Engagement als Feigenblatt

Es ist ein von der Geschichte hundertfach widerlegter Irrtum, zu glauben, mit Gewalt ließe sich etwas zum Besseren wenden. Ein Irrtum, der unausrottbar ist. Rostock hat das erneut bewiesen: Einige Hundert autonome Steinewerfer genügten, den Protest tausender friedlicher Globalisierungsskeptiker zu diskreditieren.
Daran sind die Attac, Hedonistische Linke und wer sonst noch mittat beim Gipfelsoli, durchaus mitschuldig: Wer sich nicht deutlich vom gewaltsamen Protest distanziert, wer ein waberndes „Im Prinzip nicht, aber mal sehen, wie sich die Lage entwickelt“ propagiert, darf am Ende des Tages nicht klagen, wenn er sich von der öffentlichen Meinung in den Schwarzen Block, die Abordnung aggressiver Autonomer, versetzt sieht. Selbstverständlich gibt es zwischen beiden Gruppen große Unterschiede – aber eine überzeugende Erklärung, warum der Verzicht auf Gewalt die eigene Schlagkraft schmälert, war bislang nicht zu vernehmen.
Attac hat es ja versucht. Es wurde ein Bumerang. Als sich Peter Wahl vom Attac-Koordinierungsrat im März öffentlich von Gewalt beim G8-Gipfel distanzierte, distanzierte sich der Gipfel-Soli – ein Zusammenschluss verschiedenster Globalisierungsskeptiker – sofort von Attac. Es sei eine Frechheit, dass Attac sich anmaße, für alle zu sprechen, stand in der wütenden Pressemitteilung, nur, um den „eingeschlagenen Kuschelkurs“ mit der öffentlichen Meinung fortsetzen zu können.
Dabei gehört es doch zu den ewig bestrittenen Lebenslügen von Attac, dass diese prominenteste Gruppe der Globalisierungsskeptiker auch aufgrund von Gewalt zu ihrer Prominenz kam. Die Ereignisse von Genua 2001, wo bei gewaltsamen Protesten während eines G8-Gipfels ein Demonstrant getötet und hunderte verletzt wurden, platzierten Attac plötzlich an die Spitze der internationalen Bewegung. Es ist zynisch und doch dadurch nicht weniger wahr: Dass die Gruppe in den letzten Jahren Attraktivität und Mitglieder einbüßte, hat neben vielem anderen auch damit zu tun, dass es bei Protesten weniger Randale gibt.
Schaut man den gewaltbereiten Protestierern bei ihrem Tun zu, wird schnell klar, dass das vermeintliche Engagement für Afrika, die Umwelt und eine Regulierung der Finanzmärkte nur ein Vorwand ist, ein Selbstzweck, um sich an Autoritäten abzuarbeiten, um auch im reiferen Alter noch Räuber und Gendarm spielen zu dürfen – hinter dem Feigenblatt gesellschaftlichen Engagements. Nur ein paar Transparente und Buttons mit Losungen unterscheiden den Schwarzen Block bei seinen Scharmützeln mit der Polizei von Fußball-Hooligans, die sich zur Straßenschlacht treffen. Selbst renommierte Medien laufen hier regelmäßig einem Irrtum auf, wenn sie meinen, der vermeintliche Zweck solcher Proteste adle sie oder hebe sie zumindest über die tumbe Gewalt prügelnder Fußballfans hinaus.
Grundlegende Werte – und dazu gehört eine weit reichende Gewaltfreiheit – sind entweder universell oder obsolet. Es ist absurd, einen Grundwert zu verletzen, um einen anderen durchzusetzen. Wer mit Gewalt startet, kann nicht gutes vollbringen. Das gilt für die (über-)reagierende Staatsmacht ebenso.

(unveröffentlicht)

Zum Spielball degradiert

Wozu brauchen die USA einen Raketenabwehrschild in Europa? Zum Schutz vor Angriffen aus Schurkenstaaten, sagt die US-Regierung. Doch wer soll hier eigentlich geschützt werden? Hat Europa nach diesem Schutz gerufen? Umfragen zufolge sind selbst zwei Drittel der Polen und fast drei Viertel der Tschechen gegen die Stationierung amerikanischer Abfangraketen und Radarstationen in ihrem Land. Und: Die Bedrohung bleibt – zunächst und mindestens auf zehn Jahre hinaus – abstrakt. Iran und Nordkorea sind weit davon entfernt, mit ihren Raketen bis auf mittel- oder westeuropäisches Territorium vorzudringen. Wissenschaftler zweifeln, ob das je möglich wird. Ähnliche Bedenken gelten für den US-Abwehrschild, der vor turmhohen technischen Schwierigkeiten steht.
Doch auch Putins „ernsthafte Bedrohung Russlands“ ist nur konstruiert. Zehn Abfangraketen taugen nicht für einen Angriff, und sie würden angesichts tausender russischer Atomwaffen die militärische Schlagkraft des Landes nicht nennenswert schwächen.
So entsteht der Eindruck, Bushs vorgebliche Sorge um die europäischen Verbündeten und Putins überzogene Kalter-Kriegs-Rhetorik dienen nur den beiden Supermächten: der einzig verbliebenen und der gerade mit aller Macht wieder aufstrebenden. Europa verkommt dabei zum Spielball der Interessen, und erschreckend brav, fast schon reflexartig, lässt es sich für einen Schutz instrumentalisieren, dessen es möglicherweise gar nicht bedarf. Jene Politiker, die für Europa eine gewichtigere Rolle in der Weltpolitik anstreben, können von Bush und Putin noch eine Menge lernen.

(Veröffentlicht am 12. Juni 2007)

Pilchereske Ausmaße

Zwölf Minuten. So lange dauert es, bis der Zuschauer weiß, wohin die Reise geht. In dem Moment, wo sich Jenny, scheinbar im Übermut, auf dem Rasen an die Brust des väterlichen Freundes Lothar wirft und ihr Dekolleté noch einen Moment nachwogt, ist klar, was kommen wird.
Doch der Reihe nach: Lothar (Udo Wachtveitl), Fotograf für Whirlpoolprospekte, und Flugkapitän Milan (Miroslav Nemec), sind Freunde seit immer, aber nur die Copiloten ihres Lebens. Milan hat den Tod seiner Frau nicht verwunden und widersteht jedem Verkupplungsversuch durch offensiven Einsatz des Familienfotoalbums.
Lothar hingegen sieht sich eher als Künstler und befindet sich zudem im ehelich verordneten Zeugungsstress: Gattin Amelie hat sich für die späte Mutterschaft entschieden und einen strammen Fahrplan errichtet, der an den fruchtbaren Tagen dem immer gleichen Ritual aus Marvin Gayes „Sexual Healing“ und untergeschobenem Kissen folgt. Die Konflikte brechen durch, als Milans Tochter Jenny vom Studium zurückkehrt und eine Romanze mit Lothar beginnt. Das führt in Beziehungs- und Gefühlswirren pilcheresken Ausmaßes, die nur treue Zuschauer des großen ZDF-Sonntagsfilms nicht mehr schrecken kann.
Die Charaktere wirken, als seien sie aus dem Kulissenfundus einer Inga-Lindström-Verfilmung direkt auf die Startbahn der Copiloten geschoben: etwa der makellose Brian, Brite mit obligatem Akzent, der den hochwertigen Pullover stets adrett über die Schultern gelegt trägt oder die hyperkritische Journalistin, die nur darauf wartet, den späten Fotokünstler Lothar in Grund und Boden zu schreiben. Da ist es folgerichtig, dass auch Friederike Kempter die Rolle der Jenny mit einer jedes Klischee erfüllenden Jugendlichkeit gibt, Ältere-Herren-Erotik inklusive.
Was bleibt, sind Fledermaus-Füttern im Sonnenuntergang und beziehungsrelevante Gespräche an der Isar. Dass der Film dennoch keine 90-minütige Bruchlandung bietet, liegt allein am „Tatort“-Duo Nemec und Wachtveitl, die dank ihrer Präsenz dafür sorgen, dass er zumindest eine gewisse Höhe gewinnt.

Gegen die seichte Story kommen sie aber nicht an, und spätestens das ebenso vorhersehbare wie überzuckerte Happy-End dieses telegenen Flachseglers macht ihre Mühen zunichte. Warum sie sich in diese Tiefen schwingen mussten und was den Kultursender Arte bewog, dabei zu kooperieren, bleiben offene Fragen an diesem Fernsehabend.

(Veröffentlicht am 10. Juli 2007)

Bye-bye, Dahme-Spreewald!

Alles ein großer Irrtum – ein Resümee nach 42 Tagen und 850 Kilometern

Mithin die charmanteste Eigenschaft von Vorurteilen ist deren Beständigkeit. Für einen Lokalschreiber aus dem Norden Brandenburgs, der für zwei Monate in den Süden verschickt wurde, schien die Sache klar: LDS ist im Grunde wie OHV, nur, dass es unterhalb Berlins liegt und landschaftlich nicht so viel zu bieten hat. 42 Arbeitstage, 850 gefahrene Kilometer zwischen Schönefeld und Lübben, Klein Wasserburg und Groß Köris und verbürgte 6,25 Liter koffeinhaltiger Getränke später bleibt nur ein Resümee: Irrtum! Zunächst einmal ist der prosperierende Süden trotz explodierter Orte im Speckgürtel landschaftlich viel schöner, als wir Nordbrandenburger überheblicherweise glauben. Gut, der strahlende Frühling machte alles noch schöner, aber dennoch: LDS ist schön, auch nördlich vom Spreewald. Zweiter Punkt: Sie haben vermutlich keine Ahnung, wie gut Sie es mit dem Dahme-Kurier haben! Glauben Sie mir, eine Lokalredaktion, die mit so viel Kreativität und – doch, ja: – Freude ihre Arbeit tut, ist selten. Allein die Zahl der Rubriken und Serien – diese hier eingeschlossen – übersteigt den Einfallsreichtum der meisten anderen Lokalzeitungen um ein Vielfaches. Und dann die Kontinuität: Seit vielen Jahren ist der Redaktionsstab nahezu unverändert – von der daraus resultierenden Vertrautheit mit der Region und dem Vertrauen der Akteure profitieren Leser wie Zeitung gleichermaßen. (Ich darf das ohne Verdacht der Lobhudelei sagen, ich habe mein Zeugnis bereits…)

Drittens, und das ist vielleicht das Wichtigste: LDS verströmt einen Optimismus, den man im strukturschwachen Norden vergeblich sucht. Sicher, der Südkreis könnte besser aufgestellt sein, aber Teltow-Vermögen, Flughafen und Speckgürtel machten nicht nur Straßen und Sanierungen möglich, sondern verhinderten eine Resignation, die vielleicht die schwerste Bürde des Nordens ist. Warum Sie sich jetzt anhören müssen, wie jemand Ihnen Ihren Kreis erklärt, der erst vor zwei Monaten kam und nun – der Volontärsrotation ist’s geschuldet – schon wieder weg ist? Weil manchmal erst die Außenperspektive hilft, zu sehen, was man längst für selbstverständlich hält. Ich jedenfalls werde LDS vermissen, das Herumirren zwischen Friedersdorf und Heidesee (wo liegt das?), die Verwirrung um Kiekebusch (gehört zu Waltersdorf, das Teil von Schönefeld ist), die Suche nach Rosa Luxemburg (ein Gag für regelmäßige Plauderei-Leser) und die Seen zwischen Wolzig und Märkisch Buchholz. Bye- bye, LDS, vielen Dank! Und verpetzt mich nicht im Norden!

Erschienen am 09.06.2007

Nachwuchs im Simulator-Park

Lufthansa Training mit neuer Boeing 737 / Nachfrage in der Pilotenausbildung ungebrochen

SCHÖNEFELD War ja klar, dass es so kommen musste. Wenn ein Schreiber sich als Flieger versucht, ist die Bruchlandung programmiert. Wir setzen hart auf in Hong Kong. Zu hart. Die Boeing 737 bockt und springt wieder von der Landebahn hoch, bekommt eine bedrohliche Schieflage und schlägt dann schräg und mit der Nase voran auf den Asphalt. Das Bild friert ein. „Game Over“ sagt der Flugtrainer trocken, und die Häme ist unüberhörbar. „Maybe you shouldn’t consider becoming a pilot“ setzt er hinterher, in dem für Franko-Kanadier typisch französisch klingendem Englisch. Die Eleganz dieser Aussage ist unübersetzbar. De facto heißt es: Trottel!

Es ist der achte Flugsimulator in den Hallen der Lufthansa Flight Training (LFT) in Schönefeld, der an diesem Tag in Betrieb genommen wird. Und der erste der Firma Mechtronix aus dem kanadischen Quebec. „Wir haben uns für das Gerät entschieden, weil uns die Qualität, Zuverlässigkeit und der attraktive Preis überzeugt haben“, sagt LFT-Chef Florian Hamm zur Einweihung. Die geringeren Kosten könnten direkt an die Kunden, die ihre Ausbildungsstunden auf dem Gerät buchen, weitergegeben werden, fügt er an. Angesichts ungebrochen großer Nachfrage an Piloten und Pilotenausbildung ein Argument, das die Kundschaft gern hört. Der Trend zum Billigflieger mag den Bedarf erhöht haben, doch Easyjet, Germanwings & Co. haben auch die Kosten schärfer im Blick. Hauptkunde auf dem Mechtronix-Gerät wird die Tui Fly sein, die Fluggesellschaft des großen Touristik-Konzerns. „Wir benutzen das Gerät schon jeden Tag und sind sehr zufrieden“, verrät Joachim Kramer, Leiter der Piloten-Ausbildung bei der Tui Fly. Man habe lange mit sich gerungen, selbst einen Simulator anzuschaffen und schließlich entschieden, das lieber in den bewährten Händen der LFT zu belassen. „Unsere Kompetenz besteht darin, von A nach B zu fliegen. Das Training überlassen wir lieber den Profis“, so Kramer.

Da der Verkauf eines Simulators selbst für ein Unternehmen wie Mechtronix ein großes Ereignis ist, ist fast der gesamte Führungsstab nach Schönefeld gekommen. Geschäftsführer Xavier Herve übergibt ein zusätzliches Ausstattungsmerkmal des Simulators an Hamm und Kramer: Das integrierte Pain-Relief-System (Schmerz-Minderungs-System) in Form von zwei Flaschen Champagner.

„Es wäre ein Traum, mal für Euch zu arbeiten“, bekennt Florian Hamm im Gegenzug, der vor dem Kauf die Firma in der kanadischen Provinz Quebec besucht hatte. Betriebsklima und Führungsstil hätten ihn nachhaltig beeindruckt. Angesichts des Durchschnittsalters von 18 bis 23 Jahren unter den jungen Ingenieuren werde es aber wohl ein Traum bleiben.

Nach so vielen freundlichen Worten dürfen die Besucher der Einweihung selbst im Cockpit Platz nehmen und für 15 Minuten durch die Welt jetten – auf Wunsch auch selbst am Steuerknüppel. Nun scheiden sich die Luftfahrtprofis von den Presseleuten, die sehr schmerzhaft erfahren müssen, dass das Wort Schmierfink auf der ersten Silbe betont wird und mit Fliegen wenig zu tun hat. Selbst der Kollege, der in seiner Freizeit mit dem Segelflugzeug nach Höherem strebt, ist vom originalgetreuen Cockpit der 737 hoffnungslos überfordert. So sehr, dass er vor Aufregung auf der Startbahn mit dem Steuer zu lenken versucht, statt mit den Ruderpedalen. Los geht’s in Tegel, die Nase zeigt nach Osten, das Wetter ist im Wortsinn blendend. Der Start ist noch relativ einfach: Bremsen lösen, Gas geben, die Spur halten und im richtigen Moment hochziehen. Der Kollege ist dennoch in Schweiß gebadet. „Warm hier!“ sagt er. Ja, klar. Einmal in der Luft, entspannt er sich, ein Zustand, der dem kanadischen Trainer gar nicht behagt. Er lässt es nun richtig krachen: Dunkelheit, Nebel, Schneetreiben, drei entgegenkommende Maschinen – der arme Hobbyflieger ist voll beschäftigt. Erst der Anblick des Hongkonger Flughafens, traumhaft beleuchtet, entspannt ihn wieder. Es wird nicht lange anhalten. Die sechs Hydrauliksäulen, die das Cockpit in jede erdenkliche Richtung neigen können, bewegen sich nicht immer so butterweich. Sie können auch anders: Etwa, wenn die Nase des Riesenvogels mit einem gewaltigen Rumms auf die Landebahn kracht.

Erschienen am 08.06.2007

Ungehobelte Essensgäste

Wildschweine verwüsten Grundstücke / Rund zehn Vorgärten auf der Speiseliste

PRIEROS Es sieht nicht gut aus in Margot Ziebolds Garten, man muss das so direkt sagen. Er ist eher ein Sauhaufen. Der Steingarten ist über das Grundstück verteilt, die Kartoffeln aus dem Acker sind es auch, die Tulpenzwiebeln – was davon übrig ist – liegen über der Erde, und selbst der Kompost ist überall – nur nicht auf dem Haufen. Eine echte Schweinerei.

„Das Schlimmste ist aber, dass ich mich abends kaum noch raustraue“, sagt Margot Ziebold. Den Garten könne sie ja wieder richten, doch die Angst, die störe sie schon gewaltig. Schließlich haben die Verursacher des Schlamassels, eine Rotte Wildschweine, die nun schon zum dritten Mal im Zieboldschen Vorgarten ein unfeines Picknick feierte, gerade Frischlinge. Und mit Bachen ist dann nicht zu spaßen.

Das Ehepaar ist nicht das einzige, das unter dem ungebetenen Wühlkommando leidet. Etwa zehn Gärten in Ziebolds Viertel sind auf dem Speiseplan der Wildschweine verzeichnet, und auch im Neubaugebiet am Ahornweg wurden welche gesichtet. Ziebolds aber trifft es besonders hart: Sie wohnen direkt am Waldrand, so dass der Hunger noch am größten ist, wenn die Rotte ihren Garten stürmt. Bei den Nachbarn sind die ungehobelten Essensgäste schon wählerischer, das Ausmaß der Zerstörung daher geringer.

Es gibt wenig, was getan werden kann. Jagdpächter Horst Sauer habe darauf verwiesen, dass er im Wohngebiet nicht schießen darf, sagt Margot Ziebold. Er riet zu einem übelriechenden Mittel, das an den Zaun gehängt wird und die Schweine vertreiben soll. Seither müssen Ziebolds allerdings bei geschlossenem Fenster schlafen. Und die Nachbarn grüßen nicht mehr so freundlich wie früher.

Erschienen am 05.06.2007

Kienberg entsteht neu

Kleiner Ort weicht dem Flughafen / Baustart für die Umsiedlung

ROTBERG Der siebenjährige Timm steht mitten im Roggenfeld und grübelt angestrengt. „Wenn wir hier wohnen, wohnt die Celina dann dahinten?“ fragt er und streckt seine Hand über den frisch gemähten Weg.

Es ist eben alles noch etwas schwer vorstellbar an diesem Freitagmorgen im Getreide. Doch schon in vier Wochen, wenn der Roggen geerntet ist, rollen hier die Bagger an und erschließen das künftige Wohngebiet Rotberg-Süd. Bereits im Herbst können die ersten zu bauen beginnen, und mit dem Frühling ziehen die schnellsten Kienberger in ihre neuen Häuser ein.

Es ist kein gewöhnlicher erster Spatenstich, den Schönefelds Bürgermeister Udo Haase da absolviert, sondern ein europaweit einmaliges Projekt. Weil die kleine Gemeinde Waltersdorf-Kienberg mit dem Ausbau des Flughafens im kombinierten Lärm von Flugzeugen, Bahn und Autobahn zu versinken drohte, tauschten die meisten Einwohner ihre Grundstücke gegen eine exakt gleich große Parzelle in Rotberg-Süd. Dort entsteht Kienberg nahezu identisch neu: Die sechs Ortsstraßen heißen genau wie in Kienberg, sie sind gleich lang und im gleichen Winkel angeordnet. Und jeder bekommt sein „altes“ Grundstück zurück. Damit die rund 30 Familien, die zum Spatenstich gekommen sind, schon eine erste Vorstellung davon haben, wurden die Straßen kurzerhand aus dem Roggen herausgemäht. Da auch provisorische Schilder angebracht sind, findet Timm sein neues, altes Grundstück schnell.

Weil jedoch ein Grundstück noch kein Haus ist, mussten die Kienberger zusätzlich entschädigt werden. Dank des Engagements der Interessengemeinschaft (IG) um Andrea Jacker und Veronika Protz gelang es, die Lärmverursacher Bahn AG, Flughafen und Autobahnamt dazu zu bewegen, alle Entschädigungsgelder in einen Topf zu tun, aus dem sich die Umsiedler nun bedienen können.

Udo Haase sagte, er sei froh und stolz über das einzigartige Projekt, und lobte die IG sowie Ortsbürgermeisterin Renate Pillat und Stellvertreter Olaf Damm für ihr unermüdliches Engagement. Und Peter Kolb, Geschäftsführer der für die Erschließung zuständigen Projekta EG, lobt die „wunderschöne Lage“ des neuen Wohngebiets. Er versprach eine schnelle Erschließung. Auf dass Timm ab Frühjahr nicht lange knobeln muss, wenn er zu Celina möchte.

Erschienen am 02.06.2007

Wo Umziehen noch lohnt

Ein Traum von einer Party: Eine Stadt feiert ihren 33 333. Einwohner

KÖNIGS WUSTERHAUSEN Es war die größte Party seines jungen Lebens: Zum 6. Geburtstag zählte Arne Jach nicht weniger als 21 Gäste. Mit ihnen lieferte er sich zunächst wilde Verfolgungsjagden in schneidigen Sportwagen, wechselte danach aufs Grün zu einer gepflegten Partie Golf und bat hernach zum Italiener, um ausgiebig zu Schlemmen. Es versteht sich, dass der Transfer zur Party und zurück in die Kita sowie Getränke nach Herzenslust inbegriffen waren. Und das Schönste daran: Arne ließ sich die kostspielige Party, die die Mädels nachhaltig beeindruckte, von der Stadt bezahlen. Damit nicht genug, musste auch Bürgermeister Stefan Ludwig nebst Pressesprecher antreten, ihm seine Aufwartung zu machen. Huldvoll nahm der Jubilar das Geschenk aus den Händen des Stadtvaters entgegen, dem er daraufhin großzügig gestattete, im Flitzer Platz zu nehmen, um sich fürs Erinnerungsfoto ablichten zu lassen.

Ganz schön unverschämt, könnte man meinen, doch der Fall liegt anders: Als Arne am 2. Februar mit seinen Eltern aus Zeuthen nach Königs Wusterhausen zog, vermerkte der Computer im Einwohnermeldeamt, er sei der 33 333. Einwohner der Stadt, und diese Schnapszahl wollte der Bürgermeister nicht ungefeiert verstreichen lassen. Angesichts des zarten Alters des zu Ehrenden schied Schnaps allerdings aus, und daher entschied Stefan Ludwig auf „Party im Kiebitzpark“, die wegen des Wetters auf den Arnes gestrigen 6. Geburtstag verschoben wurde.

Er habe vor Aufregung kaum geschlafen, erzählte Mutter Diana, die dem Trubel aus 22 Kindern und zwei Erzieherinnen am Rande beiwohnte. Selten habe sie ihren ruhigen Sohn so aufgekratzt erlebt. Den Rest des Tages ließ Familie Jach daher etwas ruhiger angehen: Zum Geburtstagsbowling am Nachmittag kam nur noch ein Freund mit. Wie Arne die Tränen der vielen Mädchen getrocknet hat, deren Star er seit gestern ist, wurde nicht überliefert.

Erschienen am 15.05.2007

Zerrüttete Verhältnisse

Bis gestern war mir Rosa ziemlich egal. Bis gestern!

Bislang war mein Verhältnis zu Rosa Luxemburg von Indifferenz geprägt. Wir gingen uns aus dem Weg. Ich trug ihr nach, dass ich in der Grundschule zu ihrem Todestag jedes Jahr eine Wandzeitung gestalten musste, die zwar stets den gleichen Inhalt hatte, aber dennoch nicht jährlich wiederverwertet werden durfte – trotz des Sero-Gedankens. Als Wandzeitungsredakteur war ich dem Pionierrat assoziiert, da verbot sich solches Recycling. Rosa wiederum schien sich nicht um meine Nöte zu kümmern. Vielleicht haben ihr meine Wandzeitungen auch missfallen. Kurzum: Wir nahmen keine große Notiz voneinander. Seit gestern ist das anders. Unser Verhältnis ist zerrüttet. Rosa entzog sich mir, und das nehme ich ihr wirklich übel. Die Gemeinde Schönefeld hat den nach ihr benannten Weg verbessert und wollte das mit einem Banddurchschnitt feiern. Doch wo genau? Für jemanden, der neu in der Region ist, ist der südliche Speckgürtel mit seinen explodierten Dörfer ziemlich unübersichtlich. Also führte der erste Weg ins Internet. „Rosa-Luxemburg-Weg? Kenne ich nicht!“ sagt das Internet und fragt, ob ich statt dessen die Burgunderstraße meine. Oder ein anderes Großziethen. Nein, meine ich nicht. Also auf gut Glück hingefahren, um mich durchzufragen. „Rosa-Luxemburg-Weg? Kenne ich nicht“, sagt der alteingesessene Großziethener, den ich in der Ernst-Thälmann-Straße frage (thematisch liegt Ernst ja nahe – geografisch offenbar nicht). Ob ich vielleicht ein anderes Großziethen meine? Nein, meine ich nicht. Nach 40 Minuten Fragens und Suchens werfe ich verzweifelt das Handtuch und fahre zurück. Ein Blick auf die neueste, internet-freie Karte dort zeigt: Rosa hat sich auf die grüne Wiese verkrümelt, weit hinter die Ortsgrenzen. Bisschen viel Aufwand, um sich am Wandzeitungsredakteur zu rächen!

Erschienen am 28.04.2007

Ein halbes Leben unter Rentnern

Erich Pfeil ist der dienstälteste Bewohner im Wildauer Seniorenheim

WILDAU Wer ins Seniorenheim geht, hat oft nur noch eine sehr überschaubare Lebenszeit vor sich. Nicht unbedingt eine schlechte, aber eine überschaubare. Als Erich Pfeil am 18. April 1972 ins „Feierabendheim Dr. Georg Benjamin“ geht, ist der gleichaltrige Erich Honnecker gerade Erster Sekretär des Zentralkomitees der SED geworden. In München finden im selben Jahr Olympische Spiele statt, Willy Brandt übersteht in Bonn ein Misstrauensvotum, und in den USA erschüttert der Watergate-Skandal das Weiße Haus. Heute, 35 Jahre später, ist das alles längst Geschichte. Erich Pfeil aber wohnt immer noch in jenem Haus, das mittlerweile Seniorenheim Wildau heißt. Genau genommen ist es seit dem Umbau 1997 auch nicht mehr das gleiche Haus. Erich Pfeil bekam ein neues, größeres, schöneres Zimmer. Er ist mittlerweile 85 Jahre alt, die Gesundheit machte es nötig, dass er schon mit knapp 50 Jahren ins Feierabendheim ging, auch, weil Verwandte fehlten, die sich um ihn kümmern konnten.

Viele Schwestern, die ihn heute betreuen, haben noch gar nicht gelebt, als Pfeil ins Heim kam. Unzählige Mitarbeiter hat er kommen und gehen sehen, nur zwei oder drei waren schon dort tätig, als Erich Pfeil mit seinem abgewetzten Koffer einzog. Von den damaligen Bewohnern lebt kein einziger mehr. Mit großem Bahnhof wurde das Jubiläum gestern begangen. Für Erich Pfeil gab es ein Glas Sekt, viele gute Wünsche und freie Wahl beim Mittagessen. „Er hat sich Gänsekeule gewünscht“, sagt Heimleiterassistentin Petra Furmanek. Die Mitbewohner werden es ihm gönnen. Pfeil sei sehr beliebt, habe früher, soweit er konnte, viel mit angepackt und sei gern mit anderen an der frischen Luft, ist zu erfahren.

Große Wünsche habe er nicht mehr, verrät Erich Pfeil, der manchmal etwas Mühe hat, dem Gespräch zu folgen. Aber ans Schwarze Meer, da würde er gern mal hin. Sein Urlaubsschein liege in der Direktion schon lange vor, erklärt er mit einem Lächeln. Schwer zu sagen, ob das als Scherz gedacht ist.

Erschienen am 19.04.2007


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