurchsauste. Zu behaupten, das Zugjubiläum sei für die Stadt völlig uninteressant, führte aber auf der anderen Seite des Gleises am Thema vorbei. Der „Fliegende Hamburger“ hat Eisenbahngeschichte geschrieben, und die lässt sich schwerlich von der Region trennen, die er dabei durchfuhr. Daher scheint das von den Spandauer Organisatoren einer Gedenktafel beklagte Desinteresse der Falkenseer in der sonst bei Zug- und Nahverkehrsfragen so aufgeregten Stadt schwer verständlich.

Die Gedenktafel ist verdienstvoll, und die Erinnerung durchaus nötig: Die meisten Jugendlichen dürften beim Thema „Fliegender Hamburger“ bislang bestenfalls an Essensschlachten im Schnellrestaurant denken.

Erschienen am 15.05.2008

Ellys Knipser

Castingshows und das Internet haben einen neuen Modeltypus geschaffen

Seit Heidi Klum im Fernsehen nach neuen Supermodels sucht, werden Modelbörsen im Internet von Mädchen überrannt. Doch statt Geld und Glamour folgt meist ein Vagabundieren zwischen verhängten Wohnzimmern und muffigen Mietstudios.

Elly hat ihren Rollkoffer dabei. Obwohl er relativ neu ist, wirkt er ziemlich abgewetzt. Die schlimmsten Stellen hat sie mit Aufklebern geflickt. Auf einem steht „Mad world – real life“. Der Koffer sieht aus, als könne er den Inhalt mehrerer begehbarer Wandschränke in sich aufnehmen. Und das tut er offenbar auch. Elly, klein, schlank und etwas überschminkt, hält die frisch gefönten schwarzen Haare mit einer Hand aus dem Gesicht, während sie große Teile des Kofferinhalts auf dem Boden des Wohnzimmers ausbreitet: neun paar Schuhe und Stiefel mit bedenklich hohen Absätzen, eine Kollektion abenteuerlich kurzer Röcke, einen Schwung knapper Oberteile, verschiedene knallenge Jeans, dazu Strümpfe, Strapse, Unterwäsche in allen Formen und Farben, zur Krönung eine Corsage aus Leder und ein Brautkleid. Damit Peter aussuchen kann.
Peter ist noch mit dem Aufbau befasst. Prüfend schiebt er einen von zwei Studioblitzern mal hierhin und mal dorthin, stellt sich dann hinter seine Kamera, sieht hindurch, macht „hmm“ und schiebt den Blitzer erneut. Peter ist ein etwas nachlässig gekleideter Mittfünfziger und kommt aus Berlin gereist, um Elly zu fotografieren. Sein Studio ist das Wohnzimmer eines Potsdamer Freundes, das Peter mit einem schwarzen Tuch über der Schrankwand und seinen Blitzern in ein improvisiertes Set verwandelt.
Gefunden und gebucht hat er Elly über ein Internet-Portal namens Fotocommunity, das Models und Fotografen zusammenbringt. Davon gibt es einige in Deutschland, seit im Internet die Communitys wie wild sprießen. Seit auch noch Heidi Klums „Supermodels“ über den Bildschirm stöckelten, werden diese Angebote förmlich überrannt – auf manchen melden sich pro Tag bis zu 80 neue hoffnungsfrohe Models an. Die Seiten heißen Model-Kartei, Aktfotocommunity, oder 123model, und sie funktionieren alle nach dem gleichen Prinzip: Anmelden, Fotos einstellen, Arbeitsbereiche eingrenzen – das Spektrum reicht von Portrait über Fashion bis Dessous, Halbakt und Akt – und abwarten. Alles Weitere regeln Angebot und Nachfrage.
An beiden mangelt es nicht. Elly, die unter verschiedenen und ständig wechselnden Pseudonymen bei allen angemeldet ist, sagt, nach dem hundersten Shooting habe sie aufgehört zu zählen. Das war nach vier Monaten im Geschäft und ist jetzt ein halbes Jahr her. Auch Peter kann nicht klagen. Er shootet ein- bis zweimal die Woche, erklärt er unwillig. Vielmehr sagt er nicht, denn das Reden darüber ist Peter unangenehm. Warum er an einem Dienstagvormittag Zeit hat? Wozu er die Fotos macht? Wieviel Erfahrung er hat? Peter winkt ab. Außerdem läuft die Zeit, wie er mit einem demonstrativen Blick auf die Uhr andeutet.
Für drei Stunden hat er Elly gebucht, „bis Dessous“, wie sie sicherheitshalber noch einmal klarstellt. Bezahlt wird bar und im Voraus, die Rechte am Bild behält Peter. Meist sieht Elly von den fertigen Fotos keines. „Manche senden mir ein, zwei davon zu, aber das ist die Ausnahme“.
Was mit den weiteren geschieht, will sie lieber gar nicht wissen. Dann schließt sich die Wohnzimmertür. „Ans Set gehören nur Knipser und Model“, hat Peter entschieden. Natürlich heißt Elly nicht Elly. Wie sie wirklich heißt, weiß im Modelkosmos niemand. Wenn Elly anruft, unterdrückt sie ihre Telefonnummer. Kontaktaufnahme ist nur über das Internet mit seiner schützenden Anonymität möglich. Außerdem behält Elly auf diese Weise die Kontrolle: Sie entscheidet, wen sie wann zurückruft. Das steht in einem gewissen Widerspruch zu ihrer Eigenwerbung im Onlineprofil und den begeisterten Fotografenkommentaren: In beiden kommt das Wort „Zeigefreude“ vor. Doch die gilt nur für Ellys Körper. „Das muss so. Das ist Schutz“, sagt sie, als wäre es ein Befehl und schneidet mit einer ruckhaften Geste jede in der Luft liegende Nachfrage ab.
Adrian ist sauer. Mehr als drei Stunden hat der Eineinhalbjährige seine Mutter entbehren müssen, nun thront er auf seinem Kinderstuhl im Café und buhlt um ihre Aufmerksamkeit, indem er nachdrücklich versucht, seinen Obstsalat mit dem Löffel in die Tischplatte einzuarbeiten. Zudem wirft er Servietten, Schnuller, Brotstücke und alle Gegenstände, derer er noch habhaft werden kann, mit Entschlossenheit hinter sich und schaut dann erwartungsvoll in die Runde.
„Ist manchmal nicht einfach mit Job und Kindern“, kommentiert Elly und schlürft ihren Milchcafé. Der Rollkoffer steht hinter ihrem Sitz. Adrians älterer Bruder Fabian ist derweil noch beim Babysitter, denn Elly hat heute noch ein Shooting. Adrian wird gleich „vom neuen Papa geholt“, der erst seit drei Monaten der neue Papa ist, sich aber „rührend um die Kleinen“ kümmert, wie sie betont. „Es macht den Job leichter“, sagt sie. Es ist das zweite Mal, dass der Begriff „Job“ fällt, und Elly spricht die Anführungszeichen immer mit.
Eigentlich ist sie ja noch im Mutterschutz, eigentlich müsste sie sich ja längst bewerben. Aber auf ihren alten Job als Kellnerin hat sie keine Lust – Schichtarbeit, abends nie da, schlechte Bezahlung, kaum Zeit für die Kinder – da sind ihr ihre Knipser lieber. Während sie erzählt, vertilgt Elly eine riesige Frühstücksplatte, obschon es längst Mittag ist. Am Morgen sei dafür keine Zeit geblieben, und überhaupt gehe sie lieber mit leerem, flachem Bauch zum Shooting.
Elly redet sich in Fahrt. Überhaupt sei das Gewicht bei Community-Models nicht so wichtig wie bei den Hungerhaken im Fernsehen. Im Gegenteil, ihre weiblichen Formen machten sie bei den Knipsern erst recht beliebt. Mit nur 1,62 Meter und viel Oberweite hätte sie bei den Agenturen ja ohnehin keine Chance. Zweimal hat sie es versucht, durch ihre Shootings ermutigt. Die haben sich nicht mal die Mühe gemacht abzusagen. Nein, da bleibt sie lieber bei ihren Knipsern.
Knipsern? Elly kichert. „So nennen wir Models die Fotografen aus dem Internet.“ Es gibt feine Differenzierungen: „Schrankwand-Knipser“ – solche ohne eigenes Studio, die vor dem Wohnzimmerschrank zu Hause belichten -, „Spannerknipser“, die keinen Film oder keine Karte in der Kamera haben, sondern nur die Zeit mit dem Model buchen, und schließlich die „Semis“, Hobbyfotografen mit Ambitionen und Erfahrung, deren Bilder vorzeigbar sind. Elly hat aber keine Präferenzen. „Wer zahlt, gewinnt“, sagt sie und schaut dabei so abgeklärt, als habe sie „das Business“, wie sie es nennt, erfunden.
Was nur begeistert sie an diesem Vagabundieren zwischen Wohnzimmern und muffigen Mietstudios? „Das da“, sagt sie und zeigt auf den Koffer hinter sich, „ist das wirkliche Leben. In andere Rollen schlüpfen, mal Zeit für mich haben, im Mittelpunkt stehen, und dafür auch noch Geld bekommen“. Doch welches Leben sind dann Adrian und Fabian, der neue Papa und der Kellnerjob? Elly überlegt. „Na ja, das ist halt ,dieses Leben’“, antwortet sie und verschränkt die Hände vor der Brust. Es klingt ein wenig, als wäre es nur der Vorhof zu etwas Größerem. Dann sagt sie nichts mehr. Ihre Laune ist spürbar gesunken.
Fast hätte sie beim Gehen den Rollkoffer vergessen, so unangenehm muss das Sprechen über „dieses Leben“ gewesen sein. Doch sobald Adrian im Buggy sitzt, fällt er ihr der Koffer wieder ein. Ein Ruck am Griff, dann geht sie los, schiebt das Kind vorneweg. Das wirkliche Leben zieht sie rumpelnd hinter sich her.

Infoxbox: DER HOBBYMODEL-MARKT IN DEUTSCHLAND

13 500 Models und 9 500 Fotografen haben sich beim Branchenprimus „Model-Kartei“ angemeldet. Das Durchschnittsalter der Frauen beträgt 19 Jahre.
In der „Model-Kartei“ sind etwa sieben Prozent der Teilnehmer jünger als 18 Jahre, 44 Prozent zwischen 18 und 25 Jahren und 24 Prozent zwischen 26 und 35 Jahre alt.
Seriöse Schätzungen gehen von 25 000 bis 30 000Hobbymodels in Deutschland aus.
Mehr als vier Fünftel davon präsentieren sich ausschließlich in der weitgehenden Anonymität des Internets und werden auch dort gebucht.
Üblicherweise gewähren neue Gesichter in diesen Foren zwei bis drei kostenlose Foto shootings, um an vorzeigbares Bildmaterial zu gelangen, mit dem sie dann für bezahlte Shootings werben.
Der Stundenverdienst liegt zwischen zirka zehn Euro für Portraitaufnahmen zwischen 20 bis 30 Euro für (bekleidete) Ganzkörperaufnahmen und bis zu 50 Euro für Aktbilder.
Die meisten Models benutzen diese Fotoshootings als teilweise lukrativen Nebenverdienst neben Schule, Studium oder Job.
Die Durchlässigkeit zu den Berufsmodels ist gering: Bislang ist kein Internet-Model in den Kreis der bekannten Schönheiten aufgestiegen. Die werden nach wie vor von Talentsuchern aufgespürt, unter Vertrag genommen und gezielt gefördert.
In den großen Agenturen gelten die Internet-Models hingegen eher als Schmuddelkinder – nicht zuletzt wegen der häufig publizierten Aktaufnahmen, die in der Branche als anrüchig gelten.
Der Heidi-Faktor: Laut Model-Kartei-Betreiber Hendrik Siemens melden sich während der Ausstrahlung von Heidi Klums Modelcasting-Show mehr und vor allem jüngere Mädchen an als im Jahresmittel.

Erschienen am 15.05.2008

Kratzen am Kohlrabi

Esskunst: Karsten Kindler fertigt filigrane Wunderwerke aus gewöhnlichem Gemüse

Um eine Chrysantheme aus einem Kohlrabi zu befreien, braucht es Geschick, Konzentration und Hingabe. Doch der Aufwand lohnt, wie ein Nauener täglich beweist.

NAUEN Die chinesische Distel ist die schwerste. Ihre filigranen Strukturen bringen selbst hartgesottene, beherrschte asiatische Meister zum Fluchen. Nicht so Karsten Kindermann. Kindermann liebt seine chinesische Distel – auch wenn, so darf vermutet werden, selbst ihm nicht gleich jede gelang. Doch Kindermann ist ein Perfektionist am Messer, und je kniffliger die Aufgabe, desto konzentrierter und motivierter geht der Nauener zu Werke. Das Ergebnis bringt ihm regelmäßig viele „Ahs“ und „Ohs“ ein, und neben der Reputation des Restaurants, in dem der Koch arbeitet, hebt es auch den Pegel von Kindlers Taschengeldkasse, denn der 45-Jährige beliefert auf Wunsch auch private Feiern oder Firmen mit seiner essbaren Filigrankunst.

Die meisten und lautesten Entzückensrufe erntet Kindermann, wenn er, hochkonzentriert und etwas entrückt wirkend, auf der Grünen Woche die im Kohlrabi verborgenen Chrysanthemen oder die zartblättrigen Rosen aus dem Radieschen freilegt. Dort ist meist viel Trubel am Stand. Trubel, der den eher zurückhaltenden Kindermann fast schüchtern wirken lässt. Dann schiebt er das 32-teilige Spezialmesserset, das ein wenig an die Werkzeuge von Linolschneidern erinnert, und seine Werkstücke zwischen sich und die Welt. Karsten Kindermann tritt gern hinter seinen Werken zurück.

Wie jedes Kunstwerk, sind auch die Rettichrosen, die Ananasvasen, die Kohlrabitauben und das Zucchini-Laub von der Vergänglichkeit bedroht – nur schneller. Höchstens zwei Tage hält sich Kindlers Können, und auch das nur, wenn es feucht gehalten und kühl aufbewahrt wird. „Essen mögen sie das dann aber auch schon nicht mehr“, sagt der Nauener trocken. Deshalb fertigt er für jede Bestellung frisch am jeweiligen Tag. Lediglich an den Kürbissen kann der Besteller auch mal länger Freude haben. Aber eigentlich, sagt Kindler, ist das ja auch nicht der Sinn der Angelegenheit – die Vergänglichkeit gehört wie bei einer Eisskulptur dazu. Und echte Blumen halten schließlich auch nicht ewig.

Sein Erweckungserlebnis hatte Karsten Kindler vor zehn Jahren auf einer Lebensmittelmesse, wo der mehrfache Weltmeister Xiang Wang für sein Gemüseschnitz-Messerset warb. Schwer beeindruckt, versuchte Kindler zu Hause auf eigene Faust das nachzumachen. „Kann man vergessen“, lautete sein Fazit, und so importierte er sich zwei chinesische Lehrbücher, von denen er zwar kein Wort verstand, aber die Bilder studierte. So ging es schon besser, und nach mehreren Lehrgängen beim Meister – Kindler besuchte jeden Kurs, den Xiang Wang anbot – entwickelte er jene Perfektion, die selbst die asiatischen Profis mittlerweile anerkennen.

Dort, in Asien, hat das Gemüseschnitzen eine Jahrhunderte alte Tradition, es prägten sich verschiedene Stile aus. Die Chinesen etwa, erzählt Kindler, benutzen hunderte hochspezialisierter Werkzeuge, in Thailand hingegen wird nur mit dem Messer geschnitzt.

Karsten Kindler geht einen Mittelweg. In seinen Kursen, die er für Senioren oder anderweitig Interessierte anbietet, lehrt er nur jene Figuren, die auch mit dem Küchenmesser zu bewältigen sind, denn kaum jemand gibt mehrere hundert Euro für Spezialwerkzeug aus. Doch Filigranes wie seine Distel könnte er ohne Hilfsmittel nicht aus einem schnöden, runden Kohlrabi befreien.

Nach mehr als zehn Jahren Übung hat der Nauener nun so ziemlich alles geschnitzt, was die einschlägigen Bücher zeigen. Selbst Tiere sind keine echte Herausforderung mehr, weshalb Karsten Kindler vermehrt zu Eigenkreationen wie extravaganten Halloweenkürbissen oder exklusivem Gemüseschmuck für Themenbuffets übergeht.

Info: Tel. (03321) 83 58 46 oder (0177) 64 64 963

Erschienen am 10.05.2008

Der andere Wochenrückblick I

Es ist selbst für einen Sechstklässler kein Problem, die Logik hinter der Regelmäßigkeit, mit der in Schönwalde Betriebsjubiläen von der Gemeinde gewürdigt werden, in den einfachen Satz zu packen: „Ab dem 25. Jubiläum wird alle fünf Jahre gratuliert.“ Mit solchen Grundschulsätzen kommt man in der Verwaltungswelt allerdings nicht weit, weshalb es angeraten scheint zu beweisen, dass der um Worte ringende Beamte den vom Steuerzahler quersubventionierten Kurs „Unklar Formulieren für mehr Intransparenz“ nicht nur besucht, sondern auch höchst erfolgreich abgeschlossen hat. Deshalb enthält der Jubiläums-Gratulations-Beschluss Schönwaldes nun folgenden Passus, der zweifelsohne zur schönsten Verwaltungsprosa der letzten Jahre gezählt werden darf: „Gratuliert wird zum 10-jährigen Jubiläum, zum 15-jährigen Jubiläum, zum 20-jährigen Jubiläum und zu jedem Jubiläum 20+5•n (n Element von Z=1 … unendlich). Unendlich in diesem Fall ist indes nicht nur „Z“ …

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Um die Havelländer zu stilvollerem Schenken zu animieren, hat ein großer Supermarkt in Falkensee seit kurzem ein hübsches kleines Präsentregal in sein Sortiment aufgenommen. Dort finden sich so reizende Dinge wie eine in Klarsichtfolie verpackte Red-Bull-Dose, die von einem Gipsengel gekrönt wird, auch Badeöl und -schwamm in Knisterklarsicht und – quasi als die Krönung des guten Geschmacks – eine Kaffeetasse für „Café Latte“. Um den subtilen Humor dieses Geschenkes für 7,95 Euro vollends erblühen zu lassen – möglicherweise ist der Beschenkte wegen Unterkoffeinierung nicht sofort in der Lage, die ganze Spannbreite dieses Wortspiels zu erfassen –, ist unter dem Schriftzug „Café Latte“ ein, sagen wir es frei heraus, Penis abgebildet, der sich fröhlich dem Mund des Kaffeefreundes entgegenreckt und dabei verschmitzt grinst. Wohl dem, der seinen Morgen mit solch diffizilem Spaße beginnen kann. Er wird wohl bessere Tage haben als der Rest von uns. Damit auch die Abende besser werden, liegt im Innenbereich der Tasse – dort, wo der fröhliche Geselle nicht hinblicken kann – noch ein Fläschchen „Pop-Korn“. Auch hier dient das Etikett mit einem – nun ja: kopulierenden – Paar quasi als sekundärliterarische Interpretationshilfe. Falls dann der Groschen immer noch nicht gefallen ist, hilft die aufs Etikett gedruckte Unterzeile: „Hilft dem Vati auf die Mutti“. Glücklich, wer so reich beschenkt wird!

Erschienen am 10.05.2008

Einsamer Protest ohne Promille

Gedenken. Mit Wodka wollten die Linken ans Kriegsende erinnern, doch es blieb bei Zitronenlimonade

Falkensees linke Jugend lud zur 24-stündigen Mahnwache auf dem Rathausvorplatz. Wegen polizeilicher Auflagen erwies sich das als kein leichtes Unterfangen.

FALKENSEE Es sollte ein Protest gegen Faschismus mit viel Promille werden: Wodka, Transparente, eine Mahnwache über Kerzen, um an das Kriegsende am 8. Mai 1945 und die Bücherverbrennung in Falkensee am 5. Mai 1933 zu erinnern. Kurz nach 15 Uhr am Freitag brennen aber nicht mal die Kerzen: Der Wind bläst sie immer wieder aus. Sebastian, Luise und ein dritter Mitstreiter von den Falkenseer „Socialists“ – Nachnamen werden hier ungern verraten – haben auf dem Rathausplatz am Denkmal der Opfer des Faschismus Position bezogen. Von weiteren Mitstreitern keine Spur, und statt der Wodkaflaschen kreisen Cola und Zitronenlimonade. „Auflage“ sagte Sebastian als Organisator schulterzuckend, die Versammlungsbehörde beim Landkreis hat Alkohol und Transparente verboten, auch das Campen auf dem Platz wurde nicht gestattet. Das verspricht eine kühle Nacht zu werden, und als es auch noch zu regnen beginnt, schrumpft das Häuflein kurzfristig auf zwei zusammen, die sich unter einem Schirm zusammendrängen. „Kein Wunder“, sagt Luise, „’ne Aktion ohne Musik, Alkohol und Transparente ist halt keine Aktion“, und Sebastian wärmt sich an der Erinnerung an letztes Jahr, als sie die Baracke des ehemaligen KZ-Außenlagers im Geschichtspark verhüllten. Ein dritter wendet ein, dass auch die Erinnerung an die Bücherverbrennung unter der Friedenseiche, deren Datum die Socialists recherchiert haben, ohne entsprechendes Schild „’bisschen schräg“ sei – „wie ein Museum ohne Erklärungstafeln“. Doch Auflage ist Auflage, Ordnungsstrafen mag hier niemand bezahlen, die linke Jugend protestiert und mahnt zur Not auch lautlos, frierend und mit Zitronenlimonade. Krawall überlässt man der Antifa, die allerdings, wie jemand einwirft, in Falkensee „eher ein Problem mit Alkohol als mit Nazis“ habe – der Mangel an Gegnern und Reibung schröpft offenbar nicht nur die Socialists. Die philosophieren derweil darüber, dass es in Falkensee eine gut organisierte Gegenöffentlichkeit gibt und Rechte daher kaum einen Fuß auf den Boden bekommen. Mit dem Himmel klart sich derweil auch die Stimmung im Protesttrio auf: Per Telefon melden drei Mitstreiter ihr Eintreffen an, und für 20 Uhr haben sich „Genossen von der Linken“ angemeldet.

Dann will Sebastian eine kurze Rede halten und etwas auf der Akustikgitarre spielen – trotz Musikverbots. Alles lässt er sich halt auch nicht verbieten. 24 Stunden, bis heute um 15 Uhr, soll die Mahnwache andauern. Die drei sind entschlossen, auszuharren. Mittlerweile brennen sogar die Kerzen. „Seht ihr, wird doch keine kalte Nacht“, ermuntert sich Luise und zieht den Kragen höher.

Erschienen am 03.05.2008


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