Mein Beitrag zur Geburtenrate

Meine Anziehungskraft auf das weibliche Geschlecht entspricht für gewöhnlich in etwa der momentanen Beliebtheit ostukrainischer Separatisten beim Führungsstab von Malaysia Airlines. Dass sich das ein einziges Mal und ausgerechnet beim Friseur änderte, überraschte mich dann doch ein wenig. Schon beim Betreten der Filiale einer großen Kette – nennen wir sie behutsam anatolisiert „Süper Cüt“ – war der kugelrunde Mutterbauch meines „Personal Hair-Artist“ (so stands auf ihrem Schilde) unübersehbar. „Mensch Helena“, sagte ich – in dieser Kette wird jeder Kunde geduzt, ganz gleich, ob er 7 oder 77 ist, ob Hauptschüler oder Professor, und Helena hatte ihren Namen mit einem Textmarker neben dem veranschlagten Preis an den Spiegel gekritzelt, sodass ich mich berechtigt fühlte, sie so intim anzusprechen – „Helena“, sagte ich also, „Du siehst ja aus, als stünde die Geburt unmittelbar bevor.“ Nö, sagte Helena, die routiniert Gebärende, drei Wochen seien es noch, bis Lena, die lange erwartete Tochter nach zwei Jungs, die Familienplanung abschließe. Schließlich sei sie, Helena, schon 24 Jahre alt. Kinder danach ruinierten bekanntermaßen die Figur. Kaum gesagt, hielt sie im Rasieren inne und legte einen Blick auf, der ein wenig an Mesut Özil gemahnte: ihre Augen traten etwas aus den Höhlen. Auf meine bange Frage, was denn los sei – ich hatte einen fiesen Wirbel im Verdacht, an dem schon mancher Friseur scheiterte – entgegnete sie trocken: „Sch**ße, da ist gerade die Fruchtblase geplatzt“. Sprachs und verzog sich direkt ins Mitarbeiterkabuff. Sowohl die ebenfalls anwesende Azubine als auch eine weitere Kundin und ich durften keineswegs helfen, denn Helena, die Haarschaumgeborene (danke an alle Oberstudienräte, der Leserbrief ist überflüssig, wir kennen uns in griechischer Mythologie aus, aber es wäre zu schade gewesen, den Gag liegenzulassen) war sichtbar ruhiger als der Rest des Salons. In Seelenruhe rief sie erst ihren Mann zwecks Abholung und dann das Geburtshaus zwecks Einleitung des Nötigsten an. Als Erstgenannter eintraf, sie zu chauffieren, rief Helena noch: „Du hast offenbar eine anziehende Wirkung auf junge Frauen“. Dann bat sie ihre Azubine, mich zu Ende zu frisieren. „Ick bin aba erst zweete Woche“, warnte dieselbe. Seither habe ich einen etwas, nun ja: eklektizistischen Haarschnitt. Aber für den traurigen Fall, dass es das einzige bleiben sollte, was ich zur Geburtenrate in Deutschland beitragen kann, so ist das Opfer wohlgetan.

Krampnitz: Streifzug durchs Sperrgebiet

Oberbürgermeister Jann Jakobs lud zur Tour über das marode Kasernenareal — die Vermarktung hat schon begonnen

Krampnitz — Sie haben immer etwas von „Klassenfahrt mit Beigeordneten”, die Oberbürgermeisterspaziergänge — es werden nicht nur Vorhaben präsentiert, seien sie nun kurz vor dem Beginn oder kurz nach dem Abschluss, es wird sich auch mal locker gemacht. Lockerer zumindest als in Sitzungen, so locker, wie sich Verwaltung halt „locker” vorstellt. Von dieser Regel bildete auch die gestrige Tour durch die Kaserne Krampnitz keine Ausnahme.

Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) erschien mit verspiegelter Sonnenbrille, in der Baudezernent Matthias Klipp (Grüne) den Sitz seiner Frisur prüfte. Bürgermeister Burkhard Exner (SPD) kam im Bus zwischen zwei Journalistinnen zu sitzen und fühlte sich „von der vierten Gewalt in die Mangel genommen”. Der OB dozierte während der Fahrt und aus dem Radio bat Madonna flehentlich „Papa don’t preach”. Dann waren alle erstens das erste Mal durchgeschwitzt, da die Klimaanlage nur den OB kühlte und zweitens in Krampnitz angekommen.

Mittels einer Entwicklungsmaßnahme will die Stadt das 125 Hektar große Areal in ein Wohngebiet verwandeln, um dem stetigen Zustrom von Einwohnern — derzeit etwa 1500 pro Jahr — Herr zu werden. In rund 1600 Wohnungen werden 3800 Menschen ein Zuhause finden. Da die Flächen noch dem Land gehören, war auch Daniela Trochowski, Staatssekretärin im Finanzministerium, mit dabei. Die Flächen seien noch nicht an die Stadt übertragen worden, weil das Land noch im Rechtsstreit mit der TG Potsdam liege, die gern einige Filetstückchen das Areals hätte, weil sie dereinst eine Kaufoption abschloss, sagte sie (siehe Infokasten). Diese Option hat nach Auffassung des Landes aber keinen Bestand, nichtsdestotrotz klagt sich die TGP durch alle Instanzen. Der Kampf ist aussichtslos, denn selbst wenn sie gewönne, würde die Stadt sie dank der Entwicklungsmaßnahme sofort enteignen. Der Rechtsstreit dürfte schon jetzt teurer sein als die mögliche Entschädigung bei Enteignung, schätzten sowohl die Stadtbauexperten als auch das Land, aber offenbar kämpfe die TGP aus Prinzip.

Die eigentliche Tour startete dann an der Ketziner Straße, wo denkmalgeschützte Zweigeschosser stehen, die für je vier Familien erbaut wurden. Hier will die Stadt über ihren Entwicklungsträger zuerst an die Erschließung und Vermarktung gehen, denn Denkmal-Immobilien sind stark nachgefragt, weil die Restaurierungskosten von der Steuer abgesetzt werden können. „Der Andrang ist sehr groß”, sagte Bert Nicke, Geschäftsführer des zuständigen Entwicklungsträgers Potsdam (ETP), einer Stadttochter. Der ETP erschließt das Gebiet, reißt ab, baut Straßen und zieht Leitungen und verkauft dann die Flächen unter Vorgaben an Investoren — genau nach dem Vorbild des viel größeren Bornstedter Feldes. Nur die Originalbauten aus den 1930er Jahren wie Turm, Casino, Heizhaus, Stabsgebäude und Fähnrichsheim sowie T-förmige Bauten bleiben erhalten, die in den 1970er Jahren von der Sowjetarmee errichteten Plattenbauten hingegen komplett abgerissen, um neuen Angerdörfern Platz zu machen. Über viele Details wie Zuwegung, Tramtrasse, Platzierung der Angerdörfer und vieles mehr werden im Zuge der Entwicklung Wettbewerbe entscheiden. Klar ist nur, dass Anfang 2015 erste Baumaßnahmen geplant sind und die Vermarktung schon läuft.

Dass die Nachfrage trotz fünf Kilometern Entfernung zur Innenstadt so groß ist, liegt laut Nicke auch daran, dass das Areal an zwei Seen liegt und an die Döberitzer Heide grenzt. Es sei ruhig, naturnah und damit familientauglich. Seit im Mai die Kommunalaufsicht grünes Licht für die Entwicklungsmaßnahme gab, arbeiten Stadt und ETB emsig an Plänen, Wettbewerben und Vermarktung.

Nach soviel Information blühte dann wieder der Flachs: Auf dem ehemaligen Exerzierplatz stellte sich Jann Jakobs auf den Kommandostand und sein Baudezernent, ganz gegen sonstige Gewohnheit, salutierte vor ihm. Der ETP sei für die Maßnahme angetreten und kampfbereit. Lächelnd nahm Jakobs das Defilee der Zuständigen ab. Danach durften alle noch einen Blick in die teils sehr maroden historischen Gebäude werfen, um sich von der Größe der Aufgabe zu überzeugen, bevor es bei einer Tasse Kaffee — die Pressestelle wollte auch humorvoll sein und servierte „Jacobs Krönung” — wieder schwitzend zurück in die verstopfte Innenstadt ging. „Tja”, sagte ein Verantwortlicher, während die Karawane im Stau stand, „für den Verkehr gen Norden müssen wir uns wohl auch noch was einfallen lassen.” Da war es plötzlich ganz ruhig im Wagen. Selbst Madonna schwieg.

Bewegende Momente, wenn auch verfrüht

Im Prinzip ist Selbstironie ein cleveres Kommunikationswerkzeug. Der Selbstironische nimmt sich nicht zu wichtig und er ist befähigt, sein Handeln quasi von außen zu überprüfen und zu bewerten. Außerdem kann der Selbstreflektierte über seine Schwächen lachen. Selbstironie ist grundsympathisch. Schwieriger liegt der Fall, wenn unklar bleibt, ob es sich um Selbstironie oder landläufige Blödheit handelt. Das ist manchmal nämlich schwer unterscheidbar.

Reden wir aber zunächst über das Motto der Stadt für 2015, das diese Woche vorgestellt wurde und da lautet: „Potsdam bewegt”. Ein schönes Motto, zweifellos, und dazu noch hinreichend vage, um alles, was ohnehin passiert wäre, darunter zu fassen. Der Schlösserlauf etwa, der Stadtsportball sowie Film, Wissenschaft und die Auseinandersetzung mit der Geschichte hätten — ja, wir lehnen uns jetzt bewusst sehr weit aus dem Fenster, aber manchmal muss man halt was riskieren, selbst als Journalist — sowieso stattgefunden. Bevor wir uns jetzt in der ketzerischen Frage verlieren, ob eine ohnedies erfolgende Bewegung unter dem Motto „Potsdam bewegt” noch mehr bewegt, erfreuen wir uns lieber der innewohnenden Ironie: Wie der Zufall es wollte, fiel die Verkündung des Mottos in eine Zeit, in der sich in Potsdam, speziell in dessen Norden, sehr wenig bewegt. Genau genommen noch weniger, als ohnehin schon nicht, also quasi fast gar nichts — dank der hinreichend gewürdigten zehn parallelen Sommerbaustellen. Andererseits hat der resultierende Stau die Potsdamer wirklich bewegt und sogar bewogen, ordentlich Dampf abzulassen, in Foren, auf Facebook, in Leserbriefen. Wir lernen: Gerade, wenn sich nichts bewegt, bewegt das viele.

Ob es noch unter Selbstironie zu fassen ist, muss offen bleiben, aber sympathisch, reflektiert und Schwächen eingestehend war das Folgende in jedem Fall: Ältere Leser mögen sich erinnern, dass Potsdams Baudezernent 2009 auch mit dem wiederholt und laut vorgetragenen Versprechen antrat, unter seiner Herrschaft werde es ein Ende haben mit der Bevorzugung derer, die einen kennen, der einen kennt. Die Ordnungsbeigeordnete war damals schon im Amt — wenn auch noch unter einfachem Namen, sie lernte dann zwischenzeitlich jemanden kennen, der jemanden kannte und hat jetzt einen Doppelnamen — und agierte schon seinerzeit ohne Bevorzugung anderer, nur ohne darüber groß zu sprechen. Wie diese Woche offenbar wurde, bevorzugt sie aber nicht mal sich selbst, jedenfalls nicht, wenn es ums Falschparken geht: Obgleich dienstlich unterwegs und zeitlich sehr eingelastet und daher ordnungswidrig parkend, freute sie sich laut, als ihre Politessen auch ihr ein Knöllchen gönnten. Das zu hören war wahrlich bewegend — und das, obwohl wir erst das Jahr 2014 schreiben!

Nicht nur Sie, auch wir konnten sie natürlich kaum erwarten, die gewohnt hyperspannenden, hochinformativen Plakate zur Landtagswahl. Neben einigen Untoten (Wieland Niekisch, dereinst unter anderem wegen eines nicht angegebenen Beratervertrages geschasster Kreis-Chef der CDU, ringt um ein Mandat und nennt sich — Achtung, total witziges Wortspiel mit dem Landtagsgebäude! — den „Schlüssel zum Schloss”) machte vor allem die FDP Furore, der es gelang, erstmals in der Geschichte Deutschlands einen Slogan zu präsentieren, der komplett der Wahrheit entspricht: „Keine Sau braucht die FDP”. Der Applaus war noch nicht verhallt, da verklärten die Liberalen den Spruch zur Selbstironie. Jungs, ganz ehrlich: Ihr habt das Konzept irgendwie missverstanden.

In Versprechern steckt eine tiefe Wahrheit, das wusste schon der olle Freud. Deshalb ist es besonders hübsch, wenn einem Psychiater ein solcher unterläuft: Bei der Einweihung einer Tagesstätte für psychisch Kranke vergaß der Herr die Dezernentin in seiner Begrüßung — und, im Versuch, das zu glätten, bat er darum, sie möge es ihm „nicht verzeihen”. Vermutlich sind ihm die Bitte ums „Verzeihen” und jene ums „nicht Übelnehmen” sprachlich ineinandergeflossen. Selbstironisch war das zwar nicht, aber dafür ein schönes Beispiel für das Konzept der Verschlimmbesserung. Darüber schreiben wir dann ein andermal.

Es bleibt daher als Fazit: Die schönste Ironie ist noch immer die unfreiwillige. Nicht so sympathisch — aber viel lustiger.

Wär’ doch schade um ihn

Dass man unter Kollegen mal verschiedener Meinung ist, ist nicht nur normal, sondern speziell im Journalismus auch sehr gewollt. Selten wirkt eine Zeitung ausgewogen, wenn alle dem selben politischen Lager angehören oder in strittigen Fragen die selbe Meinung haben. Insofern ist ein mit konventionellen Mitteln ausgetragener Streit unter Kollegen eher qualitätsfördernd. Die Fußball-WM indes bringt uns an unsere Grenzen. Nicht, weil etwa alle patriotisch wären und nur Deutschland das Däumchen drückten — immerhin hat die MAZ selbst den Autor dieser Zeilen trotz holländischen Namens ein-, bzw. aufgestellt. Doch nun haben wir einen französischen Praktikanten, den wir sehr schätzen. Gewönne heute Abend erst Frankreich und dann Deutschland, käme es zu einem direkten Vergleich. Und da beginnt unser Problem: Könnten wir ihn noch mögen, den Guten, sollte uns die Grande Nation im Viertelfinale (gegen jede Wahrscheinlichkeit, versteht sich) bezwingen? Er säße als lebender Beweis unserer Schmach unter Geschlagenen. Und ob wir das aushalten? Einfacher wäre es daher, Frankreich verlöre gleich. Es wäre einfach zu schade um den Kollegen. Er ist wirklich, wirklich nett.

Verbissen und kannibalisiert

Kein Wortspiel gibt es vermutlich, das über die Beißattacke von Uruguays Stürmer bei der Fußball-WM gegen einen italienischen Abwehrspieler noch nicht gemacht wurde: Von „Biss ins Achtelfinale” über „Uruguay beißt sich durch” bis „Italien wurden Punkte kannibalisiert” ist alles durchgekalauert. Auf sportlicher Ebene. Auf lokaler noch nicht.

Architekten der Biosphäre klagten am Montag, der ehemalige Oberbürgermeister Platzeck hätte sich dereinst so in das Gebäude verbissen, dass er jeden verfrühstückte, der auch nur einen Abriss prüfen ließe. Platzecks Nachfolger Jakobs, der genau das gerade tut, schnappte zurück, auch ein OB Platzeck müsste, säße er noch am Tisch, mit dem Geld haushalten, damit in der Stadtkasse was zum Beißen bleibt für künftige Generationen.

Und Beißen und Küssen, das liegt manchmal nicht weit auseinander, auch außerhalb von Vampirfilmen. Wie Piranha-Schwärme versuchten die Verkehrsunternehmen Havelbus (Umland) und ViP (Stadt) in den letzten Jahren, gegenseitig ein „Bisschen” an den Routen zu knabbern — bis Potsdam sagte, man könne doch auch eine Fusion anstreben und dann gemeinsam die Ticketeinnahmen und Fördermittel verzehren, auf dass mehr für alle bliebe. Im Land wollte man diesen Vorschlag nicht ohne Weiteres schlucken, aber zwei Busfahrer haben die Melange diese Woche mal im Kleinen durchgespielt: Ein Havelbus „knutschte” einen ViP-Bus. Angesichts eines Sachschadens von 1500 Euro ist es dennoch keine Werbung für eine kostensparende Fusion.

England, Spanien, Italien und Portugal wurden auf der WM sehr herbe überrascht. Von derselben kalt erwischt zeigte sich indes der städtische Entsorgungsbetrieb. An dessen öffentlichen Glascontainern stapeln sich nämlich komischerweise seit dem 13. Juni leere Sekt-, Bier- und Alkopopflaschen. Die Kapazität genügt nicht, und der ordnungsliebende Potsdamer stellt die Behältnisse seines verflüssigten Patriotismusschubs immerhin ordnungsgemäß davor ab. „Bisher haben die Entleerungsintervalle immer völlig ausgereicht”, wunderte sich der Betrieb. Gut, ist auch schwer, zu merken, dass WM ist. Spricht ja niemand drüber, gibt keine Werbung damit und die Medien ignorieren sie auch.

Nicht unclever hat sich unser Tester diese Woche beim Klausberg-Wein begrifflich aus der Affäre gezogen: „Fruchtig” sei der Wein, „trocken” und „spritzig”. Auch ohne ihn selbst am Gaumen gehabt zu haben, darf man aufgrund der Lage des Berges und des hiesigen Klimas indes davon ausgehen, dass dies nur beschönigende Worte waren für das, was auch eine Glosse ausmacht: Er ist bissig. Also der Wein, nicht der Tester.

Eine gespaltene Stadt

Potsdam vor der Wahl: Alles wächst und gedeiht, aber die Menschen finden nicht so recht zueinander

Potsdam — Ein schöner Maitag in der Landeshauptstadt. Die Sonne scheint, der Bauminister ist da, Hunderte Kinder jubeln, kreischen, spielen, toben. Der Konrad-Wolf-Park im Stadtteil Drewitz wird eingeweiht. Einst eine vierspurige Durchfahrtsstraße zwischen DDR-Platten, in einem Stadtteil, dem drohte, abgehängt zu werden, während in der Mitte alles schön und barock wiederersteht. Doch die Stadt hat gegengesteuert, einen Bundeswettbewerb gewonnen — und damit EU-Fördermittel —, um Drewitz vor der Ghettobildung zu retten, und nach zähen Debatten um Parkplätze und Verkehrsverlagerung mit den Anwohnern einen Kompromiss erzielt. Der Park ist schon vor der Eröffnung bevölkert. Kinder klettern auf Felsen, Paare knutschen auf der Liegewiese, ältere Leute drehen ihre Runde nebst Dackel direkt vor der Haustür. Idylle pur. Eigentlich.

Doch das Einweihungskomitee aus Politikern, Baudezernent und Landesminister schafft keine Runde durch den Park, ohne kritisch angesprochen zu werden. „Na, ist das nicht schön geworden?” fragt der Minister leutselig, und jedesmal bekommt er ein „Jaja, aber . . .” zu hören. Aber da hinten fehlt noch ein Stein, aber da vorne ist es gefährlich, aber die Mutter muss vorübergehend umziehen, weil alle Platten energetisch saniert werden, ohne dass die Miete steigt. „Das ist so typisch Potsdam”, sagt Dana Stachura, Referentin im Rathaus. Sie ist neu in der Landeshauptstadt. Vorher war sie in Dresden. „In Dresden”, sagt Stachura, „wird vorher auch gemeckert, aber hinterher ist man stolz.”

Von diesem Status ist man in Potsdam weit entfernt. Obgleich sich nach der letzten Kommunalwahl sämtliche bürgerlichen Parteien — SPD, CDU, Grüne und FDP — zu einer Rathauskooperation zusammenschlossen um der Linken als stärkster Fraktion Paroli bieten zu können. Obwohl sie den Stadtschlosswiederaufbau und die berühmten Palazzi an der Alten Fahrt durchsetzen konnten, sodass am Ende einer der schönsten Plätze Europas wiedererstehen wird. Obwohl die Stadt Mäzene hat wie den SAP-Gründer Hasso Plattner (spendete mehr als 20 Millionen für Schlossfassade und Kupferdach) und den TV-Moderator Günther Jauch (spendete Millionen für das Fortunaportal und für das Kinderhilfswerk „Die Arche”), bleibt sie tief gespalten.

Die Kampflinien laufen entlang der Stadtteile. Die Innenstadt und alles rund ums Weltkulturerbe oder mit Blick aufs Wasser ist von reichen Zuzüglern in Besitz genommen worden, die Ur-Potsdamer sind in die Plattenbaugebiete verdrängt oder gleich nach Berlin gezogen. Potsdam hat Zuzug ohne Ende, um 2000 Menschen wächst die Stadt jährlich, während der Rest Brandenburgs immer dünner wird. Potsdam ist die kinderfreundlichste Stadt Deutschlands, hat die besten Taxis, das beste Parkhaus und demnächst wohl auch die besten Radwege, aber das Klagen hört nicht auf. Statt sich des Zuzugs zu erfreuen, stöhnt der Potsdamer Politiker gern über die immensen Kosten für Kitas, Schulen, Straßen, neue Wohnungen, die nun entstehen müssen. Er stöhnt über immer verstopftere Straßen und zu wenig öffentlichen Nahverkehr in den Norden.

Norden ist die einzige Richtung, in die sich die Insel Potsdam noch ausdehnen kann. Die Alternative, die sogenannte Nachverdichtung, also das Füllen von Lücken in der Kernstadt, wo schon alles erschlossen ist, kommt in absehbarer Zeit an ihre Grenzen. Der Elmshorner Immobilienkonzern Semmelhaack hat rund um den Hauptbahnhof unglaublich viele kleine Wohnungen auf unglaublich engstem Raum gestapelt, doch sie werden ihm aus den Händen gerissen. Und er baut jeden weiteren Fleck auf dem Areal zu, sodass die Potsdamer schon scherzen, es gebe neben der Nauener, Brandenburger, Templiner, Teltower und Jägervorstadt wohl bald auch eine Semmelhaack-Vorstadt. Gleichzeitig stampft das Unternehmen auch in den Nordgemeinden in den nächsten Jahren 11 00 Wohnungen aus dem Boden.

Mietwohnungen von unter zehn Euro je Quadratmeter sind kaum zu bekommen. Potsdam ist das München des Ostens geworden, und für Eigentumswohnungen sind Preise von 4000 Euro je Quadratmeter inzwischen normal — und das ohne gute Verkehrsanbindung oder Weltkulturerbenähe. Kommt die oder gar ein Wasserblick hinzu, dürfen es auch schon mal 5500 Euro für den Quadratmeter sein. Man gönnt sich ja sonst nichts — und in Potsdam ist in der Regel jede Wohnung verkauft, bevor der erste Spatenstich erfolgt ist.

Die Stadtentwicklung ist es dann auch, an der sich die Konflikte am stärksten manifestieren: Zwischen jenen, die das alte Potsdam wiedererstehen lassen wollen und jenen, die mit jedem Abriss ihre DDR-Indentität verschwinden sehen. Und so wird auch gewählt in Potsdam. Jedenfalls bisher, eine Trendumkehr zeichnet sich nicht ab. Eigentlich hätte Potsdam mit den vielen zugezogenen jungen, gutverdienenden Familien ein enormes Potenzial an Grünen-Wählern, doch die Grünen bleiben klein, weil sie fürs Pflaster und historische Bauten streiten und sich sonst für Ökologie und andere grüne Kernthemen nur am Rande interessieren. Eigentlich müsste Potsdam mit den ganzen wohlbetuchten Villenbesitzern an den Seen eine starke CDU-Fraktion zusammenbekommen, doch deren Kreisverband ist, schlimmer noch als im Land, so zerstritten, dass sie den meisten als unwählbar gilt. Also wird regelmäßig die Linke stärkste Kraft, dicht gefolgt von der SPD. Doch was auf Landesebene geht, ist in Potsdam unwahrscheinlich: Für Rot-Rot sind die Wunden, die sich beide Fraktionen in den Jahren geschlagen haben, zu tief. Da müsste schon viel geschehen, sollte sich das nach der Wahl ändern.

Wahrscheinlicher ist, dass freie Wählergruppen wie das Bürgerbündnis mit gut gefüllter Kriegskasse — dank eines Immobilienunternehmers an der Spitze — deutlich zweistellige Wahlergebnisse erzielen werden. Spannend wird dann, wie das alles zusammenpasst im Sitzungssaal des sanierungsbedürftigen Rathauses, auf den Fluren und in den Fraktionsräumen .

Eines aber ist sicher: Potsdam wird kein Dresden. Es wird nicht nur vorher gemeckert und nachher stolz gezeigt. Es wird immer gemeckert.

Falsches Aroma

Die Geschichte von Hofhunden und Briefträgern ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Man trägt sich gegenseitige Revierverletzungen und Bisswunden nach. Dabei liegt die Lösung dieses scheinbar aussichtslosen Konflikts seit einigen Tagen nahe: Es gibt, wie wir gelernt haben, am Brandenburger Tor ein Café, das neben Eis für Menschen auch Eis für Hunde anbietet. Ausweislich unserer Mitarbeiterin, die es todesmutig testete — vorsichtshalber in der Version ohne Knochensplitter — schmeckt es „süß und bananig”. Das scheint knapp an der Zielgruppe vorbeigeplant. Auch ohne Hundebesitzer zu sein (schade, schluchz), ist doch klar, dass Bello, Hasso und Wauzi die Geschmacksrichtungen Nachbars Katze, Postbote und alter Lederfußball eindeutig bevorzugen würden. Wenn Ihnen also demnächst ein Brief- bote mit einer Kühlbox auf dem Fahrrad auffällt, dann hat der vermutlich kein Getränk gegen die Sommerhitze dabei, sondern begriffen, wie er sich vor Bisswunden schützt. Daruff ein Wuff.

Sommer wird aber auch überbewertet

Das war er also, der Sommer. Also vorerst natürlich, wir wollen ja nicht wieder in Verdacht geraten, nur Schlechtes mitzuteilen, wie uns ein Leser diese Woche vorwarf. Natürlich kommt noch gaaanz viel Sommer dieses Jahr, aber notfalls können wir schon jetzt sagen: Wir hatten doch da diese eine Woche im Mai, wenn wir uns Mitte Juli in Wintermänteln auf dem Luisenplatz begegnen, und irgendwer wird dann in seiner Erinnerung kramen und sagen: Stimmt, da war was.

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Wobei das ja ohnehin alles ungerecht ist, das fängt schon bei der Sprache an: „Der Sommer kommt”, titelten wir und andere, und die Vorfreude war unüberhörbar. Der Sommer darf also kommen, wann er will, er ist stets willkommen. Der Winter hingegen bricht immer ein, jedenfalls im Journalistensprech, und das klingt stets so, als müsse jetzt doch endlich mal jemand zur Staatsanwaltschaft rennen und ihn für diesen hinterlistigen Einbruch anzeigen. Macht komischerweise aber niemand. Jedenfalls lässt sich selbst im Archiv von Deutschlands größer Nachrichtenagentur nichts finden. Und die sind normalerweise um keine Skurrilität verlegen.

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Hätte der Sommer einen Vornamen, dann lautete er vermutlich Mia, Emma oder Hanna, wie wir diese Woche erfuhren — das sind 2014 die beliebtesten Mädchennamen. Wird der Sommer richtig männlich heiß, dann Ben, Luis oder Finn. Der Winter indes, er wird wohl immer Kevin oder Justin heißen, jedenfalls einen Vornamen tragen, von dem pädagogisches Fachpersonal behauptet, das sei kein Name, sondern eine Diagnose. Fast könnte man daher Mitleid mit ihm bekommen, dem Winter, denn soziale Ausgrenzung ist ja auch alles andere als lustig, wie uns ein Professor diese Woche im Interview verriet. Respekt, da haben sich Jahre der Forschung aber mal wieder gelohnt. Da staunt selbst die Kita-Betreuerin, und auch Lehrer und Eltern wundern sich.

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Ist der Ruf aber erstmal ruiniert, dann kommt man — ein schlechtes Wortspiele sei erlaubt — auf keinen grünen Zweig mehr als Jahreszeit. Winter, da schwingt Gefahr mit: Eisglätte, Einbrechen auf Seen; Kreuzbandrisse, bloß weil Opi es auf der schwarzen Piste noch mal wissen wollte; nicht zu vergessen die Nachwirkungen von Jagertee auf Leber und Milz. Als ob der Sommer besser wäre: Hitzekollaps, Tauwetter für Dicke, von den Pollen würden wir gern schweigen, aber das ginge im redaktionellen Wettniesen unter; die frisch belaubten Äste fallen herunter und verletzten Radfahrer oder beschädigen Autos. Von den visuellen Schäden mal ganz abgesehen, denn alles über 30 Grad bringt gnadenlos ans Licht, was der Wintermantel gnädig deckte, von A wie Steißtattoo bis Z wie Orangenhaut. Modesünden sind da noch nicht mal eingerechnet. Auf einer Baustellenbesichtigung waren diese Woche 18 Männer, davon alle in modepolizeilich streng verbotenen Kurzarmhemden. Nur der Baudezernent bewies Stil und hatte, wie es der Gentleman-Guide fordert, gekrempelt.

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Dass zuviel Hitze das Gehirn erweicht, ist zwar Volksmund, aber ab einer gewissen Temperatur zumindest auch wissenschaftlich der Wahrheit nahe kommend. Den Beweis trat am Freitag ein Redner bei einem Richtfest an. Der Mann stand in der prallen Sonne — 32 Grad — und wiederholte 40 Minuten lang, wem er dankte: Den Bauarbeitern zuvörderst, denn ohne die ginge es ja nicht (Wirklich?), den Banken zunächst, denn ohne die könne man die Bauarbeiter nicht bezahlen (Tatsache!) und schließlich den Käufern, die dafür sorgten, dass man die Schulden bei der Bank wieder loswürde (Endlich erklärt’s mal einer.) Das wäre an sich ja noch „soweit, so üblich” gewesen. Doch der Mann wiederholte diesen Dank exakt vier mal, nur mit geringfügig veränderter Wortwahl, aber jedesmal etwas sächselnder, während vor ihm das Publikum und das Eis schmolz, der Champagner erste Hitzeblasen warf und die frisch gegrillten Scampi und Rinderfilets erkalteten. Da kann man nur hoffen, dass der Herr Justin oder Kevin hieß und sich mit früher sozialer Ausgrenzung herausreden kann.

Eine Lücke in Rolfs Revier

Er wäre um ein Haar PDS-Oberbürgermeister geworden, saß im Bundestag, leitete den Bauausschuss — nun geht Rolf Kutzmutz

Potsdam — Es war vor Jahren, einer jener zweiwöchentlichen Abende im Raum 405, einem flachen Konferenzraum mit dem Charme eines zu groß geratenen Baucontainers der 1960er Jahre. Die Luft war schlecht, die Stimmung schlechter. Man hatte sich mal wieder vier Stunden lang über Pflaster und Mercure gezofft, es war längst alles gesagt, nur noch nicht von jedem. Da beugte sich eine Besucherin, die erstmals dem zweifelhaften Vergnügen erlag, einer Sitzung des gefürchteten Potsdamer Bauausschusses beiwohnen zu dürfen, zu einem neben ihr sitzenden Journalisten und stellte genau zwei Fragen: „Zu welcher Partei gehört eigentlich der Vorsitzende, und wie hält er das aus?”

Dreizehn Worte, ein Ritterschlag für und eine Charakterisierung von Rolf Kutzmutz zugleich. Die erste Frage ist leicht beantwortet: Kutzmutz ist Linker, mit ganzem Herzen, wie er sagt. Die zweite Frage gibt selbst ihm Rätsel auf. „Vermutlich habe ich einfach Erfahrung und ein ausgeglichenes Naturell”, sagt er lächelnd. Das darf durchaus als Understatement gelten. Kutzmutz führte den Bauausschuss, der eigentlich nur mit paramilitärischen Mitteln zu leiten ist, über Jahre mit einer präsidialen Überparteilichkeit und Sachorientierung, die ihm nicht nur fraktionsübergreifenden Respekt sicherte, sondern dem chronisch zerstrittenen Haufen doch zuweilen sogar Ergebnisse und Beschlüsse abtrotzte.

Ob er dabei Nerven gelassen habe? „Nerven?” fragt Kutzmutz mit gequältem Lächeln, „Eher Lebensjahre.” Das will etwas heißen. Denn der 66-Jährige, der mit der Kommunalwahl endgültig aus der Politik ausscheidet, hat in seiner langen Laufbahn Ämter bekleidet, die stressiger sein könnten: So war er von 2003 bis 2005 Bundesgeschäftsführer der PDS, von 1994 bis 2002 PDS-Bundestagsabgeordneter, wirtschaftspolitischer Sprecher seiner Fraktion und in den Bundestagsausschüssen für Wirtschaft und Sport. Auch als Parlamentarischer Geschäftsführer diente der Potsdamer der PDS.

Den Rückzug aus der Politik habe er lange geplant, sagt Kutzmutz, der sich zwar aus dem aktiven Dienst verabschiedet, den „homo politicus” aber nicht aufgeben kann. Einen langen Anlauf habe er genommen, die Stadtfraktion schon vor langer Zeit informiert. Man kann zwar Kutzmutz aus der Politik entlassen, aber nicht die Politik aus Kutzmutz: „Ich habe mich nie vor etwas gedrückt, vor keiner Auseinandersetzung, auch wenn ich selbst gar keine Schuld hatte”, sagt er. Das habe am Ende viel Kraft gekostet. Hinzu kamen Gesundheitssorgen und „die Entdeckung, dass es noch mehr Dinge im Leben gibt”. — „Noch mehr Dinge” sind vor allem die bald fünf Enkel seiner drei Kinder, auf die Kutzmutz unüberhörbar stolz ist. „Mehr Dinge” sind auch der Sport, für den Kutzmutz schon immer brannte — er passte und dribbelte als einziger Linker in der fraktionsübergreifenden Bundestagsmannschaft und lieferte manchmal sogar CSU-Abgeordneten eine Steilvorlage — und das Boxen. Rolf Kutzmutz hat alles von und weiß alles über Muhammad Ali. Alle Bilder, alle Bücher, alle Videos aller Kämpfe. Sein Vater, selbst Hobbyboxer, nahm Rolf Kutzmutz häufig zum Boxen mit, weil er „nicht hart genug war”. Von 1961 bis 1966 wurde so aus dem Leichtgewicht Kutzmutz ein Boxer mit linker Führhand und rechten Haken.

Wenn Politiker sagen, sie hätten sich nie in Funktionen gedrängt, sie seien immer gebeten worden, so darf das für gewöhnlich als Teil politischer Standard-Lyrik gelten. Kutzmutz indes nimmt man es ab — obwohl die Liste seiner Ämter bis in die Bundespolitik hinauf ziemlich lang ist. Nur die Kandidatur zum Potsdamer Oberbürgermeister 1993, das räumt Kutzmutz ein, sei von ihm aktiv betrieben worden. „Das war eine Trotzreaktion”, sagt er. 1993 galten PDS-Politiker als Vertreter der ausgedienten DDR, Kutzmutz wollte zeigen, dass die PDS „keine SED im demokratischen Mäntelchen” war. Der Aufschrei, der nach seinem erfolgreichen ersten Wahlgang folgte, in dem er Amtsinhaber Horst Gramlich (SPD) weit hinter sich ließ, sorgte dafür, dass er im zweiten Wahlgang verlor. Denn dass da in einer ostdeutschen Landeshauptstadt ein PDS’ler und Ex-Stasi-IM schon mit einer Backe auf dem Oberbürgermeistersessel sitzt, hatte nicht nur die nationale Presse, sondern auch die Wähler mobilisiert. Doch durch den Erfolg im ersten Wahlgang macht Kutzmutz in seiner Partei Karriere, man rät ihm, um ein Bundestagsmandat anzutreten, was er 1994 prompt erringt und zweimal verteidigt. Dass er 2005 nicht aufgestellt und 2009 auf einen aussichtslosen Listenplatz geschoben wurde, gehört zu schmerzvollsten Momenten in Kutzmutz’ Politikerleben.

Er kämpft gegen Andrea Wicklein (SPD) 2009 um ein Direktmandat und verfehlt es nur um 200 Stimmen. Das habe ihm eine Genugtuung gegeben, aus eigener Kraft „so nah heran gekommen zu sein”, sagt er heute. Fotos zeigen, wie er Wicklein umarmt, um ihr zum Wahlsieg zu gratulieren. Da ist er wieder, der Gutmensch Kutzmutz, dem manche Genossen „mangelnde Bissigkeit” vorhielten — ein Vorwurf, mit dem der Gescholtene gut zu leben weiß. „Diskreditierung und Unter-die-Gürtellinie sind meine Sache nicht”, sagt der 66-Jährige schulterzuckend. Er habe stets versucht, im politischen Gegner den Partner zu sehen und nie unterstellt, dass der andere immer den Knüppel hinterm Rücken trage. Das hat ihm einige Beulen eingebracht, doch trotzdem hat Rolf Kutzmutz im Haifischbecken der großen Politik überlebt. Wie es ihm gelungen ist, selbst dort, im Bundestag, diesen Glauben an die gute Absicht des anderen hochzuhalten, zwischen Intrigen und Lobbyisten, das kann er selbst nicht so recht erklären. „Der Wunsch, immer gemocht zu werden” und die Technik, „immer an das Gute im anderen zu glauben”, das sind „so Stichpunkte”. Genau das fiel Kutzmutz in letzter Zeit selbst auf kommunaler Ebene zusehends schwerer. „Der Politikstil und die Politiker ändern sich stark. Selbstdarstellung und -profilierung nehmen zu. Ich erkenne oft nicht mal mehr den Versuch, den anderen zu verstehen”, sagt er. Das ist im kleinen Potsdamer Bauausschuss, der auch „Rolfs Revier” genannt wird, nicht anders als in der großen Politik.

Die Rente will Kutzmutz nun zum Schreiben nutzen. Keine Autobiografie, sondern über wichtige Begegnungen, für seine Enkel zum Nachlesen. Denn Begegnungen waren das, was für Kutzmutz den Politikerberuf, den er nie als Beruf begriff, ausmachten: mit Menschen wie Stefan Heym, Gregor Gysi und Fidel Castro, aber auch Menschen aus anderen sozialen und ideologischen Hintergründen wie dem Unternehmer Hans Wall.

Es war einer jener zweiwöchentlichen Abende im Raum 405, vor vier Tagen, die 99. und letzte Sitzung des Bauausschusses. Die Luft war schlecht, die Stimmung schlechter. Man hatte sich mal wieder vier Stunden lang gezofft, über Kleingärten und Brauhausberg, es war längst alles gesagt, nur noch nicht von jedem. Kutzmutz war wegen Krankheit entschuldigt. Da beugte sich ein langjähriges Mitglied des Ausschusses zu einem hinter ihm sitzenden Journalisten und sagte mit Leidensmiene nur einen Satz: „Er fehlt schon jetzt.”

Diskriminiert

Diskriminierung ist zweifellos böse — egal, ob Frauen, Homophile, Ausländer, Andreas Menzel oder andere Minderheiten betroffen sind. Dem abzuhelfen, wurde die politische Korrektheit erfunden, und, eng mit ihr verschwistert, die gerechte — vor allem geschlechtergerechte — Sprache. Wie mit allem Guten lässt es sich aber auch hier trefflich übertreiben. So erreichte uns diese Woche ein Schreiben einer evangelischen Einrichtung, in der von „Kindern und Kinderinnen” die Rede war. Das man jetzt schon neutrale Substantive gendert („dschändert”), war selbst uns Sprachverhunzungsgeplagten neu. Dagegen war die ebenfalls erwähnte „Christen- und Christinnenheit” fast harmlos. „Christenheit” ist ja wenigstens männlich. Also grammatisch gesehen.

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Bei aller sonstigen berechtigten Kritik an der Boulevardzeitung mit den vier großen Buchstaben — dass sie sich nicht um Diskriminierung verdient machte, kann man ihr kaum vorwerfen. Dass sie es mit der Sprache aber nicht so hat, schon. Da wurden diese Woche auf der Titelseite „Kinder zu Tode gemeuchelt”. Das hat uns dann doch ein wenig überrascht, wusste doch schon Konrad Duden, dass Meucheln für „heimtückisch ermorden” steht. Zu Tode meucheln wäre dann quasi zu Tode ermorden. Das erscheint uns seltsam überflüssig, speziell bei einer Zeitung, die an allem anderen spart — inhaltlicher Substanz, Wahrheit, Bekleidung der abgebildeten „Models” und Text. Nur mit der Größe von Fotos und Überschriften ist sie freigiebig.

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Freigiebig zeigte sich auch jener Herr in Kleinmachnow, der am Mittwoch einem Autofahrer erst sein Handy und dann noch sein Portemonnaie, seine EC-Karte und den Personalausweis gegen die Frontscheibe warf, die dabei glatt zerbarst. Grund des Wutanfalls war nach eigenen Angaben der schlechte Empfang. Das lässt drei Fragen offen: Wird der Empfang besser, wenn man das Handy mit der Autoantenne verbindet? Flog das Portemonnaie hinterher, weil der Herr sich um die Schadensregulierung bemühen wollte? Und wieso spricht der Polizeibericht von einem Unbekannten, wenn doch auch der Personalausweis gegen den Audi prallte? Bewiesen ist mal wieder nur eines: Wo Geld ist, kommt Geld hinzu. Da fährt das Opfer schon einen Audi und bekommt auch noch Handy, Geld und EC-Karte geschenkt. Na gut, und einen Riss in der Frontscheibe. Der Werfer hatte dafür offenbar einen Riss in der Schüssel. Aus unserer Sicht also: Gleichstand.

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Wohnen in Potsdam wird immer teurer, Villen und Einfamilienhäuser quasi unbezahlbar, weil nicht verfügbar, das lernten wir diese Woche aus einem Immobilienbericht. Die Überraschung hielt sich in Grenzen, derlei Botschaften ist der leidgeprüfte Potsdamer gewohnt. Dass die Wohnungsnot indes auch aufs Tierreich übergeht, kam dann doch überraschend. So wird es nicht nur in den Aquarien des Naturkundemuseums eng, wie wir diese Woche lernen durften, in Langerwisch wird jetzt Geschosswohnungsneubau für Störche betrieben, die ansonsten auch kein Appartement auf dem angespannten Mietmarkt finden. Da gab es sogar schon Gerangel um Wohnungen, Hand- beziehungsweise Schnabelgreiflichkeiten. Und in Töplitz haben Nilgänse (und Nilgänsinnen) einfach mal einen Storchenhorst besetzt. Wenn das keine Diskriminierung ist. Wo ist nur die evangelische Kirche, wenn man sie braucht?


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